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Die Sozialisation (lat. sociare âverbindenâ) ist die Anpassung an gesellschaftliche Denk- und GefĂŒhlsmuster durch Internalisation (Verinnerlichung) von sozialen Normen. Sozialisation ist ein sozialwissenschaftlicher Begriff. Sie bezeichnet zum einen die Entwicklung der Persönlichkeit aufgrund ihrer Interaktion mit einer spezifischen, materiellen und sozialen Umwelt, zum anderen die sozialen Bindungen von Individuen, die sich im Zuge sozialisatorischer Beziehungen konstituieren. Sie umfasst sowohl die absichtsvollen und planvollen MaĂnahmen (Erziehung) als auch die unabsichtlichen Einwirkungen auf die Persönlichkeit.
Sozialisationsprozesse bewirken demnach, dass im sozialen Zusammenleben HandlungsbezĂŒge (Vergemeinschaftung) und Handlungsorientierungen (soziale IdentitĂ€t) entstehen, auf die sich Individuen in ihrem sozialen Handeln beziehen. Daraus ergibt sich auch die Tendenz von Individuen, sich entsprechend den jeweils geltenden Normen, Werten und Werturteilen der Gesellschaft zu verhalten (vgl. Werttheorie).
Wenn die Sozialisation erfolgreich im Sinne des jeweiligen Umfeldes verlĂ€uft, verinnerlicht das Individuum die sozialen Normen, Wertvorstellungen, ReprĂ€sentationen, aber auch zum Beispiel die sozialen Rollen seiner gesellschaftlichen und kulturellen Umgebung. Als âerfolgreiche Sozialisationâ sehen wir ein hohes MaĂ an Symmetrie von objektiver und subjektiver Wirklichkeit (und natĂŒrlich IdentitĂ€t) an. Umgekehrt muss demnach âerfolglose Sozialisationâ als Asymmetrie zwischen objektiver und subjektiver Wirklichkeit verstanden werden. (Berger/Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit (1969), S. 175)
Im Laufe der 1970er Jahre entwickelte sich eine durch und durch interdisziplinĂ€re, bewusst auf die Integration verschiedener disziplinĂ€rer AnsĂ€tze ausgerichtete Sozialisationstheorie. Diese Konzeption wurde in Deutschland zum ersten Mal 1980 im umfangreichen "Handbuch der Sozialisationsforschung" (Hurrelmann und Ulich 1980) einem gröĂeren Fachpublikum prĂ€sentiert. Unter den 34 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die BeitrĂ€ge fĂŒr das Handbuch schrieben, waren Soziologen, Psychologen und PĂ€dagogen zu gleichen Anteilen vertreten.
Sozialisation bezeichnet meist die Gesamtheit all jener durch die Gesellschaft vermittelten Lernprozesse (u. a. das Benehmen), in denen das Individuum in einer bestimmten Gesellschaft (Ăbertragung von BrĂ€uchen etc.) und ihrer Kultur sozial handlungsfĂ€hig wird â also am sozialen Leben teilhaben und an dessen Entwicklung mitwirken kann. Sozialisation ist somit ein lebenslanger Prozess. Gruppen, Personen und Institutionen, welche die sozialen Lernprozesse des Individuums steuern und beeinflussen, bezeichnet man als Sozialisationsinstanzen. Diese Definition berĂŒcksichtigt, dass sich Sozialisation aus dem Zusammenleben von Menschen (Generationenbeziehungen) konstituiert und sich in spezifischen BefĂ€higungen individueller Akteure, aber auch in der Art und Weise ihrer Beziehungsgestaltung Ă€uĂert.
Klaus Hurrelmann hat aus diesen Ăberlegungen heraus den Begriff so definiert, dass er die Annahme des Wechselspiels von gesellschaftlichen Umwelt- und angeborenen Individualfaktoren als festen Bestandteil enthĂ€lt. In der "EinfĂŒhrung in die Sozialisationstheorie" wird folgende Definition vorgenommen: "Sozialisation bezeichnet ... den Prozess, in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehene menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfĂ€higen Persönlichkeit bildet, die sich ĂŒber den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen weiterentwickelt. Sozialisation ist die lebenslange Aneignung von und Auseinandersetzung mit den natĂŒrlichen Anlagen, insbesondere den körperlichen und psychischen Grundlagen, die fĂŒr den Menschen die 'innere' RealitĂ€t bilden, und der sozialen und physikalischen Umwelt, die fĂŒr den Menschen die 'Ă€uĂere' RealitĂ€t bilden."
Die "lebenslange Aneignung und Auseinandersetzung" ist fĂŒr Hurrelmann ein wichtiger Bestandteil der Definition, denn sie schlieĂt die Vorstellung aus, Sozialisation sei der Erwerb eines gesellschaftlich erwĂŒnschten Repertoires von vorgegebnen Verhaltensweisen und Orientierungen. Die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen wird vielmehr als eine in ihren Grundmerkmalen aktive und prozesshafte Form der Auseinandersetzung mit den inneren Anforderungen von Körper un Psyche und den Ă€uĂeren Anforderungen von sozialer und dinglicher Umwelt konzipiert. Um diesen Charakter in einem Wort zum Ausdruck zu bringen, kann sie auch als "produktiv" bezeichnet werden. Das Wort 'produktiv' wird nicht als ein wertender, sondern beschreibender Begriff verwandt. Der Begriff soll ausdrĂŒcken, dass es sich bei der individuell je spezifischen Verarbeitung der inneren und der Ă€uĂeren RealitĂ€t um aktive und 'agentische' Prozesse handelt, bei denen ein Individuum eine individuelle, den eigenen Voraussetzungen und BedĂŒrfnissen angemessene Form wĂ€hlt. Die Verarbeitung ist 'produktiv', weil sie sich aus der jeweils flexiblen und individuell kreativen Anpassung der inneren und der Ă€uĂeren Bedingungen ergibt.
Zusammengefasst bezeichnet Klaus Hurrelmann Sozialisation bildhaft als "produktive RealitÀtsverarbeitung".
Sozialisationstheorien bilden die Grundlage fĂŒr das SozialisationsverstĂ€ndnis.
Im SozialisationsverstÀndnis lassen sich zwei Traditionen unterscheiden, die heute noch sehr populÀr und verbreitet sind, aber vor allem wegen ihrer Einseitigkeit heute in der Wissenschaft abgelehnt werden.
Die erste Tradition (Psychologische Theorien) âerklĂ€rt die menschliche Entwicklung aus dem Organismus des Menschen heraus und misst der Umwelt einen geringen Stellenwert beiâ (Nestvogel). Dazu zĂ€hlen âreifungstheoretische, organistische, anlagenorientierte, essentialistische, biologistisch-rassistische AnsĂ€tzeâ. (Nestvogel)[1]
Die zweite Tradition (Soziologische Theorien) sieht Sozialisation als einen vorrangig durch die Gesellschaft gesteuerten normativen Prozess âals Mittel zur Integrationâ. Hierzu zĂ€hlen âsozialdeterministische, strukturfunktionalistische, mechanische, prĂ€gungstheoretische AnsĂ€tzeâ (Nestvogel). Grundlage sind hier die Menschenbilder, nach denen die ungeformte "rohe" menschliche Natur sich den BedĂŒrfnissen der jeweiligen Gesellschaften anpassen mĂŒsse. Hobbes spricht hier von "zĂ€hmen", Spencer und Darwin meinten anpassen, und Durkheim spricht davon, âdem eben geborenen egoistischen und asozialen Wesen ein anderes Wesen hinzuzufĂŒgen, das imstande ist, ein soziales und moralisches Leben zu fĂŒhrenâ.[1] Parsons ging es bei seinem SozialisationsverstĂ€ndnis darum, âVerhaltensmaĂstĂ€be und Ideale der Gruppe in sich aufzunehmenâ und âdie Bereitschaft zur ErfĂŒllung eines spezifischen Rollentyps innerhalb der Struktur der Gesellschaftâ zu entwickeln.[2]
Dagegen betrachten neuere und zur Zeit wissenschaftlich relevante Traditionslinien die Sozialisation âals 'Entwicklung im Kontext' (systemtheoretisch-ökologische und reflexiv-handlungstheoretische AnsĂ€tze)â.[2]
Sozialisationstheorien unterscheiden sich in ihrer Funktion zwischen affirmativen oder deskriptiven Theorien und kritischen Theorien sowie dekonstruktivistischen Theorien. Affirmative Theorien fragen danach, welcher Sozialisationstyp gebraucht wird. Deskriptive Theorien fragen und forschen danach, welchen Sozialisationstyp eine bestehende Gesellschaft erzeugt und beziehen im Gegensatz zu kritischen Theorien Kategorien wie Macht, Ungleichheit, Herrschaft und Gewalt nicht mit ein. Dekonstruktivistische Theorien verwerfen die Möglichkeit neutraler oder objektiver Wissenschaft und beziehen daher die Perspektive, aus der heraus geforscht wird, kritisch mit ein.[3]
Pflanzliche und tierische Organismen sind auf geradezu perfekte Weise in ihre jeweiligen natĂŒrlichen Umgebungen eingepasst. DemgegenĂŒber erscheint der Mensch höchst unzulĂ€nglich darauf vorbereitet, sich in einer natĂŒrlichen Umgebung zu behaupten. Morphogenetisch unfertig, organisch unspezialisiert, weitgehend ohne funktionsfĂ€hige Instinkte und eine lebensdienliche Bewegungsarchitektur, benötigt er besondere Rahmenbedingungen, um ĂŒberlebensfĂ€hig zu werden. Zu den wichtigsten dieser Rahmenbedingungen gehört ein besonderes soziales Umfeld, aus dem heraus er seine LebensfĂ€higkeit entfalten und entwickeln kann.[4]
FĂŒr den neu geborenen Menschen besteht sein soziales Umfeld anfangs aus einem kleinen Kreis von Personen, die sich um ihn kĂŒmmern sowie aus deren LebensumstĂ€nden. Die um ihn gruppierten Personen bilden â von ihm zunĂ€chst ganz unabhĂ€ngig â bereits miteinander ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht aus abgeglichenen Lebensanschauungen und erprobten Umgangsformen. Dieses Geflecht ist seinerseits eingewoben in andere, zum Teil umfassendere soziale Netzwerke. Jede der Personen hat zudem ihr eigenes Leben aus einem solchen sozialen Umfeld heraus begonnen, wie nun das Neugeborene.
Diese sozialen Netzwerke sind nicht zu trennen von den jeweiligen LebensumstĂ€nden, in die sie eingebettet sind. Sie grĂŒnden zwar, wie bei allen anderen Lebewesen, auf natĂŒrlichen Gegebenheiten, bestehen indessen gröĂtenteils aus Techniken und Einrichtungen der LebensbewĂ€ltigung, die die Menschen erst aus jenen Gegebenheiten und in fortdauernder Auseinandersetzung mit ihnen ĂŒber viele Generationen hinweg herausgearbeitet, tradiert und weiter entwickelt haben. Sie prĂ€gen einerseits nachhaltig das Leben des Einzelnen und seine sozialen Beziehungen; auf der anderen Seite bleiben sie Gegenstand menschlicher Gestaltung und VerĂ€nderung.[5]
Die fortwĂ€hrende Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umgebung stabilisiert sich institutionell zu artspezifischen Lebensformen und -anschauungen durch Gewöhnung. Jedes Tun, das hĂ€ufig wiederholt wird, verfestigt sich zu einem Muster, das unter Einsparung von besonderer psychischer Anspannung und physischer Kraft reproduziert werden kann und dabei vom Handelnden als zweckmĂ€Ăiges Handlungsmuster aufgefasst wird.[6] In diesem Prozess kristallisieren sich zugleich aus dem an sich ĂŒbergangslosen Kontinuum der Welt bestimmte Erscheinungen heraus und gewinnen Kontur und Bedeutung als GegenstĂ€nde und Geschehnisse, auf die das Tun sich richtet. Der Vorteil selektierender Wahrnehmung und gewohnheitsmĂ€Ăigen Tuns liegt in einer Begrenzung zahlloser möglicher Sicht- und Reaktionsweisen auf wenige â oder gar nur eine einzige â in der Regel bewĂ€hrte, d. h. lebensdienliche Verhaltensweisen.[7] Gewöhnung sorgt damit fĂŒr eben die Richtung und Spezialisierung, Lebenssachverhalte zu erfassen und auf sie gezielt zu reagieren, die der biologischen Ausstattung des Menschen fehlen. Indem sie ihn davon entlastet, jede Situation von neuem Schritt fĂŒr Schritt analysieren und durch Entscheidungen bestimmen zu mĂŒssen, und so etwas wie eine Basis schafft, auf der sich menschliches Handeln vollzieht, spart sie das Freisetzen von Energien fĂŒr Gelegenheiten auf, die einer richtungsbestimmenden Entscheidung bedĂŒrfen.
Der Ăbergang von individuell durch Gewöhnung verfestigten Betrachtungsweisen und entlastetem Handeln zur Institutionalisierung von menschlichen Lebensformen beginnt, wenn sich Menschen in ihrem Verhalten gegenseitig aufeinander einstellen. Zur Basis der VerstĂ€ndigung werden dabei ĂbereinkĂŒnfte ĂŒber Andeutungen, Zeichen, die schlieĂlich in Sprache einmĂŒnden und die von allen Beteiligten in gleicher Weise verwendet und aufgefasst werden. âDie einzelne Handlung des einen ist fĂŒr den anderen nicht mehr Quelle der Verwunderung oder drohender Gefahr. Stattdessen nimmt vieles, was vor sich geht, fĂŒr beide die TrivialitĂ€t dessen an, was beider Alltagsleben sein wird. [âŠ] Sie sparen Zeit und Kraft nicht nur fĂŒr beliebige Ă€uĂere Aufgaben, die sie getrennt oder gemeinsam haben, sondern fĂŒr ihre gesamte seelische Ăkonomie. Ihr Zusammenleben hat nun in einer stĂ€ndig sich erweiternden Welt der Routinegewissheit seine Form gefunden.â[8] Dieser Vorgang vollzieht sich Ă€hnlich beim Umgang zwischen Einzelnen und Gruppen sowie zwischen Gruppen oder gröĂeren Personengesamtheiten. Kennzeichnend ist dann, dass die jeweiligen Personengesamtheiten bestimmte gruppenspezifische Anschauungen und Routinen des Verhaltens teilen; die diesen Anschauungen und Verhaltensweisen zugrunde liegenden Typisierungen sind Allgemeingut der jeweiligen Gruppe.[9]
Ăber eine gewisse Zeit hinweg etablierte gemeinsame Anschauungen und Routinen des Handelns wirken selbstbestĂ€tigend und haben die Tendenz zu Dauer und Bestand. Sie erreichen damit mehr und mehr eine ĂŒberindividuelle, unabhĂ€ngig vom einzelnen Subjekt bestehende GegenstĂ€ndlichkeit, ObjektivitĂ€t. Das gilt vor allen Dingen fĂŒr die Anschauungen und Routinen, die bereits, als von vorangegangenen Generationen ĂŒbernommen, selbstverstĂ€ndlich geworden sind und damit schon lĂ€ngst als Institutionen den Charakter historischer und objektiver Wirklichkeit haben.[10]
Dem gegenĂŒber bleiben Betrachtungsweisen und Routinen, die innerhalb einer Generation oder auch individuell entwickelt worden sind, fĂŒr diejenigen, die ihnen Gestalt gegeben haben, leichter verĂ€nderbar.[11] Auch diese Möglichkeit schwindet jedoch, wenn eine neue Generation hinzukommt, die deren Zustandekommen nicht mehr selbst erlebt und gestaltet hat. FĂŒr sie sind diese anfĂ€nglich auch gar nicht als Konvention reflektierbaren Routinen Teil einer ihnen objektiv gegenĂŒbertretenden Wirklichkeit. Das wirkt gleichsam wie ein Spiegelreflex auf die Elterngeneration zurĂŒck:[10] Zur Wirklichkeit der 'natĂŒrlichen' Gegebenheiten der Welt treten so â und dies an die Stelle artspezifischer Umwelten anderer Lebewesen â die zu Institutionen verdichteten Anschauungs- und Handlungsroutinen einer âsozialenâ, einer âgesellschaftlichenâ Wirklichkeit.[10] Die institutionalisierten Anschauungs- und Handlungsroutinen schlagen sich zudem in Techniken des Umganges mit den Gegebenheiten der natĂŒrlichen Umgebung des Menschen nieder. Sie ersetzen die ihm weitestgehend fehlenden Instinkte, die alle anderen Lebewesen in ihre jeweilige Umwelt einpassen. Sie sind fĂŒr ihn die Instrumente, mit denen er sich die fĂŒr ihn an sich unwirtliche Umgebung fĂŒr sich erst passend macht.[12]
Sozialisation ist ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. Im Zentrum steht die Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit sowie der sozialen Beziehungen einer Person. Zur Persönlichkeit gehört einerseits die IndividualitÀt, die den Einzelnen von allen Anderen unterscheidet, andererseits die IntersubjektivitÀt, die die Mitglieder einer Gesellschaft oder Gemeinschaft miteinander teilen (z. B. Werte, Normen, soziale Rollen).
Ăber sein soziales Umfeld wird der unfertige Mensch in eine Welt eingepasst, in der und aus der heraus er leben kann. Es ist ein aus natĂŒrlichen Gegebenheiten jeweiliger Umgebungen von Menschen bereits herausgearbeitetes Gebilde aus Anschauungen, Einrichtungen Lebensformen. Sie bilden die Werkzeuge, mit denen sie ihre jeweilige Umgebung gedeutet und fĂŒr sich passend gemacht haben. Um selbst lebensfĂ€hig zu werden, muss der neugeborene Mensch lernen, mit diesen Werkzeugen umzugehen, sie zu gebrauchen. Die Einpassung des unfertigen Menschen in diese Welt vollzieht sich in einem Prozess des Verinnerlichens von Anschauungsweisen und Formen der LebensbewĂ€ltigung, die ihm durch die Menschen geboten werden, welche ihn â das zunĂ€chst noch ganz hilflose Geschöpf â unmittelbar umgeben. Verinnerlichen bedeutet, seine Umgebung Schritt fĂŒr Schritt so zu erfassen, zu deuten und zunehmend auch zu handhaben, wie sie von den Menschen seiner unmittelbaren Umgebung aufgefasst, gedeutet und gehandhabt wird. Der junge Mensch lernt, die Welt mit Augen seiner Mitmenschen zu sehen, mit ihren Begriffen zu ordnen und zu gliedern, mit ihren Emotionen und Bewertungen auf ihre Erscheinungen zu reagieren und sich ihre Techniken des Umganges mit den Gegebenheiten dieser Welt anzueignen. Mit einem Wort, er ĂŒbernimmt sukzessive eine Welt, in der die ihn unmittelbar umgebenden anderen Menschen schon leben.[13] Dass diese Welt nur eine von unzĂ€hligen anderen menschlichen Lebenswelten ist, bleibt ihm zunĂ€chst verborgen. In ein bestimmtes soziales Umfeld hineingeboren, gibt es fĂŒr ihn vorerst nur dieses. Es ist der Ort, um den herum sich fĂŒr ihn die ĂŒbrige Welt entfaltet und von dem aus sie ihm erschlossen wird. Es ist fĂŒr ihn die Welt schlechthin.[14] Erst in einer spĂ€teren Lebensphase wird fĂŒr ihn erkennbar, dass es auch ganz andere Lebenswelten gibt, dass die eigene nur das Ergebnis eines BĂŒndels von ZufĂ€lligkeiten ist und dass es sogar â wenn auch immer von einer nicht mehr reversiblen, schicksalhaften Ausgangsbasis aus â unterschiedliche Optionen fĂŒr die Gestaltung der eigenen Lebenswelt gibt.[15]
Es wird vor allem die primÀre und die sekundÀre Sozialisation unterschieden.[16]
Mit der primĂ€ren Sozialisation werden die Fundamente fĂŒr die noch ausstehende Einpassung des Menschen in die Welt gelegt, in der und aus der heraus er zu leben hat. Mit ihr wird eine Grundausstattung an Lebens- und Weltwissen vermittelt, die ein Mensch braucht, um in seiner Umgebung FuĂ zu fassen. Die mit der primĂ€ren Sozialisation zu leistende schrittweise Verinnerlichung der Anschauungsweisen und Lebensformen seines sozialen Umfeldes durch den neuen ErdenbĂŒrger ist an Voraussetzungen gebunden, die anfangs nur ganz wenige Personen erfĂŒllen können.
Erste und wichtigste Bedingung ist eine vertrauensvolle Bindung (Urvertrauen) des Neugeborenen an Menschen, die ihren Zugang zur Welt bereits gefunden haben. Dem sensorischen Entwicklungsstand des Neugeborenen entsprechend ist diese Bindung noch nahezu ausschlieĂlich auf emotionales Wohlbefinden gegrĂŒndet. Sie bildet sich deshalb am leichtesten zwischen ihm und der Mutter aus, der Person, die ihm ihrerseits schon durch die Schwangerschaft gefĂŒhlsmĂ€Ăig am engsten verbunden ist. In und bei ihr kann es sich mit seinen elementaren vitalen BedĂŒrfnissen nach WĂ€rme, Nahrung, Zuwendung und Pflege am geborgensten fĂŒhlen. Die Bindung an weitere Menschen hĂ€ngt dann gleichermaĂen davon ab, inwieweit sie zum Wohlbefinden des Neugeborenen beizutragen vermögen.[17]
Eine weitere wichtige Voraussetzung fĂŒr den Verinnerlichungsprozess sind Dauer und BestĂ€ndigkeit der Bindung. Da der neue ErdenbĂŒrger anfangs noch ĂŒber keinerlei abstrahierende Begrifflichkeiten verfĂŒgt, mit denen er die auf ihn eindringende FĂŒlle der Erscheinungen fĂŒr sich ordnen und gliedern könnte, muss sich das, was offenbar fĂŒr ihn Bedeutung haben soll, erst aus dem wiederholten Umgang seiner Bezugspersonen mit diesen Erscheinungen allmĂ€hlich herauskristallisieren. Dieses Begreifen braucht Zeit und es gelingt auch nur, wenn das Verhalten der Bezugspersonen gegenĂŒber gleichen Erscheinungen auch einigermaĂen gleich bleibt.[18]
Die innere Bereitschaft, institutionalisierte Anschauungsweisen und Lebensformen zu verinnerlichen, erwĂ€chst aus einer Identifizierung des Kleinkindes mit seinen nĂ€chsten Bezugspersonen.[19] Das ermöglicht es ihm, regt es aber auch dazu an, die Welt in einer Weise aufzufassen, zu deuten, sich zu ihr zu stellen und sie schlieĂlich so zu handhaben, wie seine Bezugspersonen dies tun.
Dies fĂŒhrt dann zu einem weiteren sehr wichtigen Schritt der primĂ€ren Sozialisation des Kindes. Indem es die Formen der Anschauungen seiner Bezugspersonen ĂŒber und deren Umgangsweisen mit der Welt ĂŒbernimmt, findet es nicht nur seinen Zugang zur Welt, in der es zu leben hat, sondern darĂŒber hinaus auch einen neuen Zugang zu sich selbst. Wenn es also die Welt mit ihren Augen zu sehen lernt, wird es durch sie auch seiner selbst als Gegenstand ihrer emotionalen wie tĂ€tigen Zuwendung gewahr. Zu den EindrĂŒcken, Empfindungen und BedĂŒrfnissen, die es unmittelbar in sich selbst verspĂŒrt, erfĂ€hrt es sich dabei als das, was die Menschen, die es umgebenden, in ihm sehen. Und wĂ€hrend es auch dies verinnerlicht, wird es unversehens auch zu dem, was diese in es hineinlegen.[19]
Mit diesen Zuschreibungen erhĂ€lt das Kind im Rahmen seiner primĂ€ren Sozialisation von seinen Bezugspersonen schlieĂlich einen ganz bestimmten Platz und eine spezifische Rolle in dem sozialen Umfeld zugewiesen, aus dem heraus es die Welt erfĂ€hrt. Es lernt sich dabei als eine Person kennen, die in unterschiedlichen Beziehungen zu anderen Personen seines sozialen Umfeldes steht und an das Rollenerwartungen geknĂŒpft werden, die es erfĂŒllen soll (Herausbildung einer eigenen IdentitĂ€t).
Sind mit der primĂ€ren Sozialisation die Fundamente fĂŒr die Einpassung des Menschen in seine Welt gelegt, steht er vor der Aufgabe, aus seinem Leben etwas zu machen, es konkret zu gestalten. Diese Aufgabe muss er in Auseinandersetzung mit einer Welt aufnehmen, die auĂerhalb des Rahmens der primĂ€ren Sozialisationsumfeldes liegt. Den in dieser Auseinandersetzung sich vollziehenden Prozess bezeichnet man als sekundĂ€re Sozialisation.
In komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaften ist die Welt, mit der der Einzelne sich auseinanderzusetzen hat, in eine Vielzahl von miteinander verzahnten und verschachtelten Subwelten aufgefĂ€chert, deren jede durch ganz spezifische Anforderungen sowie spezielles Wissen und Können geprĂ€gt ist: Lehrer kĂŒmmern sich um Bildung, Ărzte und Schwestern um die Gesundheit, Bauern und ihnen nachgelagerte Industrien um die Herstellung von Nahrungsmitteln, HĂ€ndler um deren Verteilung, Handwerker um den Bau von HĂ€usern und die Reparatur von Wasserleitungen, Soldaten um die Verteidigung des Landes, Richter um die Befriedung von Rechtsstreitigkeiten, MĂŒllwerker um die Beseitigung des tĂ€glichen Abfalls â und so weiter.[20] SekundĂ€re Sozialisation ist demzufolge die Verinnerlichung solcher, durch Arbeits- oder Funktionsteiligkeit bedingter institutionaler âSubweltenâ. Sie besteht im Erwerb von rollenspezifischem Wissen und Können und âerfordert das Sich-zu-eigen-Machen eines jeweils rollenspezifischen Vokabulars. Die âSubweltenâ, die mit der sekundĂ€ren Sozialisation internalisiert werden, sind partielle Wirklichkeiten im Kontrast zur 'Grundwelt', die man in der primĂ€ren Sozialisation erfasstâ.[21]
Ăber die primĂ€re und die sekundĂ€re Sozialisation wird der in die Welt noch weitestgehend einpassungsbedĂŒrftige Mensch zunehmend in Routinegewissheiten der Anschauung und der Bewertung der Welt sowie seines Verhaltens ihr gegenĂŒber stabilisiert. Anders als bei den instinktiv fixierten Adaptionsmechanismen anderer Lebewesen bleiben diese Routinegewissheiten aber modifizierbar. Dies gilt nicht so sehr fĂŒr die mit der primĂ€ren Sozialisation erworbenen Routinegewissheiten, die in besonderem MaĂe emotional verankert und intellektueller Reflexion schwerer zugĂ€nglich sind, weil sie zumeist als alternativlos verinnerlicht werden. Aus dieser Haut kommt der Mensch deshalb nur noch sehr schwer heraus. Um so mehr indessen gilt das fĂŒr die mit der sekundĂ€ren Sozialisation aufgenommenen Anschauungs-, Bewertungs- und Verhaltensweisen, die vielfach mit der Erkenntnis verinnerlicht werden, dass es auch andere Lebensmöglichkeiten gibt, auch wenn sie fĂŒr den Einzelnen nicht unbedingt erreichbar sind oder sonst in Betracht kommen. Menschen können ihr VerhĂ€ltnis zur Welt also verĂ€ndern; sie bleiben in der Lage, neue Rollen zu ĂŒbernehmen und in ihnen andere Anschauungen, Bewertungen und Verhaltensmuster zu verinnerlichen als die, die sie bis dahin geleitet haben.[22] Je lĂ€nger der einzelne in eine der Subwelten eingebunden ist, je anhaltender die wiederkehrenden Erfahrungen sind, die er dort macht, desto stĂ€rker lagern sich diese als nicht mehr angezweifelte Gewissheiten ab, die seine Weltsicht bestimmen. Diese Sedimentierung erklĂ€rt zu einem guten Teil, warum Menschen in vorgerĂŒcktem Alter in ihren Anschauungen, Bewertungen und Verhaltensweisen immer starrer werden und ihre SensibilitĂ€t fĂŒr andere Sichtweisen abnimmt.[23]
Sozialisation Ă€uĂert sich in zwei AusdrucksmodalitĂ€ten: 1. in den Persönlichkeitseigenschaften und 2. in den Prozessen des Zusammenlebens
Seit den 1960er Jahren liegt der Schwerpunkt der Sozialisationsforschung in der Bezugnahme auf die Entwicklungspotenziale und Handlungsoptionen einzelner Akteure (vgl. Klaus Hurrelmann u. a. 1998). Die starke Fokussierung auf das Subjekt mĂŒndete jedoch in einer EngfĂŒhrung, die eine Ausblendung von sozialen Gestaltungsprozessen zur Folge hatte, die durch das Zusammenleben selbst entstehen.
Indem die Sozialisationsforschung die Prozesse des Zusammenlebens als zweite Dimension mit einschlieĂt, ist es ihre Aufgabe, sich nicht nur auf die zentralen Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung zu konzentrieren, sondern zudem einen Schwerpunkt auf die Analyse der konkreten zwischenmenschlichen Beziehungsgestaltung zu setzen. Diese Ă€uĂert sich in Prozessen der Entstehung von individuellem Handlungswissen und einer allgemeinen Handlungsorientierung. Als grundlegend fĂŒr die Annahme dieser Perspektive von Sozialisation ist die Tatsache zu betrachten, dass Sozialisation Interaktion voraussetzt und auf anthropologische, bio-psycho-soziale Dispositionen des Menschen zur Reflexion, zur Koordination und zur VerstĂ€ndigung baut.
Sozialisation ist in Bezug der hier beschriebenen Erweiterung durch die Dimension der gemeinsamen Handlungspraxis und der hier entstehenden Wissensgenese demnach als âeine soziale Praxis zu bestimmen, die sich durch das Zusammenleben von Menschen etabliert, wobei Erfahrungen, Fertigkeiten und Wissen zwischen den Menschen ausgetauscht und kultiviert werdenâ (vgl. Matthias Grundmann 2006).
Der Sozialanthropologe Dieter Claessens stellt in "Familie und Wertsystem" heraus, dass eine 'gelingende' "Sozialisation" einer vorausgehenden gelungenen Humanisation bedĂŒrfe, in der das Neugeborene im ersten Lebensjahr ("post-uterinen FrĂŒhjahr") ein Urvertrauen gewinne (oder eben nicht gewinne), soziale Lehren fĂŒr sich zu akzeptieren (siehe auch: Geburt).
Mittlerweile ist auch durch aktuelle anthropologische und entwicklungsgenetische Studien belegt, dass Sozialisation als eine gattungsspezifische Form der LebensbewĂ€ltigung anzusehen ist. Diese beschrĂ€nkt sich allerdings nicht allein auf die FĂ€higkeit zur "Humanisation", sondern viel grundlegender auf die ErkenntnisfĂ€higkeit, wie sie zum Beispiel in der Wahrnehmung und Deutung reziproker Handlungsdisposition begrĂŒndet ist.
Sozialisation vollzieht sich in und durch sozialisatorische Interaktionen, wobei sich die beteiligten Akteure in ihrem Verhalten wechselseitig aufeinander beziehen. Allerdings geschieht das in der Regel nicht als Interaktion zwischen Gleichen, sondern vor allem in Generationenbeziehungen, das heiĂt, zwischen Alt und Jung. Eine unbeabsichtigte Nebenfolge der wechselseitigen Handlungskoordinationen in sozialisatorischen Interaktionen ist die unbewusste Inkorporation (Pierre Bourdieu) der hegemonialen Werte und Normen der Bezugspersonen, der Bezugsgruppe und schlieĂlich auch einer Gesellschaft. Hinzu kommt Erziehung, die nach Siegfried Bernfeld als bewusste âgesellschaftliche Reaktion auf die Entwicklungstatsacheâ verstanden werden kann. Erziehung bedeutet in diesem Zusammenhang demnach, dass Kinder die FĂ€higkeiten zu einem Teil erst erwerben mĂŒssen, durch die sie zu kompetenten Gesellschaftsmitgliedern werden. Ziel der Sozialisation ist es, das KompetenzgefĂ€lle zwischen Alt und Jung, also zwischen Generationen, aufzuheben.
Erziehung lĂ€sst sich vor diesem Hintergrund in Anschluss an Ămile Durkheim (einer der Ersten, die den Begriff Sozialisation als Wissenschaftsbegriff eingefĂŒhrt hatten) soziologisch als socialisation mĂ©thodique, d.h. als geplante und absichtsvolle Sozialisation, bestimmen. Daraus folgt: Erziehung ist diejenige Teilmenge der SozialisationsvorgĂ€nge, fĂŒr die das Ziel grundlegend ist, VerĂ€nderungen von Personen, insbesondere von Kindern und Jugendlichen, zu bewirken. Sie bezeichnet demnach jenen Anteil am Sozialisationsprozess, der sich auf die Manipulation von Bezugspersonen bezieht.
Im Zuge der 1968er-Bewegung entbrannte eine heftige Debatte darĂŒber, wie groĂ der Anteil der Sozialisation an der Entwicklung des Menschen ist und wie groĂ der Anteil des Angeborenen (nicht identisch mit dem durch genetische Anlagen Bedingten). Zur Zeit (2006) besteht die Kontroverse vor allem darin, zu bestimmen, welchen quantitativen und qualitativen Anteil die Sozialisation auf dem Hintergrund der jeweiligen genetischen Anlagen hat. Gefragt wird also danach, inwieweit die Entwicklung der Person durch angeborene oder soziale, mithin auch sozial vererbte oder durch soziale Umwelten selektiv vorgegebene Handlungsdispositionen beeinflusst wird. Diese Kontroverse ist durch eine undifferenzierte Verwendung der Begriffe Entwicklung, Sozialisation und Selektion (wozu letztlich auch die Erziehung zĂ€hlt) gekennzeichnet.
Sozialisation ist im erziehungswissenschaftlichen Sinn kritisch zu betrachten. Die Klassiker der PĂ€dagogik gehen von einer nicht-affirmativen Erziehung, also nicht von einer Erziehung im Sinne von Anpassung an die gesellschaftlichen Normen, aus. (Vgl. dazu Jean-Jacques Rousseau, Schleiermacher, Humboldt, Herbart, Benner). Gelungene Sozialisation versetzt das Individuum einerseits in die Lage, bestehende Werte und Normen zu erkennen und zu akzeptieren â andererseits die Normen und Werte auch reflektierend in Frage zu stellen (siehe auch: Internalisierung (Sozialwissenschaften)).