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Als Substitutionstheologie (von Lateinisch substituere, „ersetzen“; auch: Ersetzungs-, Enterbungs- oder Enteignungstheologie) bezeichnet man eine verbreitete christliche Lehre, wonach das von Gott erwählte Volk Israel nicht mehr das Volk seines Bundes, sondern für alle Zeit von Gott verworfen und verflucht sei. Aufgrund des angeblichen Gottes- bzw. Christusmordes seien Gottes Verheißungen an Israel auf die Kirche als neues Volk Gottes übergegangen. Juden könnten ihr Heil daher nur noch durch die Taufe und damit Aufgabe ihres Judentums erlangen.
Dieses Dogma bestimmte das Verhältnis des Christentums zum Judentum seit der Patristik über alle konfessionellen und epochalen Grenzen hinweg. Erst seit dem Holocaust begann hier allmählich ein Umdenken, das sich seit dem 2. Vaticanum von 1965 auf katholischer, dem Synodalbeschluss der Rheinischen Landeskirche von 1980 auf evangelischer Seite in einer umfassenden Revision der christlichen Lehren niedergeschlagen hat. Für diese ist die These vom „nie gekündigten Bund“ Gottes mit Israel (Martin Buber) entscheidend.
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Die Substitutionstheologie hat das Verhältnis der Kirche zum Judentum im Lauf der Christentumsgeschichte mit verschiedenen Modellen beschrieben, die im Kern immer auf die Aufhebung oder Auflösung des Judentums hinauslaufen:
Allen diesen Entwürfen gemeinsam ist dem Dialogtheologen Bertold Klappert zufolge, dass sie den besonderen Bund JHWHs mit diesem Volk der Juden, ihre Bestimmung zum Segen (Gen 12,3 EU) bzw. Licht der Völker (Jes 42,6 EU) nicht anerkennen können, sondern ihn in eine davon losgelöste Definition der wahren, absoluten oder endgültigen Religion (des Christentums) aufheben müssen.
Diese theologische Grundeinstellung kennzeichnete auch christliche Gremien, die sich nach 1945 für einen Dialog mit Juden und Judentum einsetzten, z. B. den Deutschen Evangelischen Ausschuss für Dienst an Israel. Die Historikerin Gabriele Kammerer schrieb dazu:[1]
„Die traditionelle theologische Sicht auf das jüdische Volk [...] lautete: Das Volk, aus dem Jesus kam, hat ihn nicht als Messias angenommen, also gehen seine Rechte als Volk Gottes an die Kirche über. Die Sicherheit, die aus dieser Enterbungstheologie spricht, ist zugleich die panische Abwehr einer existenziellen Angst. Wie kann denn, so müssen Christen sich fragen, unser Glaube an Jesus als Christus wahr sein, wenn sein eigenes Volk diesen Glauben nicht teilt? Über Jahrhunderte wussten Theologen auf diese Herausforderung keine andere Antwort als die: In seiner Ablehnung Jesu disqualifiziert sich Israel als Gottesvolk, das „neue Israel“ ist die Kirche.“
Alle neueren Modelle christlicher Theologen zum Verhältnis Kirche-Judentum gehen vom „niemals gekündigten Bund“ Gottes mit dem Volk Israel aus, den das Judentum durch seine Fortexistenz auch nach dem Holocaust kontinuierlich bezeuge. Sie greifen damit auf eine Formulierung des jüdischen Theologen Martin Buber zurück, der sie in einem Gespräch mit dem christlichen Theologen Karl Ludwig Schmidt am 14. Januar 1933 prägte und sich dabei auf Bibelstellen (Jes 54,8 EU; Jer 31,3 EU) und auf die gesamte Jüdische Geschichte bezog.[2]
Heutige Exegeten erkennen an, dass das Neue Testament (NT) den ungekündigten Israelbund bestätigt und bekräftigt, etwa wenn Paulus von Tarsus in Röm 11,2-29 EU betont:
„Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er einst erwählt hat... von ihrer Erwählung her gesehen sind sie von Gott geliebt, und das um der Väter willen. Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt.“
Demgemäß ist der Begriff „Volk Gottes“ im NT weiterhin auf das Volk Israel bezogen, so dass die Christen durch Jesus Christus „Miterben der Verheißung“ geworden seien (Eph 3,6 EU). Demnach könne die Kirche aus Juden und Heiden auf keinen Fall das erwählte Volk Gottes ersetzen und ablösen, sondern sei im Gegenteil ein aus reiner Gnade Gottes „eingepfropfter Zweig“ dieses Volkes (Röm 11,16-21 EU).
Daraus folgern christliche Theologen heute: Nur durch die Anerkennung der bleibenden Erwählung Israels könne die Kirche Anteil an seiner Verheißungsgeschichte erhalten. Christen, die das Judentum als überholte, abgelöste oder abzulösende Religion betrachten, haben aus dieser Sicht ihr eigenes Heil aufgegeben, ob sie es wissen oder nicht.
So betonte etwa der Kirchenhistoriker Karl Kupisch, das Volk Gottes in der Doppelgestalt von Synagoge und Kirche sei bleibend aufeinander angewiesen:[3]
„Das Geheimnis von Juden und Christen in ihrem gottgewollten Nebeneinander, Miteinander und, wie es uns diese sinkende Zeit noch lehren wird, auch Füreinander unter dem gemeinsamen Gott...beginnt uns erst in unseren Tagen aufzugehen.“
Der theologische Leitsatz vom ungekündigten Israelbund versteht das Nebeneinander von Judentum und Christentum als Fügung Gottes, die eine gemeinsame Aufgabe beinhaltet: Sie mache eine fundamentale besondere Solidarität, das Mit- und Füreinander beider Religionen im jeweils unverwechselbaren Zeugendienst an der Welt, unausweichlich.
Karl Barth formulierte in seiner Kirchlichen Dogmatik Band II/2 (1938): Israel und die Kirche seien das eine Volk Gottes in zweierlei Gestalt, mit dem Gott von Ewigkeit her zugunsten der Menschheit seinen Bund geschlossen habe. Juden selbst seien die maßgebenden lebendigen Ausleger und Zeugen der Hebräischen Bibel auch und gerade für die Christen. Damit wurde auch zum ersten Mal jüdisches Selbstverständnis und jüdische Auslegung des Tanach als notwendige Voraussetzung jedes jüdisch-christlichen Dialogs anerkannt.
Dieser Dialog wurde seit etwa 1960 dann vor allem auf den Deutschen Evangelischen Kirchentagen und den Katholikentagen praktiziert und für die gemeinsame Bibelexegese fruchtbar gemacht. Eine konkrete Folge davon war u. a. die bleibende jüdische Religionskritik an jedem christlichen Versuch, die Botschaft des Neuen Testaments zu vergeistigen und von weltlichen Konsequenzen zu lösen:[4]
„Warum schuf Gott den Atheismus?, fragte einst ein Jünger. Die Antwort eines der Leuchten des Chassidismus lautete: Auf dass Du den Hungrigen nicht verhungern lässt, indem du ihn mit der kommenden Welt vertröstest. Oder ihm einredest, er solle auf Gott vertrauen, der ihm beistehen werde, anstatt dass Du ihm jetzt zu essen gibst.“
Diese Variante stellt den bleibenden „Verheißungsüberschuss“ der israelitischen Prophetie heraus, den die jüdische Eigenauslegung der Hebräischen Bibel erkennbar macht. Der jüdische Messias ist der, der den Schalom, endgültigen Frieden und Gerechtigkeit besonders für die Armen und Entrechteten, bringt. Theologen wie Johann Baptist Metz und Jürgen Moltmann betonen daraufhin, dass Jesus Christus diese unabgegoltene messianische Hoffnung in seinem Handeln an der Seite und für die Armen Israels bis hin zur Lebenshingabe am Kreuz pars pro toto erfüllt und so das Reich Gottes vorweggenommen habe. Gott habe seinen Weg durch seine Auferweckung ultimativ bestätigt und damit Israels Hoffnungen für alle Völker erneuert und bekräftigt. Juden und Christen könnten diesen Gott deshalb nur im gemeinsamen Dienst für weltweiten irdischen Frieden und Gerechtigkeit bezeugen.
Diese Variante betont, dass Jesus Christus selbst der Substitutionstheologie nicht nur hinsichtlich des vorlaufenden Israelbundes und der unabgegoltenen messianischen Hoffnung, sondern vor allem im Blick auf seine Versöhnungstat am Kreuz widerspricht. Er habe die Völker gerade durch sein stellvertretendes Erleiden des Endgerichts – also das, was früher die Ablösung und Verwerfung des ersterwählten Gottesvolks begründete – in die Erwählungs- und Hoffnungsgeschichte Israel einbezogen.
Demnach müssten nicht die Juden, die Jesus nicht als Messias anerkennen, bekehrt und in die Kirche integriert werden, sondern die Christen aus den Völkern (hebr. Gojim) müssten erkennen, dass sie nur als „Hinzuberufene“ Teilhaber der Erwählung Israels sind (Röm 9-11). Nicht nur von ihrer historischen Herkunft und gemeinsamen eschatologischen Zukunft her, sondern auch und entscheidend von der Geschichte Jesu Christi selbst her seien die Völker zur gemeinsamen Erkenntnis des Gottes Israels – ausgedrückt in der Verheißung der Völkerwallfahrt zum Zion – bestimmt. Die christliche Völkermission sei also nicht die Vorbedingung und Vorstufe zur Judenmission, sondern die Erfüllung der Verheißung, dass die Völker sich zum Gott Israels bekehren und auf seinen an Israel offenbarten Willen hören. Damit werde die Judenmission abgelöst durch ein gemeinsames Friedenszeugnis der Kirche und Synagoge gegenüber den Völkern.