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Der Begriff Transzendentalphilosophie umfasst philosophische Systeme und AnsĂ€tze, die die Grundstrukturen des Seins nicht durch eine Ontologie (Theorie des Seienden), sondern im Rahmen des Entstehens und BegrĂŒndens von Wissen ĂŒber das Sein beschreiben. Indem transzendentale AnsĂ€tze die Bedingungen der Erkenntnis untersuchen, die vor jeder Erfahrung (a priori) im Subjekt liegen, wird der Metaphysik als universelle Grundlagentheorie eine Erkenntniskritik vorgeschaltet. Die Transzendentalphilosophie ist somit auch Kritik der herkömmlichen Metaphysik.
Mit der Transzendentalphilosophie verband zuerst Kant den Anspruch, eine völlig neue Grundlage der Philosophie geschaffen zu haben. In der Folgezeit wurde immer wieder versucht, transzendentalphilosophischen Fragestellungen auf eine neue Weise nachzugehen. Dazu zĂ€hlen der Deutsche Idealismus, der Neukantianismus und die PhĂ€nomenologie und in jĂŒngerer Zeit der Methodische Konstruktivismus und verschiedene EinzelentwĂŒrfe in der Gegenwart. In der analytischen Philosophie wurde die Fragestellung seit Strawson mit der Diskussion Transzendentaler Argumente wieder aufgenommen.
Moderne Themen der Transzendentalphilosophie sind LetztbegrĂŒndung, das Leib-Seele-Problem in der Philosophie des Geistes, das intersubjektive VerhĂ€ltnis zu dem Anderen und die z.T. damit zusammenhĂ€ngende Thematik der Anerkennung.[1]
Inhaltsverzeichnis |
Die Bezeichnung âTranszendentalphilosophieâ wurde maĂgeblich von Immanuel Kant in seinem erkenntnistheoretischen Hauptwerk, der Kritik der reinen Vernunft (1781/ÂČ1787) geprĂ€gt. Kant trennte zum ersten Mal in der Geschichte der Philosophie die Bedeutung der Begriffe âtranszendentâ und âtranszendentalâ.[2] Er bezog beide Begriffe auf die Möglichkeit von Erkenntnis. Als Wissenschaft von den allgemeinen und notwendigen Bedingungen der Erkenntnis definiert Kant die Transzendentalphilosophie als ein System von Begriffen, das die Möglichkeit von GegenstĂ€nden etwas âa prioriâ zu erkennen zum Gegenstand hat (Immanuel Kant: AA III, 43[3]). Hingegen sind GegenstĂ€nde oder Sachverhalte transzendent, die nicht Gegenstand einer möglichen Erkenntnis sind.
Historisch ist Kants Projekt einer Transzendentalphilosophie als methodische Reflexion auf das Erkenntnisvermögen vernĂŒnftiger Wesen (Immanuel Kant: AA XVIII, 20[4]) und als Antwort auf den Streit zwischen Empirismus und Rationalismus zu verstehen. Empiristen wie John Locke waren der Auffassung, dass nur die sinnliche Wahrnehmung Erkenntnisse liefert; ohne diese ist der Verstand ein weiĂes Blatt Papier, eine Tabula rasa. Die Rationalisten in der Tradition von Descartes und Leibniz, in der Kant zunĂ€chst auch stand, nahmen hingegen an, dass nur der Verstand zu tĂ€uschungsfreier Erkenntnis der Dinge fĂ€hig ist. Die unbestĂ€ndigen dunklen Empfindungen werden erst durch den Verstand klar und deutlich geordnet.
In der Kritik der reinen Vernunft entwickelte Kant einen Ansatz, die sowohl den Empiristen als auch den Rationalisten widersprach, mit dem er vor allem aber auch den skeptischen Empirismus David Humes zurĂŒckweist.[5] Kants Lösung ist ein sowohl als auch. FĂŒr jede nicht-analytische Erkenntnis bedarf der Mensch ebenso der Begriffe, die er im Verstand bildet, wie der sinnlichen Anschauung. Sinnlichkeit und Verstand sind die beiden einzigen, gleichberechtigten und voneinander abhĂ€ngigen Quellen der Erkenntnis. âGedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.â (Immanuel Kant: AA III, 75[6])
Dabei fragte Kant nicht, wie GegenstĂ€nde richtig erkannt werden, sondern vor allem nach den im Subjekt liegenden Voraussetzungen von Erkenntnis, in seinen Worten: nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis. Dabei geht es nicht um die physiologischen, psychologischen oder logischen Voraussetzungen der Erkenntnis, sondern um die Strukturbedingungen des Erkenntnisvorgangs. Kant entwickelte hierzu die Theorie, dass der Mensch ĂŒber die reinen Anschauungsformen des Raumes und der Zeit verfĂŒgt und anhand von Kategorien die Erscheinungen der GegenstĂ€nde zu einer Erkenntnis zusammenfĂŒhrt. FĂŒr die Aneignung der inneren und Ă€uĂeren Welt benötigt der Mensch Grundstrukturen, die in ihm selbst als erkennendem Subjekt liegen. Voraussetzung aber, dass Anschauungen einen Inhalt erhalten, war fĂŒr Kant die sinnliche Wahrnehmung. Die Erkenntnisse der Bedingungen der Erkenntnis selbst, die vor aller Erfahrung liegen, nennt Kant transzendental (Immanuel Kant: AA IV, 373[7]). Entscheidend fĂŒr die kantische Erkenntnistheorie ist, dass der Mensch die Wirklichkeit der GegenstĂ€nde nicht unmittelbar wahrnimmt, sondern die Erscheinungen der GegenstĂ€nde in seinem Bewusstsein formt. Wirklich ist die Erscheinung, wĂ€hrend die Welt bzw. deren Einzelobjekte als Ding an sich unerkennbar bleiben.
Der Bereich möglicher Erkenntnis wird damit auf die Verarbeitung der Erfahrung und die Strukturen dieser Verarbeitung beschrĂ€nkt: Durch die reinen Anschauungsformen Raum und Zeit sowie die Kategorien ist bestimmt, welche GegenstĂ€nde und Sachverhalte ĂŒberhaupt und auf welche Weise diese erkannt werden können. Da alle Erkenntnis unter diesen Bedingungen steht, erfasst sie nicht das âDing an sich an sich selbst betrachtetâ. Damit meint Kant dasjenige, was vom Objekt ĂŒbrig bleibt, wenn vom subjektiven Anteil der Erkenntnis, die wir davon haben, abgesehen wird. FĂŒr Kant ist diesen Ding an sich, auch als Noumenon bezeichnet, aber unerkennbar, wir verfĂŒgen darĂŒber nur als Grenzbegriff unserer ErkenntnisfĂ€higkeiten. Gegenstand (objektiver) Erkenntnis ist aber lediglich die sinnlich wahrnehmbare Welt der Erscheinungen (PhĂ€nomene).
Die Verstandesbegriffe sind Funktionen des menschlichen Erkenntnisvermögens. Sie geben der Wahrnehmung die formale Struktur und ermöglichen damit erst deren Erkennbarkeit, indem sie das eigentliche Erkenntnisobjekt erschaffen. Bestimmungen wie âNotwendigkeit und strenge Allgemeinheitâ (Immanuel Kant: AA III, 29[8]) entspringen den Kategorien des Verstandes, nicht der Wahrnehmung. Die VerknĂŒpfung der Gedankenbestimmungen ist das Urteil. Diese synthetische Leistung wird vom Selbstbewusstsein erbracht. ââIch bin mir selbst ein Gegenstand der Anschauung und des Denkensâ ist ein synthetischer Satz a priori und der Grundsatz der Transzendentalphilosophie.â (Immanuel Kant: Vorlesungen ĂŒber Metaphysik [9])
Im Bewusstsein findet ein Denkprozess statt, in dem die Vernunft sich selbst zum Gegenstand hat. Das Erscheinende setzt ein denkendes Subjekt voraus. Der Mensch denkt nicht nur die KausalitĂ€t, sondern er weiĂ auch, dass er diesen Gedanken hat. Er wird in der Reflexion sein eigenes mentales Objekt.[10] Diese SelbstbezĂŒglichkeit der Vernunft im Erkenntnisprozess formulierte Kant als obersten Grundsatz aller synthetischen Urteile: â[D]ie Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung ĂŒberhaupt sind zugleich Bedingungen der Möglichkeit der GegenstĂ€nde der Erfahrung und haben darum objective GĂŒltigkeit in einem synthetischen Urtheile a priori.â (Immanuel Kant: AA III, 145[11])
Das âtranszendentale Ichâ als bloĂ logisch formale IdentitĂ€tsbestimmung der Vernunft, ohne das fĂŒr ihn ein Denkvorgang nicht vorstellbar war, nannte Kant die synthetische Einheit der transzendentalen Apperzeption. Dieses reine Ich ist ein bloĂer Gedanke des gegenstandskonstituierenden Bewusstseins, also vor jeder Erfahrung und kein Element der Dinge an sich und kein Objekt der Wahrnehmung. Als oberstes Prinzip des Denkens ist es Ausgangspunkt aller Erkenntnis, immer gegenwĂ€rtig und nicht aus einer anderen Vorstellung ableitbar und damit der höchste Punkt der Transzendentalphilosophie (Immanuel Kant: AA III, 109[12]).
Das besondere Interesse, Aussagen ĂŒber transzendente GegenstĂ€nde wie Gott, ĂŒber die Unendlichkeit oder ĂŒber die Freiheit des Menschen zu machen, das Kant der Vernunft unterstellt, kann demzufolge nur durch Spekulation oder Glauben, nicht durch Wissen gestillt werden. Begriffe, die sich auf etwas Transzendentes beziehen, benötigt der Mensch als âregulative Ideenâ, um sich in der Welt praktisch und theoretisch zu orientieren; sie haben aber keinen objektiven Gehalt. Dabei ging es Kant nicht um eine grundsĂ€tzliche Ablehnung von Metaphysik. Im Gegenteil war er der Auffassung, dass der Mensch ĂŒber ein Streben nach einer Erweiterung seines Wissens verfĂŒgt, das zu seinem Wesen gehört (Immanuel Kant: AA IV, 9[13]).
Die Methode der Transzendentalphilosophie hilft ihm aber, klarer zu erkennen, wo er sich in den Bereich der Spekulation begibt. Eine Metaphysik, die gegen die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis verstöĂt, kann keine gĂŒltige Metaphysik sein. Kant hat selbst versucht, sein methodisches Prinzip aus der reinen Vernunft im Bereich der Naturwissenschaften in den Metaphysischen AnfangsgrĂŒnden der Naturwissenschaft und im Bereich der Ethik mit der Metaphysik der Sitten in die Praxis umzusetzen.
Verschiedenste Rezipienten vertraten die Auffassung, die Anwendung der kritischen Methode Kants auf seine eigene Philosophie zeige, dass einige dort aufgestellte Thesen Kants eigenen MaĂstab nicht gerecht werden:[14]
Wenn Kant selbst auch in der Kritik der reinen Vernunft den Anspruch erhob, hinreichende GrĂŒnde fĂŒr eine apodiktische GĂŒltigkeit seiner Thesen geliefert zu haben, so hatte er in der Einleitung hervorgehoben, dass seine AusfĂŒhrungen methodisch in Hinblick auf die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis als Hypothese aufzufassen seien. Er sprach von einem âExperiment der reinen Vernunftâ (Immanuel Kant: AA III, 14[23]). Insofern wird seine Grundsatzfrage nach den Grenzen der Erkenntnis durch die Kritiken an einzelnen Lösungskonzepten nicht aufgehoben, sondern wirkt bis in die Gegenwartsphilosophie.[24]
In Kants erkenntniskritischer Methode wird Subjekt reflexiv zum Objekt der eigenen Betrachtung. Mit dieser Akzentverschiebung wurde Kant zum Ideengeber des Deutschen Idealismus. Die Systeme von Fichte und Schelling lehnen jedoch die prinzipielle Unerkennbarkeit des âDing an sichâ, die Kant behauptet hatte, ab. Sie gehen von einem Konzept des transzendentalen Ich aus, das den Unterschied zwischen den zwei âStĂ€mmen der Erkenntnisâ Kants aufhebt, denn Fichte und Schelling setzten das âIchâ als ein absolutes, in dem die Innenwelt und die AuĂenwelt zur Einheit werden. Die Transzendentalphilosophie wird nun aus der Sicht des reinen Subjekts betrachtet.
âWie die Naturwissenschaft den Idealismus aus dem Realismus hervorbringt, indem sie die Naturgesetze zu Gesetzen der Intelligenz vergeistigt, oder zum Materiellen das Formelle hinzufĂŒgt, so die Transzendental-Philosophie den Realismus aus dem Idealismus, dadurch, dass sie die Gesetze der Intelligenz zu Naturgesetzen materialisiert, oder zum Formellen das Materielle hinzubringt.â
â Schelling: System des transzendentalen Idealismus[25]
Der Unterschied beider AnsÀtze liegt vor allem darin, dass Schelling eine vom Bewusstsein unabhÀngige RealitÀt der Natur annahm, in der das Ich aufgeht (objektiver Idealismus), wÀhrend nach Fichte das Absolute mit dem sich selbst setzenden Subjekt identisch ist (subjektiver Idealismus). Schelling charakterisierte dies wie folgt:
âFichte könnte sich mit dem Idealismus auf dem Standpunkt der Reflexion halten, ich dagegen hĂ€tte mich mit dem Prinzip des Idealismus auf den Standpunkt der Produktion gestellt: um diese Entgegensetzung aufs verstĂ€ndlichste auszudrĂŒcken, so mĂŒsste der Idealismus in der subjektiven Bedeutung behaupten, das Ich sei Alles, der in der objektiven Bedeutung umgekehrt: Alles sei =Ich,â
â Schelling: Darstellung meines Systems[26]
Die transzendentale Frage konzentrierte sich bei Fichte auf die âTathandlungâ eines völlig autonomen und sich selbst genĂŒgsamen Subjekts. Der Idealist sucht den Grund der Erfahrung nicht in dem dogmatischen Empirismus, sondern im âIch an sichâ, das etwas Reales im Bewusstsein ist. In der Selbstbestimmung des Denkenden liegt der Grund der Freiheit. Transzendentale Freiheit ist das Vermögen, erste unabhĂ€ngige Ursache zu sein.[27]
âDasjenige, dessen Sein (Wesen) bloĂ darin besteht, dass es sich selbst als seiendes setzt, ist das Ich, als absolutes Subjekt. So wie es sich setzt, ist es; und so wie es ist, setzt es sich; und das Ich ist demnach fĂŒr das Ich schlechthin, und notwendig. Was fĂŒr sich selbst nicht ist, ist kein Ich...â
â Fichte: Grundlage der Wissenschaftslehre[28]
Die Selbstsetzung des Ichs ist ohne Voraussetzung. Mit der intellektuellen Anschauung wird das Wesen des Ichs erfasst. Dieses Ich ist nicht etwas und kann deshalb kein PrĂ€dikat haben.[29] Im Gegensatz zu Kant band Fichte die Geltung der objektiven (erscheinenden) Welt an die IntersubjektivitĂ€t. FĂŒr Fichte wird die RealitĂ€t âbloĂ durch die Einbildungskraft hervorgebrachtâ.[30] Zwar ist diese RealitĂ€t vom Bewusstsein unabhĂ€ngig, aber sie ist transzendental, weil die erkennende Vernunft weiĂ, dass dieses UnabhĂ€ngige âein Produkt ihrer eigenen Denkkraft ist.â[31]
Hegel begrĂŒĂte den von Kant und Fichte herausgearbeiteten Grundgedanken der auf sich selbst reflektierenden Vernunft als Grundbedingung der Erfahrung[32], bezeichnete aber deren konkrete Ausgestaltung als Philosophie des Bewusstsein und nicht des Geistes[33], also als Psychologismus. Den Unterschied zwischen Fichte und Schelling sah er im Prinzip der IdentitĂ€t und im Systembegriff:
âAls Grundcharakter des Fichteschen Prinzips ist aufgezeigt worden, daĂ Subjekt = Objekt aus dieser IdentitĂ€t heraustritt und sich zu derselben nicht wiederherzustellen vermag, weil das Differente ins KausalitĂ€tsverhĂ€ltnis gesetzt wurde. Das Prinzip der IdentitĂ€t wird nicht Prinzip des Systems; sowie das System sich zu bilden anfĂ€ngt, wird die IdentitĂ€t aufgegeben. Das System selbst ist eine konsequente verstĂ€ndige Menge von Endlichkeiten, welche die ursprĂŒngliche IdentitĂ€t nicht in den Fokus der TotalitĂ€t, zur absoluten Selbstanschauung zusammenzugreifen vermag. [âŠ] Das Prinzip der IdentitĂ€t ist das Prinzip des ganzen Schellingschen Systems; Philosophie und System fallen zusammen; die IdentitĂ€t verliert sich nicht in den Teilen, noch weniger im Resultate.â
â Hegel: Differenz des Fichteschen und Schellingschen Systems[34]
Nach einer Phase der Psychologisierung der Erkenntnistheorie, die von Fries bis Eduard von Hartmann reichte, hob der Neukantianismus die transzendentale Fragestellung wieder in den Fokus, wobei die starren Konzepte Kants wie das Ding an sich und die Kategorien teilweise verworfen oder modifiziert wurden. So ging Friedrich Albert Lange von verschiedenen Weltbildern wie dem naturwissenschaftlichen, dem poetischen oder dem religiösen aus, die gleichberechtigt nebeneinander stehen.[35] In der Marburger Schule stand die Vereinbarkeit der Philosophie und der modernen Wissenschaften am Ende des 19. Jahrhunderts im Vordergrund. FĂŒr Hermann Cohen war Transzendentalphilosophie âdie Möglichkeit einer Erkenntnis, welche der Werth apriorischer oder wissenschaftlicher Geltung zukommt.â[36] Transzendentalphilosophie wird bei Cohen zu einer Grundlagenreflexion auf die Methoden der Wissenschaften, die die Einheit des Wissens sicherstellt. Paul Natorp arbeitete vor allem den Funktionsgedanken weiter aus, der den Ausgangspunkt allgemeiner Gesetze bildet, mit denen die unendlichen Einzelerkenntnisse in eine Ordnung gebracht werden. Auch bei ihm findet sich schon die Auffassung, dass es fĂŒr Aussagen keine letzte BegrĂŒndung gibt.[37] Heinrich Rickert beschrieb die Transzendentalphilosophie plakativ als die âWissenschaft von dem Gegenstand der Erkenntnis und von der Erkenntnis des Gegenstandes.â[38] Er machte vor allem auf die methodischen Unterschiede von Natur- und Geisteswissenschaften aufmerksam. In seiner Philosophie der symbolischen Formen betonte Ernst Cassirer, dass zu den Grundformen des geistigen Produzierens nicht nur die Erkenntnis, sondern auch das sprachliche Denken, das mythisch-religiöse Denken und auch die kĂŒnstlerische Anschauung gehören. Die Erweiterung der Perspektive ermöglicht es, âdie passive Welt der bloĂen EindrĂŒcke, in denen der Geist zunĂ€chst befangen scheint, zu einer Welt des reinen geistigen Ausdrucks umzubilden.â[39]
Edmund Husserls Anliegen war, durch Analyse des Bewusstseins die logische Konstitution allgemeiner Begriffe zu erfassen. Untersuchungsgegenstand sind somit nicht GegenstĂ€nde oder Sachverhalte, sondern das Bewusstsein von diesen. Die von ihm eingefĂŒhrte Methode ist die EpochĂ©, bei der alle GeltungsansprĂŒche ausgeklammert und die Wesensmerkmale des Untersuchungsgegenstandes durch Variationen der Betrachtung herausgearbeitet werden. Wichtige Momente sind dabei die IntentionalitĂ€t des Bewusstseins und die Evidenz als MaĂstab der Wahrheit.[40] Husserls PhĂ€nomenologie war gegen den Psychologismus gerichtet (âzu den Sachen selbstâ) und stand zunĂ€chst in Distanz zu Kant. Je mehr er sich jedoch mit der Frage des Selbst auseinandersetzte, umso stĂ€rker nĂ€herte er sich der Fragestellung Kants an. Man spricht etwa ab 1907 von einer âtranszendentalen Wendeâ bei Husserl.[41] Die transzendentale Wende wurde von einem wesentlichen Teil seiner SchĂŒler nicht mit vollzogen; insbesondere der âGöttinger Kreisâ mit PfĂ€nder, Geiger, Conrad Martius, von Hildebrand und Scheler verstand weiterhin die PhĂ€nomenologie als Wesensanalyse der ontologischen Voraussetzungen aller geistigen Akte ĂŒberhaupt.[42] Am Ende bezeichnete Husserl die transzendentale PhĂ€nomenologie als die âEndform der Transzendentalphilosophieâ.[43] Husserl sprach von einem korrelativen VerhĂ€ltnis von erkennendem Bewusstsein und objektiv weltlichem Gegenstand, das man in einer philosophisch-meditierenden Situation analysiert.[44]
âIch selbst gebrauche das Wort âtranszendentalâ im weitesten Sinne fĂŒr das originale Motiv, das durch Descartes in allen neuzeitlichen Philosophien das sinngebende ist und in ihnen allen sozusagen zu sich selbst kommen, die echte und reine Aufgabengestalt und systematische Auswirkung gewinnen will. Es ist die RĂŒckfrage nach der letzten Quelle aller Erkenntnisbildungen, des Sichbesinnens des Erkennenden auf sich selbst, und sein erkennendes Leben, in welchem alle ihm geltenden wissenschaftlichen Gebilde zweckmĂ€Ăig geschehen, als Erwerbe aufbewahrt und frei verfĂŒgbar geworden sind und werden. Radikal sich auswirkend, ist es das Motiv einer rein aus dieser Quelle begrĂŒndeten, also letztbegrĂŒndeten Universalphilosophie. Diese Quelle hat den Titel ICH-SELBST mit meinem gesamten wirklichen und vermöglichen Erkenntnisleben, schlieĂlich mein konkretes Leben ĂŒberhaupt. Die ganze transzendentale Problematik kreist um DIESES meines ICH â das âegoâ â zu dem, was zunĂ€chst selbstverstĂ€ndlich dafĂŒr gesetzt wird: meine SEELE und dann wieder um das VerhĂ€ltnis dieses Ich und meines BewuĂtseinslebens zur WELT, deren ich bewuĂt bin und deren wahres Sein ich in meinen eigenen Erkenntnisgebilden erkenne.ââ
â Husserl: Krisis der europĂ€ischen Wissenschaften[45]
Husserl beanspruchte fĂŒr die PhĂ€nomenologie eine universelle GĂŒltigkeit[46], wenn auch das Erreichen universell gĂŒltiger Aussagen âein im Unendlichen liegendes Zielâ ist[47]. Ort der LetztbegrĂŒndung ist das transzendentale Ich, das man in der Reflexion gewinnt. Das ego ist die letzterreichbare Instanz fĂŒr jede Form von Sinn. Seine Existenz ist zweifelsfrei (apodiktisch evident). Die Bewusstseinsinhalte hingegen flieĂen in der Zeit und ihre Evidenz kann nur adĂ€quat sein. Aufgabe der PhĂ€nomenologie ist es, nicht die Existenz, sondern den Seinsinhalt dieses ego in einer reflexiven Analyse nĂ€her zu bestimmen. Dieser Akt ist eine Form âtranszendentaler Selbsterfahrungâ.[48] Die transzendentale Selbstkritik ist die auf LetztbegrĂŒndung abzielende erste Erkenntniskritik an sich.[49]
âIn solcher Forschung wird die vorwissenschaftlich und wissenschaftlich erkennende SubjektivitĂ€t thematisch , also zur selbst erfahrenen, beachten, und sie wird zum Feld einer auf wahres Sein, wahre Urteile, Theorien ĂŒber sie abzielenden ErkenntnistĂ€tigkeit der hierbei erkenntniswissenschaftlich tĂ€tigen wissenschaftlichen Person.â
â Husserl: Erste Philosophie[50]
âDas transzendentale Ich ist rein in sich; es vollzieht aber in sich eine Selbstobjektivation, gibt sich selbst die Sinnesgestalt âmenschliche Seeleâ und âobjektive RealitĂ€tâ.â[51] Husserl betonte die âIdentitĂ€t von transzendentalem Ich und empirischen Ich.â[52], wies aber zugleich auf die Differenz hin, die in sich einen paradoxen Charakter hat.
âUnvermeidlich bleibt die Differenz zwischen der empirischen und transzendentalen SubjektivitĂ€t, und doch auch unvermeidlich, aber auch unverstĂ€ndlich ihre IdentitĂ€t. Ich selbst als transzendentales Ich âkonstituiereâ die Welt und bin zugleich als Seele menschliches Ich in der Welt. Der Verstand, der der Welt sein Gesetz vorschreibt, ist mein transzendentaler Verstand, und dieser formt mich selbst nach diesen Gesetzen, er, der doch mein, des Philosophen, seelisches Vermögen ist. Das selbst setzende Ich, von dem Fichte spricht, kann es ein andres sein, als das Fichtes?â
â Husserl: Krisis der europĂ€ischen Wissenschaften[53]
FĂŒr Husserl wird das transzendentale Ich, das die EpochĂ© und die Reflexion vollzieht, zur absoluten BegrĂŒndungsinstanz fĂŒr alles was auĂer ihm selbst liegt. Der Gefahr eines idealistischen Subjektivismus begegnete Husserl Ă€hnlich wie Fichte durch das Konzept der IntersubjektivitĂ€t.
âAber wie steht es dann mit anderen egoâs, die doch nicht nur bloĂe Vorstellung und Vorgestelltes in mir sind, synthetische Einheiten möglicher BewĂ€hrung in mir, sondern sinngemÀà eben A n d e r e?â
â Husserl: Cartesianische Meditationen[54]
Husserls Antwort lautet: Wenn das transzendentale Ich fĂŒr sich in Anspruch nimmt, dass es konstitutiv fĂŒr alle Erkenntnis ist, dann wird auch jedes andere transzendentale Ich diesen Anspruch erheben. Jedes transzendentale ego hat eine eigene âPrimordinalsphĂ€reâ, die in einer wechselseitigen Beziehung zu einer Erlebnisgemeinschaft wird. Das reine Ich kann sich als Person nur aus einer Fremdsicht auffassen. Ohne den Anderen ist eine Selbstobjektivierung nicht möglich.
Der Unterschied von Husserl zu Kant liegt vor allem in der Methode, in der ârein immanenten Wesenlehre der IntentionalitĂ€tâ.[55], die bei Kant und seinen Nachfolgern bis dahin unbekannt war. Im Verlaufe seiner Arbeiten beschrieb Husserl verschiedene Wege zu einer transzendentalen Selbsterfahrung.[56]
Die Diskussion um transzendentale Argumente geht auf Peter Strawson zurĂŒck. Dieser hatte sich aus dem Ansatz der analytischen Philosophie heraus intensiv mit Kant befasst und in seinem grundlegenden Werk âIndividualsâ (1959), in dem er sich unter anderem mit der Universalienfrage auseinandersetzte, die These aufgestellt, dass es Begriffe gibt, die als notwendig fĂŒr Erkenntnis begrĂŒndet werden können. Es ist die Frage nach GrundtatbestĂ€nden und der Art, wie der Mensch ĂŒber die Welt denkt. Strawson nannte als ein Beispiel, die Unterscheidung zwischen eigenem und fremdem Bewusstsein. Dies setzt die FĂ€higkeit zu dieser Unterscheidung sowie Kriterien voraus, um diese Unterscheidung ĂŒberhaupt treffen zu können. Das zweite Beispiel ist der Begriff Einzelding. Welche Implikationen und PrĂ€suppositionen hat der Gedanke, dass materielle Dinge von anderen verschieden sind und zueinander zu verschiedenen Zeiten auf unterschiedliche Weise in rĂ€umlicher Beziehung zueinander stehen.[62] Ohne die Existenz einer raum-zeitlichen Welt könnte der Mensch ĂŒber Einzeldinge nicht reden. Kant hatte zur Widerlegung des Idealismus ein Ă€hnliches Argument verwendet und als Lehrsatz formuliert:
âDas bloĂe, aber empirisch bestimmte, Bewusstsein meines eigenen Daseins beweiset das Dasein der GegenstĂ€nde im Raum auĂer mirâ
â Immanuel Kant: AA III, 191[63]
In der Transzendentalen Deduktion der Kategorien in der 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft hat Kant in etwa wie folgt argumentiert[64]: Es gibt Urteile ĂŒber die zeitliche Ordnung meines Bewusstseins. Diese Urteile sind nur möglich mit der Erfahrung einer dauerhaften Substanz auĂer mir. Daher gibt es eine dauerhafte Substanz. Kants Beispiel ist Wasser und Eis (gefrorenes Wasser). Der Begriff der Substanz kann nicht aus den Beobachtungen abgeleitet werden, man kann den Begriff aber ohne Beobachtung auch nicht inhaltlich fĂŒllen. Strawson hat diese Argumentation in einem Kommentar (The Bounds of Sense, 1966) detailliert untersucht und grundlegende Anforderungen an transzendentale Argumente formuliert. Aus der analytischen Perspektive hat er Kants Lehre von den Kategorien und von den reinen Anschauungsformen von Raum und Zeit ebenso wie den Dualismus von Sinnlichkeit und Verstand als Psychologismus verworfen, aber besonders den bei Kant erstmals zu findenden Ansatz begrĂŒĂt, âdie allgemeine Struktur von Vorstellungen und GrundsĂ€tzenâ zu untersuchen.[65]
Transzendentale Argumente sind darauf ausgerichtet, den Skeptizismus zu widerlegen und die Existenz bewusstseins- oder geistunabhĂ€ngiger Tatsachen zu begrĂŒnden. Sie behaupten, dass es Bedingungen der ErkenntnisfĂ€higkeit oder des Wissens gibt, die allgemeine und notwendige Voraussetzungen sind, damit man von sicherer Erkenntnis sprechen kann. Sie werden oft in der logischen Form des modus ponens vorgetragen.[66]
| allgemeine Form | Beispiel nach Strawson[67] | |
|---|---|---|
| (1) p âq | Wenn man ĂŒber p spricht, setzt man q voraus | Wenn man ĂŒber Einzeldinge spricht, setzt man eine AuĂenwelt voraus |
| (2) p | weil q notwendige Voraussetzung fĂŒr eine Aussage ĂŒber p ist, ist q der Fall | Man kann ĂŒber Einzeldinge nur sprechen, weil es eine AuĂenwelt gibt |
| (3) q | q ist der Fall | Also gibt es eine AuĂenwelt |
Damit das vorliegende Schema die Merkmale eines transzendentalen Arguments aufweist, muss (1) der Obersatz nicht nur synthetisch a priori, sondern auch gehaltvoll und informativ sein und (2) der Untersatz als ein sicher gewusstes Faktum ein analytisch wahrer Satz sein. Nur dann gilt, dass auch der Schluss (3) synthetisch a priori ist, weil der Wahrheitswert des Obersatzes auf die Konklusion transferiert wird. Die Diskussion transzendentaler Argumente konzentriert sich neben dem Inhalt der jeweiligen Thesen auf die Frage, ob SchlĂŒsse dieser Art ĂŒberhaupt geeignet sind, eine LetztbegrĂŒndung zu geben.[68]
Bekannte Beispiele transzendentaler Argumente stammen von Hilary Putnam mit einem externalistischen Argument gegen die Gehirn-im-Tank-These des AuĂenweltskeptizismus[69], Donald Davidson, der mit der These der generellen Ăbersetzbarkeit aller Sprachen ein interpretationstheoretisches Argument gegen die Möglichkeit eines grundsĂ€tzlichen Falschverstehens aufstellte[70], oder John Searle, der versuchte, die Existenz der AuĂenwelt zu begrĂŒnden, und der den externen Realismus nicht fĂŒr eine âThese oder Hypothese, sondern [fĂŒr] die Bedingung fĂŒr die Aufstellung bestimmter Arten von Thesen und Hypothesenâ hielt. Die AuĂenwelt bezeichnete er als einen âRaum der Möglichkeitenâ, der âunabhĂ€ngig von aller ReprĂ€sentationâ ist.[71]. Auch die Figur performativer WidersprĂŒche (siehe: Retorsion) wird zu den transzendentalen Argumenten gezĂ€hlt.
Eine maĂgebliche Kritik an der formalen Struktur Ă€uĂerte Barry Stroud:
âKant stellt an ein transzendentales Argument den Anspruch, die Frage nach der âRechtfertigungâ zu beantworten und damit die âobjektive GĂŒltigkeitâ gewisser Begriffe zu beweisen. Ich habe dies so verstanden, dass der Begriff âXâ nur dann objektive GĂŒltigkeit hat, wenn es X-e gibt, und dass der Nachweis der objektiven GĂŒltigkeit des Begriffs gleichbedeutend ist mit dem Nachweis der tatsĂ€chlichen Existenz von X-en. Kant glaubte, er könne von den notwendigen Bedingungen des Denkens und der Erfahrung auf die Falschheit des âProblematischen Idealismusâ schlieĂen und auf diese Weise die tatsĂ€chliche Existenz der Ă€uĂeren Welt materieller GegenstĂ€nde ableiten, und nicht allein die Tatsache, dass wir glauben, es gĂ€be eine solche Welt, oder dass es sie, nach allem, was wir sagen können, gibt. Die ĂberprĂŒfung einiger neuerer Versuche, auf analoge Weise zu argumentieren, gibt Anlass zu der Vermutung, dass â legt man nicht ein Verifikationsprinzip zugrunde, mit dessen Hilfe automatisch jedes weitere indirekte Argument ĂŒberflĂŒssig wird â auf dem Wege einer Untersuchung der notwendigen Bedingungen fĂŒr Sprache allerhöchstens bewiesen werden kann, dass wir zum Beispiel glauben mĂŒssen, dass es materielle GegenstĂ€nde oder Bewusstsein bei anderen (other minds) gibt, um ĂŒberhaupt mit Bedeutung sprechen zu können.â
â Barry Stroud: Transzendentale Argumente[72]
FĂŒr Stroud beinhalten transzendentale Argumente immer schon die Hintergrundannahme des transzendentalen Idealismus. Das âes muss so seinâ beinhaltet einen versteckten Wechsel von der Aussageebene zur Annahme eines Sachverhalts. Ohne die Annahme einer auĂerhalb des Arguments liegenden Voraussetzung (dass es eine AuĂenwelt gibt), gibt es keinen logischen Grund, das Argument zu akzeptieren. Denn auch wenn intuitiv eine AuĂenwelt fĂŒr das Reden ĂŒber Einzeldinge notwendig erscheint, so gibt es keinen Beweis dafĂŒr, dass es sich nicht anders verhĂ€lt.[73] Transzendentale Argumente können daher nur gĂŒltig sein, wenn man die PrĂ€missen verifiziert (Verifikationismus). Dass ein Mensch existieren muss, wenn man darĂŒber spricht, dass er etwas tut, besagt noch nicht, dass er auch tatsĂ€chlich existiert. Die Forderung der Existenz bleibt auf der sprachlichen Ebene. In einer spĂ€teren Arbeit[74] hat Strawson zugestanden, dass Strouds Kritik berechtigt ist. Ăhnlich wie Stroud argumentierte Stephan Körner, dass transzendentale Argumente keinen Nachweis fĂŒr die Notwendigkeit erbringen. Es ist immer noch denkbar, wenn auch nicht unbedingt vorstellbar, dass in einer anderen, dem Menschen unbekannten Welt ganz andere Erkenntnisprinzipien (conceptual schemes) gelten.[75]
Als Alternative hat Stroud vorgeschlagen âmoderateâ oder âbescheideneâ transzendentale Argumente zu verwenden. Dieser Vorschlag entspricht einem erkenntnistheoretischen Idealismus.[76] Wenn man die Existenz einer AuĂenwelt nicht nachweisen kann, so kann man zumindest argumentieren, dass man die Ăberzeugung haben muss, dass man ĂŒber die FĂ€higkeit zur Interpretation (a interpretive framework) verfĂŒgt, ĂŒber eine AuĂenwelt zu sprechen.[77] Es geht dann nicht mehr um Aussagen, wie die Welt ist, sondern darum, wie der Mensch die Welt erfĂ€hrt. Damit er ĂŒber Einzeldinge reden kann, muss er annehmen, dass Einzeldinge auch dann weiter existieren, wenn er sie nicht sieht. Voraussetzung, dass eine solche Ăberzeugung (die Existenz von Einzeldingen) fĂŒr wahr gehalten wird, ist ihre Unabdingbarkeit. Es kommt dann nur darauf an, dass es keine Argumente gegen diese Ăberzeugungen gibt, nicht darauf ob sie tatsĂ€chlich falsch sind.
Einen Anspruch auf LetztbegrĂŒndung erhebt die von Karl-Otto Apel und Wolfgang Kuhlmann[78] in Auseinandersetzung mit Vertretern des kritischen Rationalismus konzipierte Position der Transzendentalpragmatik[79], die insbesondere in der Auseinandersetzung mit Hans Albert[80] weiter entwickelt wurde. An die Stelle des transzendentalen Selbstbewusstseins tritt in dieser âTransformation der Transzendentalphilosophieâ das Konzept eines âApriori der Kommunikationsgemeinschaftâ, das Apel aus der pragmatischen Maxime von Peirce in Verbindung mit der Idee der Sprachspiele von Wittgenstein und der Konzeption der Sprechakte von John Searle entwickelte. Apel und Kuhlmann gestehen zu, dass der Versuch, skeptische Argumente zu widerlegen, am MĂŒnchhausen-Trilemma scheitert. Gegen den kritischen Rationalismus halten sie aber dennoch eine LetztbegrĂŒndung fĂŒr möglich. Denn auch der Skeptiker befindet sich bereits in einer Argumentation, die als Sprachspiel bestimmten PrĂ€suppositionen und konstitutiven Regeln folgt. Diese allgemeine Praxis kann auch ein Skeptiker ohne Selbstwiderspruch nicht leugnen.[81]
âWenn ich etwas nicht ohne aktuellen Selbstwiderspruch bestreiten und zugleich nicht ohne formallogische petitio principii deduktiv begrĂŒnden kann, dann gehört es eben zu den transzendentalpragmatischen Voraussetzungen der Argumentation, die man anerkennen muĂ, wenn das Sprachspiel der Argumentation seinen Sinn behalten soll.â
â Apel: Problem der LetztbegrĂŒndung[82]
JĂŒrgen Habermas knĂŒpft in seiner Universalpragmatik Ă€hnlich wie Apel an pragmatische Lösungsversuche des Problems transzendentaler Argumente bei Jaakko Hintikka[83] oder Henry L. Ruf[84] an.[85] Habermas distanziert sich allerdings von Apels LetztbegrĂŒndungsanspruch.
âGewiĂ, das intuitive Regelwissen, das sprach- und handlungsfĂ€hige Subjekte verwenden mĂŒssen, um an Argumentationen ĂŒberhaupt teilnehmen zu können, ist in gewisser Weise nicht fallibel â wohl aber unsere Rekonstruktion dieses vortheoretischen Wissens und der UniversalitĂ€tsanspruch, den wir damit verbinden. Die GewiĂheit, mit der wir unser Regelwissen praktizieren, ĂŒbertrĂ€gt sich nicht auf die Wahrheit von RekonstruktionsvorschlĂ€gen fĂŒr hypothetisch allgemeine PrĂ€suppositionen; denn diese können wir auf keine andere Weise zur Diskussion stellen als beispielsweise ein Logiker oder ein Linguist seine theoretischen Beschreibungen.â
â Habermas: Diskursethik[86]
Habermas spricht von einer Detranszendentalisierung der Argumentation, wenn er sich fĂŒr seinen idealen Diskurs auf Voraussetzungen beschrĂ€nkt, die de facto gelten sollen, damit bestimmte Praktiken möglich sind. Hierzu zĂ€hlt er die pragmatische Unterstellung einer gemeinsamen, objektiven Welt und die RationalitĂ€t zurechnungsfĂ€higer Aktoren im Rahmen des kommunikativen Handelns.[87]
In der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts wurde eine Reihe von Einzelpositionen entwickelt, die eng an die kantische Transzendentalphilosophie, teilweise an den Deutschen Idealismus anknĂŒpfen und jeweils besondere Aspekte oder Perspektiven herausarbeiten und betonen.
Indem er nach den Bedingungen der Möglichkeit eines Offenbarungsglaubens fragte, versuchte Joseph MarĂ©chal eine transzendentale BegrĂŒndung des Neuthomismus, die unter anderem in den Positionen von Johannes Baptist Lotz, Emerich Coreth oder Karl Rahner wirksam wurde.[88]
Wolfgang Cramer betonte das âErlebenâ als Grundform aller SubjektivitĂ€t, das sich durch den unmittelbaren Bezug und in einer zweiten Stufe durch das Bezugnehmen auf diesen Bezug reflexiv gestaltet und auf diese Weise produktiv wird. Cramer entwickelte eine Ontologie der SubjektivitĂ€t und versuchte sich der Idee des âIch denkeâ durch âWegdenken von Denkenâ zu nĂ€hern.[89]
Hans Wagner entwickelte anhand der Korrelation von Subjekt, Objekt, Akt (Noesis) und Gehalt (Noema) ein Konzept zur Reflexion, in dem gegenstandsgerichtetes Denken, reflektierendes Denken und die Frage der Geltung von Theorien in einen einheitlichen Bezug gesetzt werden.[90]
Hermann Krings stellte das Konzept eines âtranszendentalen Aktusâ in den Mittelpunkt seiner Ăberlegungen, der in der Reflexion einerseits einen Fortgang zu inhaltlicher FĂŒlle, andererseits einen RĂŒckgang zu sich selbst erzeugt. Krings verzichtete auf eine LetztbegrĂŒndung und sah in den Kategorien Denkbegriffe, die sich aus der Erfahrung bilden und im transzendentalen Aktus jeweils im neuen Zusammenhang aktualisiert werden. Durch Fehlen von Grenzen in der Geschichte und in den Wissenschaften ist auch die Entstehung neuer Kategorien nicht begrenzt.[91]
Odo Marquard bewertete die Transzendentalphilosophie Kants, Fichtes und Schellings als Weigerung, âdas Gegebene als Instanz zu akzeptieren.â[92] Er sah eine enge Verbindung der Transzendentalphilosophie zur Psychoanalyse. Die von Kant aufgezeigte Ohnmacht der Vernunft fĂŒhre in die ErklĂ€rung des Menschen aus dem Triebgrund. Psychoanalyse âist demnach kein âGegensatzâ sondern ein âZustandâ der Transzendentalphilosophie.â [93] Marquards Kritik gilt vor allem der einseitigen Ausrichtung der Vernunft bei Kant auf RationalitĂ€t und Naturwissenschaften. Diesem stellte er das Konzept der âTriebnaturâ gegenĂŒber, die die Autonomie des Ich beschrĂ€nkt.
Weiter zu nennen sind Dieter Henrichs Theorie des Selbstbewusstseins[94], Hans Michael Baumgartners transzendentale Geschichtsphilosophie[95], die Transzendentale Existenzphilosophie von Heinrich Barth[96], die in der Auseinandersetzung mit Quine entwickelte âoffene Transzendentalphilosophieâ Henri Laueners[97] und Wolfgang Röds oder der Interpretationismus von GĂŒnter Abel und Hans Lenk.[98] Die Weltoffenheit des Menschen, die ihm eine Ăberwindung seiner Triebstruktur ermöglicht, ist der Ansatz einer transzendentalen theologischen Anthropologie bei Wolfhart Pannenberg[99] Gerold Prauss wendet sich mit einer nichtempirischen Theorie der auf Raum und Zeit beruhenden SubjektivitĂ€t als IntentionalitĂ€t gegen die Naturalisierungsversuche in der modernen Philosophie.[100] Peter Rohs versucht die Philosophie Kants mit der Spinozas in Form einer Feldtheorie der Zeit zu verknĂŒpfen.[101] Thomas Rentsch vertritt aus Sicht der philosophischen Anthropologie die These, dass der RĂŒckbezug auf die primĂ€re Lebenswelt vor aller Theorie liegt. Deshalb ist der Mensch nur in seiner SitualionalitĂ€t verstĂ€ndlich und eine subjektzentrierte Bewusstseinsphilosophie abzulehnen.[102]