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Transzendenz (von lateinisch transcendere ‚übersteigen‘) ist im Deutschen eine Begriffsprägung aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Deren Ausgangspunkt bildeten die Terminologie des „transcendere“ in antiken lateinischen Wiedergaben von Konzepten des Platonismus und christlich-theologische Begriffsbestimmungen vor allem aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Hier meint „Transzendenz“ in manchen Fällen eine Überschreitung des Göttlichen auf die Weltschöpfung hin, meist aber umgekehrt eine Überschreitung der endlichen Erfahrungswelt auf deren göttlichen Grund hin.[1] Neben dieser ontologischen Gegenüberstellung einer vergänglichen und endlichen Wirklichkeit (Immanenz) und einer unendlich-ewigen transzendenten Wirklichkeit besteht eine oftmals epistemologische Abgrenzung, wonach Transzendentes den Bereich des beschränkten menschlichen Erkennens überschreitet. Einer seit dem frühen 13. Jahrhundert ausgeprägten Theorie und Terminologie zufolge kommen Prinzipien wie das Gute, das Schöne und dergleichen allem Seienden als solchem zu; sie „überschreiten“ daher die aristotelischen Kategorien und werden darum „Transzendentalien“ genannt. In Anknüpfung an diese mittelalterlichen Begriffsprägungen findet das Begriffspaar von Immanenz und Transzendenz in vielen Kontexten spezifischere Verwendung, unter anderem als Interpretament der Relationierung von Prinzipien und Prinzipiaten in diversen philosophiegeschichtlichen und religionswissenschaftlich beschreibbaren Zusammenhängen unterschiedlichster Epochen und Kulturen.
Zu fachwissenschaftlich spezifischeren Wortverwendungen zählt in der Mathematik die Klasse der transzendenten Zahlen, Elemente von Körperweiterungen und Funktionen, die nicht-algebraisch sind, siehe „transzendent“ im Glossar mathematischer Attribute.
Inhaltsverzeichnis |
In der Philosophiegeschichte ist der Begriff Transzendenz auf unterschiedliche Weise verwendet worden, wobei oft auch religiöse Vorstellungen mit hineinspielen. Gemeinsam ist allen Bedeutungen nur, dass ein Akt oder Prozess des Überschreitens einer Grenze, die zwei ihrer Natur nach fundamental verschiedene Bereiche trennt, angenommen wird. Die Begriffsbildung geht von einem räumlichen Schema aus, doch sind die Begriffe „Bereich“ und „Grenze“ hier nicht räumlich zu verstehen; jeder der beiden Bereiche ist durch die spezifischen Möglichkeiten der Erkenntnis und Erfahrung, die in ihm gegeben sind, charakterisiert und definiert. Macht jemand eine Erfahrung, die im Rahmen seines gewohnten Bereichs als nicht möglich oder prinzipiell nicht ausdrückbar und erklärbar erscheint, oder gelangt er schlussfolgernd zur Annahme einer Realität jenseits dieses Bereichs, so kann er daraus – unter der Voraussetzung, dass kein Irrtum vorliegt – folgern, er habe erlebend bzw. gedanklich die Grenze seines Bereichs überschritten und einen anderen Bereich „betreten“. Dieser andere Bereich ist dann aus seiner Perspektive transzendent.[2]
Damit wird vorausgesetzt, dass es zwei solche voneinander scharf abgegrenzte Bereiche gibt, und dass es für einen Betrachter möglich ist, eine Perspektive einzunehmen, von der aus er die Existenz beider Bereiche und der Grenze zwischen ihnen erkennen kann. Diese Hypothese wiederum setzt voraus, dass der Betrachter nicht ausschließlich einem der Bereiche angehört, sondern über eine Fähigkeit verfügt, die ihm auch den Zugang zum anderen verschafft oder ihm zumindest die Erkenntnis ermöglicht, dass die Grenze und jenseits von ihr der andere Bereich ebenfalls existieren. Hieraus ergibt sich das Grundproblem der philosophischen Modelle, die Transzendenz annehmen: die Frage, wie die Annahme einer fundamentalen Verschiedenheit der beiden Bereiche mit der Annahme vereinbar ist, dass von einem der Bereiche aus die Existenz des anderen erkannt oder sogar die Grenze überschritten werden kann. Diese Frage kann nur beantwortet werden, wenn abgesehen von der radikalen Verschiedenheit in bestimmter Hinsicht auch eine Einheit der beiden Bereiche, welche die Ausfaltung der Koordinaten für den Prozess des Überschreitens gestattet, vorausgesetzt wird.[3]
Die Theorien, die eine transzendente Realität bejahen, gehen gewöhnlich von einem ontologischen Abhängigkeitsverhältnis aus. Sie postulieren, dass der nichttranszendente Bereich (der gewohnte „Aufenthaltsort“ des Menschen) seine Existenz und seinen gesamten Inhalt dem transzendenten Bereich verdankt, während der transzendente Bereich in keiner Weise vom nichttranszendenten abhängt. Der transzendente Bereich ist der bedingende, der andere der bedingte. Somit ist der transzendente Bereich in einer ontologischen Hierarchie der übergeordnete.[4]
Dabei stellt sich das Problem der Vermittlung. Es ist zu fragen, welcher Umstand oder Faktor zwischen den beiden Bereichen vermittelt und damit eine Beeinflussung des nichttranszendenten durch den transzendenten und eine Erkenntnis der Existenz (und gegebenenfalls auch der Beschaffenheit) des transzendenten vom nichttranszendenten aus ermöglicht.
Im Platonismus, der von Platon begründeten Richtung der antiken Philosophie, wird angenommen, dass es außer dem Bereich der sinnlich wahrnehmbaren und veränderlichen Einzeldinge auch einen Bereich der unveränderlichen, nur rein geistig erfassbaren Ideen gibt. Die Ideen sind nach Platons Ideenlehre nicht bloße Vorstellungen im menschlichen Geist, sondern bilden eine eigenständige, objektiv existierende metaphysische Wirklichkeit. Der intelligible Bereich der Ideen ist die Ursache der Existenz des Bereichs der Sinnesobjekte, zu denen nicht nur materielle Objekte zählen, sondern auch Ereignisse und Handlungen. Die Ideen sind die ewigen geistigen Urbilder, die Sinnesobjekte deren Abbilder und als solche notwendigerweise unvollkommen und mangelhaft. Da die Abbilder von prinzipiell anderer Beschaffenheit sind als die Urbilder und zwischen ihnen ein ontologisches Abhängigkeitsverhältnis besteht, sind die Ideen vom Bereich der Sinnesobjekte aus gesehen transzendent.
Die Vermittlung erfolgt nach dem Prinzip der Teilhabe (Methexis). Als Abbilder haben die Einzeldinge an ihren Urbildern teil, und zwar jedes Ding an mehreren Ideen und an jeder Idee eine Vielzahl von Dingen. Jedes Ding ist durch seine verschiedenen Teilhabebeziehungen konstituiert. Die Teilhabe ist das Bindeglied zwischen dem konstituierenden geistigen und dem konstituierten sinnlich erfahrbaren Bereich.[5] Der Mensch hat grundsätzlich zu beiden Bereichen Zugang, weil seine Seele aus wesensverschiedenen Teilen besteht. Hinsichtlich ihres unsterblichen Teils ist sie immateriell und ewig, weist also für den Ideenbereich charakteristische Merkmale auf und ist dort beheimatet. Daher kann sie die Ideen erkennen. Die niederen Seelenteile hingegen zeigen Merkmale des Bereichs der Sinnesobjekte und dienen der Interaktion mit diesem Bereich.
Da nach der platonischen Lehre die Sinnesdinge von den Ideen zu dem, was sie sind, gemacht werden, und die Gesamtheit der sinnlich wahrnehmbaren Phänomene auf eine Einwirkung seitens der Ideen zurückgeführt wird, sind die Ideen als Urbilder in ihren Abbildern, den Sinnesobjekten, „anwesend“ (immanent). Unter Immanenz versteht man „die Anwesenheit von Teilen, Wirkungen oder Ausflüssen der Transzendenz in der nicht-transzendenten Wirklichkeit“.[6] Ohne diese Anwesenheit gäbe es nach Platons Ideenlehre die Sinnesdinge nicht. Der Gedanke der Teilhabe drückt im antiken Platonismus das aus, was heute Immanenz genannt wird; einen Begriff „Immanenz“ gab es damals noch nicht.
Das Konzept der Teilhabe soll den Zusammenhang zwischen den Ideen und den Dingen der Sinneswelt verständlich machen. Allerdings führt es zu einer Reihe von Problemen, die in Platons Dialog Parmenides erörtert, aber nicht gelöst werden. Es gelingt dort vorerst nicht, die Frage nach der Art der Teilhabe des phänomenal Gegebenen an den Ideen widerspruchsfrei zu beantworten.[7]
Aristoteles, der die Ideenlehre seines Lehrers Platon verwarf, war der Ansicht, das Problem der Vermittlung zwischen den beiden Bereichen könne durch die Vorstellung der Teilhabe nicht gelöst werden. Der Ausdruck „Teilhabe“ sei für eine philosophische Argumentation unbrauchbar, es handle sich nur um ein leeres Wort und eine poetische Metapher, deren Bedeutung Platon nicht untersucht habe.[8] Somit gebe es keine Vermittlung. Platons transzendenter Ideenbereich stelle sich als eine abgetrennte Welt ohne Bezug zur Sinneswelt dar; zwischen den beiden Bereichen klaffe ein unüberbrückbarer Abgrund. In Wirklichkeit gebe es keine solchen Ideen als abgesonderte Substanzen, sondern nur die Formen der Sinnesobjekte, die mit deren Materie untrennbar verbunden seien. Trotz dieser Ablehnung der platonischen Metaphysik verzichtete Aristoteles aber nicht auf die Annahme eines transzendenten Bereichs. Er ging von einem „unbewegten Beweger“ als Ursprung aller Bewegung aus. Den unbewegten Beweger, dessen Existenz er für notwendig hielt, betrachtete er als abgesonderte Substanz. Somit nahm er ein transzendentes Prinzip an.
Der Begriff „transcendere“ ist bei den für die mittelalterlichen Diskussionen maßgeblichen lateinischen Klassikern ein Äquivalent für Termini des Platonismus; Augustinus etwa übersetzt damit plotinische Begriffe wie anabainein (Aufsteigen), wobei es sich um den Überstieg hin zu einer nur graduell höheren Seinsstufe handeln kann, aber auch um die Bezugnahme zu einer schlechthin alles Endliche übersteigenden Wirklichkeit („absolute Transzendenz“).[9] Augustinus zufolge, dessen diesbezügliche Thesen auch Petrus Lombardus anführt, übersteigt das Göttliche prinzipiell alles - einschließlich des menschlichen Erkennens.[10] Thomas von Aquin zufolge ist das absolut Transzendente der Gegenstand der Theologie[11]. Johannes Duns Scotus nennt die Metaphysik eine „scientia transcendens“, weil sie die Transzendentalien behandelt.[12]
Das Transzendente ist bei Kant dasjenige, was jenseits der menschlichen Erfahrung liegt. Transzendent ist etwas, von dem keine theoretische Erkenntnis möglich ist. Um festzustellen, was durch das menschliche Erkenntnisvermögen nicht mehr erfasst werden kann, fragt Kant in der Kritik der reinen Vernunft nach den Grenzen des menschlichen Erkenntnisvermögens. Diese sind bestimmt durch die „Bedingungen der Möglichkeit“ menschlicher Erfahrung. Im Gegensatz zum Transzendenten ist das, was der Erkenntnisfähigkeit zugrunde liegt, ihr vorausgeht, das Transzendentale. Was jenseits dieser Erkenntnisfähigkeit liegt,das Transzendente, kann nicht Gegenstand des Wissens sein, sondern ist eine Frage des Glaubens. Kant sagt hierzu: „Ich mußte also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen.“ (KrV B XXX[13]) Transzendent, und damit bloß regulative Ideen, sind für Kant z.B. die Vorstellungen von Gott, der Freiheit und dem ewigen Leben. Diese Vorstellungen sind nicht unsinnig, aber man kann sie nur annehmen, man kann nur „postulieren“, dass es Gott, Freiheit oder eine unsterbliche Seele gibt. Die Kritik der reinen Vernunft hat den Zweck, dass „dem Materialism, Fatalism, Atheism, dem freigeisterischen Unglauben, der Schwärmerei und Aberglauben, die allgemein schädlich werden können, zuletzt auch dem Idealism und Scepticism, die mehr den Schulen gefährlich sind und schwerlich ins Publicum übergehen können, selbst die Wurzel abgeschnitten werden.“ (KrV B XXXIV, AA III, 21)
Wenn man die Grenzen der Erkenntnis beschrieben hat, also weiß, was man wissenschaftlich erklären kann, so bleiben für Kant aber dennoch die Fragen nach dem Transzendenten, nach dem was im „Jenseits der Sinnenwelt“ liegt, dem sich die menschliche Vernunft nicht entziehen kann. Deshalb stellt er im „Beschluß“ am Ende der Kritik der praktischen Vernunft fest: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüth mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ (KpV AA V, 161)
Das den Erkennenden mit dem Horizont seiner Erkenntnis Vermittelnde ist in der Geschichte der nachkantischen Philosophie von verschiedenen Seiten angegangen worden. Da ist zunächst im Idealismus Hegels die Geschichte, die in der Dialektik ihrer Entwicklung das Kontinuum schafft, in dem der Verstand über die Gegenstände zu sich kommt und so mit sich und der Welt vermittelt ist. Aufbauend auf Hegels Konzept sieht Heidegger im Verstehen der menschlichen Existenz und ihrem Ringen um Selbstverständnis das Vermittelnde zwischen dem Erkennenden, den Gegenständen seiner Erkenntnis und dem Horizont menschlicher Erkenntnis, der diese erst möglich macht.[14]
„Horizont“ bedeutet in diesem Kontext den Vorgriff auf etwas, das den Prozess der Erkenntnis überhaupt erst ermöglicht. Dieses ist eben nicht der Gegenstand der Erkenntnis selbst, sondern das, was als Bedingung der Möglichkeit stets bei jeder Erkenntnis mitgesetzt ist. Die Philosophie, indem sie auf die Vollzugsbedingungen ihrer Erkenntnis reflektiert, macht diesen stets implizit gesetzten Horizont zum Gegenstand ihrer Untersuchung. So ist zum Beispiel Wahrheit als so verstandener Horizont stets mit gesetzt, und zwar unabhängig davon, ob die getroffene Aussage wahr oder falsch, die Wahrheit intendiert war oder nicht, die Tat gut oder böse ist, illustriert am Lügner-Paradoxon, dem zufolge niemand behaupten kann, er lüge immer, weil er ja in mindestens diesem einen Fall die Wahrheit sage, und so Wahrheit transzendentale Möglichkeitsbedingung selbst der intendierten Falschheit dieser Aussage ist.
Den Begriff Transzendenz verwendete Karl Jaspers in dreifacher Bedeutung:
Die Transzendenz ist bei Jean-Paul Sartre ein grundlegendes Merkmal des Menschen. Das Überschreiten des Egos, in dem der Mensch nicht in sich selbst eingeschlossen, sondern dauernd gegenwärtig in einem menschlichen All ist. In Anlehnung an den griechischen Philosophen Platon und seine Ideenlehre erdenken wir die Existenz des „Guten an sich“, das sich uns als unbeschreibliche und über die Wege und Mittel der Transzendenz erfassbare Einsicht offenbart.[18]
Nach Niklas Luhmann verweist Transzendenz als Richtungsangabe auf etwas jenseits einer Grenze. Sie ist ein gedankliches Überschreiten der Immanenz. Ihre spezifische Funktion liegt in der Sinngebung, so „daß eine Kommunikation immer dann religiös ist, wenn sie Immanentes unter dem Gesichtspunkt der Transzendenz betrachtet.“ [19] Das Transzendente seinerseits kann nur aus der Perspektive der Immanenz betrachtet werden. Hieraus ergibt sich eine paradoxe Kommunikationsstruktur, die Luhmann in der doppelten Sicht auf Christus versinnbildlicht sieht, der sich als Sohn Gottes in der Welt immanent und als Gott selbst transzendent darstellt.
Ernst Tugendhat legt dar, dass in der nachkantischen Philosophie die metaphysische Vorstellung einer Transzendenz Gottes durch die einer anthropologischen „immanenten Transzendenz“ ersetzt wurde, durch das Konzept eines Strebens der Menschen, dass über sie hinausweist.[20] Dies findet sich bei Nietzsche, der mit der Feststellung vom Tod Gottes (Fröhliche Wissenschaft § 125), um nicht im Nihilismus zu verharren, für den Menschen den Gegenentwurf des Willen zur Macht entwickelte, dessen Verwirklichung durch den Übermenschen und die Umwertung aller Werte einen Aufstieg verheißt. Heideggers Bestimmung der Transzendenz als Differenz von Sein und Seiendem verwirft Tugendhat hingegen als Sackgasse. „Der Mensch kann sich mit der Oberfläche der Dinge nicht zufrieden geben und muß in sie eindringen. So konstituiert sich ein Übersichhinausgehen, das nicht, wie das Übersichhinausgehen bei Nietzsche, ein bloß quantitatives Wachstum der Macht des Individuums ist, und auch nicht, wie in der damaligen Erkenntnistheorie und bei Heidegger, eine Bewegung zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Mensch und Sein, sondern ein Transzendieren der Erscheinung und der Oberfläche in Richtung der Tiefe der Dinge.“[21] Die zunehmende Tiefe wird erreicht durch das Fragen nach Gründen, in Achtung und Aufmerksamkeit gegenüber der Realität. Die Transzendenz besteht für Tugendhat „in einer Steigerung des Sichöffnens für die Realität und im Lernen, etwas gut und besser zu machen.“ [22]
Der Buddhismus kennt transzendente Buddhas, die als Adibuddha (Urbuddha) bezeichnet werden. Transzendente Buddhas sind zeitlos und immer präsent. Sie gehören dem Dharmakaya, der Ebene der dualitätsfreien, gleichzeitig transzendenten und immanenten absoluten Wahrheit und Wirklichkeit an, die das Wesen aller Buddhas ausmacht. Eine Analogie zum westlichen Konzept der Transzendenz bildet im Buddhismus das Nirwana, das den Gegensatz zu allem Gegebenen, zum Samsara bildet und in manchen Varianten des Buddhismus meditativ durch Loslassen von allen weltlichen Bindungen in höchster Kontemplation erreicht werden kann. In anderen Schulen ist es das Ungeborene oder Nichtexistente als Grenzbegriff, in das der Mensch nach seinem Tod eingeht. (siehe auch: Trikaya). Als Negation ist das Transzendente nicht mit einem positiv gefassten Ewigem und Umgreifenden (Jaspers) gleichzusetzen.[23]
Im Hinduismus kennzeichnet das Brahman, die kosmische Weltseele, die unveränderliche, unendliche, immanente und transzendente Realität, welche den Grund aller Materie, Energie, Zeit, Raum, Sein und alles über dem Universum darstellt. Die Trimurti und andere untergeordnete Gottheiten sind nur verschiedene Erscheinungsformen der Einheit des einen Gottes. Die Erlösung, Befreiung oder auch Erleuchtung (Moksha) ist das letzte, ultimative der vier Lebensziele im Hinduismus. Mit Tirtha werden Furten oder Flussübergänge als Orte der Transzendenz in hinduistischen Texten und Ritualen bezeichnet, die in der religiösen Praxis zu Pilgerorten geworden sind. Durch Askese kann man sich in der vedischen Praxis der Immanenz der Welt entziehen und zur Transzendenz gelangen.[24]
Auch im Konfuzianismus gibt es einen transzendenten Hintergrund. So heißt es „Der Edle hat eine (heilige) Scheu vor dreierlei: er steht in Scheu vor dem Willen Gottes, er steht in Scheu vor großen Männern, er steht in Scheu vor den Worten der Heiligen (der Vorzeit).“ (Lun Yu 16, 8)[25] Hier ist ein übergeordneter „Auftrag des Himmels“ (天命 tian ming), der den Edlen zu einer besonderen Pflichterfüllung ruft.[26] Über den Himmel als abstrakten unpersönlichen Gott hinaus gibt es im Konfuzianismus keinen Jenseits-Bezug. Stattdessen wird ein besonderer Wert in der Erziehung der Menschen in den (göttlichen) Traditionen gesehen. Anders ist im Daoismus das Dao das grundlegende Prinzip der Welt, das Transzendente, aus dem der Kosmos und die Ordnung der Dinge entstanden sind. Indem die Dinge der Welt, die Gegensätze von Yin und Yang aus dem Dao entstanden sind, ist es zugleich Immanenz.
Im Gegensatz zur mythologischen Religion der Griechen, in der die Götter immanent in die Weltordnung eingebunden sind und deshalb nur eine relative Transzendenz haben, hat der jüdische Gott als Schöpfer von Anbeginn eine absolute Transzendenz. Satan hingegen als mythische Gottheit ist zugleich Teil der Welt und besitzt so eine immanente Transzendenz.[27]
Das Christentum ist eine Aufweitung des jüdischen Glaubens auf die Gesamtheit der Gläubigen und damit auf die gesamte Menschheit, setzt aber in vielem die alttestamentarische Denktradition fort. Gott bleibt der allmächtige Schöpfergott (Apg 14,15-17 LUT). Durch die hinzugekommene Lehre von der Auferstehung (1 Kor 15,42-50 LUT) und vom jüngsten Gericht (vgl. 1 Kor 3,10-15 LUT, Mt 25,31-46 LUT) wird das menschliche Dasein zum Tode jedoch nun aufgehoben und der Mensch erhält so die Möglichkeit eines Zugangs zum ewigen Leben (vgl. 1 Kor 3,10-15 LUT). „Denn ihr seid gestorben und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott. Wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit. (Kol 3,3-4 LUT) Durch die Transzendenz Gottes sind auch Christus und der Heilige Geist transzendent, weil sie mit Gott, dem Vater, eine Einheit bilden. [28]
Vom frühkirchlichen Denken bis in die Neuzeit beinhaltete der christliche Glaube die Vorstellung eines in der Welt wirkenden Gottes. Die Säkularisierung in der Aufklärung und der Fortschritt der Wissenschaften haben dieses Bild immer weiter aufgelöst. Aufklärung vermittelt „Einsicht in die unverfügbaren Sinnbedingungen unserer Existenz.“[29] Diese Dimensionen der Kreatürlichkeit, der Unverfügbarkeit und der konstitutiven Nichtobjektivierbarkeit Gottes eröffnen die Perspektive auf ein humanes Leben, Würde, Freiheit und Fehlbarkeit. „Leben in praktischer Anerkennung der Transzendenz der Welt der Anderen und meiner selbst ist Voraussetzung noch aller vernünftigen gemeinsamen Praxis.“[30] Die Frage nach Gott, nach dem Sinn und dem Absoluten wird neu reflektiert. „Der praktische Sinn der konstitutiven Verbindung von Negativität und Transzendenz artikuliert sich christlich in der Botschaft von der Menschwerdung Gottes, vom Tod Gottes und vom Bleiben der Gemeinde in der Liebe.“[31] Auf diese Weise bleibt die Transzendenz in der Immanenz erhalten. Abstrakte Prinzipien wie Das Prinzip Hoffnung bei Ernst Bloch oder Das Prinzip Verantwortung bei Hans Jonas substituieren das Absolute und werden so der Schlüssel zu einer „Wiederaneignung der entfremdeten Sinngehalte der Transzendenz“.[32]