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Tiberius Iulius Caesar Augustus[1] (vor der Adoption durch Augustus: Tiberius Claudius Nero; * 16. November 42 v. Chr. in Rom[2]; â 16. MĂ€rz 37 n. Chr. am Kap Misenum) war römischer Kaiser von 14 bis 37 n. Chr. Nach seinem Stiefvater Augustus war Tiberius der zweite Kaiser des Römischen Reiches und gehört wie dieser der julisch-claudischen Dynastie an. Seine Regierungszeit war eine der lĂ€ngsten Alleinherrschaften eines römischen Kaisers.
Tiberius konnte besonders vor seinem Herrschaftsantritt bedeutende militĂ€rische Erfolge erzielen. Seine militĂ€rischen AktivitĂ€ten in Pannonien, Illyricum, Raetien und Germanien legten die nördliche Grenze des römischen Imperiums fest. In der Verwaltung der Provinzen sowie der Finanzen war der Kaiser erfolgreich. Palastintrigen, die Verschwörung des ehrgeizigen Seianus, Hinrichtungen dissidenter römischer Aristokraten und Tiberiusâ RĂŒckzug aus der Hauptstadt verursachten das negative Werturteil der spĂ€teren antiken Historiographen. Gegen Ende seines Lebens wurde der Interessenkonflikt zwischen dem in seiner politischen Funktion reduzierten Senat und dem nun institutionalisierten Amt des Kaisers erstmals deutlich.
Inhaltsverzeichnis |
Tiberius entstammte dem patrizischen Geschlecht der Claudier. Seine Eltern waren Tiberius Claudius Nero, PrĂ€tor 42 v. Chr., und Livia Drusilla, deren claudischer Familienzweig durch Adoption in das plebejische Geschlecht der Livier ĂŒbergegangen war. Im Jahre 41 v. Chr. flohen seine Eltern mit ihm nach Sizilien und Griechenland, um den Proskriptionen zu entgehen, da sein Vater als ĂŒberzeugter Republikaner und AnhĂ€nger der Caesarmörder den Lucius Antonius unterstĂŒtzte und sich somit gegen Octavian gestellt hatte. Octavian, der spĂ€tere Kaiser Augustus, erzwang nach ihrer RĂŒckkehr im Jahr 38 v. Chr. Livias Scheidung vom Ă€lteren Tiberius Claudius Nero, um sie selbst heiraten zu können. Drei Monate nach der Heirat am 17. Januar 38 v. Chr. brachte Livia Tiberiusâ Bruder Drusus zur Welt, dessen leiblicher Vater allerdings Tiberius Claudius Nero war. Da Octavian den Neugeborenen seinem Vater ĂŒberstellte,[3] dĂŒrfte auch der junge Tiberius zu dieser Zeit bei seinem Vater gewesen sein und nicht bei seiner Mutter und dem Stiefvater Octavian. Sueton berichtet, dass Tiberius nach der RĂŒckkehr nach Rom von einem Senator Marcus Gallius testamentarisch adoptiert wurde, dessen Namen aber nicht fĂŒhrte, weil Gallius als Gegner Octavians galt.[4] Nach dem Tod seines Vaters, wohl im Jahr 33 v. Chr., hielt der neunjĂ€hrige Tiberius ihm die Trauerrede,[5] was ihn im öffentlichen Leben der römischen Aristokratie positionierte, und gelangte dann zusammen mit seinem Bruder in die Vormundschaft seines Stiefvaters.[6] Drusus wurde von Octavian gegenĂŒber seinem Ă€lteren Bruder bevorzugt.
Bereits in jungen Jahren wurde Tiberius in das politische Leben eingefĂŒhrt. Vom 13. bis 15. August 29 v. Chr. wurde er in den Triumphzug Octavians fĂŒr den Sieg bei Actium einbezogen. Bereits 23 v. Chr. wurde ihm als QuĂ€stor mit dem ZustĂ€ndigkeitsbereich der Getreideversorgung das erste politische Amt und damit der Senatorenstatus ĂŒbertragen, weit vor dem hierfĂŒr vorgeschriebenen Mindestalter von 25 Jahren.
Tiberius unternahm unter der Herrschaft des Augustus mehrere erfolgreiche FeldzĂŒge. Bereits in den Jahren 26â24 v. Chr. nahm er als MilitĂ€rtribun an KĂ€mpfen des Augustus in Spanien teil. Im Jahre 20 v. Chr. fĂŒhrte er einen Feldzug gegen das armenische Königreich an, durch den er Tigranes III. auf den armenischen Thron brachte. Er gewann im selben Jahr durch Diplomatie die römischen Feldzeichen zurĂŒck, die Marcus Licinius Crassus, Lucius Decidius Saxa und Marcus Antonius in teils verheerenden Niederlagen an die Parther verloren hatten. Im Jahr 16 v. Chr. war er PrĂ€tor und bereitete gemeinsam mit Augustus in Gallien die Neuordnung der Provinz vor.
Gemeinsam mit seinem jĂŒngeren Bruder Drusus brachte Tiberius in den Jahren 15â13 v. Chr. Raetien und das im Norden befindliche Vindelicien unter römische Herrschaft. Von 12 bis 9 v. Chr. leitete er die Eroberung Pannoniens. Er ĂŒberfĂŒhrte 9 v. Chr. den Leichnam seines Bruders Drusus, der infolge eines Reitunfalls verstorben war, von Germanien nach Rom und erhielt als dessen Nachfolger fĂŒr die folgenden beiden Jahre den Oberbefehl in Germanien. Um den germanischen Druck auf den Mittelrhein zu vermindern, wurden unter seiner Befehlsgewalt etwa 40.000 Sugambrer und Sueben in linksrheinisches Gebiet umgesiedelt.
Tiberius war von 16 bis 12 v. Chr. mit Vipsania Agrippina verheiratet[7], der Tochter von Octavians engem Vertrauten und Feldherrn Marcus Vipsanius Agrippa. Aus dieser Ehe stammte sein um 15 v. Chr. geborener Sohn Tiberius Drusus Iulius Caesar (auch âder jĂŒngere Drususâ). Im Jahr 12 v. Chr. musste sich Tiberius auf Anordnung seines Stiefvaters von Vipsania Agrippina scheiden lassen und seine Stiefschwester Iulia heiraten, die Tochter des Augustus. Diese Verbindung sollte die Einheit des regierenden Hauses stĂ€rken. Iulia dĂŒrfte allerdings eher ihren Kindern die Nachfolge gewĂŒnscht haben. Auch fĂŒhlte sie sich nach drei ihr von Augustus aufgebĂŒrdeten Zwangsehen zu einem ausschweifenden Leben hingezogen, so dass die Ehe fĂŒr den als menschenscheu geltenden Tiberius im Unterschied zu dessen erster Ehe nicht glĂŒcklich war. Nachdem Tiberius bereits im Jahr 13 v. Chr. Konsul geworden war, erhielt er 6 v. Chr. die tribunicia potestas auf fĂŒnf Jahre; somit konnte er als Nachfolger des Princeps gelten, da er auĂerdem der Schwiegersohn des Augustus war.
Die schnell zerrĂŒttete Ehe und die auffĂ€llige Förderung der von Augustus adoptierten Söhne Iulias, Gaius und Lucius Caesar, brachten Tiberius jedoch dazu, seine Laufbahn zu unterbrechen und sich fĂŒr sieben Jahre in ein zuerst freiwilliges Exil nach Rhodos zurĂŒckzuziehen. Tiberius selbst soll spĂ€ter erklĂ€rt haben, er habe sich zurĂŒckgezogen, um den Caesares nicht im Wege zu stehen.[8] Tiberius fĂŒhlte sich wohl wegen der Beliebtheit des Gaius Caesar und dessen Bevorzugung in seiner eigenen dignitas zurĂŒckgesetzt.[9]
Da die Insel Rhodos auf der römischen Haupthandelslinie lag, dĂŒrfte Tiberius jedoch keineswegs vom politischen Leben ausgeschlossen gewesen sein.[10] WĂ€hrend seines Aufenthaltes auf Rhodos schickte Augustus 2 v. Chr. seine Tochter Iulia wegen ihres Lebenswandels und politischer Intrigen in die Verbannung. Tiberius setzte sich zwar in mehreren Briefen vergeblich fĂŒr seine Gattin ein, lieĂ sich jedoch auf Betreiben von Augustus schlieĂlich von ihr scheiden. Noch im selben Jahr bewilligte Augustus die RĂŒckkehr des Tiberius nach Rom, gestand ihm aber zunĂ€chst keine politische Funktion zu.
Erst der kurz aufeinander folgende Tod der designierten Nachfolger des Augustus, seiner Enkelkinder und Adoptivsöhne Gaius und Lucius Caesar (4 bzw. 2 n. Chr.), brachte Tiberius in die Position des einzigen möglichen Nachfolgers. Mit der Adoption durch Augustus am 26. Juni 4 n. Chr. wurde Tiberius (mit dem Namen Tiberius Iulius Caesar) in das Geschlecht der Julier aufgenommen. Die nachfolgenden Kaiser bis hin zu Nero gehörten in unterschiedlichen Graden beiden Familien an und waren so Mitglieder einer Doppeldynastie. Neben Tiberius adoptierte Augustus Agrippa Postumus, der allerdings spĂ€ter in die Verbannung geschickt wurde. Tiberius selbst musste Germanicus adoptieren, den Sohn seines Bruders Drusus. AuĂerdem erhielt er die beiden zur Nachfolge in der Herrschaft berechtigenden Amtsgewalten, das imperium proconsulare maius und die tribunicia potestas.
Tiberius ĂŒbernahm 4 n. Chr. erneut den Oberbefehl in Germanien und zog im folgenden Jahr von Gallien aus bis ins MĂŒndungsgebiet des Rheins (Rhenus). In seinem Gefolge befand sich der Historiker Velleius Paterculus, der die Position eines praefectus equitum innehatte. Tiberius drang bis zur Weser (Visurgis) vor und errichtete an den Quellen der Lippe (Lippia) ein Winterlager. Dies war das erste Mal, dass eine groĂe römische Armee in Germanien ĂŒberwinterte. Im FrĂŒhjahr des Jahres 5 n. Chr. besiegte er zusammen mit der römischen Flotte die Langobarden an der Unterelbe. Er zog daraufhin weiter elbaufwĂ€rts und gelangte an der mittleren Elbe (Fluvius Albis) zu den Semnonen und schlieĂlich zu den Hermunduren, wo er ein Lager aufschlug und germanische Gesandte empfing. Der Feldzugteilnehmer Velleius Paterculus beschrieb die Situation zu diesem Zeitpunkt folgendermaĂen: âNichts blieb mehr in Germanien, das hĂ€tte besiegt werden können, auĂer dem Stamm der Markomannenâ.[11]
Im Jahr 6 rĂŒstete Tiberius gegen Marbod, den König der Markomannen. Es wurden insgesamt zwölf Legionen mit Hilfstruppen aufgestellt, was die HĂ€lfte des gesamten MilitĂ€rpotentials der Römer zu der Zeit darstellte.[12] Kurz nach Beginn des Feldzugs im FrĂŒhjahr des Jahres 6 brach Tiberius ihn wieder ab, als er die Nachricht vom Pannonischen Aufstand erhielt. Allerdings schloss Tiberius noch einen Freundschaftsvertrag mit Marbod, um sich vollkommen auf die schwere Aufgabe in Pannonien zu konzentrieren.
Von 6 bis 9 n. Chr. warf er mit gröĂten Anstrengungen, unter Aufbietung einer Armee von 15 Legionen, den Aufstand in Pannonien und Illyrien nieder. Kurz nach dem Sieg erhielt Augustus die Nachricht, dass Varus in Germanien mit drei Legionen und ebenso vielen Reiterabteilungen sowie sechs Kohorten gefallen war.[13] Dieser Verlust war eine der gröĂten Niederlagen, die das Römische Reich je erlitt; ernsthafte Expansionsbestrebungen nach Germanien wurden in den kommenden Jahrhunderten nicht mehr unternommen. In Rom herrschte drei Tage Staatstrauer, und Tiberius, der eben erst siegreich heimgekehrt war, verzichtete auf einen Triumph.[14]
Nach der schmachvollen Niederlage des Varus wurde Tiberius aufgrund seiner groĂen militĂ€rischen Erfahrung in Germanien wieder mit dem imperium proconsulare ausgestattet. Im ersten Jahr seines militĂ€rischen Kommandos 10 n. Chr. sah er davon ab, den Rhein zu ĂŒberqueren.[15] Laut Sueton handelte Tiberius mit Ă€uĂerster Vorsicht und ZurĂŒckhaltung und nur in Absprache mit seinem Beraterkreis,[16] wodurch angedeutet sein mag, dass Tiberius bereits anfĂ€nglich nicht eine RĂŒckeroberung des Raumes zwischen Elbe und Rhein plante, sondern sich auf Strafexpeditionen beschrĂ€nken wollte.[17] BezĂŒglich anschlieĂender militĂ€rischer Erfolge sind die Quellendarstellungen widersprĂŒchlich. Velleius Paterculus, der allgemein die Leistungen des Tiberius verherrlicht, berichtet, dass Tiberius den Rhein ĂŒberschritt und erfolgreich bis tief in das Landesinnere vordrang, um germanische Siedlungen zu brandschatzen und Felder zu verwĂŒsten.[18] Nach Cassius Dio, der sein Geschichtswerk Anfang des 3. Jahrhunderts abfasste, kam es zu keinen nennenswerten militĂ€rischen Auseinandersetzungen.[19] ArchĂ€ologische Untersuchungen haben bislang keine Spuren von MilitĂ€rwegen oder Anzeichen von Holzkohleschichten nachweisen können, die man bei einem groĂflĂ€chigen Abbrennen von Siedlungen erwarten wĂŒrde.[20]
Anfang 13 n. Chr. kehrte Tiberius nach Rom zurĂŒck und hielt den verschobenen Triumph fĂŒr die Niederschlagung des Pannonischen Aufstands ab. Seine Amtsgewalten, die tribunicia potestas und das imperium proconsulare maius, wurden auf weitere zehn Jahre verlĂ€ngert. Als Augustus am 19. August 14 starb, hatte Tiberius somit alle Rechte inne, auf denen der Prinzipat beruhte.
Mit dem Tod des Augustus war der 55 Jahre alte Tiberius praktisch zum Nachfolger designiert. Auch seine militĂ€rischen Erfahrungen lieĂen ihn konkurrenzlos erscheinen. Am 18. September 14 n. Chr. lieĂ er den Senat einberufen, um die Leichenfeier und die Divinisierung fĂŒr Augustus beschlieĂen zu lassen. In dieser Senatssitzung wurde das private Testament des Augustus eröffnet. Tiberius und Livia waren als Haupterben eingesetzt, wobei Tiberius zwei Drittel und Livia ein Drittel der Erbschaft erhielten.[21] Durch das Testament wurde Livia adoptiert und zur Iulia Augusta erhoben.[22] Livia, die bereits unter Augustus öffentlich als Teilhaberin am Prinzipat aufgetreten war und in der offiziellen Propaganda â etwa auf MĂŒnzen â als solche dargestellt wurde, konnte somit in ihrer neuen Stellung als Kaisermutter höchsten Einfluss ausĂŒben. Bis zu ihrem Tod im Jahr 29 gelang es ihr in dieser Rolle, die zunehmenden Anfeindungen innerhalb der Kaiserfamilie, besonders angesichts der Nachfolgefrage, zu kontrollieren. Allerdings bestand ein KonkurrenzverhĂ€ltnis zwischen der herrschsĂŒchtigen Mutter und dem Sohn.
Trotz des eindeutigen Testaments des Augustus wartete Tiberius demonstrativ das ausdrĂŒckliche Ersuchen des Senats ab, die KaiserwĂŒrde anzunehmen. Diese zögernde Haltung (recusatio imperii) kann damit erklĂ€rt werden, dass Tiberius allgemein als zurĂŒckhaltender Mensch galt; wahrscheinlicher ist jedoch, dass er bewusst den RĂŒckhalt und die verbindliche Festlegung des Senats auf seine Person suchte, um als ehemals umstrittener Nachfolgekandidat seine Position zu stĂ€rken. Eine solche eher taktisch motivierte ZurĂŒckhaltung spiegelt sich auch darin, dass Tiberius in spĂ€teren Jahren hĂ€ufig RĂŒcktrittsgedanken Ă€uĂerte.[23] AuĂerdem akzeptierte Tiberius zwar den Ehrenbeinamen Augustus, den an Augustus verliehenen Titel pater patriae lehnte er jedoch ab. Erst ab dem 10. MĂ€rz 15 bekleidete er das Amt des pontifex maximus. Da es sich um die historisch erste Ăbertragung der an Augustus persönlich verliehenen Amtsgewalten handelte, war es noch nicht endgĂŒltig entschieden, dass die Institution des Prinzipats eine dauerhafte werden sollte. Der Senat akzeptierte jedoch widerspruchslos die Amtsstellung des Kaisers und fĂŒgte sich zunehmend in dessen AutoritĂ€t.
Unmittelbar zu Beginn der Kaiserherrschaft des Tiberius wurde Agrippa Postumus ermordet. Bereits in der Antike wurde spekuliert, ob Tiberius fĂŒr die Ermordung verantwortlich war, ob Augustus angeordnet hatte, Agrippa Postumus nach seinem Tod beseitigen zu lassen, oder ob Livia die Herrschaft fĂŒr ihren Sohn sichern wollte.[24] Tacitus legt eine Mitschuld des Tiberius nahe.[25] Tiberius bestritt jedoch die Verantwortung fĂŒr den Mord. Noch 14 n. Chr. machte Tiberius dem kappadokischen König Archelaos, von dem er sich wĂ€hrend der schwierigen Zeit in Rhodos nicht genug beachtet fĂŒhlte, den Prozess.
Unmittelbar nach Tiberiusâ Herrschaftsantritt kam es zu einer Meuterei der in Pannonien und Germanien stationierten Legionen. GrĂŒnde fĂŒr den Aufstand waren die HĂ€rte des Dienstes, die LĂ€nge der Dienstzeit und der geringe Sold.[26] Diese MissstĂ€nde gingen zurĂŒck auf die Politik des verstorbenen Augustus und dessen strenge Reaktionen auf den Pannonischen Aufstand und die Varusniederlage. WĂ€hrend Tiberiusâ Sohn Drusus die Lage in Pannonien ohne gröĂere Komplikationen beruhigen konnte, hatte Germanicus zunĂ€chst groĂe MĂŒhe, die ihm in Germanien unterstellten Legionen wieder unter Kontrolle zu bringen, die ihn statt Tiberius zum neuen Princeps ausrufen wollten.[27] Die Legio XIV Gemina verweigerte den Treueeid, und in einem Sommerlager schlossen sich die zusammengezogenen vier Legionen des niedergermanischen Heeres dem Beispiel an. Germanicus blieb Tiberius gegenĂŒber loyal und weigerte sich, den auf einen Staatsstreich gerichteten Forderungen nachzukommen. SchlieĂlich beendete er die Meuterei mit zahlreichen ZugestĂ€ndnissen im Namen des Princeps, ohne sich jedoch zuvor bei Tiberius rĂŒckversichert zu haben. So sagte er beschleunigte Dienstentlassungen und Geldgeschenke an die Soldaten zu. Um ein mögliches Wiederaufleben der Meuterei zu verhindern und zugleich eine Strafexpedition fĂŒr die Varusniederlage durchzufĂŒhren, initiierte er im Herbst des Jahres 14 einen Feldzug gegen die Marser. In diesem Feldzug erlitten seine Legionen nur geringe Verluste.
Tiberius reagierte ambivalent.[28] Denn einerseits betrachtete er den Sieg ĂŒber die Marser als Erfolg, und es war Germanicus gelungen, das Heer zu disziplinieren. Andererseits lehnte er das eigenmĂ€chtige Vorgehen des Germanicus ab, zumal dessen neu gewonnener Ruhm die Position des Tiberius im Heer schwĂ€chte.
Unter Augustus und zu Beginn der Herrschaft des Tiberius wollte Rom die clades Variana korrigieren, zumindest aber die aufrĂŒhrerischen GermanenstĂ€mme formell unterwerfen und die Deserteure bestrafen, allein schon zur Abschreckung kĂŒnftiger AufrĂŒhrer. Diese Ziele wurden jedoch nicht erreicht. Die Römer hatten GlĂŒck, dass die anderen Fronten wĂ€hrend dieser Zeit ruhig blieben, denn das römische Heer war nicht groĂ genug, um auf Dauer acht Legionen an der Germanenfront bereitzuhalten. Die Katastrophe des Varus, der im Jahr 13 v. Chr. zusammen mit Tiberius das Konsulat innegehabt hatte, und das von Germanicus im Jahre 14 vorgefundene Problem der MilitĂ€rrevolten lieĂen Tiberius von der Grenzverschiebung in Richtung Weser und Elbe endgĂŒltig Abstand nehmen. Der illusionslose Germanienkenner Tiberius ging im Gegensatz zu Germanicus zu einer defensiven Grenzpolitik ĂŒber, die die Germanen ihrem inneren Streit ĂŒberlieĂ und sich auf die Behauptung eines der Grenze vorgelagerten Gebietes beschrĂ€nkte. Tiberius erkannte, dass Rom die germanische Arminius-Koalition allein schon aufgrund der logistischen und topographischen Gegebenheiten nicht ohne betrĂ€chtliche Mittelaufstockung besiegen konnte. Die römischen Truppen konnten sich bei einem Vormarsch nicht aus dem Lande ernĂ€hren, und der LandkriegsfĂŒhrung standen durch die weiten Wege und Transporte bei den kurzen Feldzugszeiten nahezu unĂŒberwindbare Schwierigkeiten und Risiken entgegen.
Tiberius gebot den zum Teil verlustreichen Unternehmungen des Germanicus in den Jahren 15 und 16 Einhalt und rief ihn nach Rom zurĂŒck. Er berief sich dabei angeblich auf den Rat des Augustus, das Reich in seinen gegenwĂ€rtigen Grenzen zu belassen (consilium coercendi intra terminos imperii).[29] Die HistorizitĂ€t des consilium coercendi wird allerdings in der modernen Forschung angezweifelt,[30] unter anderem, weil die offizielle Darstellung des Augustus gegenĂŒber dem Senat in den Res Gestae Divi Augusti einen derart weiten Entscheidungsspielraum des Kaisers auszuschlieĂen scheint. Auch ist unsicher, ob mit intra terminos die West- oder die Ostgrenze des Reichs gemeint sei, und ob es sich im ersteren Fall um die Elbgrenze oder die Rheingrenze handele.
Tiberius bewilligte dem Germanicus einen aufwĂ€ndigen Triumph ĂŒber die Germanen, den dieser am 26. Mai 17 in Rom abhielt. Tiberius wollte damit einerseits Germanicus eine feierliche Anerkennung seiner Gesamtleistungen zuteil werden lassen, andererseits den faktischen Abbruch der Offensive als auĂenpolitischen Erfolg darstellen. Paradoxerweise erwies gerade die Katastrophe der Varusschlacht die BestĂ€ndigkeit der römischen Grenze am Rhein, um derentwillen die Eroberung Germaniens begonnen worden war. Durch die Abberufung des Germanicus (16 n. Chr.) setzte sich die neue auĂenpolitische Linie des Tiberius durch, die in der Tabula Siarensis (19 n. Chr.) ihren Niederschlag finden sollte: Befriedung Galliens, Vergeltung fĂŒr die Varusniederlage, RĂŒckgewinnung der Feldzeichen, jedoch nicht mehr die Eroberung des rechtsrheinischen Germanien. Diese Politik fand mit dem Tod des Tiberius (37 n. Chr.) ihr Ende, sein Nachfolger Caligula unternahm wieder (erfolglose) Expeditionen in das germanische Kerngebiet.
Nach seinem Triumph reiste Germanicus im Auftrag des Tiberius in den Osten des Reiches, um die politischen VerhĂ€ltnisse aus römischer Sicht zu ordnen. Kappadokien wurde zur römischen Provinz. Germanicus erhielt ein spezielles imperium, das zwar ĂŒber dem aller anderen Prokonsuln stand, aber unter dem des Tiberius. Ăber Griechenland und Kleinasien gelangte er nach Syrien, von dort nach Ăgypten, zum groĂen Missfallen des Tiberius, da es keinem Senator erlaubt war, die fĂŒr die Getreideversorgung Roms wichtige Provinz Aegyptus zu betreten, die als persönliches Eigentum des Kaisers betrachtet wurde. Nach der RĂŒckkehr nach Syrien erkrankte Germanicus in Antiochia und starb dort im Jahr 19. Schnell kamen zahlreiche GerĂŒchte auf, wie es zum Tod des Germanicus gekommen sei.
Aufgrund eines KonkurrenzverhĂ€ltnisses zu Germanicus wurde insbesondere der Statthalter der Provinz Syria, Gnaeus Calpurnius Piso, beschuldigt, Germanicus vergiftet zu haben. Giftmordanklagen waren im kaiserzeitlichen Rom hĂ€ufig und wegen der eingeschrĂ€nkten Untersuchungsmethoden letztlich nicht nachweisbar. Sentius Saturninus beschuldigte Martina, eine Freundin der Gattin des Piso, des Giftmordes an Germanicus. Aufgrund der Entsendung des Germanicus und der Ernennung Pisos vermutete man in Rom ein Komplott, da vor allem Tiberius und Livia daran interessiert gewesen seien, den populĂ€ren Germanicus zu beseitigen, um Tiberiusâ Sohn Drusus die Nachfolge zu sichern. Tiberius verhielt sich zuerst zurĂŒckhaltend, worauf seine Kritiker GerĂŒchte verbreiteten, er habe die Nachricht ĂŒber den Tod des Germanicus innerlich mit Freude und Genugtuung aufgenommen. Deshalb lieĂ Tiberius eine ErklĂ€rung veröffentlichen, in der er erlĂ€uterte, dass viele erlauchte Römer fĂŒr den Staat gestorben seien; diese seien sterblich, ewig sei nur das Gemeinwesen (principes mortales â rem publicam aeternam). Jedoch lieĂen die GerĂŒchte und Forderungen nach Bestrafung des Schuldigen nicht nach, vor allem, weil die als âGiftmischerinâ beschuldigte Martina auf ihrem Weg von Syrien nach Rom in Brundisium selbst an Gift gestorben war und in ihrem Haar verstecktes Gift gefunden wurde.
Angesichts dieser Indizien, auch mit Blick auf die GerĂŒchte um sein eigenes mutmaĂliches Motiv (sein Sohn Drusus war mit Germanicusâ Tod unangefochtener Nachfolger geworden), sah sich Tiberius schlieĂlich veranlasst, Anklage gegen Piso zu erheben. Tiberius forderte in diesem Prozess die Senatoren auf, unparteiisch zu sein. Piso fand jedoch weder vor dem Senat noch bei seinen engsten Freunden RĂŒckhalt und wurde noch vor Prozessende tot aufgefunden. Die UmstĂ€nde sind unklar. Die frĂŒher nur literarisch bekannten Einzelheiten des Prozesses sind seit einigen Jahren durch einen Inschriftenfund ergĂ€nzt worden.[31] Die in Spanien gefundene Inschriftentafel enthĂ€lt einen Senatsbeschluss im Anschluss an den Piso-Prozess. Der Giftmordvorwurf ist im Senatsbeschluss angedeutet; der offizielle Vorwurf gegen Piso war allerdings bewaffneter Aufruhr. Die Berufung des Tiberius auf sein Gerechtigkeitsempfinden (aequitas) ist deutlich hervorgehoben. Kopien des Senatsbeschlusses wurden in allen Legionslagern und ProvinzhauptstĂ€dten des Reiches aufgestellt.
Tiberius bemĂŒhte sich zu Beginn seiner Regierung um Legitimation und ein gutes VerhĂ€ltnis zu Senat und Ritterstand, dessen Priviliegien (Tragen des Goldringes, bevorzugte Sitze bei Spielen) bewahrt blieben. Er ĂŒbertrug dem Senat das Wahlrecht von AmtstrĂ€gern, das bis dahin nominell von der stadtrömischen BĂŒrgerschaft ausgeĂŒbt worden, unter Augustus aber faktisch ein Privileg des Kaisers geworden war.[32] Auch vermied es Tiberius, lediglich den Senatsausschuss zu befassen, mit dem Augustus vorher anstelle des gesamten Gremiums verhandelt hatte. Der Versuch, stattdessen dem Senatsplenum gröĂere Entscheidungsmöglichkeiten einzurĂ€umen, scheiterte jedoch am Ungleichgewicht der Macht und am Kampf der verschiedenen Gruppen um Einfluss, vor allem in der Frage der Nachfolge. Es bildeten sich Parteiungen gegenĂŒber einzelnen Mitgliedern der Kaiserfamilie oder anderen einflussreichen Persönlichkeiten, wie Seianus, heraus, die zu gegenseitigen Unterstellungen und Anfeindungen fĂŒhrten. Bereits im Jahr 16 wurde Libo Drusus, ein Urenkel des Pompeius, einer Verschwörung gegen die Kaiserfamilie verdĂ€chtigt und zum Selbstmord gezwungen. Im selben Jahr lieĂ Tiberius den Sklaven Clemens, der sich fĂŒr Agrippa Postumus ausgegeben und in Italien eine beachtliche Schar AnhĂ€nger um sich gesammelt hatte, beseitigen.
Tiberius setzte den konservativen Kurs des Augustus in der Religionspolitik fort. Magier und Astrologen lieĂ er im Jahr 16 aus Italien ausweisen, obwohl er selbst Astrologie praktiziert haben soll und bei Entscheidungen hĂ€ufig den Rat des Philosophen und Astrologen Thrasyllos einholte, mit dem er befreundet war. Des Weiteren ging Tiberius im Jahr 19 scharf gegen den Isiskult und das Judentum vor, nachdem es zu angeblich religionsbedingten Unruhen und Störungen der öffentlichen Ordnung gekommen war. 4.000 jĂŒdische Freigelassene wurden nach Sardinien gebracht, um dort gegen sardische RĂ€uber militĂ€risch eingesetzt zu werden. Die restlichen Juden wurden gezwungen, ihrem Glauben abzuschwören oder Italien zu verlassen.[33] Jedoch gelang es Tiberius nicht, den jĂŒdischen Glauben in Rom und Italien langfristig zu unterbinden.
Tiberius war in der Verwaltung des Reiches erfolgreich.[34] Er setzte den von Augustus am Ende seiner Herrschaft eingeschlagenen konservativen, auf die Bewahrung des Bestehenden ausgerichteten Kurs fort. Tiberius berief sich ebenso wie Augustus auf die Herrschertugenden virtus, clementia, iustitia und pietas (âExzellenzâ, âMildeâ, âGerechtigkeitâ und âEhrerbietungâ). Jedoch war die Propaganda in Inschriften und auf MĂŒnzen zusĂ€tzlich durch Schlagwörter wie salus und moderatio (âWohlergehenâ und âZurĂŒckhaltungâ) gekennzeichnet, die als Leitbilder seiner Regierung moderne Verwaltungsziele widerspiegeln, etwa eine ausgewogene, dezentrale Wirtschaftspolitik.
Statthalter wurden weit ĂŒber die ĂŒbliche einjĂ€hrige Amtszeit hinaus auf ihren jeweiligen Posten belassen, wodurch eine gröĂere KontinuitĂ€t in der Provinzverwaltung erreicht wurde. So war beispielsweise Lucius Aelius Lamia neun Jahre lang Statthalter von Syrien. Er verwaltete dabei die Provinz von Rom aus.
Neben dem im Jahr 17 annektierten Kappadokien wurde Kommagene vorĂŒbergehend zur römischen Provinz, bis sie unter Vespasian endgĂŒltig in das Imperium eingegliedert wurde. AuĂerdem sorgte seit demselben Jahr der Numider Tacfarinas, der aus einer römischen Hilfstruppe desertiert war, fĂŒr Aufruhr im afrikanischen Teil des römischen Reichs. Er wurde zwar von römischen Truppen im offenen Kampf geschlagen, jedoch erholten sich die AufstĂ€ndischen wieder und fĂŒhrten fortan verheerende Kleinkriege gegen die römische Besatzungsmacht. Forderungen und Verhandlungen unter der FĂŒhrung des Tacfarinas nach Land fĂŒr sich und sein Heer lehnte Tiberius ab. Stattdessen schickte er eine weitere Legion, die Legio IX Hispana, mit dem Befehl nach Afrika, Tacfarinas zu vernichten. Erst sieben Jahre nach ihrem Beginn konnten die von Tacfarinas angefĂŒhrten Revolten unter Publius Cornelius Dolabella endgĂŒltig niedergeschlagen werden. Tacfarinas fiel im Kampf, sein Sohn geriet in Gefangenschaft.
Die Lebensmittelversorgung, die Steuerbelastungen sowie die Arroganz und Grausamkeit der römischen Statthalter sorgten in Gallien fĂŒr Unruhen, die zum Aufstand des HĂ€duers Iulius Sacrovir und des Treverers Iulius Florus im Jahre 21 fĂŒhrten. Dieser Aufstand wurde jedoch in kĂŒrzester Zeit niedergeschlagen. In den Jahren 22 bis 25 wurden rebellische thrakische StĂ€mme mit Erfolg bekĂ€mpft. Bemerkenswert ist die militĂ€rstrategische ZurĂŒckhaltung des Tiberius, denn mit Ausnahme der FeldzĂŒge gegen AufstĂ€ndische gab es keinerlei groĂe MilitĂ€raktionen wĂ€hrend seiner Herrschaft.
In Armenien, wo sich römische und parthische Interessen kreuzten, wurde mit Artaxias III. um das Jahr 18 ein neuer König eingesetzt. Rom wollte die Parther in einer stĂ€ndigen Bedrohungssituation belassen, um ihnen den Anreiz eines Einfalles in Kleinasien, Syrien oder PalĂ€stina zu nehmen, was bis zum Tod des Artaxias im Jahre 34 oder 35 gelang. Erst in der sich anschlieĂenden Nachfolgefrage sollte der Partherkönig Artabanos II. seinen Sohn Arsaces auf den armenischen Thron setzen und Gebietsabtretungen der Römer in Kleinasien fordern. Durch das diplomatische Eingreifen des Lucius Vitellius, Statthalter von Syrien, konnte ein Gebietsverlust jedoch abgewendet werden. Lucius Vitellius griff in den Jahren 35/36 auch in die parthischen Thronwirren ein und konnte Tiridates III. vorĂŒbergehend als König der Parther einsetzen.
Die Haushaltspolitik des Tiberius war durch ein rigoroses Sparprogramm geprĂ€gt, in dem keine gröĂeren Bauprojekte vorgesehen waren. Einige wenige Ausnahmen waren Tempel, die zur Demonstration der pietas dienten, sowie der Bau von StraĂen fĂŒr militĂ€rische Zwecke in Nordafrika, Spanien, Gallien, Dalmatien und Moesien.
Tiberiusâ Sparsamkeit und seine Abkehr vom Luxus hatten sich bereits in dem gegen Kleidungsluxus gerichteten Senatsbeschluss des Jahres 16 gezeigt, der das Tragen von durchsichtigen SeidengewĂ€ndern verbot, sowie in einem Gesetz aus dem Jahre 22, das sich gegen den Tafelluxus richtete. Tiberius sah davon ab, seine PopularitĂ€t durch aufwĂ€ndige Spiele zu erhöhen, und zeigte sich allgemein bei Spielen gegenĂŒber der stadtrömischen BĂŒrgerschaft desinteressiert.
Allerdings war er bei groĂen Notlagen so spendabel wie kaum ein Politiker vor ihm. Bei den GroĂbrĂ€nden in der Stadt Rom in den Jahren 27 und 36 und bei einer TiberĂŒberschwemmung, die ebenfalls im Jahre 36 eintrat, sowie bei Getreideteuerungen spendete Tiberius Millionen von Sesterzen. Seine GroĂzĂŒgigkeit in Notsituationen bekamen auch die Provinzen zu spĂŒren: Als ein Erdbeben 17 n. Chr. zwölf asiatische StĂ€dte vernichtete, darunter Sardes, spendete er zehn Millionen Sesterzen und gewĂ€hrte einen fĂŒnfjĂ€hrigen Steuererlass.[35] Diese FĂŒrsorge des Tiberius wurde in der MĂŒnzprĂ€gung civitatibus Asiae restitutis (âfĂŒr den Wiederaufbau der StĂ€dte Asiensâ) proklamiert.
Von seinem Alterssitz auf Capri aus griff Tiberius im Jahr 33 in eine Finanzkrise in Rom ein, die vor dem Hintergrund seiner restriktiven Geldpolitik durch illegale Zinserhöhung der Geldverleiher ausgelöst worden war, die zugleich immer weniger Kredite gewĂ€hrten. Da der Senat die Finanzkrise nicht mit eigenen Mitteln bewĂ€ltigen konnte, stellte Tiberius Kreditvermittlern 100 Millionen Sesterzen zur Vergabe von zinslosen Krediten auf drei Jahre zur VerfĂŒgung, mit der Bedingung, dass ihre Schuldner dem römischen Staat GrundstĂŒcke von doppeltem Wert als Sicherheiten ĂŒberschreiben mussten.[36] Die Finanzkrise konnte so behoben werden.
Aufgrund des rigorosen Sparkurses von Tiberius fand sein Nachfolger Caligula 2,7 Milliarden Sesterzen in der Staatskasse vor, die dieser allerdings schnell verschwendete.[37] Tiberius konnte auch daraus finanziellen Gewinn ziehen, dass wegen MajestÀtsverbrechen verurteilte Senatoren ihr Erbe an den Kaiser abtreten mussten.
Die unter Augustus noch seltenen Anklagen wegen MajestĂ€tsbeleidigung nahmen merklich zu. Auf Grundlage der noch von Augustus eingefĂŒhrten lex Iulia de maiestate konnten nicht nur Lebensbedrohungen, sondern auch SchmĂ€hungen der Person des Princeps bestraft werden. In den Jahren 14â20 hatte Tiberius sich zunĂ€chst noch entschieden gegen die Verfolgung solcher SchmĂ€hungen gewandt.
Die ersten von Tiberius gebilligten Prozesse wurden vermutlich maĂgeblich vom Senat initiiert, dem ein Teil des Gerichtswesens institutionell unterlag. Seit dem Jahr 24 wurden MajestĂ€tsprozesse hĂ€ufiger eingeleitet, obwohl Tiberius das MajestĂ€tsgesetz nicht verschĂ€rfte. Insgesamt gab es unter seiner Herrschaft etwa 60 MajestĂ€tsprozesse.[38] Ihre Anzahl hatte deshalb so sprunghaft zugenommen, weil der unbestimmte Rechtsbegriff der laesa maiestas so weit ausgelegt wurde, dass schon das MitsichfĂŒhren einer KaisermĂŒnze auf dem sanitĂ€ren Abtritt oder im Bordell Gegenstand einer Anklage werden konnte. Wahrscheinlich handelte es sich dabei eher um einen von vielen Anklagepunkten in einer Reihe von jeweils zur Last gelegten Vergehen. Besonders dissidente literarische Anspielungen konnten strengstens bestraft werden. So war der Historiker Cremutius Cordus gezwungen, sich durch Nahrungsverweigerung das Leben zu nehmen, da man ihm vorwarf, in seinem Geschichtswerk vorteilhaft auf die Caesarmörder Brutus und Cassius eingegangen zu sein. Brutus hatte er gelobt, Cassius soll er den âletzten Römerâ genannt haben. Die meisten Exemplare des Werks wurde auf Senatsbeschluss verbrannt, spĂ€ter wurde es aber wieder herausgegeben. Nachdem sich Gaius Asinius Gallus, der Ehemann von Tiberiusâ erster Frau Vipsania Agrippina, nach dem Sturz von Agrippina der Ălteren dem Sejan zugewandt hatte, wurde er im Jahr 30 inhaftiert und nach drei Jahren ebenfalls durch Nahrungsentzug getötet.
Tacitus beschreibt die MajestĂ€tsprozesse als willkĂŒrliches Handeln eines Tyrannen, und diese Deutung ist vor allem in der Ă€lteren Forschung weitgehend ĂŒbernommen worden.[39] Die neuere Forschung dagegen hat sie zunehmend relativiert, da die Darstellung des Tacitus einseitig die institutionelle Verantwortung des Princeps betone und mit RĂŒcksicht auf sein senatorisches Publikum das interne RĂ€nkespiel senatorischer Familien herunterspiele. Es bildete sich erstmals das PhĂ€nomen senatorischen Denunziantentums heraus, das die Beziehung von Kaiser und Senat bis zum Ende des 1. Jahrhunderts erheblich belasten sollte. Die kurz zuvor von Augustus geschaffene Stellung des Princeps war institutionell noch nicht so weit gefestigt, dass Tiberius eine repressive Politik gĂ€nzlich ohne UnterstĂŒtzung zumindest eines Teils des Senates hĂ€tte durchsetzen können. Erst die spĂ€tere UnterwĂŒrfigkeit des Senats ermöglichte die autokratische Gewaltherrschaft eines Caligula, Nero oder Domitian.[40]
AnlĂ€sslich des frĂŒhen Todes von Germanicus, des designierten Nachfolgers von Tiberius, im Jahr 19 stellte sich erneut die Nachfolgefrage. Das VerhĂ€ltnis zwischen Tiberius und Germanicusâ Witwe Agrippina der Ălteren war gespannt, da sie als Enkelin des Augustus ihre Söhne als potenzielle Nachfolger des Tiberius sah.
In dieser Zeit begann der Einfluss des PrĂ€torianerprĂ€fekten Lucius Aelius Seianus zu wachsen. Er baute die von ihm kommandierte PrĂ€torianergarde zu einem persönlichen Machtfaktor aus, indem er sie in einem einzigen Lager, den Castra praetoria, auf dem Viminal vor der Stadtmauer stationierte. Tacitus zufolge vertraute Tiberius Seianus blind, seitdem dieser sich beim Einsturz einer Höhle schĂŒtzend ĂŒber Tiberius geworfen hatte.[41] Das Seianus-Bild bei Tacitus ist allerdings, wie bei Sueton, Ă€uĂerst negativ und steht damit im Gegensatz zu der positiven Charakterisierung des Seianus durch seinen Zeitgenossen Velleius Paterculus, der 30 n. Chr. schrieb.[42]
Seianus plante vermutlich, durch systematische Ausschaltung der natĂŒrlichen Erben des Tiberius und Einheirat in dessen Familie selbst Nachfolger des Princeps Tiberius zu werden. Angeblich verleitete er Livilla, die Frau von Tiberiusâ Sohn Drusus, zum Ehebruch. Im Jahr 23 starb der Thronfolger Drusus an einer Krankheit, wie man allgemein annahm. Im Jahr 31 sagte Apicata, die verstoĂene Ehefrau des Seianus, aus, dass dieser Drusus habe vergiften lassen, indem er sich den Lieblingseunuchen des Drusus, Eudamus, hörig machte und mit der Verabreichung des Giftes beauftragte, wie auch einige zeitgenössische Autoren berichteten.[43] Apicata wurde allerdings bei dieser Aussage stark unter Druck gesetzt, da sie nicht nur um ihr eigenes Leben, sondern auch um das ihrer Kinder fĂŒrchten musste. In der Forschung wird die Beteiligung des Seianus am Tod des Drusus sowie gelegentlich auch das VerhĂ€ltnis zu Livilla bezweifelt.[44]
Seianus versuchte im Jahr 25, Livilla zu heiraten, wodurch er Mitglied der kaiserlichen Familie geworden wĂ€re. Tiberius lehnte die Heirat jedoch mit RĂŒcksicht auf Vorbehalte in der Kaiserfamilie ab, die eine VerschwĂ€gerung mit dem aus dem Ritterstand stammenden Seianus als unstandesgemÀà empfand.
Nachdem seine HeiratsplĂ€ne vereitelt worden waren, stellte Seianus Tiberius in öffentlichen Reden die Vorteile des lĂ€ndlichen Lebens auĂerhalb der Hauptstadt vor Augen. Dem Princeps war die Anwesenheit in Rom mit ihren Intrigen und Streitereien zwischen seinen Familienangehörigen zuwider, vor allem die problematischen Beziehungen zu seiner Mutter Livia und zu Agrippina, der Witwe des Germanicus. Hinzu kamen Angst um seine persönliche Sicherheit und menschenscheues Verhalten. Bereits seit dem Jahr 22 hatte er sich wiederholt in Kampanien aufgehalten und Drusus die tribunicia potestas verliehen. Seianus hatte ein entschiedenes Interesse am RĂŒckzug des Kaisers, da er dadurch â praktisch in Stellvertreterfunktion â die Ăbernahme der Macht vorbereiten konnte. Im Jahr 26 zog sich Tiberius tatsĂ€chlich auf die abgelegene Insel Capri zurĂŒck. Seianus kontrollierte von nun an den Zugang zu Tiberius, da seine PrĂ€torianer verantwortlich fĂŒr die Ăbermittlung der kaiserlichen Korrespondenz waren.
Seianus brachte schlieĂlich seinen Anspruch auf die Thronfolge offen zum Ausdruck, indem er seinen Geburtstag zum römischen Feiertag erklĂ€ren und sich öffentlich durch Aufstellen von Statuen mit seinem Konterfei ehren lieĂ. Dadurch stellte er den Kult um seine Person dem des Kaisers gleich.
Durchaus in Ăbereinstimmung mit den Interessen des Tiberius war Seianus wahrscheinlich an Intrigen gegen Agrippina und ihre ParteigĂ€nger entscheidend beteiligt. Angeblich lieĂ er ihren Ă€ltesten Sohn und Nachfolgekandidaten Nero Caesar bespitzeln und durch MittelsmĂ€nner zu unbedachten ĂuĂerungen gegen Tiberius verleiten. Als Folge wurden Nero und Aggripina im Jahre 29 auf die Insel Pandataria verbannt, wo beide in den Tod gedrĂ€ngt wurden. Ihr zweiter Sohn Drusus Caesar verhungerte ein Jahr spĂ€ter im Kerker. Einige Forscher sehen jedoch die Beteiligung des Seianus an den nicht genau bekannten VorwĂŒrfen gegen die Familie des Germanicus als allenfalls gering an.[45]
Antonia Minor, die Witwe von Tiberiusâ Bruder Drusus, denunzierte schlieĂlich Seianus bei Tiberius mit dem Vorwurf, dieser wolle Gaius, den spĂ€teren Kaiser Caligula, beseitigen lassen, um sich als einzigen Nachfolger zu positionieren. Als Reaktion lieĂ Tiberius im Jahr 31 von Capri aus einen Brief an den Senat schicken, wobei er Seianus, der unlĂ€ngst zum Consul ernannt worden war, in den Glauben setzte, dass dieser Brief die Ăbertragung der Amtsgewalten an dessen Person enthielt. Der in Anwesenheit des Seianus verlesene Brief begann mit dessen Verdiensten, endete aber mit VorwĂŒrfen und der Verurteilung des Seianus. Seianus wurde verhaftet und zusammen mit seinen Kindern durch Strangulierung hingerichtet. Sein Leichnam wurde auf die Gemonische Treppe geworfen, dort vom Mob zerstĂŒckelt und anschlieĂend an einem Haken zum Tiber geschleift, da nach altrömischer Jenseitsvorstellung den im Meer treibenden Toten der Zugang zur Unterwelt verwehrt war. Es ist unklar, ob Seianus tatsĂ€chlich die Ermordung Caligulas plante oder einer Hofintrige bzw. seinen eigenen MachtansprĂŒchen, die ihm Neid und Missgunst einbrachten, zum Opfer fiel.[46] In den Jahren 31 bis 37 wurden zahlreiche Senatoren und Ritter unter dem Verdacht, die PlĂ€ne des Seianus unterstĂŒtzt zu haben, hingerichtet oder zum Selbstmord gezwungen. Tacitus beschreibt im sechsten Buch der Annalen eine AtmosphĂ€re voller Terror und Intrigen, bei der es unklar gewesen sei, âob es bejammernswerter sei, der Freundschaft wegen angeklagt zu werden oder den Freund selbst anzuklagenâ.[47]
Nachfolger des Seianus als PrÀtorianerprÀfekt wurde Naevius Sutorius Macro.
Die antiken Historiographen (Cassius Dio, Sueton und Tacitus) stellten den Kaiser in seinen letzten Lebensjahren als unansehnlichen, durch HautgeschwĂŒre entstellten Lustgreis dar, der sich auf Capri pĂ€dophilen und sadistischen Neigungen hingebe und die Ăffentlichkeit scheue. Insbesondere der Kaiserbiograph Sueton charakterisierte Tiberius in dieser Hinsicht sehr ausfĂŒhrlich, bediente allerdings damit die Erwartung eines senatorischen Publikums im frĂŒhen 2. Jahrhundert. So soll Tiberius mĂ€nnliche MinderjĂ€hrige in den kaiserlichen Thermalbecken zu homosexueller Unterwasser-Fellatio missbraucht und in diesem Zusammenhang seine âFischleinâ genannt haben. Angeblich wurde auch der spĂ€tere Kaiser Vitellius von Tiberius hierzu sexuell missbraucht.[48]
Die moderne Forschung löst sich von diesen tendenziell stereotypen Ăberlieferungsformen, die sich dadurch begrĂŒnden lassen, dass zum Ende der Regierungszeit des Tiberius erstmalig die politische Ohnmacht und der AutoritĂ€tsverlust des Senats vor Augen traten. Dies Ă€uĂerte sich in den andauernden MajestĂ€tsprozessen und in der mangelnden Möglichkeit, auf Entscheidungen im fernen Capri Einfluss zu nehmen. Nach antikem VerstĂ€ndnis war es ĂŒblich, in biographischen Abhandlungen die allgemeine politische Richtung eines Kaisers mit dessen charakterlichen Anlagen und Privatinteressen in engen, teils fiktiven Zusammenhang zu bringen.[49] Die Residenz des Tiberius auf Capri, die Villa Jovis, ist als Ruine erhalten. Sie war grundsĂ€tzlich darauf ausgelegt, RegierungsgeschĂ€fte zu erledigen, wurde aber von keinem spĂ€teren Kaiser mehr bewohnt.[50]
Als Tiberius am 16. MĂ€rz 37 in Misenum am Golf von Neapel starb, hatte er sich nicht nur beim Senat unbeliebt gemacht, sondern auch bei der stadtrömischen BĂŒrgerschaft, die seinen Leichnam wie den eines Verbrechers in den Tiber werfen (Tiberium in Tiberim)[51] oder im Theater von Atella anrösten wollte. Die Anfeindungen in der Bevölkerung resultierten aus den zahlreichen Hinrichtungen der letzten Regierungsjahre, denen jĂ€hrlich mehrere hundert BĂŒrger der Hauptstadt zum Opfer fielen. Ihre Leichname wurden zur Abschreckung auf den Gemonischen Treppen ausgestellt. In der öffentlichen Darstellung wurde diese Politik mit notwendiger VerbrechensbekĂ€mpfung und erforderlicher EindĂ€mmung unsittlichen Verhaltens begrĂŒndet.
Tiberiusâ Leichnam wurde nach Rom eskortiert und öffentlich verbrannt.[52] Seine Asche wurde im Augustusmausoleum beigesetzt. Eine Divinisierung erfolgte zunĂ€chst nicht. Allerdings wurde Tiberius in der Lex de imperio Vespasiani des Jahres 69 zu den Kaisern gezĂ€hlt, deren RegierungsbeschlĂŒsse noch gĂŒltig waren. Der vollstĂ€ndige Name des Tiberius zum Zeitpunkt seines Todes lautete gewöhnlich Tiberius Caesar Divi Augusti filius Augustus, Pontifex maximus, Tribunicia potestate XXXVIII, Imperator VIII, Consul V (âTiberius Caesar Augustus, Sohn des vergöttlichten Augustus, höchster Priester, im 38. Jahr Inhaber der tribunizischen Vollmacht, achtmal zum Imperator ausgerufen, fĂŒnfmaliger Konsulâ).
Es ist ĂŒberliefert, dass Tiberius in der Nachfolgeregelung unschlĂŒssig gewesen sei. Einen Nachfolger auĂerhalb seiner Familie zu suchen, wagte Tiberius nicht, um das mit der AutoritĂ€t des Augustus verbundene dynastische Prinzip nicht zu verletzen.[53] Es blieben daher nur Germanicusâ Sohn Gaius, der spĂ€tere Kaiser Caligula, oder Tiberius Gemellus, Enkel des Tiberius, als Kandidaten ĂŒbrig. Im Jahr 31 lieĂ Tiberius Gaius zu sich nach Capri kommen. Dort gelang es Gaius offenbar, das Vertrauen des Kaisers zu gewinnen. Sueton gibt an, dass dieses VertrauensverhĂ€ltnis auf dem gemeinsamen Interesse an Folterungen und sexuellen Ausschweifungen beruht habe. Tiberius soll angeblich zu Gaius gesagt haben: âDu wirst diesen [Gemellus] ermorden, dich ein anderer.â[54] TatsĂ€chlich lieĂ Caligula, kurz nachdem er Kaiser geworden war, Tiberius Gemellus Ende des Jahres 37 oder Anfang des Jahres 38 töten, weil dieser verdĂ€chtigt wurde, eine schwere Krankheit Caligulas ausgenutzt zu haben, um sich gegen ihn zu verschwören. Möglicherweise wurde Tiberius selbst auch von Gaius umgebracht, wobei die Quellenaussagen nicht eindeutig sind und ungeklĂ€rte TodesfĂ€lle von Herrschern oft unbestĂ€tigte MordgerĂŒchte nach sich zogen. Es wurde auch spekuliert, dass der PrĂ€torianerprĂ€fekt Macro den Tod des Tiberius herbeigefĂŒhrt habe.[55]
WĂ€hrend Tiberiusâ Regierungszeit wirkte Jesus von Nazareth. In dessen Predigten und Gleichnissen gibt es mehrfach BezĂŒge zu Caesar (bzw. dem Kaiser in einigen Ăbersetzungen), ohne jedoch den Namen Tiberius zu erwĂ€hnen, wie wahrscheinlich im Falle der SteuermĂŒnze in den Evangelien des MatthĂ€us (Mt 22,19 EU) und Markus (Mk 12,15 EU). Im Neuen Testament wird Tiberius nur einmal namentlich erwĂ€hnt, im Lukasevangelium (Lk 3,1â2 EU) im Rahmen des sogenannten lukanischen Datums, das auf das Jahr 28 hinweist und als einziges eine sichere Datierung der neutestamentlichen Ereignisse erlaubt:
In der Ăra des Tiberius löste die Kreuzigung Jesu (wahrscheinlich im Jahr 30) weder besondere Aufmerksamkeit in Rom noch irgendeinen Aufstand aus. JudĂ€a galt damals als ruhige Region. Der christliche Historiker Eusebius von Caesarea berichtet, dass der Senat die Anerkennung des Christengottes seitens des römischen Staates formal abgelehnt, Tiberius selbst allerdings keine Verfolgungen gegen Christen in ErwĂ€gung gezogen habe, was die Verbreitung des FrĂŒhchristentums begĂŒnstigt habe.[56] Zu Ehren des Kaisers erhielt die Stadt Tiberias an der WestkĂŒste des See Genezareth ihren Namen vom Tetrarchen Herodes Antipas.
Auch Tacitus erwĂ€hnt in seiner Schilderung von Tiberiusâ Herrschaft in den ersten sechs, zum groĂen Teil erhaltenen BĂŒchern der Annalen Christus mit keinem Wort. Die Kreuzigung Jesu wird bei Tacitus nur nebenbei erwĂ€hnt, als er sich zur Hinrichtung von Christen in Rom unter Kaiser Nero Ă€uĂert:
Tiberius war â verglichen etwa mit den Herrschern Caesar oder Nero â nur relativ selten Gegenstand kĂŒnstlerischer Bearbeitung. Gerhart Hauptmann schrieb 1884 in Rom das Drama Das Erbe des Tiberius,[58] Julius Grosse verfasste 1876 ein Drama namens Tiberius. Zahlreiche historische Romane befassen sich seit Franz Horn[59] mit dem zweiten Kaiser, wenn auch in vielen FĂ€llen nur als Nebenfigur[60] wie im Roman Ich, Claudius, Kaiser und Gott (1934) von Robert von Ranke-Graves, der auch als TV-Serie verfilmt wurde.
Da das Kreuzigungsgeschehen in seine Regierungszeit fĂ€llt, wird Tiberius vor allem in belletristischen Werken und Monumentalfilmen mit neutestamentlichen BezĂŒgen wie etwa Das Gewand oder Ben Hur (Triumphszene, Begnadigung von Ben Hur) beilĂ€ufig dargestellt. In Tinto Brass' berĂŒchtigtem Caligula (1979) nach einem Drehbuch von Gore Vidal wurde Tiberius von Peter OâToole als grausamer Lustgreis dargestellt. Ăhnlich zeichnete Anthony Burgess' den Kaiser in seinem Roman The Kingdom of the Wicked, der als Mini-TV-Serie unter dem Titel Anno Domini (1984) verfilmt wurde.
Unter den literarischen Bearbeitungen nach dem Zweiten Weltkrieg sind die Romane von Josef Toman (1963) und Hubertus Prinz zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg aus dem Jahr 1977 zu nennen. Einen belletristischen Rehabilitierungsversuch unternahm Gerhard Prause (1966).[61]
Der Psychologe Gregorio Marañón beschÀftigte sich 1952 mit der Erforschung der Persönlichkeit des Tiberius und analysierte eine mögliche Geisteskrankheit, das sogenannte Ressentiment-Syndrom, bei dem die Selbstwahrnehmung und der Eindruck, den die Personen tatsÀchlich in ihrer Umgebung hinterlassen, gestört seien. Eine solche gestörte Eigenwahrnehmung resultiere oft aus Misserfolgen.[62]
Die antiken Historiographen Sueton, Cassius Dio und besonders Tacitus stellen Tiberius als lethargisch und tyrannisch dar. Die negative Charakterisierung des Tiberius war aber bereits in frĂŒheren, heute verlorenen Geschichtswerken erfolgt, auf die sich die genannten Autoren stĂŒtzten. In der Forschung konnte durch Quellenanalysen bewiesen werden, dass Dio und Tacitus teils eine gemeinsame Quelle herangezogen haben, wenngleich keiner immer nur einer Quelle folgte.[63]
Radikale moderne Rehabilitierungsversuche bis hin zu der Vorstellung, in Tiberius eine starke FĂŒhrungsperson zu sehen, sind den politischen Projektionen des 19. Jahrhunderts zuzuschreiben.[64] Die 1960 postum veröffentlichte Tiberius-Biographie von Ernst Kornemann gehört ebenfalls den energischen Rehabilitierungsversuchen an und stellt den Tod des Kaisers in einen weltgeschichtlichen Zusammenhang zum Kreuzigungsgeschehen.[65]
Die moderne Forschung bemĂŒht sich um ein ausgewogeneres Urteil. Nach Zvi Yavetz sprechen gegen die Deutung des Tiberius als Tyrannen, dass er kein Usurpator war (denn die LegitimitĂ€t seiner Herrschaft war durch die Adoption des Augustus unbestritten), keine göttliche Verehrung anstrebte und keine Eroberungskriege fĂŒhrte, um von innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken. Yavetz nannte seine Tiberiusbiographie Der traurige Kaiser und deutete damit Tiberius auch psychologisch, indem er den Tiberius verliehenen inoffiziellen Beinamen tristissimus hominum (âder Traurigste unter den Menschenâ) sowie seine dĂŒstere und menschenscheue Persönlichkeit auf die problematischen Ereignisse in der Jugend des Tiberius zurĂŒckfĂŒhrte.[66] Auch Michael Grant sah Tiberius fĂŒr das Erbe des Prinzipats als charakterlich nicht hinreichend geeignet an.[67]
Barbara Levick begrĂŒndet das ungĂŒnstige Urteil der antiken Historiographie aus der Institutionalisierung des Prinzipats nach dem Tod des Augustus, den materiellen Interessen der Senatsaristokratie und der damit kontrastierenden AmtsmĂŒdigkeit des Kaisers, der darin versagte, den Hofintrigen anders als durch Gewalt Einhalt zu gebieten, jedoch in der Provinzverwaltung eine glĂŒckliche Hand besaĂ.[68] Robin Seager erklĂ€rt in Ă€hnlicher Weise das Geschichtsbild aus einem gemeinsamen Versagen von Kaiser und Senat sowie aufgrund von ErzĂ€hlmustern der antiken Historiographie, die eine in Phasen verlaufende Wandlung des Kaisers zum Scheusal beschreiben.[69] David C. A. Shotter erkennt SchwĂ€chen in der AmtsfĂŒhrung des Tiberius, vor allem im Umgang mit dem Senat, weist ihm jedoch das Verdienst zu, nach Augustus das Reich dauerhaft in eine dynastische Monarchie umgeformt zu haben.[70] Aufgrund der antiken Stilisierungen ist die historische Person eine der rĂ€tselhaftesten der Weltgeschichte.
| VorgÀnger | Amt | Nachfolger |
| Augustus | Römischer Kaiser 14â37 |
Caligula |
| |
Dieser Artikel wurde am 25. MĂ€rz 2007 in dieser Version in die Liste der exzellenten Artikel aufgenommen. |
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Tiberius |
| ALTERNATIVNAMEN | Claudius Nero, Tiberius; Nero, Tiberius Claudius; Caesar Augustus, Tiberius |
| KURZBESCHREIBUNG | römischer Kaiser (14â37) |
| GEBURTSDATUM | 16. November 42 v. Chr. |
| GEBURTSORT | Rom |
| STERBEDATUM | 16. MĂ€rz 37 |
| STERBEORT | Misenum |