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Speusippos

Speusippos (griechisch ÎŁÏ€Î”ύσÎčÏ€Ï€ÎżÏ‚, latinisiert Speusippus; * um 410–407 v. Chr.; † 339 oder 338 v. Chr.) war ein antiker griechischer Philosoph. Er war ein Neffe und SchĂŒler Platons und dessen Nachfolger als Leiter der Platonischen Akademie (Scholarch). Da von seinen philosophischen Werken nur kleine BruchstĂŒcke erhalten sind, gestaltet sich die Rekonstruktion seiner Lehren schwierig. Dank der Erschließung neuer Quellen seit der Mitte des 20. Jahrhunderts wird seine philosophische Leistung heute gĂŒnstiger beurteilt als in der Ă€lteren Forschung. In zentralen Fragen entfernte sich Speusippos von der Auffassung Platons und schlug neue Wege ein.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Speusippos war ein Sohn von Platons Schwester Potone und ihres Ehemanns Eurymedon von Myrrhinous. Er wuchs in Athen auf und schloss sich frĂŒh Platon an. Nach einer von Plutarch ĂŒberlieferten Anekdote nahm Platon Anteil an der Erziehung des Jungen und brachte ihn von einem fragwĂŒrdigen Lebenswandel ab, was den Eltern nicht gelungen war. Wahrscheinlich nahm Speusippos auch Unterricht bei Isokrates.[1]

Als der sizilische Politiker Dion von Syrakus, der mit Platon seit dessen erster Sizilienreise (um 389/388 v. Chr.) befreundet war, 366 vom Tyrannen Dionysios II. von Syrakus verbannt wurde, begab er sich nach Griechenland. In Athen trat er in Platons Akademie ein. Dort schloss er Freundschaft mit Speusippos; wie Plutarch berichtet, schenkte Dion, der sehr reich war, dem Freund ein Landgut. Im Jahr 361 unternahm Platon auf Einladung von Dionysios seine dritte Sizilienreise, begleitet von einigen seiner SchĂŒler, darunter Speusippos und Xenokrates. Er wollte sich in Syrakus insbesondere fĂŒr eine Rehabilitierung Dions einsetzen. Der Versöhnungsversuch misslang jedoch, und Dionysios beschlagnahmte Dions großes Vermögen, das er bisher nicht angetastet hatte; das bedeutete den endgĂŒltigen Bruch zwischen den beiden. Als radikaler AnhĂ€nger Dions gehörte Speusippos zu den BefĂŒrwortern einer gewaltsamen Lösung des Konflikts mit militĂ€rischen Mitteln. Er nutzte seinen Aufenthalt in Syrakus, um Erkundigungen ĂŒber die Stimmung der BĂŒrger einzuziehen. Damit wollte er herausfinden, wie sich die Bevölkerung im Falle eines Versuchs, den Tyrannen zu stĂŒrzen, verhalten wĂŒrde. Diese AktivitĂ€ten des Speusippos blieben Dionysios aller Wahrscheinlichkeit nach nicht verborgen.[2] Platon und seine SchĂŒler gerieten in den Verdacht, mit einer gewaltbereiten Opposition zu sympathisieren. Dies fĂŒhrte zur endgĂŒltigen Entfremdung zwischen Platon und dem misstrauisch gewordenen Tyrannen. Platon wurde von Söldnern des Dionysios bedroht, geriet in eine lebensgefĂ€hrliche Lage und konnte nur mit MĂŒhe eine Gelegenheit zur Abreise erlangen.

Nach Platons RĂŒckkehr im Jahr 360 trieb Dion die RĂŒstungen fĂŒr einen Feldzug voran, wobei er von seinen Freunden in der Akademie unterstĂŒtzt wurde. Speusippos bestĂ€rkte ihn in der Annahme, dass der Tyrann bei seinen Untertanen verhasst und das Vorhaben daher aussichtsreich war.[3] Einige Platoniker beteiligten sich an dem Unternehmen, das Dion 357 mit einer relativ kleinen Streitmacht von Söldnern begann. Speusippos blieb in Athen,[4] ließ sich aber von einem der teilnehmenden Akademiemitglieder, Timonides von Leukas, brieflich ĂŒber den erfolgreichen Verlauf des Kriegszugs unterrichten.

Nach Platons Tod ĂŒbernahm Speusippos 348/347 die Leitung der Akademie; eine förmliche Wahl scheint nicht stattgefunden zu haben. Er fĂŒhrte ein Schulgeld ein und wich damit von der Haltung Platons ab, bei dem der Unterricht stets kostenlos gewesen war. Im Unterschied zu seinem VorgĂ€nger Platon und seinem Nachfolger Xenokrates wohnte Speusippos als Scholarch nicht in der Akademie. Die schon zu Platons Zeit bestehende RivalitĂ€t mit der Schule des Isokrates setzte er fort. Im Kampf um die makedonische Hegemonie in Griechenland ergriff er mit Entschiedenheit fĂŒr die makedonische Seite Partei. Er gehörte zu den eifrigen AnhĂ€ngern des Makedonenkönigs Philipp II. und versuchte – anscheinend erfolglos – den Einfluss des Isokrates am makedonischen Hof zurĂŒckzudrĂ€ngen.

Die Nachrichten ĂŒber seinen Tod (339/338) sind widersprĂŒchlich; angeblich setzte er wegen einer chronischen schweren Krankheit seinem Leben ein Ende.[5] Bis zuletzt soll er schriftstellerisch tĂ€tig gewesen sein. Seinem Wunsch folgend wĂ€hlten die Mitglieder der Akademie Xenokrates zu seinem Nachfolger.

Der Verfasser des unechten 13. Briefs in der Sammlung der Platon zugeschriebenen Briefe behauptet, Speusippos habe seine Nichte geheiratet.

Werke

Von den philosophischen Schriften des Speusippos sind nur Fragmente erhalten. Er greift insbesondere Fragestellungen auf, die sich aus den spĂ€ten Werken Platons ergeben. Diogenes Laertios ĂŒberliefert ein unvollstĂ€ndiges Verzeichnis der Werke. Es umfasst 27 Titel, darunter sowohl Abhandlungen als auch Dialoge.[6] Behandelt werden Themen der Metaphysik, Mathematik, Erkenntnislehre, Wissenschaftstheorie, Sprachphilosophie, Ethik, Politik, Theologie und Kosmologie, vermutlich auch der Rhetorik. Aus der Korrespondenz des Speusippos ist nur ein Brief an König Philipp II. erhalten.

Homoia

Etwa ein Drittel der bekannten Fragmente stammt aus seinem aus zehn BĂŒchern bestehenden Hauptwerk „Ähnliche Dinge“ (HĂłmoia).[7] Es handelte sich um eine systematisch geordnete Darstellung der Gesamtheit der damals bekannten Dinge. Dabei ging es Speusippos aber nicht um die Schaffung einer EnzyklopĂ€die als Nachschlagewerk, sondern sein Ziel war eine durchgĂ€ngige Klassifikation der gesamten Wirklichkeit nach einer einheitlichen Methode der Definition und Begriffsbildung. Zu diesem Zweck entwarf er ein umfassendes System von Gattungen und Arten. Als Ordnungsprinzip diente, wie der Titel besagt, die Ähnlichkeit. Dabei scheint Speusippos mehrere Grade der Ähnlichkeit unterschieden zu haben. Vermutlich ging das ambitiöse Vorhaben auf eine Anregung Platons zurĂŒck.

Erhalten sind rund sechzig zoologische und botanische Beispiele. Sie stammen alle aus dem zweiten der zehn BĂŒcher, das der biologischen Systematik gewidmet war. Die Erörterungen betreffen in erster Linie EinzelfĂ€lle aus der zoologischen und botanischen Systematik. Auffallend sind Übereinstimmungen von Speusippos’ Klassifikationen mit denen des Aristoteles in dessen Historia animalium. In den ĂŒbrigen neun BĂŒchern der Homoia wurde die Gliederung der unbelebten Natur dargestellt; dort wurde wohl auch die Einteilung der Metaphysik, der Mathematik, der Ethik und der Technik behandelt.

Unklar ist, ob es Speusippos nur um die Methodik des Klassifizierens ging, also um die philosophische Frage nach allgemeinen Gesetzen der Gliederung der Wirklichkeit, oder ob er seine naturkundlichen Untersuchungen auch aus einem spezifisch naturwissenschaftlichen Interesse anstellte. Jedenfalls ist ein empirischer Ansatz bei ihm nicht feststellbar; erst Aristoteles vollzog den Schritt zur empirischen Wissenschaft und wandte sich damit vom WissenschaftsverstÀndnis der Akademie ab.

Weitere philosophische Werke

Weitere Schriften, die demselben Themenbereich gewidmet waren wie die Homoia, trugen die Titel „Über Beispiele von Gattungen und Arten“ (oder: „Über Gattungen und Arten als Beispiele“, Peri genƍn kai eidƍn paradeigmĂĄtƍn), „Einteilungen und Annahmen hinsichtlich der Ă€hnlichen Dinge“ (DihairĂ©seis kai pros ta hĂłmoia hypothĂ©seis) und „Definitionen“ (hĂłroi). Ferner verfasste er eine Abhandlung „Über die pythagoreischen Zahlen“ (Peri Pythagorikƍn arithmƍn), worin er seine Theorie der Zahlen darlegte; er behandelte die Zahlen unter dem Gesichtspunkt ihrer „Ähnlichkeit“, das heißt ihrer Eigenheiten, Gemeinsamkeiten, Analogien und gegenseitigen Beziehungen. Dabei ging er von einer Zuordnung der Zahlen zu bestimmten geometrischen Figuren wie etwa Quadraten, Rechtecken und den platonischen Körpern aus. Von diesem Werk ist ein Auszug erhalten.

Eingehend Ă€ußerte sich Speusippos zur Frage nach der Funktion der Lust, die Platon in seinem Dialog Philebos behandelt hatte. Mit diesem Thema befasste er sich in einem Dialog mit dem Titel Aristippos (benannt nach Aristippos von Kyrene, einem prominenten Vertreter des Hedonismus) sowie in einer Abhandlung „Über die Lust“ (Peri hēdonᾗs). Einige andere Schriften waren anscheinend rhetorischen Themen gewidmet.

Ferner verfasste Speusippos ein „Enkomion (Lobrede oder Lobschrift) auf Platon“. Unklar ist, ob es sich dabei um die Gedenkrede handelt, die Speusippos entweder beim Leichenmahl Platons hielt oder (wahrscheinlicher) anlĂ€sslich der ersten Feier von Platons Geburtstag, der nach dessen Tod alljĂ€hrlich in der Akademie gefeiert wurde. Hier taucht erstmals die Legende von Platons göttlicher Abstammung auf; sein Vater soll der Gott Apollon gewesen sein. Allerdings ist kaum anzunehmen, dass Speusippos selbst an die Legende glaubte.[8]

Briefe

In der Sammlung der „Sokratikerbriefe“ sind acht Briefe ĂŒberliefert, die angeblich von Speusippos verfasst wurden oder an ihn gerichtet waren. Nach heutigem Forschungsstand sind alle außer einem Schreiben des Philosophen an König Philipp II. unecht. Die Echtheit des Briefs an Philipp wird in der neueren Forschung fast einhellig angenommen, wenn auch nicht mit restloser Gewissheit.[9] In dem 343/342 verfassten Brief wird dem König ein Historiker namens Antipatros von Magnesia empfohlen, der besser als Isokrates geeignet sei, fĂŒr die makedonische Politik zu werben. Die Gegnerschaft zu Isokrates, mit dem Speusippos um die Gunst Philipps rivalisierte, tritt unverhĂŒllt zutage.[10] Umstritten ist, ob der Brief privat war oder sein Verfasser ihn zwecks Beeinflussung der öffentlichen Meinung zur Veröffentlichung bestimmte.[11]

Es soll auch eine Korrespondenz des Speusippos mit Dionysios II. gegeben haben. Briefliche Äußerungen des Tyrannen gegenĂŒber dem Philosophen sind zitatweise ĂŒberliefert,[12] die AuthentizitĂ€t dieser Zitate ist allerdings ungewiss.

Lehre

Speusippos wich in wesentlichen Punkten von der Lehre Platons ab, in der er, wie Aristoteles berichtet, „Schwierigkeiten“ entdeckt hatte. Dies betrifft insbesondere die Ontologie.

Gesamthaft wirkt das Weltbild des Speusippos komplexer und weniger ĂŒbersichtlich als dasjenige Platons. Die GrĂŒnde dafĂŒr sind, dass die Seinsstufen weniger stringent miteinander verknĂŒpft werden und die ontologische Ordnung nicht zugleich durchgĂ€ngig eine Wertordnung darstellt. Zudem treten die Beziehungen zwischen den Elementen der Wirklichkeit gegenĂŒber deren je besonderer Eigenart in den Vordergrund. Diese Art des Philosophierens trug Speusippos den Vorwurf des Aristoteles ein, er denke episodenhaft und stelle die Wirklichkeit wie in einer schlechten Tragödie dar.[13]

Ontologie

FĂŒr den ontologischen Stufenbau der Welt nimmt Speusippos fĂŒnf Stufen an. Es gilt folgende Abfolge: zuoberst das Eine, das aber nicht als Stufe aufgefasst wird, sondern ĂŒber allen Stufen steht;[14] dann als erste (oberste) Stufe die Zahlen, als zweite die geometrischen Figuren, als dritte die bewegte Weltseele. Die Weltseele wird als mathematische (geometrische) Wesenheit aufgefasst und als „Idee (Gestalt) des ĂŒberallhin Ausgedehnten“ definiert. Die vierte und die fĂŒnfte Stufe umfassen den Bereich der sinnlich wahrnehmbaren Körper, dessen Unterteilung nicht ĂŒberliefert ist; vermutlich bilden die belebten Körper die vierte Stufe, die unbelebten materiellen Objekte die fĂŒnfte. Die Zahlen bringen die Vielheit und die ousĂ­a („Seiendheit“) mit sich, die geometrischen Figuren zusĂ€tzlich die Ausdehnung, die Seele fĂŒhrt die Bewegung ein und mit den Körpern tritt die MaterialitĂ€t hinzu. Die erste und die zweite Stufe machen den göttlichen Nous aus.[15]

Speusippos weigert sich, wie Platon das Gute (agathĂłn) mit dem Einen und der archᾗ, der Weltursache, gleichzusetzen. Er argumentiert, das Eine mĂŒsse als Wertprinzip allem Werthaften, also auch dem Guten, ĂŒbergeordnet sein. Außerdem liege das Gute im Nutzen und Ertrag (etwa von Pflanzen und Nutztieren), also im Ziel von etwas und somit nicht in dessen Ursache oder Ursprung. Das Gute könne nicht mit dem Einen zusammenfallen, denn sonst mĂŒsste die Vielheit, die den Gegenpol des Einen bildet, das Schlechte an sich sein. Dann mĂŒsste alles, woran Vielheit beteiligt ist, also auch die mathematischen Gegebenheiten, in einem gewissen Ausmaß schlecht sein. Damit verwirft Speusippos einen Kernbestandteil von Platons Metaphysik. Er entfernt aus dem ontologisch höchstrangigen Bereich des Einen die ethische Vorstellung von GĂŒte, denn ethische Begriffe sind aus seiner Sicht nur fĂŒr Seinsebenen angemessen, auf denen die „Natur der seienden Dinge“ weiter fortgeschritten ist.[16] Den Vorgang der Entstehung von Mannigfaltigkeit aus der Einheit hĂ€lt er fĂŒr an sich wertneutral. Eine Ablehnung der Vielfalt und der Materie, in der sie existiert, als Ursprung des Übels ist somit fĂŒr Speusippos unangebracht.[17] Vielmehr betrachtet er Einheit und Vielheit als Urprinzipien, die beide jenseits des Bereichs des Seienden und des Werthaften liegen. Einheit und Vielheit sind fĂŒr ihn unmittelbar Prinzipien der Zahlen und dadurch mittelbar Prinzipien von allem. Die Materie, in der sich die Vielheit sinnlich wahrnehmbar manifestiert, kann nicht an sich schlecht sein, denn sie ist AufnahmestĂ€tte des Guten; wĂ€re sie fĂŒr dasjenige empfĂ€nglich, zu dem sie in absolutem Gegensatz steht, wĂŒrde dies zu ihrer Selbstaufhebung fĂŒhren. Begriffe wie „gut“ und „schlecht“, „schön“ und „hĂ€sslich“ sind somit nur auf einen Zwischenbereich zwischen Einheit und Vielheit anwendbar. Dort tritt das Werthafte zuerst als Schönes auf (nĂ€mlich im Bereich der mathematischen Gegebenheiten) und dann erst als Gutes (im Bereich des Seelischen und Körperlichen).[18]

Eine weitere Neuerung liegt darin, dass Speusippos die Eigenart eines jeden Seinsbereichs betont und jeder SeinssphĂ€re eine spezifische Seinsstufe zuweist. Damit wertet er das Einzelne gegenĂŒber dem Allgemeinen ontologisch auf, wĂ€hrend Platon sein Erkenntnisstreben grundsĂ€tzlich auf das Allgemeine als das Höherrangige konzentriert. Die Prinzipien der Seinsstufen leitet Speusippos nicht direkt auseinander ab, sondern stellt nur Analogien zwischen ihnen fest.[19]

Auch von Platons Ideenlehre wendet sich Speusippos ab. FĂŒr die allgemeinen Wesenheiten (Platons Ideen) nimmt er kein eigenstĂ€ndiges, von den Einzeldingen abgetrenntes Sein an. Damit kehrt er Platons ontologische Rangordnung zwischen dem Allgemeinen und dem Einzelnen um; das Allgemeine ist bei ihm vom Einzelnen abhĂ€ngig und an es gebunden. An die Stelle der platonischen Ideen treten bei Speusippos die Zahlen und die geometrischen Figuren. Gemeint sind die mathematischen Zahlen als solche, nicht deren Ideen wie „Zweiheit“ oder „Dreiheit“. Den Zahlen und Figuren weist Speusippos eine selbstĂ€ndige, unabhĂ€ngige metaphysische Existenz zu. Er betrachtet sie als vom menschlichen Geist unmittelbar erfassbare RealitĂ€ten, deren Erkenntnis den Ausgangspunkt aller sonstigen Erkenntnisse bilde.[20] Mit diesem Konzept vereinigt er Mathematik und Metaphysik; die Gesetze der Mathematik erscheinen zugleich als diejenigen der Metaphysik. Der platonische Grundsatz des ontologischen Vorrangs des Mathematischen vor dem VergĂ€nglichen bleibt trotz des Verzichts auf die Ideenlehre gewahrt.

Im Gegensatz zu Aristoteles, der den unbewegten Beweger (das erste Prinzip) als reinen Akt betrachtet und damit der Wirklichkeit ontologische PrioritĂ€t gegenĂŒber der Möglichkeit gibt, tritt Speusippos fĂŒr das umgekehrte VerhĂ€ltnis ein. Er fasst das erste Prinzip als reine Potenz (Möglichkeit) auf, die erst etwas hervorbringen muss, um selbst wirklich existieren zu können. Dieser Gedanke eignet sich zugleich als ErklĂ€rung dafĂŒr, dass das erste Prinzip ĂŒberhaupt etwas hervorbringt. Aristoteles, der diese Position kritisiert, illustriert die beiden gegensĂ€tzlichen Standpunkte mit dem Beispiel, dass ein erwachsenes Lebewesen (Akt) vor dessen Samen (Potenz) existieren mĂŒsse; Speusippos nehme zu Unrecht die umgekehrte Reihenfolge an (siehe Henne-Ei-Problem).[21] Mit seinem VerstĂ€ndnis des Einen nimmt Speusippos ein Element neuplatonischen Denkens vorweg.[22] Er betrachtet das Eine als absolute Grenze und absolutes, Vielheit und QuantitĂ€t aufhebendes Minimum, das zugleich unendlich und insofern auch ein Maximum ist.[23]

Wissenschaftstheorie und Sprachphilosophie

Speusippos stellt an eine Definition hohe Anforderungen. Er meint, man könne ein Ding nur dann definieren, wenn man weiß, worin es sich von allen anderen Dingen unterscheidet. Demnach setzt jede Definition eine Kenntnis der Gesamtwirklichkeit voraus; das VerhĂ€ltnis des zu definierenden Dings zu allem anderen Existierenden muss bekannt sein. Daraus leitet Speusippos aber nicht eine skeptische Haltung hinsichtlich der Möglichkeit einer korrekten Wesensbestimmung einzelner Dinge ab. Vielmehr meint er, im Rahmen einer universalen Klassifikation, auf die sein Werk Homoia abzielt, könne die Beziehung jedes Gegenstands zu jedem anderen dargelegt werden.[24] Dahinter steht die Auffassung, dass Einzeldinge nicht separat existieren, sondern nur durch die Gesamtheit ihrer Beziehungen zu anderen Dingen konstituiert werden. Diesem Konzept folgt Speusippos in seinen Homoia, wo er auf der Basis von Aussagen ĂŒber Ähnlichkeitsbeziehungen klassifiziert. Sein Ansatz unterscheidet sich von Platons Verfahren der Dihairesis, bei dem man differenzierend durch dichotomische Aufteilung von Gattungen ĂŒber Untergattungen zu Arten voranschreitet.[25]

Auf diese Art geht Speusippos auch in der Sprachphilosophie vor. Er untersucht Bezeichnungen und Definitionen. Dabei ist fĂŒr seine Denkweise charakteristisch, dass er die Begriffe nicht nach ihren je eigenen Merkmalen einteilt, sondern die verschiedenen Arten ihrer Beziehungen zueinander klassifiziert. Er teilt die möglichen VerhĂ€ltnisse zwischen Wörtern in zwei Haupt- und fĂŒnf Untergruppen nach dem Kriterium, inwieweit die Bedeutungen ĂŒbereinstimmen.[26]

Kosmologie

In der Kosmologie gehörte Speusippos ebenso wie sein Nachfolger Xenokrates zu den AnhĂ€ngern der Auffassung, dass die Darstellung der Weltschöpfung in Platons Dialog Timaios nicht im buchstĂ€blichen Sinne einer Erschaffung zu einem bestimmten Zeitpunkt gemeint ist, sondern Platons Ausdrucksweise metaphorisch zu verstehen ist und nur aus einem didaktischen Grund gewĂ€hlt wurde. Wie zahlreiche andere Platoniker hielt Speusippos die Welt fĂŒr ewig.[27]

Ethik

Wie in der antiken Philosophie allgemein ĂŒblich, erscheint auch bei Speusippos die Eudaimonie als Ziel menschlichen Handelns. Er versteht darunter die Beschwerdelosigkeit (aochlēsĂ­a), die von den „Guten“ angestrebt werde. Mit Beschwerdelosigkeit meint er sowohl die Abwesenheit von Schmerz als auch die Vermeidung von Lust; die Lust betrachtet er nĂ€mlich nicht als Gut, sondern wertet sie negativ. Schmerz und Lust sind fĂŒr ihn PhĂ€nomene des Werdens und der Bewegung und als solche dem ruhenden Sein einer affektfreien Indifferenz unterlegen.[28] Umstritten ist in der Forschung seit langem, ob die von Platon im Dialog Philebos erwĂ€hnten „Gegner des Philebos“, nach deren Ansicht Lust nur das Aufhören von Schmerz ist und somit nicht eigenstĂ€ndig existiert, AnhĂ€nger der Lustlehre des Speusippos waren. Wenn dies – wie zahlreiche Forscher annehmen – der Fall ist, hat Platon sich im Philebos mit der Auffassung seines Neffen auseinandergesetzt.[29]

Rezeption

Aristoteles geht wiederholt auf Lehren des Speusippos ein. Er kritisiert sie polemisch, lÀsst sich aber auch von ihnen anregen, denn ihre Abweichungen von Platons Auffassungen kommen seiner eigenen Platon-Kritik entgegen.

In der Platonischen Akademie war die Nachwirkung von Speusippos’ Lehren relativ gering, zumal da sein Nachfolger Xenokrates eine andere Richtung einschlug, die sich als zukunftstrĂ€chtiger erwies. Die Speusippos-Tradition erlosch aber nicht, sondern wirkte bis in die SpĂ€tantike fort. Im Neuplatonismus wurde Speusippos’ Gedanke aufgegriffen, dass das Eine sich oberhalb des Bereichs des Seins befinde und insofern selbst nicht etwas Seiendes sei. Der spĂ€tantike Neuplatoniker Iamblichos kannte das System des Speusippos; in seinem Werk De communi mathematica scientia teilt er einen Abriss davon mit.[30]

Als Persönlichkeit des öffentlichen Lebens war Speusippos in der Antike wegen seiner politischen Parteinahmen umstritten. Die gegensĂ€tzlichen Meinungen ĂŒber ihn spiegeln sich in den Quellen. Seine Biographie bei Diogenes Laertios enthĂ€lt Material aus einer ihm wohlgesinnten und einer gegnerischen Tradition. Plutarch berichtet Vorteilhaftes, darunter eine gĂŒnstige Meinung Platons ĂŒber Speusippos. Athenaios und Diogenes Laertios ĂŒberliefern Angaben von gegnerischer Seite, die angeblich auf Briefe des Tyrannen Dionysios II. zurĂŒckgehen. Den Behauptungen seiner Feinde zufolge war Speusippos jĂ€hzornig, vergnĂŒgungssĂŒchtig, dem Alkohol zugeneigt und geldgierig. Der Kirchenschriftsteller Tertullian schreibt, offenbar einer Legende folgend, Speusippos sei bei einem Ehebruch ums Leben gekommen.[31]

In der modernen Forschung galt Speusippos’ Denken lange als abstrus. Diese EinschĂ€tzung entstand unter dem Eindruck der einseitigen Darstellung des Aristoteles. Als jedoch Philip Merlan 1953 das große Speusippos-Fragment bei Iamblichos entdeckte und in der Folgezeit weitere Quellen erschlossen wurden, ergab sich ein wesentlich vorteilhafteres Bild der philosophischen Leistung von Platons Nachfolger.[32] Hans KrĂ€mer hĂ€lt ihn fĂŒr die neben Platon und Aristoteles „stĂ€rkste philosophische Potenz der Älteren Akademie“.[33] Weiterhin negativ beurteilt wird seine als opportunistisch eingeschĂ€tzte vorbehaltlose Parteinahme fĂŒr Philipp II.[34]

Ausgaben und Übersetzungen

  • Margherita Isnardi Parente (Hrsg.): Speusippo. Frammenti. Neapel 1980, ISBN 88-7088-011-7 (Edition der Fragmente mit italienischer Übersetzung und Kommentar)
  • Margherita Isnardi Parente (Hrsg.): Supplementum Academicum. In: Atti della Accademia Nazionale dei Lincei. Classe di scienze morali, storiche e filologiche. Memorie, Reihe 9, Bd. 6, 1995, S. 247−311 (enthĂ€lt ErgĂ€nzungen zur 1980 erschienenen Edition der Herausgeberin)
  • Anthony Francis Natoli: The Letter of Speusippus to Philip II. Franz Steiner, Stuttgart 2004, ISBN 3-515-08396-0 (Edition des Briefs mit englischer Übersetzung, Einleitung und Kommentar)
  • Wilhelm Nestle (Hrsg.): Die Sokratiker. Jena 1922, Neudruck Scientia, Aalen 1968 (enthĂ€lt S. 192−199 Speusippos-Fragmente in deutscher Übersetzung)
  • Leonardo TarĂĄn: Speusippus of Athens. A critical study with a collection of the related texts and commentary. Brill, Leiden 1981, ISBN 90-04-06505-9

Literatur

Weblinks

Anmerkungen

  1. ↑ Philip Merlan: Kleine philosophische Schriften, Hildesheim 1976, S. 131.
  2. ↑ Plutarch: Dion 22. Siehe dazu Kai Trampedach: Platon, die Akademie und die zeitgenössische Politik, Stuttgart 1994, S. 110; Kurt von Fritz: Platon in Sizilien und das Problem der Philosophenherrschaft, Berlin 1968, S. 70; Helmut Berve: Dion, Wiesbaden 1957, S. 53.
  3. ↑ Plutarch: Dion 22.
  4. ↑ Angaben, wonach er mitzog, sind unzutreffend. Zu den SchĂŒlern Platons, die teilnahmen, siehe Trampedach S. 111f., Berve S. 65f.
  5. ↑ Diese oft wiedergegebene Behauptung hĂ€lt Dillon (2003) S. 32 fĂŒr sehr unglaubwĂŒrdig.
  6. ↑ Diogenes Laertios nennt dreißig Titel, wovon drei doppelt angefĂŒhrt sind; siehe Dillon (2003) S. 34 und Anm. 14.
  7. ↑ Dies ist ein abgekĂŒrzter Titel, der genaue Wortlaut des vollstĂ€ndigen Titels ist unklar.
  8. ↑ Tarán (1981) S. 228f.
  9. ↑ Trampedach S. 138 und Anm. 100; Francisco Pina Polo/Sabine Panzram: Mito, historia y propaganda política: La carta de Espeusipo a Filipo II de Macedonia. In: Gerión 19, 2001, S. 355–390, hier: 357f. Anm. 6; Natoli (2004) S. 17–31. Anders Tarán (1981) S. XXIII.
  10. ↑ Zu den HintergrĂŒnden siehe Minor M. Markle III: Support of Athenian intellectuals for Philip: a study of Isocrates’ Philippus and Speusippus’ Letter to Philip. In: The Journal of Hellenic Studies 96, 1976, S. 80–99.
  11. ↑ Natoli (2004) S. 20–22 plĂ€diert fĂŒr privaten Charakter des Schreibens und erörtert die Ă€lteren Forschungsmeinungen.
  12. ↑ Merlan (1976) S. 136–138.
  13. ↑ Aristoteles: Metaphysik 1075b37–1076a4 und 1090b19f.
  14. ↑ Dillon (2003) S. 54f.
  15. ↑ Hans Joachim KrĂ€mer: Der Ursprung der Geistmetaphysik, 2. Auflage, Amsterdam 1967, S. 208–210, 216–218; spĂ€ter hat KrĂ€mer sein Schema etwas modifiziert, siehe KrĂ€mer (2004) S. 21f. Ein etwas abweichendes Schema prĂ€sentiert Harold A.S. Tarrant: Speusippus’ ontological classification. In: Phronesis 19, 1974, S. 130–145.
  16. ↑ Aristoteles: Metaphysik 1091a35f.
  17. ↑ John Dillon: The Middle Platonists, London 1977, S. 12–15.
  18. ↑ KrĂ€mer (1967) S. 212–214. Zu einer abweichenden Auffassung, die Leonardo TarĂĄn Ă€ußerte, siehe John Dillon: Speusippus in Iamblichus. In: Phronesis 29, 1984, S. 327f.
  19. ↑ KrĂ€mer (1967) S. 32, 210f.; Jens Halfwassen: Speusipp und die Unendlichkeit des Einen. In: Archiv fĂŒr Geschichte der Philosophie 74, 1992, S. 62f.
  20. ↑ Siehe dazu Harold Cherniss: Die Ă€ltere Akademie, Heidelberg 1966, S. 44−50.
  21. ↑ John Dillon: The Middle Platonists, London 1977, S. 12f.
  22. ↑ KrĂ€mer (1967) S. 351−353.
  23. ↑ Halfwassen (1992) S. 55−67.
  24. ↑ Cherniss (1966) S. 49.
  25. ↑ Malcolm Wilson: Speusippus on knowledge and division. In: Wolfgang Kullmann/Sabine Föllinger (Hrsg.): Aristotelische Biologie, Stuttgart 1997, S. 13−25. Zu Speusippos’ nichtdihairetischem Vorgehen siehe auch Andrea Falcon: Aristotle, Speusippus, and the method of division. In: Classical Quarterly 50, 2000, S. 402−414.
  26. ↑ Wilson (1997) S. 20–22. Dass es Speusippos hier um Begriffe und nicht (wie Jonathan Barnes meinte) um Dinge geht, wird heute allgemein angenommen. Siehe dazu die ausfĂŒhrliche Argumentation von Leonardo TarĂĄn: Speusippus and Aristotle on Homonymy and Synonymy. In: Hermes 106, 1978, S. 73−99.
  27. ↑ Matthias Baltes: Die Weltentstehung des platonischen Timaios nach den antiken Interpreten, Teil 1, Leiden 1976, S. 18–21.
  28. ↑ KrĂ€mer (2004) S. 27–29.
  29. ↑ John M. Dillon: Speusippus on Pleasure. In: John M. Dillon: The Great Tradition, Aldershot 1997, Nr. III, S. 104−113.
  30. ↑ Zur Fortwirkung des Speusippos siehe KrĂ€mer (1967) S. 222, 351ff. Zur Herkunft von Iamblichos’ AusfĂŒhrungen aus einem verlorenen Werk des Speusippos, die von Leonardo TarĂĄn zu Unrecht bestritten wurde, siehe John Dillon: Speusippus in Iamblichus. In: Phronesis 29, 1984, S. 325−332, Halfwassen (1992) S. 44 und Anm. 4, KrĂ€mer (2004) S. 21, Metry (2002) S. 148−151.
  31. ↑ Tertullian: Apologeticum 46,10.
  32. ↑ Halfwassen (1992) S. 43−45; vgl. Dillon (2003) S. 42, Metry (2002) S. 2f. sowie Tarán (1981) S. 8 („a highly original philosopher“, „Speusippus 
 need not have been inferior even to Aristotle himself“).
  33. ↑ KrĂ€mer (2004) S. 30.
  34. ↑ Natoli (2004) S. 10.
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