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Als Tianâanmen-Massaker wird die gewaltsame Niederschlagung eines Volksaufstandes bezeichnet, bei dem der Platz des himmlischen Friedens (chinesisch 怩ćźé / 怩ćźéš TiÄn'ÄnmĂ©n, deutsch: Tor des himmlischen Friedens) in Peking durch eine ursprĂŒnglich studentische Demokratiebewegung besetzt wurde. Am 3. und 4. Juni 1989 schlug das chinesische MilitĂ€r im Zentrum Pekings gewaltsam die Proteste der Bevölkerung nieder. Vor allem im chinesischen Sprachraum wird die Bezeichnung âZwischenfall vom 4. Juniâ (chinesisch ć ćäșä»¶ liĂč-sĂŹ shĂŹjiĂ n), kurz â4. Juniâ (chinesisch ć ć liĂč-sĂŹ), verwendet.
Trotz der Namensgebung kam es auf dem Platz selbst zu keinen TodesfÀllen.[1][2] Bei der Niederschlagung des Aufstands kamen in anderen Teilen der Stadt jedoch zwischen 300 und 3000 Menschen ums Leben. Das chinesische Rote Kreuz kam durch Auswertung von Krankenhausunterlagen auf die Angaben von 2600 Toten und rund 7000 Verletzten im Laufe der Woche und in ganz Peking.[3]
Die chinesische Bewegung war von den Reformbestrebungen in der Sowjetunion und Osteuropa inspiriert. Aufgrund der Besetzung des Platzes hatte die Regierung zuvor den sowjetischen PrĂ€sidenten Gorbatschow nicht auf dem Platz empfangen können, die Studenten sahen in Gorbatschow einen HoffnungstrĂ€ger. Die wegen des Staatsbesuchs Gorbatschows zahlreich anwesende internationale Presse machte die chinesische Demokratiebewegung und ihre Forderungen weltweit bekannt. WĂ€hrend in der Sowjetunion und in Osteuropa eine weitgehend friedliche Reform gelang, scheiterte dieser Versuch in China fĂŒr mehrere Jahrzehnte. Durch die arabischen Proteste inspiriert, wurde unter dem Namen "Jasmin-Revolution" (chinesisch èèè±é©ćœ mĂČlihuÄ gĂ©mĂŹng) erst im Februar 2011 wieder zu öffentlichen Protesten aufgerufen.
Schon mehrfach in der Geschichte Chinas war der Platz des himmlischen Friedens Schauplatz blutig niedergeschlagener AufstĂ€nde, zuletzt 1976 mit dem sogenannten Tianâanmen-Zwischenfall.
Die post-kulturrevolutionĂ€ren 1980er Jahre waren durch eine deutliche Lockerung der rigiden Parteiherrschaft geprĂ€gt und hatten bei Demokratieaktivisten die Hoffnung auf weitergehende politische VerĂ€nderungen geweckt. Der Rahmen war der erneute Aufstieg von Deng Xiaoping und die durch ihn ermöglichten Reformen in Richtung einer wirtschaftlichen Lockerung.[4] MaĂgebliches Vorbild der Bewegung war die Mauer der Demokratie von 1978. Die Schriften Wei Jingshengs und Fang Lizhis fanden bei Studenten groĂen Anklang und die Forderungen nach weitergehender Ăffnung der Gesellschaft und Demokratie als einer â in Anspielung auf die Vier Modernisierungen â âFĂŒnften Modernisierungâ wurden auf die StraĂe getragen. Im Dezember 1986 gab es zuerst in Hefei (5. und 12.) und dann in Shanghai (20.) Demonstrationen mit bis zu 70.000 Personen, die gegen die einseitige Besetzung der Volkskongresse durch die KPCh protestierten. Bis in den Januar 1987 kam es in den UniversitĂ€tsstĂ€dten immer wieder zu Protesten. Die behördliche Reaktion bestand in Demonstrationsverboten, Nachrichtensperren und Verfolgung der WortfĂŒhrer der Demokratiebewegung.
Zugleich zeigte die wirtschaftliche Liberalisierung ihre Auswirkungen. Der Lebensstandard stieg, wie auch die Freiheit, eigenen Neigungen nachzukommen. Andererseits teilte sich die vorher extrem egalitĂ€re Gesellschaft in Gewinner und Verlierer der Reformen. Arbeitsplatzgarantien wurden abgeschafft, was eine Welle der Entlassungen zur Folge hatte. FĂŒr die Reformverlierer wirkten sich Preissteigerungen von Grundnahrungsmitteln von 20 % bis 26 % (Ende 1988) direkt existenziell aus. Die bisherige Politik der Eisernen ReisschĂŒssel stand zur Disposition. Dagegen war offensichtlich, dass viele Manager und ParteifĂŒhrer sich verstĂ€rkt ĂŒber Korruption und Amtsmissbrauch bereicherten.[5]
Der wirtschaftlichen Liberalisierung stand eine weiterhin repressive Haltung des Staates bezĂŒglich sozialer Menschenrechte und das ungebrochene Monopol der kommunistischen Partei ĂŒber die Politik gegenĂŒber.[4]
Der Tod Hu Yaobangs am 15. April 1989 wurde als Anlass fĂŒr öffentliche Demonstration von Trauer fĂŒr ein respektiertes Parteimitglied genommen, die die Regierung schlecht unterbinden konnte. Wie bereits 1976 beim auf den Tod Zhou Enlais folgenden Tianâanmen-Zwischenfall konnte damit auch Kritik an der vorherrschenden politischen Linie zum Ausdruck gebracht werden. Hu Yaobang war nach den Demonstrationen im Winter 1986/87 zum parteiinternen SĂŒndenbock fĂŒr diese Ereignisse gemacht, seiner ParteiĂ€mter entledigt und zur Selbstkritik genötigt worden. Am 17. April marschierten tausende Pekinger Studenten zum Platz des Himmlischen Friedens und veranstalteten am Denkmal fĂŒr die Helden des Volkes eine Kundgebung, bei der Hu betrauert und damit erst implizit und dann auch explizit die Forderungen von 1986/87 wieder aufgenommen wurden. Diese regimekritische Trauerstimmung griff bald auf andere StĂ€dte wie zum Beispiel Shanghai ĂŒber, wo Ă€hnliche Veranstaltungen organisiert wurden.
Am 18. April fanden Sit-ins und Kundgebungen auf dem Platz des himmlischen Friedens, vor der Parteizentrale und den Residenzen der Staats- und ParteifĂŒhrung in Zhongnanhai statt. TĂ€glich kam es zu Demonstrationen von mehreren 10.000 Studenten mit einem ersten Höhepunkt am 22. April, dem Tag der offiziellen Trauerfeier fĂŒr Hu Yaobang. Die fĂŒr die Morgenstunden angeordnete Sperrung des Tianâanmen-Platzes wurde von den Studenten vorausgesehen und dieser bereits ab Mitternacht von den Demonstranten besetzt. Die offizielle Trauerveranstaltung musste vor dem Hintergrund einer mĂ€chtigen Studentendemonstration stattfinden. In dieser Zeit organisierte sich die Studentenschaft in einem unabhĂ€ngigen provisorischen Studentenverband und wĂ€hlte sich am 23. April Wuâer Kaixi (ćŸçŸéćž / ćŸć°ćŒćž), Wang Dan (çäžč) und Chai Ling (æŽçČ) zum AnfĂŒhrer. Am nĂ€chsten Tag beschlossen die Studenten einen Massenboykott der Vorlesungen, um sich stĂ€rker Gehör zu verschaffen, und forderten den RĂŒcktritt des MinisterprĂ€sidenten Li Peng. Diese Forderungen lösten harsche Verurteilungen der Studentenbewegung durch die FĂŒhrung um Deng Xiaoping aus, die am 26. April in der Volkszeitung veröffentlicht wurden. Die Versuche, die Lage polizeilich in den Griff zu bekommen, wurden verstĂ€rkt.
Die Forderungen der Protestbewegung waren âvielfĂ€ltig, manchmal ungezielt und oft naiv.â[5] Einig waren sie sich im Kampf gegen Korruption und Inflation, im Laufe der Zeit gewann auch die Forderung nach Meinungs- und Pressefreiheit an UnterstĂŒtzung, sowie nach dem Recht unabhĂ€ngige Organisationen grĂŒnden zu können.[5] Den studentischen Initiatoren schlossen sich schnell breite Bevölkerungsschichten an.[6]
Bis zum 4. Mai, dem auch fĂŒr die Partei historisch bedeutenden Jahrestag der Volksbewegung von 1919, wuchsen die fast tĂ€glichen Demonstrationen auf Versammlungen von ĂŒber 100.000 Menschen an. Obwohl die DemonstrationszĂŒge auch mehrfach Polizeiabsperrungen durchbrachen (27. April), kam es in dieser Phase zu keinen gröĂeren gewalttĂ€tigen ZwischenfĂ€llen.
Am 12. Mai beschloss die Pekinger Studentenschaft vor allem auf Betreiben von Chai Ling, einen Hungerstreik zu beginnen, wenn die Regierung nicht in einen offenen Dialog mit ihr eintrĂ€te. Am 13. Mai zogen die Studenten erneut auf den Platz des Himmlischen Friedens und die ersten 400 von ihnen traten dort in einen öffentlichen Hungerstreik. Damit begann die dauerhafte Besetzung des Platzes. An einem der Fahnenmasten wurde ein StĂŒck Tuch mit der Aufschrift âHungerstreikâ (chinesisch ç»éŁ juĂ©shĂ) gehisst und in einer Pressekonferenz die Position der Studenten den Auslandskorrespondenten offen dargestellt. Diese waren wegen des am 15. Mai anstehenden Staatsbesuchs von Michail Gorbatschow besonders zahlreich in Peking vertreten. Das mit groĂem Pomp geplante Gipfeltreffen stand nun im Schatten der Studentenproteste, und schlieĂlich musste der Staatsgast durch einen Seiteneingang die GroĂe Halle des Volkes betreten. Die Demonstranten feierten derweil auf dem Platz den sowjetischen Reformer auf ihren Plakaten.
Schnell entstand rund um das zentrale Denkmal fĂŒr die Helden des Volkes eine provisorische Zeltstadt mit SanitĂ€tsstation, Versorgungsstation, Ordnern und einer eigenen Medieninfrastruktur (zum Beispiel einer Siebdruckerei). Die selbstorganisierten Strukturen stieĂen mit der wachsenden Zahl von Protestierenden an ihre Grenzen. Am 17. Mai befanden sich schĂ€tzungsweise eine Million Menschen auf dem Platz, womit die Trinkwasser-Versorgung und die Entsorgung von FĂ€kalien zu deutlichen Problemen wurden. Noch glich die Versammlung aber auch einem groĂen Fest fĂŒr die Freiheit. Chinesische Rockmusiker wie Cui Jian, Hou Dejian (äŸŻćŸ·ć„) und He Yong (äœć), die schon zuvor der Untergrundkultur zugerechnet wurden, traten auf dem Platz auf.
Am 18. Mai fand eine im chinesischen Fernsehen ĂŒbertragene Debatte zwischen Li Peng und weiteren ParteifĂŒhrern und StudentenfĂŒhrern wie Wang Dan und Wuâer Kaixi statt. Die Studenten waren vom Hungerstreik geschwĂ€cht und wurden wĂ€hrend des GesprĂ€chs kĂŒnstlich ernĂ€hrt. Da die GesprĂ€che zuvor von der Regierung unter Verweis auf die fehlende Augenhöhe abgelehnt worden waren, signalisierte Wuâer Kaixi dem MinisterprĂ€sidenten durch lĂ€ssiges Unterlassen ĂŒblicher Höflichkeiten Augenhöhe. Er forderte im Namen der Studentenbewegung: Widerruf der Verurteilung der Studentenbewegung im Leitartikel vom 26. April, Anerkennung des autonomen Studentenverbandes und Aufnahme von Verhandlungen.
Schon seit Anfang Mai waren Arbeiter verschiedener Betriebe in Peking zu den Studenten gestoĂen.[7] Im Laufe des Monats kamen auch Einwohner von Peking ohne organisatorische Einbindung hinzu. Arbeiter besetzten Betriebe und nahmen an den tĂ€glichen Treffen der Protest-Koordinatoren teil. Am 20. Mai verwendeten sie erstmals den Namen Beijing Workers Autonomous Federation (BWAF) und am 25. Mai hielten die Arbeitervertreter Wahlen ab und schufen eine formale Organisation, die sich am 28. Mai eine Satzung als unabhĂ€ngige und demokratische Gewerkschaft gab. Demnach sahen sie ihre Rolle in der Durchsetzung der Rechte ihrer Mitglieder und der EindĂ€mmung der Macht der Kommunistischen Partei.[8] Sie bauten eine Zeltstadt am nordwestlichen Rand des Tian'anmen-Platzes auf, abseits des Lagers der Studenten. Dort sammelten sich ab Ende Mai hunderte Arbeiter, die zum Teil aus der Ferne angereist kamen. Ăhnliche Arbeitsorganisationen entstanden in weiteren StĂ€dten wie die bereits am 17. Mai erstmals aufgetretene Shanghai Workers Autonomous Federation.
Die Unruhen reichten bis in die gröĂten und bedeutendsten Betriebe. Capitol Iron and Steel, ein Stahlwerk mit diversen zugehörigen metallverarbeitenden Betrieben, war einer der gröĂten Arbeitgeber in Peking. 200.000 Mitarbeiter produzierten 3 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr. Am 26. Mai wies die Staatspresse GerĂŒchte ĂŒber Streiks und die Ausrufung des Ausnahmezustands auf dem WerksgelĂ€nde zurĂŒck, was als BestĂ€tigung von Unruhen verstanden wird.
Auch einige der neuen Unternehmer Chinas stellten sich auf die Seite der Studenten. Wan Runnan, der GrĂŒnder eines Elektronik-Unternehmens, unterstĂŒtzte die Studenten mit Kommunikationstechnik sowie Druck- und KopiergerĂ€ten. Die Unternehmer protestierten vor allem gegen die Korruption der staatlichen Verwaltung.[5] Wissenschaftler des Beijing Social and Economic Sciences Research Institutes (SERI) schlossen sich den Protesten an. Das SERI war ein Think Tank, der 1987 von Angehörigen mehrerer UniversitĂ€ten gegrĂŒndet worden war, die zum Teil bereits an der Mauer der Demokratie 1978 Jahren aktiv waren. Es gab die Zeitung Economics Weekly heraus, die kontinuierlich ĂŒber soziale, politische und wirtschaftliche Probleme berichtete und die Reformbewegung unterstĂŒtzte.[9]
Schon vor den Studentendemonstrationen, die im April begonnen hatten, war der Parteichef Zhao Ziyang innerhalb der Partei in die Kritik geraten. FunktionĂ€re um den KP-Patriarchen Deng Xiaoping klagten, Zhao ginge mit seinen Wirtschaftsreformen zu weit und verwiesen auf die massiven Preissteigerungen durch die Preisfreigaben. Auch lasse er zu viele westliche Gedanken nach China eindringen. Deshalb begannen sie eine Kampagne gegen âbĂŒrgerliche Liberalisierungâ.
Zhao hielt die Studentenproteste zu Beginn fĂŒr weitgehend harmlos, da sie nur gegen âFehlerâ der Partei gerichtet und konstruktiv seien. Er schrieb in seinen Memoiren: âIch dachte, wenn die Studentendemonstrationen gemÀà der Prinzipien von Demokratie und Gesetz, mit Dialog und Entspannung gelöst werden könnten, wĂŒrde dies Chinas Reform stĂ€rken, einschlieĂlich einer politischen Reform.â
MinisterprĂ€sident Li Peng und Parteipatriarch Deng Xiaoping sahen die Sache anders und forderten ein entschlossenes Vorgehen. Sie sahen in den Protesten eine Gefahr fĂŒr die StabilitĂ€t Chinas. Sie verwiesen darauf, dass sich inzwischen in ganz Peking Arbeiter den Protesten angeschlossen hĂ€tten und die Situation ernst geworden sei. Nachdem sich die Studentenproteste hin zogen und Zhao massiv vorgeworfen wurde, dass seine weiche Art, den Streit beizulegen, versagt hĂ€tte, bat Zhao Mitte Mai Deng Xiaoping zu einem GesprĂ€ch. Als Zhao jedoch Dengs Privathaus betrat, musste er feststellen, dass neben Deng das gesamte PolitbĂŒro und einige andere ParteigröĂen anwesend waren. Gegen Zhaos Willen wurde auf Vorschlag Dengs bestimmt, das MilitĂ€rrecht auszurufen. Es wird bezweifelt, ob die Ausrufung des MilitĂ€rrechts verfassungskonform war. Zumindest erscheint die Ausrufung auf einem Treffen in einem Privathaus ohne Einladung und Tagesordnung zweifelhaft. Doch Deng schuf Tatsachen. Im Anschluss daran erklĂ€rte MinisterprĂ€sident Li Peng in einer Sondersendung des Fernsehens die Entschlossenheit der Regierung, âdem Aufruhr ein schnelles Ende zu bereiten, die FĂŒhrung der Partei zu verteidigen und das sozialistische System zu schĂŒtzenâ. FĂŒr den kommenden 20. Mai wurde der Beginn des Ausnahmezustands fĂŒr Peking erklĂ€rt. TatsĂ€chlich standen rund um Peking bereits Truppen der Volksbefreiungsarmee bereit, um den Ausnahmezustand durchzusetzen. Tags darauf wurde Zhao von Deng ausgegrenzt und entmachtet.[10]
An diesem 19. Mai begab sich Zhao Ziyang, GeneralsekretĂ€r der KPCh und bei den Studenten als Vertreter der liberalen Fraktion beliebt, noch auf den Platz, um die Studenten zu bitten, den Hungerstreik einzustellen und den Platz zu rĂ€umen, aber die Studenten weigerten sich. Es war Zhaos letzter Auftritt in der Ăffentlichkeit. Zhao wurde unter Hausarrest gestellt.
Alarmiert durch die Ansprache Li Pengs und die Berichte der Fliegenden Tiger, einer selbstorganisierten Meldereinheit aus Rockern und Kleinunternehmern, die MotorrĂ€der besaĂen, begab sich die Pekinger Bevölkerung am Abend des 19. Mai auf die StraĂen, um das VorrĂŒcken der Armee aus den Vororten zu verhindern. Barrikaden und die versammelten Menschenmengen stoppten Einheiten der Armee, die vorerst unbewaffnet waren. Armeelastwagen wurden lahmgelegt, indem die Reifen durchstochen und Verteilerkappen herausgerissen wurden. In den kommenden Tagen wurden weitere Versuche von Truppen blockiert, zum Tianâanmen-Platz vorzudringen.
Am 20. Mai wurden der Auslandspresse die direkten Satellitenverbindungen gekappt und ihre Aufgabe mit der Abreise Gorbatschows fĂŒr beendet erklĂ€rt.
Die FĂŒhrung der Studentenschaft war zu diesem Zeitpunkt uneins, ob sie sich mit diesen DemĂŒtigungen der StaatsfĂŒhrung zufriedengeben wollten â dies auch angesichts der immer realer werdenden Gefahr staatlicher Gewaltanwendung â oder weiter auf dem Platz ausharren sollten bis zur vollstĂ€ndigen Anerkennung ihrer Forderungen. FĂŒr eine RĂ€umung sprachen auch der zunehmende Wunsch vieler Studenten, zu einem normalen Leben zurĂŒckzukehren, und die zunehmend unhaltbaren hygienischen VerhĂ€ltnisse auf dem Platz. Dagegen stand der Durchhaltewille erst spĂ€ter zugereister Studenten und die BefĂŒrchtung, ohne die Ăffentlichkeit des Platzes staatlicher Repression ausgesetzt zu sein. Diese Spaltungen lĂ€hmten zu einem wichtigen Zeitpunkt die EntscheidungsfĂ€higkeit der Studentenschaft und sollten fatale Folgen haben. Insgesamt radikalisierte sich die Stimmung unter den Protestierenden.[11]
Am 30. Mai fand eine von der Fraktion der Abzugswilligen als Abschlusskundgebung geplante Veranstaltung statt, auf der eine Statue der Göttin der Demokratie nach dem Vorbild der Freiheitsstatue gegenĂŒber dem Mao-PortrĂ€t ĂŒber dem Eingang zur Verbotenen Stadt â dem Tor des himmlischen Friedens â aufgestellt wurde. Das zehn Meter hohe Standbild aus Polystyrol und Gips war von Studenten der Zentralen Kunstakademie gebaut worden. Die Mehrzahl der Studenten blieb weiterhin auf dem Platz.
Ab der Nacht vom 2. auf den 3. Juni unternahmen Armee und Polizei erneute Versuche, den Platz zu besetzen. Die vorrĂŒckenden Einheiten blieben wieder in den sich versammelnden Menschenmassen stecken. Die StraĂen wurden von ganz normalen Pekinger BĂŒrgern kontrolliert. In abgefangenen Lastwagen wurden Schnellfeuerwaffen, Helme und Uniformen gefunden. Jedoch wurde seitens der Demonstranten keine dieser Waffen eingesetzt und die Konfrontation der Pekinger BĂŒrger mit der Armee blieb friedlich. Ăber Lautsprecher und den Rundfunk verbreitete die Regierung dagegen zusehends schĂ€rfere Warnungen. Angesichts der Drohungen der Regierung zogen die Abzugswilligen vom Platz ab, da sie sich nicht mit Gewalt vertreiben lassen wollten.
Am Abend des 3. Juni bewegten sich Soldaten in voller AusrĂŒstung mit SchĂŒtzenpanzern aus mehreren Richtungen auf die Innenstadt zu. Gegen 21:00 stieĂen diese Einheiten auf der dritten RingstraĂe in der NĂ€he der U-Bahn-Station Gongzhufen auf eine Barrikade, von der aus sie mit Steinen beworfen wurden. Das MilitĂ€r schoss mit scharfer Munition auf die Menge, wobei mehrere Personen getötet oder verletzt wurden. Zwei bewaffnete Soldaten, die von den Lastwagen abgesprungen waren, wurden daraufhin von der erzĂŒrnten Menge gelyncht.[12]
Die vorrĂŒckenden Kolonnen stieĂen vorwiegend im Westen der Stadt auf entschiedenen Widerstand und brennende Barrikaden, und mit fortschreitender Konfrontation wurde der Schusswaffeneinsatz gegen die Menge immer verbreiteter und rĂŒcksichtsloser. Unbeteiligte wurden ebenso beschossen wie Personen, die versuchten, Verletzte zu bergen. Die zunehmende Gewalt gegen die Zivilbevölkerung fĂŒhrte zu einer allgemeinen Eskalation, in der auch zahlreiche Soldaten entweder mit bloĂen HĂ€nden getötet wurden oder durch Molotowcocktails und andere improvisierte Waffen ums Leben kamen.
Gegen 24:00 trafen die ersten Soldaten am Platz des Himmlischen Friedens ein, der jetzt nur noch von etwa 5.000 Studenten besetzt war. Um 1:00 Uhr rollten Transportpanzer von Norden an den Platz. Die ersten wurden von AufstĂ€ndischen mit Molotowcocktails angegriffen, wobei auch die Zeltstadt der BWAF in Brand geriet.[13] Die Panzer und LKW zogen sich etwas zurĂŒck; bis 3:00 morgens hielt die Armee den Platz umzingelt und bereitete sich auf die RĂ€umung vor. Unter den Demonstranten hatte inzwischen Hou Dejian, ein in China populĂ€rer SĂ€nger und Komponist, eine fĂŒhrende Position ĂŒbernommen und war mit dem Kommandant der Truppen, Ji Xingguo, in Verhandlungen eingetreten, um einen freien Abzug zu erreichen. Dieser wurde ihnen zugestanden. Hou Dejian verkĂŒndete den Demonstranten, dass sie bis 7 Uhr am Morgen den Platz ĂŒber die SĂŒd-Ost-Ecke verlassen sollten. Wer danach noch auf dem Platz wĂ€re, wĂŒrde von den MilitĂ€rs niedergewalzt und zusammengeschossen. Es dauerte noch bis 5:00 morgens, die eine RĂ€umung ablehnenden Hungerstreikenden zu ĂŒberzeugen, den Platz zu verlassen. Auf dem Tiananmen-Platz selbst wurden im Gegensatz zu anderen Stadtteilen keine Gewalttaten verĂŒbt.[14][15][3]
Die Unruhen setzten sich am 5. Juni fort, obwohl der Widerstand bereits im Wesentlichen gebrochen war. Bei mehreren Konfrontationen zwischen MilitĂ€r und Menschenmenge wurden Schusswaffen eingesetzt. Ebenso gab es weiter ĂberfĂ€lle auf Soldaten. An diesem Tag stellte sich ein spĂ€ter als Tank Man bezeichneter junger Mann einer Kolonne Panzer in den Weg, wodurch er sie kurzzeitig aufhielt. Die Szene wurde unter anderem von Charlie Cole fotografiert, der dafĂŒr 1989 den World Press Photo Award erhielt[16].
Die geschÀtzten Opferzahlen gehen sehr weit auseinander. Offiziell war von insgesamt 300 toten Soldaten und Zivilisten die Rede, etwa 5.000 Soldaten und 2.000 Zivilisten wurden verletzt. Amnesty international schÀtzte 700 bis 3.000 Tote, das chinesische Rote Kreuz meldete am 4. Juni den Tod von 2.600 Zivilisten.
An die Niederschlagung der Proteste schloss sich eine Welle der Repressionen seitens der StaatsfĂŒhrung an. FĂŒr die StaatsfĂŒhrung waren die Studenten nie das eigentliche Problem gewesen. Deng Xiaoping schrieb schon am 16. April in der Parteizeitung Renmin Ribao: âEmotional erregte junge Studentenâ waren irregeleitet durch âfremde Elementeâ mit âweitergehenden Motivenâ.[17] Die Partei sah die Notwendigkeit, eine koordinierte Konterrevolution vorzuzeigen, die von HintermĂ€nnern organisiert und geleitet wurde, die Verbindungen zum Westen hatten. Die Beijing Workers Autonomous Federation und die anderen Gewerkschaftsbewegungen wurden als besonders bedrohlich eingestuft. Die Erinnerung an die Erfahrungen in Polen mit der unabhĂ€ngigen Gewerkschaft SolidarnoĆÄ Anfang der 1980er Jahre wirkte fort. Als vermeintliche Organisatoren hinter den Protesten, die so genannten âschwarzen HĂ€ndeâ, wurden auch Wissenschaftler des Beijing Social and Economic Sciences Research Institutes eingestuft,[18] Am 13. Juni wurde eine Liste mit den 21 meistgesuchten Aktivisten der Studentenbewegung veröffentlicht. Weiterhin wurden Arbeiter, die sich an den Protesten beteiligt hatten, wie auch kritische Intellektuelle verhaftet und in wenig rechtsstaatlichen Prozessen zu langen Haftstrafen oder auch der Todesstrafe verurteilt. Im Zusammenhang mit dem Tianâanmen-Massaker wurden 49 Hinrichtungen öffentlich bekannt gegeben. Diese betrafen vorwiegend Arbeiter und Intellektuelle, jedoch keinen Studenten. Den Studenten, die wĂ€hrend der Proteste von den chinesischen Behörden als Teilnehmer dauerhaft registriert wurden, wurde in der Folgezeit die Möglichkeit, eine Arbeit zu finden, verwehrt.
Innerhalb der politischen FĂŒhrung wurde KP-GeneralsekretĂ€r Zhao Ziyang (1919â2005) fĂŒr das Vorgefallene verantwortlich gemacht, seiner Ămter enthoben und bis an sein Lebensende unter Hausarrest gestellt.
Von dieser blutigen Niederschlagung sollte sich die chinesische Demokratie- und Studentenbewegung in der Volksrepublik China ĂŒber Jahrzehnte nicht erholen. Neben der abschreckenden Wirkung der Ereignisse vom 3. und 4. Juni 1989 sorgte auch das starke wirtschaftliche Wachstum mit guten Karrierechancen fĂŒr Absolventen einer Hochschulausbildung fĂŒr einen PrioritĂ€tenwechsel.
Die Niederschlagung der Proteste schadete dem weltöffentlichen Ansehen der Regierung Chinas. Als Reaktion auf die Stimmung der Weltöffentlichkeit wurde von der EU und den USA ein Waffenembargo gegen die Volksrepublik China verhÀngt, das weiterhin (Stand 2011) in Kraft ist. Dennoch normalisierten sich die internationalen Wirtschaftskontakte innerhalb von ein bis zwei Jahren.
In Hongkong findet weiterhin jedes Jahr eine Gedenkveranstaltung statt (2006: 44.000 Teilnehmer), ĂŒber die in den Medien der Volksrepublik China allerdings nicht berichtet wird. AuĂerdem befindet sich auf dem Campus der University of Hong Kong (HKU) ein SĂ€ule der Schande genanntes Mahnmal aus Beton, welches als Reaktion auf die Ereignisse von Studenten geschaffen und in einem Umzug durch Hongkong transportiert worden war.
UnterstĂŒtzung fand das harte chinesische Vorgehen gegen die Proteste bei der DDR-FĂŒhrung. Das Neue Deutschland kommentierte sie am 5. Juni 1989: âKonterrevolutionĂ€rer Aufruhr in China wurde durch Volksbefreiungsarmee niedergeschlagenâ[19]. Die Volkskammer verabschiedete eine Resolution, in der die DDR ihre UnterstĂŒtzung fĂŒr die Niederschlagung der âkonterrevolutionĂ€ren Unruhenâ bekanntmachte. WĂ€hrend eines Besuches des chinesischen AuĂenministers Qian Qichen in Ost-Berlin lobte der AuĂenminister der DDR, Oskar Fischer, die engen Beziehungen zwischen der DDR und der Volksrepublik China; DDR-Politiker wie Hans Modrow, GĂŒnter Schabowski und Egon Krenz besuchten China, um ihre UnterstĂŒtzung zu dokumentieren[20][21]. So Ă€uĂerte sich Krenz im Juni 1989 mit den Worten, es sei âetwas getan worden, um die Ordnung wiederherzustellenâ. In der Zuspitzung der Ereignisse der politischen VerĂ€nderung in der DDR tauchte zwischenzeitlich die BefĂŒrchtung auf, die StaatsfĂŒhrung der DDR könne sich fĂŒr eine Chinesische Lösung entscheiden. Im Juni 1990 bedauerte die mittlerweile frei gewĂ€hlte DDR-Volkskammer die UnterstĂŒtzung der chinesischen Regierung ein Jahr zuvor und gedachte der Opfer.
Die chinesische FĂŒhrung steht nach wie vor auf dem Standpunkt, dass 1989 âdurch entschlossenes Eingreifen die StabilitĂ€t des Landes gesichertâ worden sei. Zuletzt wurde diese Ansicht im Oktober 2004 von Hu Jintao wĂ€hrend seines Staatsbesuchs in Frankreich vertreten.
Der Staat versucht, eine kritische Debatte ĂŒber die Ereignisse wie auch jede Erinnerung daran innerhalb Chinas zu unterbinden. So sind Inhalte ĂŒber das Tianâanmen-Massaker im Internet auch Gegenstand der Zensur und Internetkontrolle in China. Chinesische BĂŒrgerrechtler wie Li Hai, die sich heute fĂŒr das Schicksal der Opfer und ihrer Hinterbliebenen interessieren, werden weiterhin vom Staat verfolgt.[22] Der FriedensnobelpreistrĂ€ger von 2010 Liu Xiaobo stellte seine Sichtweise 2006 so dar: âSeit Tiananmen befinden sich die chinesischen Politiker im Zustand der Paranoia; noch in der friedlichsten, harmlosesten politischen Gruppe sehen sie eine fundamentale Gefahr.â[23]
Im Angesicht des 20. Jahrestages des Massakers weitete die chinesische Regierung die Internetzensur auf Web-2.0-Dienste wie Facebook oder Twitter massiv aus.[24]
Im September 1989 schlossen sich einige Angehörige von Opfern des Massakers zu einer Interessenvertretung zusammen, die sie âTian'anmen-MĂŒtterâ nannten. Die Gruppe fordert seitdem von der chinesischen Regierung eine Ănderung der offiziellen Position zu den Geschehnissen und versucht, die chinesische Ăffentlichkeit mit unabhĂ€ngigen Informationen zum âMassaker des 4. Juniâ zu versorgen. Zu den Anfangsforderungen gehörte noch die Beendigung der Verfolgung und das Recht der Angehörigen, öffentlich um ihre Opfer trauern zu dĂŒrfen. Seit 1995 forderte die Gruppe nicht mehr nur eine öffentliche Untersuchung, sondern zusĂ€tzlich die EntschĂ€digung der Hinterbliebenen und die Bestrafung der Verantwortlichen. Seit 1999 liegt der Schwerpunkt der Forderungen auf einem Dialog mit der Regierung, der jedoch bisher abgelehnt wurde.[25] Inzwischen gehören den Tian'anmen-MĂŒttern Angehörige aus ĂŒber 150 Opfer-Familien an. Die GrĂŒnderin und AnfĂŒhrerin der Gruppe, Ding Zilin, gehört heute zu den prominentesten Menschenrechts-Aktivisten Chinas und wurde von der Regierung mehrfach mit Hausarrest belegt.[26][27] Im Mai 2011 berichtete die Gruppe ĂŒber erstmals angebotene, geheime EntschĂ€digungszahlungen seitens der Behörden an einzelne Familien, die jedoch unter Hinweis auf ein notwendiges offizielles Verfahren abgelehnt worden seien.[28][29]
Der Eindruck von Gewaltanwendung gegen die Studenten auf dem Tian'anmen-Platz selbst stammt von einigen wenigen Berichten westlicher Journalisten.[30] Sie verselbstĂ€ndigten sich in den Medien und wurden wieder und wieder verbreitet, bis sie sich als Tatsache in den Köpfen festsetzten. Das TV-Team von CBS waren die letzten US-Journalisten auf dem Platz. Ihr Korrespondent Roth beendete eine Ăberspielung vom Platz in die Zentrale mit einem Kameraschwenk in den dunklen Himmel und den SĂ€tzen aus dem Off: âSoldaten haben [den Kameramann] und mich gesehen und schleppen uns wĂŒtend weg. Und einen Moment spĂ€ter beginnt es: Gewaltige FeuerstöĂe aus automatischen Waffen, heftiges Gewehrfeuer fĂŒr eineinhalb Minuten, das so lange dauert wie ein Albtraum. Und wir sehen nichts mehr.â Dieselben GewehrschĂŒsse berichtet der vielfach preisgekrönte BBC-Reporter John Simpson aus einem der oberen Stockwerke des Peking Hotels. âWir filmten als um 4 Uhr morgens die Lichter auf [dem Platz] abgeschaltet wurden. 40 Minuten spĂ€ter wurden sie wieder eingeschaltet und die Truppen und Panzer rĂŒckten vor auf das Denkmal, zunĂ€chst in die Luft schieĂend und dann, wieder, direkt auf die Studenten, so dass die Stufen des Denkmals und die heroischen Reliefs an seinen Seiten mit Kugeln zerschmettert wurden.â Das Hotel ist allerdings rund 800 m vom Platz entfernt und das Denkmal sowie die HĂ€lfte des Platzes sind vom Hotel nicht einsehbar. Die GewehrschĂŒsse waren nicht auf die Studenten gerichtet. Sie trafen die Lautsprecher, mit denen sich die Protestbewegung in den letzten Wochen an die Menge auf dem Platz gewendet hatte.
Ein spanisches Fernsehteam von RadiotelevisiĂłn Española, ein Filmemacher aus Hong Kong und ein Beobachter der Organisation Asia Watch, Robin Munro, waren die ganze Nacht auf dem Platz, unter den letzten Studenten. Mit ihnen zogen sie am frĂŒhen Morgen um kurz vor 5 Uhr unbehelligt nach SĂŒden ab. Jahre spĂ€ter stellte der CBS-Korrespondent Roth klar: Es gab kein Massaker auf dem Tian'anmen-Platz.[31]