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Till Eulenspiegel (niederdeutsche Schreibweise: Dyl Ulenspegel [dɪl ˈʔuːlnˌspɛɪgl̩], hochdeutsch beeinflusst: Til Ulenspiegel) war ein Schalksnarr (Gaukler) und Titelheld eines mittelniederdeutschen Volksbuches. Das Buch Ein kurtzweilig Lesen von Dyl Ulenspiegel, geboren uß dem Land zu Brunßwick, wie er sein leben volbracht hat … wurde anonym veröffentlicht.
Die älteste erhaltene Fassung wird auf um 1510/12 datiert.
Es hat wegen der Bedeutung des Werkes große Anstrengungen gegeben, den anonymen Verfasser des Buches ausfindig zu machen. So ordnete der Historiker Johann Martin Lappenberg die Geschichte in seinem 1854 erschienen Buch Thomas Murners Ulenspiegel dem Franziskaner und `poeta laureatus´ Murner zu. Ebenfalls in die engere Wahl wurde der Braunschweiger Zollschreiber und Amtsvogt Hermann Bote gezogen, was darin begründet liegt, dass in einer frühen Fassung des Textes das Akrostichon <Erman B> in den Initialen der Kapitel entdeckt wurde; dies reicht jedoch für einen stichhaltigen Beleg dieser Vermutung nicht aus. Der Germanist Jürgen Schulz-Grobert versucht in seiner 1996 abgeschlossenen Habilitation Das Straßburger Eulenspiegelbuch darüber hinaus den Beweis zu führen, dass der „Eulenspiegel“ Anfang des 16. Jahrhunderts in der Offizin des Straßburger Buchdruckers Johannes Grüninger unter Mitwirkung von Humanistenkreisen sein Profil erhalten hätte. Außer den Humanisten Murner und Johannes Adelphus gen. Muling, den schon Edward Schröder ins Spiel brachte, sind die neulateinisch publizierenden Dichter Tilemann Conradi und Hermann von dem Busche (Buschius) als Mitautoren bzw. Bearbeiter genannt worden. Auf den Wanderhumanisten Hermannus Buschius passt das Akrostichon ERMANB jedenfalls besser als auf Bote, der sich selbst konsequent `Hermen Bote´ schrieb, also die niederdeutsche Schreibweise des Namens Hermann bevorzugte.
Nach dem genannten Volksbuch wurde Till Eulenspiegel im Jahre 1300 in Kneitlingen am Elm geboren und in dem Nachbardorf Ampleben in der Schlosskapelle seines Taufpaten Till von Uetze getauft. Die Taufe soll von dem Abt Arnold Pfaffenmeyer (oder Arnold Papenmeyer) des Aegidienklosters vollzogen worden sein.
Im "Volksbuch" hieß es zu seiner Herkunft: „Bei dem wald Melme genannt, in dem land zuo Sachsen, in dem Dorf Knetlingen, da ward Ulnspiegel geborn, und sein vater hiess Claus Ulnspiegel und sein Mutter Ann Witcken“ (nach E. Götzinger 1885)
Eulenspiegel ist nur äußerlich ein Narr, tatsächlich ist er seinen Mitmenschen an Geisteskraft, Durchblick und Witz überlegen. Eulenspiegels Streiche ergeben sich meist daraus, dass er eine bildliche Redewendung wörtlich nimmt. Er verwendet dieses Wörtlichnehmen als ein Mittel, die Unzulänglichkeiten seiner Mitmenschen bloßzustellen und die Missstände seiner Zeit aufzudecken.
Er starb nach der gereimten mittelniederdeutschen Inschrift auf dem Gedenkstein von der Mitte des 16. Jahrhunderts 1350 in Mölln. In den letzten 200 Jahren wurden immer wieder Belege für die tatsächliche Existenz der historischen Person Till Eulenspiegel gesucht. Der Eulenspiegel-Forscher Bernd Ulrich Hucker fand in einem Braunschweiger Urkundenbuch einen Beleg, dass 1339 ein Thile van Cletlinge (Kneitlingen) mit vier anderen Angehörigen des niederen Adels aus dem Harzvorland wegen Straßenraubes inhaftiert war. Um 1350 gab es in Kneitlingen drei verarmte Linien dieser Adelsfamilie. Neuerdings konnte Hucker überdies den Indizienbeweis führen, dass es in Mölln eine historische Kristallisationsfigur namens `Tilo dictus Ulenspegel´ gegeben hat, die dort 1350 starb. Die Möllner bewahrten sein Heergewäte und feierten noch Ende des 16. Jahrhunderts sein Jahrgedächtnis. Außerdem gab es eine Grabstätte und einen Vorläufer des heutigen Eulenspiegel-"Grabsteines". Dieser Vorläufer und ein durch Abzeichnung überliefertes Gemälde im Möllner Rathaus stammen aus dem 15. Jahrhundert, wie die Möllner Eulenspiegeltradition überhaupt älter als die ältesten Eulenspiegeldrucke und unabhängig von der dort anzutreffenden Gestaltung des Stoffes sind. Die Zeugnisse der Möllner Tradition samt den Trümmern des Heergewätes sind erstmals während der Internationalen Wanderausstellung "UnFASSbar" vom 15. November 2011 bis 5. Februar 2012 komplett zu sehen gewesen.
Das Buch von Till Eulenspiegel gilt als eines der bedeutendsten Werke des niedersächsischen Raumes und wurde bereits im 16. Jahrhundert in viele europäische Sprachen übersetzt, darunter Latein, Französisch, Niederländisch, Englisch und Polnisch. Neuere Buchfassungen modifizierten die Geschichten in den folgenden Jahrhunderten immer weiter, wobei aus dem ursprünglich derben Charakter ein immer sympathischerer Possenreißer wurde. Bis heute ist der „Eulenspiegel“ in über 280 Sprachen übersetzt worden.
Die Figur Till Eulenspiegel inspirierte auch viele vom Original losgelöste literarische Werke, zum Beispiel die Eulenspiegel-Fastnachtspiele von Hans Sachs, den Roman Die Geschichte von Tyll Ulenspiegel und Lamme Goedzak [1] von Charles De Coster, sowie musikalische Werke (z. B. die sinfonische Dichtung Till Eulenspiegels lustige Streiche von Richard Strauss, 1895).
Auch in der DDR fand seine Figur weitgehende Beachtung. Der Film Till Eulenspiegel wurde in den Jahren 1973/74 gedreht und zeigt die legendäre Figur, wie sie schon vor der Zeit der Bauernkriege den Mächtigen den Spiegel vorhält und dem einfachen Volk in vielen Dingen die Augen öffnet.
In einer russischen Verfilmung von 1976 Legenda o Tile wurden unter anderem 5000 Komparsen, 300 Reiter und zwölf nachgebaute Koggen aufgeboten.
Till Eulenspiegel wird in bildlichen Darstellungen mit Narrenattributen dargestellt. Sein wichtigstes Attribut und Erkennungszeichen ist die Narrenkappe, häufig mit „Eselsohren“ und/oder Schellen besetzt.
1971 entdeckte der Züricher Peter Honegger 16 nicht zusammenhängende Blätter in einem Bucheinband, bei denen es sich entgegen seiner Annahme nach heutigem Forschungsstand nicht um Reste einer Erstausgabe, sondern um Probeausdrucke, sogenannte Bürstenabzüge, handelte. Er datierte sie anhand der Drucktypen, die der Straßburger Buchdrucker Hans bzw. Johannes Grüninger verwendete, auf 1510/11. Diese Datierung wird in neuesten Untersuchungen in Zweifel gezogen.
Es ist weltweit ein einziges Exemplar dieser Erstausgabe des `Thyl Vlenspiegel´ (so der durchgängige Kolumnentitel) bekannt, welches gelegentlich der Internationalen Wanderausstellung "UnFASSBAR" vom 15. November 2011 bis 5. Februar 2012 in Mölln ausgestellt wurde. Es hat die Jahrhunderte nicht unbeschadet überstanden, sondern es fehlen insgesamt 30 Blatt einschließlich des Titelblattes und des Kolophon. Es wird ein Erscheinungstermin um 1512 oder bald darauf vermutet. Die fehlenden Seiten wurden von einem aufklärungszeitlichen Vorbesitzer durch Blätter eines sogen. Jahrmarktsdruckes Ausgabe aus der Zeit um 1700 ersetzt. Im Original sind 100 Blatt mit 66 Holzschnitten von Künstlern wie Hans Baldung Grien und Urs Balthasar erhalten. Deren ausgezeichnete Qualität beweist, dass die Druckstöcke für diese Erstausgabe neu hergestellt wurden. Einige Darstellungen sind in späteren Ausgaben nicht mehr zu finden, wie z.B. Eulenspiegel auf dem Weg zum Lübecker Galgen. Dem Text kommt der der Ausgabe Straßburg 1519 (Exemplar in der Forschungsbibliothek Gotha) am nächsten, ist aber noch genauer und zuverlässiger als dieser. Aus diesem Blickwinkel gesehen nimmt die Ausgabe Straßburg 1515 die dritte Stelle ein. Vorbesitzer dieses ältesten Eulenspiegeldruckes waren im 20. Jahrhundert der Dichter Karl Wolfskehl sowie der Kaufmann und Verleger Salman Schocken. Wolfskehl erhielt das Buch wahrscheinlich von seinem Freund, dem Lyriker Stefan George.
Insgesamt 95 kurze und kürzere Kapitel stellen das Leben des Ulenspiegels dar. Die Zählung geht bis zur 96. Historie, wobei es keine 42. Historie gibt. Insgesamt ist unsicher, wie viele der Kapitel in der nicht erhaltenen Urausgabe vorhanden waren; fest steht jedoch, dass einige der Geschichten nachträglich hinzugedichtet wurden.
Die ersten Kapitel beziehen sich auf Herkunft und Kindheit der Figur. In der neunten Geschichte verlässt Ulenspiegel seine Mutter, um auf seine lebenslangen Wanderungen zu gehen. Er geht verschiedensten Berufen nach, jedoch nur, um am Ende jeder Geschichte weiterzuziehen. Davon gibt es wenige Ausnahmen, wie beispielsweise der Pfarrer, bei dem Ulenspiegel auf seinen anfänglichen Reisen arbeitet, oder der König von Dänemark. Hier bleibt Ulenspiegel bis zum Tod des Königs (obwohl dies auch nur in einer einzelnen Historie erwähnt ist, kann man von einem weitaus längeren Zeitrahmen als in den übrigen ausgehen). In den letzten Historien (ab Hist. 90) wird Ulenspiegels Sterben und sein Tod geschildert.
Der Vorname Till leitet sich von Tilldrick und dies wiederum von Dietrich ab.
Die niederdeutschen Wörter ule und spegel bedeuten Eule und Spiegel. Tills Nachname wird daher oft als einfache Zusammensetzung der Wörter Eule und Spiegel angesehen, und daher kommt auch die Übersetzung des Namens ins Hochdeutsche als „Eulenspiegel“. Einer Mutmaßung nach könnte sich der Familienname zum Beispiel aus einer Abbildung am Haus entwickelt haben. Eine weitere Möglichkeit ist der Bezug zu einem Turm, dessen Spitze als „Eule“ bezeichnet wird.
Eine Abbildung in einer der ersten erhaltenen Ausgaben des Eulenspiegel (1515) zeigt ihn mit Spiegel und Eule in Händen. Dies drängt einem geradezu den Zusammenhang seines Namens mit den Attributen dieser Symbole und seinem dargestellten Treiben auf. Seit der griechischen Antike gibt es die literarische Tradition, bildlich gesprochen, sich selbst, einem Fürsten oder seinen Mitmenschen den Spiegel vorzuhalten, um zu erkennen, wer man sei – bzw. wer und wie man sein sollte. Ferner ist der Spiegel auch ein Narrenattribut. Hier wird sein Verhalten, Redensarten wörtlich zu nehmen, wieder deutlich.
Die Eule gilt als Vogel der Weisheit, schon seit den alten Griechen. Till ist gedanklich, analytisch und an Humor den Verulkten überlegen. Gleichzeitig führt er andere und die Gesellschaft durch deren Entlarvung vor. Der Narr zudem ist eine Gegenüberstellung eines weisen Königs mit einem rein weltlichen Gegenpart. Till zeigt in seinen blosstellenden Streichen Weisheit.
Auch einer ganz anderen Deutung nach ist der Name ein Wortspiel: das mittelniederdeutsche Wort ulen bedeutet auch „wischen“, und das Wort spegel hat auch die Bedeutung Gesäß (noch heute wird in der Jägersprache das helle Fell am Hinterteil von Reh und Hirsch „Spiegel“ genannt). Der Ausruf Ul'n spegel bedeutete also Wisch mir'n Hintern, vulgo Leck mich am Arsch (Schwäbischer Gruß, Götzzitat).
Schließlich wird Till Eulenspiegel auch der Ausspruch „ick bin ulen spegel“ zugeschrieben, was soviel bedeutet wie „Ich bin euer Spiegel“, also „Ich halte euch den Spiegel vor“.
Der Name Eulenspiegel fand aufgrund seiner Popularität Eingang in mehrere Redensarten und Sprichwörter, darunter:
Die Redensart jemandem den Pelz waschen hat ebenfalls einen direkten Bezug zum Eulenspiegel und einer Geschichte, bei der Eulenspiegel den Frauen die Pelze waschen will. Diese Redensart war bereits vorher bekannt und wurde im Eulenspiegel nur in literarischer Form umgesetzt. Das französische Wort 'espiègle' für 'schalkhaft' oder 'schelmisch' leitet sich aus dem deutschen Namen 'Eulenspiegel' ab.
Till Eulenspiegel: Skulptur in Mölln
Buchillustrationen: Briefmarke der Deutschen Bundespost von 1977
Detail des Eulenspiegel-Brunnens in Braunschweig
Eine dem Eulenspiegel entsprechende Gestalt kennt der islamische Raum zwischen Nordafrika, Türkei und Innerasien in Gestalt des weisen Narren, der als Nasreddin oder Dschuha populär ist. In Ostafrika werden diese Geschichten unter dem Namen von Abu Nuwas erzählt. Eine Entsprechung in der jiddischen Kultur findet sich in der Gestalt des Hersch Ostropoler (jiddisch: Hershele Ostropolier), der in der heutigen Ukraine zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebte. In Sri Lanka werden die Geschichten des Hofnarren Andare erzählt. In der Mongolei stößt man auf den klugen Wandermönch, den Badartschin, während in mehreren Ländern Südostasiens (Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam) die Gestalt des Sri Thanonchai bekannt ist.