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„Ein Sprichwort ist ein allgemein bekannter, fest geprägter Satz, der eine Lebensregel oder Weisheit in prägnanter, kurzer Form ausdrückt.“
– Wolfgang Mieder, Sprach- und Literaturwissenschaftler
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In der Sprachwissenschaft wird die Kunde von den Sprichwörtern, nach dem griechischen Wort paroimia (daher Parömie), als wissenschaftliche Disziplin Parömiologie genannt.
„Ein Sprichwort ist ein kurzer Satz, der sich auf lange Erfahrung gründet.“
„Im Unterschied zum direkten Imperativ — »Du sollst nicht töten« oder »Edel sei der Mensch, hilfreich und gut« — kleiden sich hier die Normen in die Gewänder von Erfahrungssätzen: »Ehrlich währt am längsten«. Einem Großversuch würde diese Aussage vermutlich nicht standhalten; schon gar nicht die tollkühne Behauptung »Jung gefreit hat niemand gereut« […] Hätte die Gemeinschaft ihren Bedarf an ehrlichen Bürgern, hätten Kaiser und Papst ihren Wunsch nach reichem Nachwuchs an Soldaten und Katholiken in durchschaubare Aufforderungen gepackt — »Sei ehrlich« oder »Heirate früh, damit du viele Kinder kriegst«: Die Wirkung wäre nach aller Wahrscheinlichkeit geringer gewesen als bei jener Verquickung mit vermeintlicher Lebenserfahrung, der der Einzelne nie entgegentreten konnte, weil es ihm an Weltkenntnis gebrach.“
Die Abgrenzung vom Sprichwort zum Zitat und zum geflügelten Wort ist nicht immer eindeutig. In der Linguistik wird der Wiederholungs- und Unveränderlichkeitsaspekt manchmal, mit einem Terminus von Eugenio Coseriu, als „wiederholte Rede“ (discurso repetido) gefasst. Zitate sind zunächst einmal individuelle Erfindungen, die aber sprichwörtlich werden können. Bei immer mehr geflügelten Worten geht das Zitatbewusstsein verloren. Das gilt besonders für viele aus der Bibel stammende Wendungen. Auffällig ist, dass in protestantischen Gesellschaften mehr auf die Bibel angespielt wird als in katholischen.
Manche Buch- und Filmtitel haben mittlerweile schon sprichwörtlichen Charakter angenommen. Sogar abgekürzte Refrains aus Volksliedern oder Schlagern werden zu Sprichwörtern.
Ein Sprichwort in Form eines Zitates wird als geflügeltes Wort bezeichnet. Nach André Jolles gehört das Sprichwort zu den sogenannten einfachen Formen.
In der Kultur des Mittelalters wird das Sprichwort in allen Lebensbereichen als Ausdrucksmittel geschätzt. Seit dem 12. Jahrhundert empfehlen zahlreiche Lehrwerke der Rhetorik das Sprichwort als Stilmittel zur Unterstützung der Beweiskraft didaktischer Schriften. Mittelalterliche Predigten setzen häufig Sprichwörter neben Schriftwörter. Erkenntnistheoretisch entspricht das Sprichwort den Tendenzen des scholastischen Realismus und dessen architektonischem Idealismus. Da es das Allgemeine, Universelle als das einzig Wirkliche und Beweiskräftige ansieht (universale ante rem), erlaubte es dem mittelalterlichen Menschen, im Alltag gleich wie in seiner Theologie zu denken. Aus diesem Grund bezeichnet Johan Huizinga das Sprichwort sogar als das der mittelalterlichen Geisteskultur wesensgemäßeste sprachliche Ausdrucksmittel.[1] Nur im Spätmittelalter, etwa in den Werken Geoffrey Chaucers, wird Skepsis gegenüber abstrakten sprachlichen Formen wie dem Sprichwort deutlich.[2]
Ein Sprichwort hat die Form einer festen und unveränderlichen Formulierung. Darin unterscheidet es sich von der Redewendung.
Oft wird die Form des Sprichworts durch Stabreim, End- oder Binnenreim noch besonders gefestigt.
Mit dem imperativischen Anspruch „Jeder kehre vor seiner eigenen Tür!“, „Man soll …“, „Man muss …“ oder „Man darf …“ hat das Sprichwort eine generalisierende Form angenommen. Es drückt in der Regel einen allgemein gültigen Satz aus, der entweder eine
Viele Sprichwörter sprechen
aus.
Oft widersprechen verschiedene Sprichwörter einander.
„Der gängigste Trost liegt darin, dass die Wörter es uns gestatten, den Lauf der Welt schwatzend zu begleiten, und auch dazu trägt die sogenannte Spruchweisheit vorzüglich bei: Kann ich heute plappern »Gleich und gleich gesellt sich gern«, so lässt mich doch morgen, in der umgekehrten Situation, die Sprache nicht im Stich: »Gegensätze ziehen sich an«“
– Wolf Schneider
Der Ursprung vieler Sprichwörter ist in der Bibel sowie bei lateinischen Autoren zu finden, die oft durch Martin Luthers Übersetzung Eingang in die deutsche Sprache fanden.
Viele kernige Sätze aus der Literatur wurden zu Sprichwörtern, ohne dass man ihre Herkunft noch kennt:
Viele Sprichwörter sind im Laufe der Zeit verändert, vermischt und oft auch inhaltlich weiterentwickelt worden. Diese Sprichwort-Fortentwicklungen sind in der Forschung noch nicht hinlänglich aufgearbeitet worden. Viele Abwandlungen sind spöttisch gemeint und wollen dadurch auch die Trivialität der Aussage des Originals hervorheben oder karikieren.
Der Reformator Johannes Agricola fertigte eine illustrierte Sammlung deutscher Sprichwörter an, von der 1582 eine Ausgabe mit 750 Sprüchen bei Hans Kraffts Erben in Wittenberg erschien. Originaltitel: „Sibenhundert und funfftzig Deutscher Sprüchwörter“.
Die umfangreichste deutsche Sprichwortsammlung des 16. und 17. Jahrhunderts von Friedrich Peters vereint alphabetisch 20.000 Einträge aus mündlich überliefertem Material, älteren Sammlungen und Dichtungen.