|
|
Lexikon auf Ihrer Homepage |
|
Lexikon als Lesezeichen hinzufügen |
Der Begriff Sozialimperialismus wurde von dem deutschen Historiker Hans-Ulrich Wehler geprĂ€gt und bezeichnet eine Imperialismustheorie, die neben den ErklĂ€rungsversuchen Mommsens und Lenins zu den wichtigsten Theorien zĂ€hlt, die das imperialistische Streben der industriellen GroĂmĂ€chte im 19. Jahrhundert beschreiben und begrĂŒnden sollen.
Die Sozialimperialismustheorie versteht die imperialistischen Bestrebungen als ein auĂenpolitisches Konzept, mit dem von den innenpolitischen Problemen eines Staates, verursacht durch die Herrschaft einer privilegierten Minderheit ĂŒber eine benachteiligte Mehrheit, abgelenkt werden soll. Der Sozialimperialismus unterstreicht demnach den Primat der AuĂenpolitik, indem er innenpolitische Problemlösungen hinter dem auĂenpolitischen Ziel, im Wettbewerb mit anderen expandierenden Nationen seine territoriale und politische IntegritĂ€t zu bewahren, zurĂŒcktreten lĂ€sst.[1] Eine Möglichkeit fĂŒr effektive AuĂenpolitik wurde zum Beispiel darin gesehen, dass neue wirtschaftliche AbsatzmĂ€rkte in Kolonien geschaffen wurden und ĂŒber Auswanderung ein Ventil fĂŒr die im Mutterland ĂŒberschĂŒssige Bevölkerung â zwischen 1814 und 1914 verdreifachte sich die europĂ€ische Bevölkerung â geöffnet wurde, damit sie dort BeschĂ€ftigung in der SiedlungstĂ€tigkeit finde.[2] Das heiĂt, dass die innenpolitischen MissstĂ€nde kanalisiert und exportiert wurden. Dazu Ă€uĂerte sich 1858 Johann Karl Rodbertus kritisch, indem er in der Weltpolitik vor allem Wachstumspolitik sah: âJeder auswĂ€rtige Markt gleicht daher einer Vertagung der sozialen Frage.â Auch die Aussicht, dem Proletariat die Chance zu bieten, sich durch die Abgrenzung von rassisch âMinderwertigenâ aufgewertet zu fĂŒhlen und dadurch den Klassenkampf im Inneren zu mĂ€Ăigen, ist eine Komponente des Sozialimperialismus.[3]
FĂŒr Hannah Arendt sind die imperialistischen âLösungenâ insgesamt Rettungsversuche zum Erhalt nicht mehr zu rechtfertigender politischer ZustĂ€nde. Denn zur wirklichen Lösung der bereits am Ende des 19. Jahrhunderts deutlich ĂŒberalterten sozialen und politischen Strukturen habe es dann zweier Weltkriege bedurft.[4]
In den Ideologiekonzepten der Bolschwiki in Russland und der Maoisten in China spielte die Sozialimperialismustheorie eine propagandistisch wichtige Rolle: Der Imperialismus wurde als höchste Form des Kapitalismus angesehen, nach der âdie Ablösung der Konkurrenz durch das Monopolâ der âökonomische Grundzugâ sei (W.I. Lenin, Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus[5]). Nach der weiteren Definition schlieĂt dies auch die AusprĂ€gung des Sozialimperialismus mit ein, da dieser ein Charakteristikum fĂŒr âabsterbenden Kapitalismusâ sei (ebenda).
Die schlechten Beziehungen zwischen der VR China und der UdSSR fĂŒhrten spĂ€terhin seitens der Maoisten aus China dahin, dass der Begriff âSozialimperialismusâ auch auf die sozialistische UdSSR angewandt wurde, da die expansiven Bestrebungen der Sowjetunion durchaus den Charakter sozialimperialistischer PlĂ€ne hatten.
Hans-Ulrich Wehler entwickelte die Theorie des Sozialimperialismus ab Ende der 1960er Jahre. Diese sei eine "Strategie herrschender Eliten, [...] die Dynamik der Wirtschaft und der sozialen und politischen EmanzipationskĂ€mpfe in die Ă€uĂere Expansion zu leiten, von den inneren MĂ€ngeln des sozialökonomischen und politischen Systems abzulenken und durch reale Erfolge seiner Expansion [...] zu kompensieren."[6]
Die sozialimperialistische Strategie der Reichsregierung habe, so Wehler, auf der Annahme basiert, dass eine expansive AuĂenpolitik zu wirtschaftlicher ProsperitĂ€t fĂŒhren wĂŒrde. Dieser Faktor habe innenpolitisch dazu beitragen sollen, VerĂ€nderungen des traditionellen SozialgefĂŒges zu verhindern (konservative Utopie). Wehler ging dabei zunĂ€chst von der Politik des deutschen Reichskanzlers Bismarcks zwischen 1870/71 bis 1890 aus. SpĂ€ter erweiterte er seine Theorie auch auf die Phase der deutschen "Weltpolitik" von 1897 bis 1914/18, bei der die Ablenkung von inneren Spannungen allerdings eher durch eine Steigerung des nationalen Prestiges erfolgt sei als durch wirtschaftlichen Erfolg.
Wehler rĂ€umte gleichwohl ein, dass die Strategie des Sozialimperialismus letztlich gescheitert sei: Die expansive AuĂenpolitik Deutschlands sei weder wirtschaftlich noch politisch erfolgreich gewesen und habe deshalb keine dauerhafte Ablenkung von innenpolitischen Problemen schaffen können.
In der wissenschaftlichen Diskussion gilt die Theorie des Sozialimperialismus heute als kaum tragfĂ€hige Gesamtinterpretation der von Deutschland betriebenen imperialistischen Politik. Kritisiert wird etwa, dass die ZwĂ€nge, denen die deutsche Reichsregierung in innen- wie auĂenpolitischer Hinsicht unterlag, nicht angemessen berĂŒcksichtigt werden. So bleibe der Einfluss der imperialistisch orientierten AgitationsverbĂ€nde (z.B. Alldeutscher Verband und Deutscher Flottenverein), die starken öffentlichen Druck auf die Regierung ausĂŒbten, nebensĂ€chlich. AuĂerdem wird auf die verschwindend geringe wirtschaftliche Bedeutung der Kolonialpolitik hingewiesen. Eine âkohĂ€rente und von breiter Zustimmung getragene âimperiale Kulturââ sei in Deutschland nicht entstanden.[7]
Kritiker bemĂ€ngeln ferner, dass Wehlers Theorie die unterschiedlichen Ideologien, die den Imperialismus mitbegrĂŒndet und angetrieben haben, unbeachtet lĂ€sst.[8]
In anderen Schriften nennt Hans-Ulrich Wehler die USA als sozialimperialistisch agierendes Land und bezieht sich auf die Zeit der âersten Kubakriseâ zwischen 1895 bis 1898.[9]
Kuba stand damals noch unter der Herrschaft der Spanischen Krone - eine konstitutionelle Monarchie - und war der gröĂte Zuckerlieferant der USA. Zur Zeit der kubanischen Revolution im Jahr 1895 war die Insel von Rebellen (Guerilla) immer wieder in Aufruhr versetzt worden. Amerika sah dem Geschehen in seiner unmittelbaren NĂ€he jedoch zunĂ€chst gelassen zu. Solange der Zuckerimport noch aufrechterhalten werden konnte, dachte die amerikanische Regierung nicht daran, sich zwischen die Fronten von Spanien und AufstĂ€ndischen zu stellen. Dann habe sich aber die AuĂenpolitik im Sinne des Sozialimperialismus entwickelt. Denn als die AufstĂ€ndischen begannen, Zuckerrohrplantagen und ZuckermĂŒhlen zu zerstören, was den Export von Zucker zum Erliegen brachte, dachte Amerika an eine Einmischung.
Dieses Beispiel könne deshalb als sozialimperialistisches Handeln angesehen werden, weil zeitgleich in den USA sĂ€mtliche Zeitungen der âYellow Pressâ alle Erfolge der aufstĂ€ndischen Kubaner feierten und somit auch die ZurĂŒckhaltung der Regierung lobten. Das habe sich erst geĂ€ndert, als der eigene Vorteil in Gestalt des stetigen Zuckerimports nicht mehr gegeben war und ein Einschreiten der Vereinigten Staaten zur beruhigenden Wiederherstellung der vormaligen ZustĂ€nde notwendig erschien.
SĂŒdafrika sei in anderem Sinne zu einem ersten âTreibhaus des Imperialismusâ geworden: âSeite an Seite mit dem Kapital zogen aus industriell entwickelten LĂ€ndern die GoldgrĂ€ber, die Abenteurer, der Mob der groĂen StĂ€dte in den dunklen Erdteil. Und von nun an begleitete der Mob, erzeugt von der ungeheuren Akkumulation des Kapitals im 19. Jahrhundert, seinen Erzeuger auf allen seinen abenteuerlichen Entdeckungsreisen, bei denen es nichts zu entdecken gab als profitable Anlagemöglichkeiten.â So sei das Zeitalter des Imperialismus, das aus einem Ăberfluss an Geld und an Menschenkraft geboren worden sei, mit der Erzeugung von Waren angebrochen, die am wenigsten im Produktionsprozess gebraucht wurden, nĂ€mlich mit Gold und Diamanten.[13] Das BĂŒndnis von Kapital und Mob stĂŒnde âam Anfang aller konsequent imperialistischen Politikâ. Dabei sei der Mob aus den AbfĂ€llen sĂ€mtlicher Klassen und Schichten zusammengesetzt gewesen und habe auĂerhalb der in Klassen gespaltenen Nation gestanden und sich durch âinhĂ€rente Verantwortungslosigkeitâ ausgezeichnet. Nur England habe das groĂe GlĂŒck gehabt, âdies BĂŒndnis auf seine ĂŒberseeischen Besitzungen beschrĂ€nkenâ und so die eigene Nation vor Zerstörung bewahren zu können.[14]
Olivier Le Cour Grandmaison hat in seinem Buch âLa RĂ©publique impĂ©riale. Politique et racisme dâĂtatâ(2009) Formen der französischen Variante des Sozialimperialismus analysiert. Obwohl die demographische Entwicklung in Frankreich dem europĂ€ischen Wachstum nicht gefolgt ist, sei Frankreich von der Obsession des Erstickens durch zu viele Menschen heimgesucht worden und habe Abhilfe gesucht. Im Lebensraumgedanken habe der Sozialimperialismus Auswege fĂŒr alle sozialen Probleme des Mutterlandes, der Metropole, gesucht und sozialhygienische Vorstellungen entwickelt. Einer der fĂŒhrenden Kolonialtheoretiker â Joseph Chailley-Bert (1854-1928) â habe sie in seinem Buch âLe rĂŽle social de la colonisationâ (1897) entwickelt.[15] Sozialhygiene und Strafrechtspolitik seien im Zusammenhang mit der kolonialen Entwicklung zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung geworden, fĂŒr die eigens den Kolonien gewidmete Einrichtungen geschaffen wurden. Afrika galt dabei als favorisiertes Gebiet, weil es als geschichtsloser und deshalb unschuldiger Kontinent angesehen wurde, aus dem ein âökonomisches und politisches Labor, eine echte Versuchsbasisâ fĂŒr neue Chancen des âHeilsâ zu machen wĂ€re.[16] Nach dem Vorbild Englands sollten vor allem fĂŒr die âUngeeignetenâ, die âUndiszipliniertenâ, strafrechtlich rĂŒckfĂ€llig Gewordenen, fĂŒr den menschlichen âAbfallâ und âZurĂŒckgebliebeneâ so genannte dĂ©potoirs â französisch fĂŒr âMĂŒllabladeplĂ€tzeâ, ein damals gelĂ€ufiger Begriff â ausfindig gemacht werden. Dabei wurde in der Auswanderung eine doppelte Reinigungsmöglichkeit gesehen: FĂŒr Frankreich wirke sie sozial, auf die Betroffenen individuell, denn aus den bis dahin fĂŒr die Metropole SchĂ€dlichen wĂŒrden in Französisch-Guyana, Afrika, in Indochina oder in Neu-Kaledonien unternehmungsfreudige Kolonisatoren, die neue Welten aufbauen wĂŒrden.[17] (Vgl. dazu fĂŒr Australien: First Fleet.)
Moralismus und sozialhygienische Gedanken seien ineinander ĂŒbergegangen und hĂ€tten zu einem Werk gemeinsamer GesundheitsfĂŒrsorge beigetragen. Dabei sei es um die Verwirklichung der Vorstellung von âla âPlus Grande Franceââ, des âgröĂeren Frankreichâ, gegangen.[18] Auch Juristen wie der an der âAkademie der Kolonialwissenschaftenâ wirkende Arthur Girault (1865-1931) ĂŒbten nachhaltigen Einfluss aus. FĂŒr Girault (1895) boten die Kolonien einen âkostbaren Abflussâ: âWenn die Kunst des Regierens darin besteht, jeden an den fĂŒr ihn bestimmten Platz zu setzen, dann besteht wahrscheinlich die delikateste Regierungsaufgabe darin, fĂŒr die abenteuerlichen, unzufriedenen und undisziplinierten Geister eine BeschĂ€ftigung zu finden.â[19]