|
|
Lexikon auf Ihrer Homepage |
|
Lexikon als Lesezeichen hinzufügen |
Als Sudetendeutsche wird der 1945 gröĂtenteils vertriebene deutschsprachige Bevölkerungsteil Böhmens, MĂ€hrens und Schlesiens bezeichnet. Dies betraf insbesondere die als Sudetenland bezeichneten Grenzgebiete der heutigen Tschechischen Republik, aber auch einige im Landesinneren gelegene Sprachinseln.[1] Als alternative Begriffe fĂŒr den vergleichsweise jungen Begriff Sudetendeutsche werden Deutschböhmen und DeutschmĂ€hrer sowie Schlesier verwendet, seltener ist von Sudeten-Altösterreichern die Rede.
Die Vorfahren der Sudetendeutschen kolonisierten hauptsĂ€chlich im 12. und 13. Jahrhundert â im Zuge der deutschen Ostsiedlung aus Bayern, Franken, Obersachsen, Schlesien und Ăsterreich kommend â vor allem die Grenzgebiete Böhmens und MĂ€hrens. SpĂ€ter zogen Einwanderer aus deutschsprachigen Gebieten in Folge der Hussitenkriege, Pestepidemien und des DreiĂigjĂ€hrigen Krieges in entvölkerte Landstriche Böhmens und MĂ€hrens. Weitere deutschsprachige Zuwanderer kamen im Rahmen der Binnenwanderung aus deutschsprachigen Regionen der Habsburgermonarchie nach Böhmen, MĂ€hren und Schlesien.
In den böhmischen LĂ€ndern der Ăsterreichisch-Ungarischen Monarchie â und ab 1919 dem nordwestlichen Teil der Tschechoslowakei, dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik, lebten entsprechend den VolkszĂ€hlungen von 1910, 1921, 1930 und 1939 etwa 3,25 Millionen Deutsche (knapp ein Drittel mit leicht sinkender Tendenz) bei einer Gesamtbevölkerung von 1910 knapp zehn Millionen. Von den 3,63 Mio. Einwohnern der am 1. Oktober 1938 ins Deutsche Reich eingegliederten Gebiete waren etwa 2,9 Mio. Deutsche und etwa 700.000 Tschechen. Ein Teil des Territoriums wurde nicht Teil des am 14. April 1939 konstituierten Reichsgaues ĂŒber das Sudetenland, sondern den Gauen Oberschlesien und Bayerische Ostmark sowie den Reichsgauen Oberdonau und Niederdonau zugeschlagen. Etwa 400.000 Deutschböhmen lebten im tschechischen Restgebiet, ab 15. MĂ€rz 1939 Reichsprotektorat Böhmen und MĂ€hren, davon 260.000 in Prag.
Anteile der Umgangssprachen nach der VolkszÀhlung von 1910:
| Kronland | Einwohner | Deutsch | Tschechisch | Polnisch |
|---|---|---|---|---|
| Böhmen [2] | 6,6 Mio. | 2,2 Mio. | 4,2 Mio. | |
| MĂ€hren [3] | 2.604.857 | 719.462 | 1.868.985 | |
| Schlesien [4] | 756.949 | 332.301 | 183.938 | 239.953 |
| Summe | 9.962.000 | 3.252.000 | 6.253.000 | 234 Tsd. |
Inhaltsverzeichnis |
Der Name âSudetendeutscheâ (im EgerlĂ€nder Dialekt Suaderer) wurde vereinzelt schon im 19. Jahrhundert benutzt und setzte sich seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts, vor allem ab 1919 (d. h. nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der GrĂŒndung der Tschechoslowakei) als Sammelbegriff fĂŒr die ĂŒber drei Millionen Deutschen in den böhmischen LĂ€ndern durch und ersetzte die bis dahin ĂŒbliche Bezeichnung âDeutschböhmenâ. Er beruht auf dem Begriff âSudetĆĄtĂ NÄmciâ (Sudeten-Deutsche) fĂŒr den deutschen Bevölkerungsteil, den vor allem die Jungtschechen seit dem 19. Jahrhundert prĂ€gten.
Die Bezeichnung âSudetendeutscheâ leitet sich letztendlich von Gebirgszug der Sudeten ab, der sich im Norden Böhmens, MĂ€hrens und Sudetenschlesiens auf 330 km LĂ€nge hinzieht. Mit den SudetenlĂ€ndern (nicht zu verwechseln mit dem Begriff Sudetenland!) wurde in der Donaumonarchie das Gebiet umschrieben, auf dem sich heute im Wesentlichen die Tschechische Republik befindet, also Böhmen, MĂ€hren und Ăsterreichisch-Schlesien. Von den in den SudetenlĂ€ndern lebenden Deutschen leitet sich wiederum der Begriff Sudetendeutsche ab, der somit auch Bevölkerungsgruppen umfasst, die nicht im Bereich des Gebirgszuges der Sudeten lebten, sondern beispielsweise im Böhmerwald oder SĂŒdmĂ€hren.
Nicht wenige âSudetendeutscheâ wie etwa Peter Glotz (mit einem deutschen Vater und einer tschechischen Mutter) bezeichnen sich lieber als Deutschböhmen, was besonders in Ăsterreich neben DeutschmĂ€hrern oder Schlesiern die seit jeher bevorzugte Bezeichnung ist. Bisweilen spricht man hier auch von deutschen Randlböhmen. HĂ€ufig wird der Begriff Sudetendeutsche von Personen gemieden, die sich gezielt von der Sudetendeutschen Landsmannschaft oder von den politischen VorgĂ€ngen im Zusammenhang mit der Sudetendeutschen Partei Ende der 1930er Jahre absetzen möchten und denen die Begriffe Deutschböhmen oder DeutschmĂ€hrer politisch neutraler erscheinen. Auch die meisten Angehörigen der heutigen deutschen Minderheit in Tschechien bezeichnen sich nicht mehr als Sudetendeutsche. Andererseits verwendet auch die sozialdemokratisch eingestellte Seliger-Gemeinde auf ihrer InternetprĂ€senz die Eigenbezeichnung sudetendeutsch.[5]
Die Sudetendeutschen unterschieden sich nach Mundart, Herkunft und regionaler Kultur entsprechend den angrenzenden deutschen Regionalbevölkerungen der Altbaiern, Franken, Obersachsen (ThĂŒringer) und Schlesier. Sie sprachen nordbairische, auch vom FrĂ€nkischen beeinflusste Ortsdialekte im nordwestlichen Egerland, thĂŒringisch-obersĂ€chsische Dialekte in Nordböhmen, schlesische Ortsdialekte in NordmĂ€hren und bairische Ortsdialekte im SĂŒden und SĂŒdwesten des Landes.
Die verschiedenen sudetendeutschen Dialekte lassen sich in fĂŒnf Mundartlandschaften unterteilen:
Die Dialekte der sudetendeutschen Gebiete werden lexikographisch erfasst und beschrieben im Sudetendeutschen Wörterbuch. Die Sprachgeographie erfasst der Atlas der historischen deutschen Mundarten auf dem Gebiet der Tschechischen Republik.
Da heute kein geschlossenes sudetendeutsches Siedlungsgebiet mehr besteht, sind einige dieser Mundarten akut vom Aussterben bedroht. Dies gilt weniger fĂŒr die Mundarten, die bis heute in gleicher Weise in angrenzenden Gebieten in Deutschland und Ăsterreich gesprochen werden. StĂ€rker sind die Mundarten der frĂŒheren Sprachinseln und die schlesischen Mundarten NordmĂ€hrens gefĂ€hrdet.
Da âSudetendeutscheâ ein zusammenfassender Oberbegriff fĂŒr die Deutschen am Rande des Sudetengebirges â aber auch fĂŒr die deutschen Bewohner hiervon weitab gelegener Regionen wie dem Böhmerwald oder SĂŒdmĂ€hren â ist, wird bei der Betrachtung der Siedlungsgeschichte zwischen den verschiedenen deutschen Volksgruppen unterschieden. Das Siedlungsgebiet verteilte sich geographisch auf das Böhmerwaldgebiet, das Egerland, Nordböhmen, Ostböhmen, MĂ€hrisch Schlesien, NordmĂ€hren und SĂŒdmĂ€hren. AuĂerdem gab es einige deutsche Sprachinseln wie den Schönhengstgau (siehe Bild) und deutsche Minderheiten in StĂ€dten mit vorwiegend tschechischsprachiger Bevölkerung. Stellvertretend wird hier zunĂ€chst die Siedlungsgeschichte Böhmens, des geschlossensten und gröĂten Gebietes, betrachtet.
Vor der Völkerwanderungszeit war Böhmen von keltischen und germanischen StĂ€mmen besiedelt. Mit der Völkerwanderung folgten slawische StĂ€mme. Die deutsche Besiedlung Böhmens setzte vor allem zur Zeit des Frankenreiches und des böhmischen Herrschergeschlechts der PĆemysliden ein. SpĂ€testens mit der Herrschaft Karl IV. als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und König von Böhmen entstand eine kulturelle Dominanz der Deutschen. Die 1348 gegrĂŒndete Prager Karls-UniversitĂ€t war die erste deutsche UniversitĂ€t, Johannes von Saaz verfasste die wichtige Prosadichtung Der Ackermann aus Böhmen; deutsche Siedlungen, Ackerbau, Gewerbe und Kunst im Land wurden gefördert. Mit den Hussitenkriegen, die neben religiösen vor allem nationale Ursachen hatten, wurde der dominierende deutsche Einfluss verdrĂ€ngt, es kam jedoch auch zu friedlichem tschechisch-deutschem Zusammenleben, beispielsweise unter dem Einfluss der Böhmischen BrĂŒder. WĂ€hrend der Reformationszeit gab es auch Dorfgemeinschaften mit mehreren Konfessionen.
Die Glasindustrie nahm in der Zeit vor dem DreiĂigjĂ€hrigen Krieg ihren Anfang in den böhmischen Waldgebieten.
Die Zeit des DreiĂigjĂ€hrigen Krieges war von GrĂ€ueltaten und Opfern in der Bevölkerung geprĂ€gt; die Einwohnerzahl in Böhmen lag nach dem Krieg bei etwa einem Drittel gegenĂŒber dem Beginn des Jahrhunderts.[6][7] Bis zur letzten ortsansĂ€ssigen Generation immer noch gĂ€ngige Schimpfwörter unter Deutschböhmen waren âDu Schwedââ â das vernichtendste Verdikt ĂŒberhaupt â oder âder elentige Krawatâ, der âelendeâ Kroate, abgeleitet von der einschlĂ€gigen Soldateska, die das Land wĂ€hrend dieser Zeit heimsuchte. Die anschlieĂende Gegenreformation durch die Habsburger förderte erneut die Neubesiedlung verödeter Gebiete durch Zuwanderer aus den benachbarten deutschen Grenzgebieten. Mitte des 17. Jahrhunderts kam es zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung, wenn auch die Freiheit des Einzelnen, der Bauernschaft und der StĂ€dte durch den herrschenden Absolutismus stark eingeschrĂ€nkt war. Erst unter Maria Theresia und ihrem Sohn, Kaiser Josef II. besserte sich die Situation; die EinfĂŒhrung der Schulpflicht und die Aufhebung der Leibeigenschaft sind zwei Beispiele. Die deutsche Sprache war Verkehrs- und Bildungssprache, die Epoche der AufklĂ€rung und der Weimarer Klassik im 18. Jahrhundert trugen ihren Teil zum verstĂ€rkten kulturellen Einfluss der deutschen Sprache nicht nur in Böhmen bei.
WĂ€hrend und nach der Zeit der Romantik im 19. Jahrhundert gewannen erneut tschechisch-nationale, spĂ€ter auch nach Eigenstaatlichkeit strebende Bewegungen an Kraft, wie der Austroslawismus, die ihren vorlĂ€ufigen Höhepunkt nach dem Ersten Weltkrieg in der GrĂŒndung der Tschechoslowakei erreichten und die Vorherrschaft deutscher Sprache und Kultur auf die deutschen Siedlungsgebiete zurĂŒckdrĂ€ngten. WĂ€hrend der seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts einsetzenden Nationalen Wiedergeburt der Tschechen veröffentlichte u. a. Josef Jungmann sein Werk Ăber die tschechische Sprache, erste Unterredung (O jazyku ÄeskĂ©m, rozmlouvĂĄnĂ prvnĂ).[8]
Am 28. Oktober 1918 proklamierte sich die Tschechoslowakei als selbstĂ€ndiger Staat. In den ĂŒberwiegend von Deutschen besiedelten Grenzgebieten Böhmens, MĂ€hrens und MĂ€hrisch-Schlesiens lehnte die Mehrheit der Bewohner die Einbeziehung in den neuen Staat ab. Zwei Provinzen (Deutschböhmen und Sudetenland) sowie die Kreise Böhmerwaldgau und DeutschsĂŒdmĂ€hren erklĂ€rten â unter Berufung auf das soeben proklamierte Selbstbestimmungsrecht der Völker â ihren Anschluss an Deutschösterreich. Die Tschechoslowakei bestand auf den âhistorischen LĂ€ndern der böhmischen Kroneâ, und im November 1918 besetzten tschechische Truppen diese Gebiete. Die am 4. MĂ€rz 1919 dagegen abgehaltenen Demonstrationen wurden von den Tschechen blutig aufgelöst.
Die Bezeichnung âSudetendeutscheâ fĂŒr die Deutschböhmen, DeutschmĂ€hren und MĂ€hrisch-Schlesier sowie den Namen âSudetenlandâ gibt es im allgemeinen Sprachgebrauch erst seit diesen Autonomiebestrebungen. Die deutschen Bewohner Böhmens und MĂ€hrens fĂŒhlten sich aber auch zuvor schon infolge ihrer Abstammung und ihrer Muttersprache als eine zusammenhĂ€ngende Gruppe.
Durch den Vertrag von Saint-Germain vom 10. September 1919 wurde der Verbleib der von den Sudetendeutschen bewohnten Gebiete bei der Tschechoslowakei bestÀtigt. Im Sudetenland wurden nun von der Regierung Tschechen angesiedelt, meist Beamte und sonstige Staatsbedienstete. Die Deutschen blieben in den von ihnen bewohnten Regionen jedoch in der Mehrheit.
Auf die machtpolitisch geschaffenen Fakten reagierte ein groĂer Teil der deutschstĂ€mmigen Bevölkerung zunĂ€chst mit Verweigerung. Besonders die Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei (DNSAP) â eine radikale Gruppierung âmit antikapitalistischen, antikommunistischen, völkischen und antisemitischen ZĂŒgenâ[9] â unter Hans Knirsch und die Deutsche Nationalpartei von Rudolf Lodgman von Auen verfolgten eine Politik des Negativismus, d. h. einer Ablehnung des tschechoslowakischen Staates. DemgegenĂŒber arrangierte sich ein Teil der Sudetendeutschen mit den gegebenen VerhĂ€ltnissen, und die von ihnen gewĂ€hlten Parteien versuchten durch aktive Mitarbeit im Prager Parlament, die Situation der Sudetendeutschen zu verbessern. Ab 1926 waren der Bund der Landwirte und die Deutsche Christlich-Soziale Volkspartei, ab 1929 auch die Deutsche Sozialdemokratische Partei an Prager Regierungen beteiligt.
Im Zuge der Entwicklung in Deutschland geriet die DNSAP in immer gröĂere AbhĂ€ngigkeit von der ihr ideologisch nahestehenden NSDAP in Deutschland. Seit 1931 war sie praktisch eine âGliederung der Hitlerparteiâ. 1932 bildete sich in ihr eine uniformierte Parteigruppe âVolkssportâ.[10] Als durch Adolf Hitlers MachtĂŒbernahme die Situation fĂŒr die Tschechoslowakei bedrohlich wurde, wurde die DNSAP 1933 verboten; die DNP kam dem Verbot durch Selbstauflösung zuvor.
In dieser Situation grĂŒndete Konrad Henlein vom sudetendeutschen Turnerbund am 1. Oktober 1933 die âSudetendeutsche Heimatfrontâ, die er als Sammlungsbewegung der Sudetendeutschen konzipierte. ZunĂ€chst Ă€uĂerten er und andere fĂŒhrende Vertreter der Organisation ihre LoyalitĂ€t zur Tschechoslowakei. Von Beginn an arbeiteten jedoch auch frĂŒhere Mitglieder der aufgelösten DNSAP und DNP mit. Mit dem auĂenpolitischen Erstarken Deutschlands gerieten Henlein und die gesamte Bewegung immer mehr unter ihren Einfluss.
Im Wahljahr 1935 waren 600.000 von 2,5 Millionen erwachsenen Sudetendeutschen arbeitslos, nachdem sudetendeutsche Industriebetriebe infolge der Weltwirtschaftskrise ihre AbsatzmĂ€rkte im Ausland verloren.[11] Nur 30 % der Arbeitslosen erhielten staatliche UnterstĂŒtzung.[12] Im benachbarten Deutschen Reich halbierte sich die Arbeitslosigkeit zwischen 1933 und 1935,[13] was bei zahlreichen Sudetendeutschen den Wunsch nach einem Anschluss an das wirtschaftlich erfolgreiche Nachbarland auslöste. Prag hielt an der Fiktion des âtschechischen Nationalstaatesâ fest, der öffentliche Dienst wurde anhaltend tschechisiert. Bei den Parlamentswahlen 1935 errang die inzwischen in âSudetendeutsche Parteiâ umbenannte Heimatfront etwa zwei Drittel der von Sudetendeutschen abgegebenen Stimmen. Ende 1936 war bereits jeder sechste Deutsche Mitglied der SdP, die Selbstverwaltung und territoriale Autonomie fĂŒr die Sudetendeutschen forderte.
Die NSDAP unterstĂŒtzte Konrad Henlein und seine Partei finanziell massiv. Im weiteren Verlauf nĂ€herte sich die Sudetendeutsche Partei immer mehr an Hitler an. Henlein schrieb schon am 5. November 1937 an Hitler, die SdP sei nationalsozialistisch und ersehne âdie Einverleibung des sudetendeutschen Gebiets, ja des ganzen böhmisch-mĂ€hrisch-schlesischen Raumes in das Reichâ.[14] Sudetendeutsche Unternehmen ĂŒbten Druck auf ihre Mitarbeiter aus, der SdP beizutreten, die Namen deutscher Kinder, die tschechische Schulen besuchten, wurden im SdP-Blatt Die Zeit veröffentlicht. Sudetendeutsche Blockwarte ĂŒberwachten das Verhalten der deutschen Bevölkerung. Das im Reich entwickelte totalitĂ€re Instrumentarium wurde in das Sudetenland ĂŒbertragen und diente dazu, die deutsche Bevölkerung gefĂŒgig zu machen. Erst am 15. September 1938 â wĂ€hrend der Sudetenkrise â verkĂŒndete Henlein den Abbruch der Autonomieverhandlungen mit Prag und gab öffentlich die Losung âHeim ins Reichâ bekannt, d. h. das Ziel der Einverleibung der Sudetengebiete in das GroĂdeutsche Reich. Der Aufstand des Sudetendeutschen Freikorps im September 1938 war das Vorspiel zum MĂŒnchner Abkommen.
Infolge des MĂŒnchner Abkommens vom 29. September 1938 wurden die deutschsprachigen Gebiete (das Sudetenland) vom Deutschen Reich annektiert. Vom 1. Oktober bis zum 10. Oktober 1938 besetzten rund 24 Divisionen der Wehrmacht die an Deutschland und Ăsterreich angrenzenden Gebiete der Tschechoslowakei. Die beabsichtigte Trennung von Deutschen und Tschechen scheiterte, denn die neuen Grenzen des Deutschen Reiches umfassten auch Siedlungsgebiete mit tschechischer Bevölkerungsmehrheit, z. B. das Gebiet rund um Hohenstadt oder die Industriestadt Nesselsdorf. Die âalteingesessenenâ Bewohner dieser Gebiete erhielten automatisch die deutsche StaatsbĂŒrgerschaft.[15]
Von den ca. 580.000 Tschechen, die 1938 im abzutretenden Grenzgebiet lebten, mussten 150.000 bis 200.000, darunter viele Staatsbeamte und deren Angehörige, das Sudetenland infolge des auf der MĂŒnchner Konferenz geschlossenen Abkommens verlassen.[16] Rund 100.000 Tschechen, die eine Sudetendeutsche beziehungsweise einen Sudetendeutschen geheiratet hatten und in Mischehen lebten, konnten die deutsche Staatsangehörigkeit erwerben. Viele, die zweisprachig aufgewachsen waren, wechselten aus Opportunismus, da sie sich daraus einen Vorteil erhofften.[17] Eine organisierte Massenvertreibung, Ermordung oder Eindeutschung fanden aus kriegswirtschaftlichen GrĂŒnden nicht statt; die endgĂŒltige Regelung war fĂŒr die Zeit nach dem âEndsiegâ vorgesehen.[18]
Sozialdemokraten und andere Regimegegner, deren Zahl auf 400.000 bis 500.000 geschĂ€tzt wurde, wurden von Nationalsozialisten misshandelt.[19] Juden und prominente Regimegegner wurden verhaftet und mehrere Monate lang in Konzentrationslagern interniert.[20] Aus Angst vor Repressalien flĂŒchteten 12.000 der 28.000 Juden noch im Oktober 1938 aus dem Sudetenland und lieĂen ihre leeren Wohnungen und HĂ€user zurĂŒck.[21]
Am 30. Oktober 1938 wurde der Reichsgau Sudetenland gebildet. Er umfasste Nordböhmen sowie NordmĂ€hren und damit den gröĂten Teil der besetzten Gebiete. Sein Gauleiter wurde Konrad Henlein. Der sĂŒdwestliche Teil Böhmens kam an den Reichsgau Bayerische Ostmark, der sĂŒdliche Teil Böhmens und MĂ€hrens an die Reichsgaue Ober- und Niederdonau. Von den 1,3 Millionen Mitgliedern der Sudetendeutschen Partei wurden lediglich 520.000 in die NSDAP aufgenommen, die zudem wesentlich höhere MitgliedsbeitrĂ€ge verlangte.[22] Viele Beamtenstellen im neugeschaffenen Reichsgau wurden mit Beamten aus benachbarten Regionen (z. B. Sachsen) besetzt, was bei den ĂŒbergangenen Sudetendeutschen Ărger und EnttĂ€uschung auslöste.[23] Im Zuge der Gleichschaltung wurde die Zahl der Vereine drastisch reduziert: von 81.000 sudetendeutschen Organisationen des Jahres 1938 blieben Ende 1940 nur noch 15.000 VerbĂ€nde ĂŒbrig. Die nationalsozialistische Gleichschaltung betraf nicht nur konfessionelle und sozialdemokratische VerbĂ€nde, sondern auch TraditionsverbĂ€nde sowie deutschnationale und unpolitische Organisationen.[24]
WĂ€hrend des Novemberpogroms am 9. November 1938 wurden auch im Sudetenland mindestens 44 Synagogen beschĂ€digt oder zerstört.[25] Die Zerstörung jĂŒdischer Einrichtungen stieĂ bei vielen Sudetendeutschen auf UnverstĂ€ndnis.[26]
Hitler hatte im MĂŒnchner Abkommen zugesagt, lediglich die deutschsprachigen Gebiete Böhmens und MĂ€hrens â das Sudetenland â zu annektieren. Unter Bruch dieses Vertrages besetzte die Deutsche Wehrmacht im MĂ€rz 1939 die bis dahin unabhĂ€ngigen Gebiete, die âRest-Tschecheiâ. Hitler erklĂ€rte dieses Territorium zum âProtektorat Böhmen und MĂ€hrenâ.
WĂ€hrend des Zweiten Weltkrieges wurden Tschechen auch im Sudetenland als ArbeitskrĂ€fte in der deutschen Kriegswirtschaft eingesetzt. Tschechische Arbeiter erhielten infolge der nationalsozialistischen Rassendiskriminierung geringere Löhne als deutsche Arbeiter, sie zahlten jedoch keine MitgliedsbeitrĂ€ge fĂŒr nationalsozialistische Organisationen und mussten aufgrund des geltenden Steuerrechts weniger Steuern und Abgaben bezahlen, so dass sie faktisch ein höheres Nettoeinkommen als ihre deutschen Kollegen erzielten.[27]
WĂ€hrend des Zweiten Weltkrieges beteiligte sich das âSudetendeutsche Freikorpsâ an der âEndlösung der Judenfrageâ (Schoah) und am Porrajmos (Ermordung von Sinti und Roma). Ein Beispiel fĂŒr Untaten gegenĂŒber Juden von Sudetendeutschen ĂŒber den âReichsgau Sudetenlandâ hinaus ist neben Karl Hermann Frank Josef Pfitzner. Zwischen dem 13. November 1942 und dem 29. MĂ€rz 1945 wurden 611 Juden aus dem Sudetenland in das Ghettolager (KZ) Theresienstadt deportiert.[28]
Sudetendeutscher Widerstand gegen den Nationalsozialismus wurde erst im Jahre 2007 durch ein tschechisches Forschungsprojekt zum Gegenstand des öffentlichen Interesses.[29] Wie in anderen Teilen Deutschlands setzte auch ein Teil der Sudetendeutschen der nationalsozialistischen Politik aktiven oder hinhaltenden Widerstand entgegen. Oskar Schindler gilt als bekanntestes Beispiel. Einige demokratische sudetendeutsche Politiker gingen ins Exil z. B. Wenzel Jaksch, andere wurden ermordet oder kamen in Lagern ums Leben z. B. Ludwig Czech.
In den letzten Tagen des Krieges verĂŒbten die verbliebenen SS-Einheiten noch zahlreiche GrĂ€ueltaten. Unter anderem löste dies am 5. Mai 1945, drei Tage vor Kriegsende, den Prager Aufstand aus, dem Angehörige der Wehrmacht und SS, aber auch zahlreiche deutsche Zivilisten zum Opfer fielen. So schreibt Peter Glotz in seinem Buch Die Vertreibung: âDies alles erklĂ€rt die entfesselte Orgie gegen alles, was nicht tschechisch war, ĂŒbrigens auch gegen unbestreitbare Antinazis.â[30]
SchlieĂlich wurde der Westen Böhmens durch US-amerikanischen, der ĂŒbrige Teil Böhmens und MĂ€hrens und damit auch des Sudetenlandes durch sowjetischen Truppen befreit.
Nach der Abtrennung des Sudetenlandes und vor allem den Erfahrungen der deutschen Besatzungsherrschaft im Reichsprotektorat Böhmen und MÀhren entschloss sich die tschechoslowakische Exilregierung in London unter Edvard Beneƥ noch wÀhrend des Krieges, die deutsche Bevölkerung nach Kriegsende aus der Tschechoslowakei auszusiedeln.
Am 12. Mai 1945 verkĂŒndete der aus dem Exil zurĂŒckgekehrte tschechoslowakische PrĂ€sident BeneĆĄ in BrĂŒnn: âDas deutsche Volk hat in diesem Krieg aufgehört, menschlich zu sein, menschlich ertrĂ€glich zu sein, und erscheint uns nur noch als ein einziges groĂes menschliches Ungeheuer [âŠ]. Wir haben gesagt, dass wir das deutsche Problem in der Republik völlig liquidieren [âŠ] mĂŒssen.â[31]
Unmittelbar nach der Beendigung der deutschen Besatzung durch sowjetische und amerikanische Truppen begannen irregulĂ€re tschechische Einheiten â die aber staatlicherseits geduldet und ermuntert wurden â mit der Vertreibung deutscher Einwohner ĂŒber die Grenze nach Ăsterreich und Deutschland. Dabei wurden an der sudetendeutschen Bevölkerung zahlreiche Verbrechen verĂŒbt. Die Angaben der Todesopfer durch Hinrichtung, willkĂŒrliche Tötungen, Krankheiten und Hunger schwanken stark zwischen 30.000 (Historiker Ferdinand Seibt) und 270.000. Das Bundesarchiv rechnet mit 60.000â70.000 Toten.[32] Mitunter wurden dabei Deutsche durch das Eingreifen von Offizieren der Roten Armee gerettet.[33] Die Vertreibungen wurden von den vier Hauptalliierten geduldet und von ihnen, der Sowjetunion, den Vereinigten Staaten und dem Vereinigten Königreich (spĂ€ter auch Frankreich), im Potsdamer Abkommen dann bestĂ€tigt; sie verlangten lediglich nach âeinem geordneten Transfer der deutschen Bevölkerungsteileâ. Die im MĂŒnchener Abkommen an Deutschland ĂŒbertragenen Territorien wurden im RĂŒckgriff auf den Vertrag von St. Germain wieder der Tschechoslowakei zurĂŒckgegeben.
In den Nachkriegsmonaten erlieĂ der wieder amtierende tschechoslowakische PrĂ€sident BeneĆĄ die nach ihm benannten Dekrete. Sie regelten die Vertreibung und Konfiskation (BeneĆĄ-Dekret 108) des beweglichen und unbeweglichen Vermögens der Sudetendeutschen, die fĂŒr die wilden EnteignungsmaĂnahmen lediglich den formalen Anschein einer staatlichen Ordnung erweckte, sowie amnestierten die Ausschreitungen tschechischer BĂŒrger an Deutschen (BeneĆĄ-Dekret 115/46). Diese BeneĆĄ-Dekrete wurden im Nachhinein vom tschechoslowakischen Parlament gebilligt und haben bis in die Gegenwart RechtsgĂŒltigkeit, werden jedoch nach tschechischer Interpretation ânicht mehr angewendetâ und sind fĂŒr WiderstandskĂ€mpfer gegen den Nationalsozialismus seit MĂ€rz 2002 vollstĂ€ndig aufgehoben.
Aufgrund des spontanen Charakters und des hĂ€ufig mit gewalttĂ€tigen Ausschreitungen verbundenen Ablaufs werden die Ereignisse bis Dezember 1945 als âwilde Vertreibungâ bezeichnet, die jedoch auch in dieser Phase stets nach dem gleichen Muster ablief und daher einer gewissen Systematik nicht entbehrte. Danach ĂŒbernahmen mehr und mehr offizielle staatliche tschechoslowakische Organe die Zwangsaussiedlung, die im Wesentlichen Ende 1946 abgeschlossen war. Nach verschiedenen Angaben wurden zwischen 2,5 und 3 Millionen Deutsche aus der Tschechoslowakei vertrieben.
Rund 200.000 Deutschsprachige, etwa sechs Prozent der Vorkriegsbevölkerung, wurden nach 1945 nicht vertrieben. Dies waren zum Teil Angehörige von Mischehen, in denen ein Elternteil die deutsche, der andere die tschechische Volkszugehörigkeit hatte. Solche Familien bekamen manchmal die Wahl zum Bleiben, zumeist wenn der Vater (also das Familienoberhaupt, das in der damaligen Sicht die NationalitĂ€t der ganzen Familie bestimmte) tschechisch war. Oft handelte es sich auch um Antifaschisten, z. B. solche, die mit dem tschechoslowakischen Widerstand zusammengearbeitet hatten oder aufgrund der Mitgliedschaft in der DSAP durch das Hitler-Regime verfolgt worden waren. Diese Personen erhielten spĂ€ter von den Behörden einen Antifaschisten-Ausweis und konnten frei wĂ€hlen, ob sie bleiben oder ausreisen wollten; bei der Ausreise konnten sie â im Gegensatz zu den tatsĂ€chlich Vertriebenen (in tschechischer Lesart: den âAbgeschobenenâ) â sĂ€mtliches bewegliches Hab und Gut mitnehmen, wĂ€hrend den Zwangsausgesiedelten nur 40 Kilogramm pro Kopf zugestanden wurden. Antifaschisten mussten auch nicht die N-Armbinde tragen, die sie auf den ersten Blick als Angehörige der deutschen Bevölkerungsgruppe (N fĂŒr âNÄmecâ) zu erkennen geben sollte. Hinzu kamen Fachleute und Experten, denen von der tschechoslowakischen Nachkriegsregierung die gewollte Ausreise verweigert wurde, weil der Staat ihr Fachwissen benötigte. Eine weitere groĂe Gruppe waren Deutsche, die als âwirtschaftlich Unentbehrlicheâ eingestuft wurden, unter anderem viele deutsche Bergleute.
Die Sudetendeutschen siedelten sich nach der Vertreibung ĂŒberwiegend in den deutschen LĂ€ndern Bayern (dort die mit Abstand gröĂte Gruppe), Sachsen, ThĂŒringen, Hessen, Baden-WĂŒrttemberg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein an. Weitere Sudetendeutsche fanden Aufnahme in Ăsterreich und ungefĂ€hr 500 Familien auch in Ungarn. Einige Sudetendeutsche haben sich in anderen Staaten niedergelassen oder sind nach Ăbersee ausgewandert.
In VertriebenenverbÀnden organisierten sich viele Menschen, um damit ein politisches Sprachrohr zu haben.
MinisterprĂ€sident Hans Ehard verkĂŒndete 1954 auf dem Sudetendeutschen Tag in MĂŒnchen die Ăbernahme der Schirmherrschaft Bayerns ĂŒber die Sudetendeutschen; er erklĂ€rte sie zu einem âvierten Volksstamm Bayerns neben Altbayern, Schwaben und Frankenâ. Dies war eine Ăberraschung; der Historiker K. Erik Franzen nennt dies in seiner Dissertation sogar eine ârituelle Diskursvorlage fĂŒr die kommenden Jahrzehnteâ. Franzen erarbeitet detailliert die Kennzeichen dieses speziellen und in Deutschland (zumindest begrifflich) einzigartigen Konstrukts. Er beleuchtet die Ziele des Freistaats Bayern, die Ziele der Sudetendeutschen Landsmannschaft (die sich zunehmend als alleinige Vertretung ihrer Volksgruppe zu installieren versuchte) und die NS-Vergangenheit wichtiger FunktionĂ€re. Speziell die CSU agierte als âAnwalt der Sudetendeutschenâ.
Franz Josef StrauĂ und andere ReptĂ€sentanten des Freistaats Bayern bzw. der CSU bekrĂ€ftigten spĂ€ter wiederholt die Formulierung âvierter Volksstammâ , die natĂŒrlich nicht ethnologisch gemeint war. In Bayern und in vielen anderen BundeslĂ€ndern wandelten sich durch den starken Zuzug von Vertriebenen die Bevölkerungsstrukturen. Die vielen Vertriebenen, darunter die Sudetendeutschen, wurden von der heimischen Bevölkerung in der Nachkriegszeit hĂ€ufig mit Argwohn betrachtet und abfĂ€llig pauschal als âFlĂŒchtlingeâ bezeichnet; manchen wurde das Geld geneidet, das sie als EntschĂ€digung fĂŒr Enteignetes aus dem Lastenausgleichsgesetz erhielten.
Ganze FlĂŒchtlingssiedlungen oder VertriebenenstĂ€dte entstanden neu, wie etwa Neutraubling bei Regensburg, das zu Kaufbeuren gehörige Neugablonz, Geretsried, Traunreut oder Waldkraiburg.
Im niederrheinischen Rheinbach beispielsweise siedelte sich eine groĂe Anzahl von GlaskĂŒnstlern und Glasraffineuren aus Steinschönau und Umgebung an und baute dort ihre heimatliche Glasindustrie neu auf, darunter auch die Staatliche Glasfachschule Rheinbach und Teile der LĂŒsterindustrie. Die Bamberger Symphoniker wurden nach dem Zweiten Weltkrieg durch wesentliche Mitwirkung sudetendeutscher Musiker gegrĂŒndet.
Nach der Vertreibung wohnten in den ehemaligen Sudetengebieten, die nun meist als PohraniÄĂ (âGrenzlandâ) bezeichnet wurden, neben 200.000 verbliebenen Deutschen, die fĂŒr die Aufrechterhaltung der Wirtschaft als notwendig angesehen wurden und oft spĂ€ter ihre Heimat verlieĂen, rund 600.000 bereits vorher ansĂ€ssige Tschechen.[34] Hinzu kamen in den ersten Nachkriegsjahren mindestens 1,7 Millionen Tschechen aus dem Landesinneren. Unter diesen befanden sich hĂ€ufig Personen, die aus Sicht der Regierenden als politisch âunzuverlĂ€ssigâ oder âschwer sozialisierbarâ galten. AuĂerdem kamen tschechische Repatrianten und zu einem geringeren Anteil Slowaken, Roma und andere ethnische Gruppen als Neusiedler hinzu. Nach dem Abschluss des Wiederbesiedlungsprozesses bestand die neue Gesellschaft in den ehemaligen Sudetengebieten im Durchschnitt zu ĂŒber zwei Dritteln aus Neusiedlern. Die ethnische, kulturelle und wirtschaftliche Struktur der Regionen Ă€nderte sich durch die Wiederbesiedlung innerhalb von wenigen Jahren grundlegend.[35] Oft bestand eine hohe Fluktuation in der Einwohnerschaft, die sich in den meisten FĂ€llen mit den neuen Wohnorten nicht identifizierte und mit deren Geschichte und GebrĂ€uchen weder vertraut noch sonderlich daran interessiert war. Die Neusiedler ĂŒbernahmen Bauernhöfe, Betriebe, HĂ€user und anderen von den Deutschen konfiszierten Besitz. Sehr viele HĂ€user wurden nicht wieder besiedelt und entweder abgerissen oder dem Verfall preisgegeben, insbesondere, wenn diese sehr nahe an der Staatsgrenze lagen.
Der mit Abstand gröĂte Teil der Sudetendeutschen und deren Nachkommen leben seit der Vertreibung in Deutschland. Weitere Sudetendeutsche und ihre Nachfahren wohnen in Ăsterreich. Nur jeweils kleine Anteile haben sich beispielsweise im Rahmen von Landsmannschaften oder vergleichbaren Organisationen organisiert, so dass von Kritikern dieser Organisationen eine nur geringe Identifikation mit deren Zielen und Auftreten vermutet wird (siehe hierzu auch im Absatz Vertretungen).
Insbesondere die nach der Vertreibung in den neuen deutschen und österreichischen Siedlungsgebieten geborenen Nachkommen haben sich nahezu vollstĂ€ndig der jeweiligen regionalen Bevölkerung assimiliert und pflegen oft gar keine oder nur wenige als solche bewusst gewĂ€hlte Verbindungen zu anderen Sudetendeutschen oder zu entsprechenden Organisationen. Wie auch bei anderen ehemaligen FlĂŒchtlings- oder Vertriebenenfamilien lĂ€sst sich die sudetendeutsche Abstammung hĂ€ufig lediglich durch â bei oberflĂ€chlicher Betrachtung nur wenig auffĂ€llige â Spezifika wie beispielsweise bestimmte familiĂ€re BrĂ€uche, typische Familiennamen, Ausdrucksweise und mundartliche FĂ€rbung, Speisevorlieben, eine im gesamten deutschsprachigen Raum verstreut lebende GroĂfamilie oder eine von der regional vorherrschenden sich unterscheidende Konfession oder politische familiĂ€re PrĂ€gung erkennen.
Die nach der Vertreibung im Land â ĂŒberwiegend im tschechischen Landesteil â verbliebenen Deutschen waren sofort dem Druck ausgesetzt, sich in die tschechoslowakische Gesellschaft zu integrieren, u. a. durch die völlige VerdrĂ€ngung der deutschen Sprache aus dem öffentlichen Raum. Die jahrhundertelange Vermischung der beiden Sprachgruppen lieĂ sich allenfalls anhand von hĂ€ufig vorkommenden Familiennamen deutschen Ursprungs wie Gottwald, Klaus, Fischer und anderen erahnen.
Die Anzahl der deutschsprachigen Bewohner nahm seitdem, zuerst durch Auswanderung oder als Aussiedler, in spÀteren Generationen durch zunehmende Assimilation immer mehr ab. Heute bezeichnen sich die Angehörigen der deutschen Minderheit in Tschechien als Deutsche in Tschechien, tschechische Deutsche, Tschechien-Deutsche oder Deutschböhmen.
1953 erhielten die zu diesem Zeitpunkt noch im Land lebenden Deutschen die tschechoslowakische StaatsbĂŒrgerschaft.[36]
1989 kam es in der Tschechoslowakei zur Samtenen Revolution. Von den ehemals deutschen Bewohnern, die am Ende des 20. Jahrhunderts meist im hohem Alter waren, und deren Nachkommen kehrten nur wenige in die frĂŒhere Heimat zurĂŒck; ihre einstigen GĂŒter aber blieben enteignet.
Bei einer VolkszÀhlung 2001 bezeichneten sich 38.321 Einwohner Tschechiens als Deutsche.[37]
Trotz vieler freundschaftlicher Kontakte auf privater oder kommunaler Ebene ist das VerhĂ€ltnis mancher Tschechen zu Vertriebenen aus dem Sudetenland â und umgekehrt â bis heute angespannt und teilweise von erheblichen Vorurteilen belastet. Nach wie vor sind Aussöhnung und Ausgleich problematisch und der Dialog zwischen den Nachbarn wird weiterhin durch Misstrauen auf beiden Seiten erschwert. Die BeneĆĄ-Dekrete wurden entgegen von Forderungen der VertriebenenverbĂ€nde von der tschechischen Seite nicht fĂŒr ungĂŒltig erklĂ€rt.
Die Ăngste vieler Tschechen beziehen sich hauptsĂ€chlich auf die mögliche Geltendmachung von EigentumsansprĂŒchen, sollten die BeneĆĄ-Dekrete auch fĂŒr andere ehemalige Bevölkerungsteile aufgehoben werden. In der Tat verbliebe dem tschechischen Volk nur ein kleiner Teil des eigenen Landes, wĂŒrde es z. B. den AnsprĂŒchen etwa der katholischen Kirche â die bedeutende Teile des Landes ihr Eigen nannte â und jenen der ehemaligen deutschen, ungarischen und polnischen Grundbesitzer nachgeben, wie sie sogleich nach der Wende 1990/91 erhoben wurden.
Die Bundesrepublik Deutschland hat das MĂŒnchner Abkommen anfĂ€nglich als völkerrechtlich bindend betrachtet. Dagegen forderte die tschechische Regierung in der Vergangenheit dessen UngĂŒltigkeitserklĂ€rung von Anfang an (juristisch ex tunc) als unabdingbare Voraussetzung fĂŒr die vollstĂ€ndige Aufhebung der BeneĆĄ-Dekrete. SpĂ€ter wurde das Abkommen im âNormalisierungsvertragâ der Bundesrepublik mit der Tschechoslowakei (ÄSSR) vom 11. Dezember 1973, ratifiziert 1974, als nichtig (aber nicht ex tunc!) erklĂ€rt; die vertragschlieĂenden Staaten des Abkommens hatten sich 1938 zu Lasten eines Drittstaates, der Tschechoslowakei, geeinigt.[38]
Seit dem Ende der Blockkonfrontation gelten die BeneĆĄ-Dekrete vielen Tschechen als elementarer Bestandteil des staatlichen SelbstverstĂ€ndnisses (so z. B. dem PrĂ€sidenten VĂĄclav Klaus â obgleich sich dieser bei seinem Amtsantritt so wohlwollend gegenĂŒber den âdeutschen Böhmenâ zeigte, dass er bisweilen sehr heftige Kritik erntete[39]) â nicht zuletzt aus den genannten GrĂŒnden. Der Beitritt der Tschechischen Republik zur EuropĂ€ischen Union relativiert die Wirksamkeit und Folgen des Abkommens wie der Dekrete fĂŒr die gemeinsamen Beziehungen erheblich.
Dazu KernsÀtze aus der am 21. Januar 1997 von den Regierungen beider Staaten vereinbarten Deutsch-Tschechischen ErklÀrung:
Der weitaus gröĂte Teil der Sudetendeutschen und ihrer Nachkommen gehört keiner Organisation an, die sich als sudetendeutsche Vertretung versteht. Diese Tatsache wird in Medien und Politik hĂ€ufig wegen des offensiven Auftretens einzelner Organisationen wie der Landsmannschaft verkannt.
Die Sudetendeutsche Landsmannschaft gibt sich als die fĂŒhrende Vertretung der Vertriebenen aus Böhmen und MĂ€hren. Ihr gehört jedoch nur ein kleiner Teil der vertriebenen Sudetendeutschen beziehungsweise Deutschböhmen, DeutschmĂ€hrer und deutschsprachigen Sudetenschlesier an. Sie zĂ€hlt rund 250.000 Mitglieder, was 7,3 Prozent der 3,4 Millionen Vertriebenen entspricht. Keineswegs alle teilen ihre Ziele â etwa dass sie mit UnterstĂŒtzung der Bayerischen Staatsregierung fordert, von der Prager Regierung als Verhandlungspartner anerkannt zu werden.
Weniger bekannt bzw. öffentlichkeitswirksam ist die katholisch inspirierte Ackermann-Gemeinde, die sich nach dem Prosagedicht Der Ackermann aus Böhmen des mittelalterlichen Mystikers Johannes von Tepl nennt. Sie sieht ihre HaupttĂ€tigkeit in der âpraktische[n] Friedensarbeit im Dienste der Völkerversöhnungâ.
Sozialdemokratisch inspiriert ist die Seliger-Gemeinde, benannt nach Josef Seliger.
Unter den kulturellen und kĂŒnstlerischen Austausch zwischen Deutschen und Tschechen fördernden Organisationen ist der Adalbert-Stifter-Verein (MĂŒnchen) hervorzuheben.
Die meisten genannten Organisationen haben ihren Sitz im Sudetendeutschen Haus in MĂŒnchen.
In einem Rechtsgutachten, das im Auftrag der Bayerischen Staatsregierung 1991 erfolgte, kam der Völkerrechtler Felix Ermacora zum Ergebnis:
âDie Vertreibung der Sudetendeutschen aus der angestammten Heimat von 1945 bis 1947 und die fremdbestimmte Aussiedlung nach dem Zweiten Weltkrieg widersprach nicht nur der in der Atlantik-Charta und dann in der Charta der UN verheiĂenen Selbstbestimmung, sondern die Vertreibung der Sudetendeutschen ist Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die nicht verjĂ€hrbar sind.â[40]
Heute ist das von Eugen Lemberg, Theodor Mayer, Kurt Oberdorffer und Hermann Raschhofer sowie Ernst Schwarz gegrĂŒndete Collegium Carolinum die herausragende Forschungseinrichtung fĂŒr die gemeinsame deutsch-tschechische Geschichte.