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Ulrich Beck (* 15. Mai 1944 in Stolp in Hinterpommern) ist ein deutscher Soziologe, der den Begriff Risikogesellschaft geprĂ€gt hat. Er war bis 2009 Professor fĂŒr Soziologie an der Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t MĂŒnchen und ist Gastprofessor fĂŒr Soziologie an der London School of Economics and Political Science.
Inhaltsverzeichnis |
Ulrich Beck wuchs in Hannover auf. Nach dem Abitur nahm er zunĂ€chst in Freiburg im Breisgau ein Studium der Rechtswissenschaften auf. SpĂ€ter erhielt er ein Stipendium und studierte Soziologie, Philosophie, Psychologie und Politische Wissenschaft an der Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t MĂŒnchen. Dort promovierte er 1972 und wurde sieben Jahre spĂ€ter im Fach Soziologie habilitiert.
Professuren besetzte er von 1979 bis 1981 an der WestfĂ€lischen Wilhelms-UniversitĂ€t MĂŒnster und von 1981 bis 1992 in Bamberg. Er wurde in Konvent und Vorstand der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Soziologie gewĂ€hlt. Heute lehrt er an der Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t MĂŒnchen und der LSE.
Von 1999-2009 war Ulrich Beck Sprecher des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierten und begutachteten Sonderforschungsbereichs 536 Reflexive Modernisierung, ein interdisziplinĂ€rer Kooperationszusammenhang zwischen vier UniversitĂ€ten im MĂŒnchner Raum.[1] Hier wurde Becks Theorie reflexiver Modernisierung interdisziplinĂ€r anhand eines breiten Themenspektrums in entsprechenden Forschungsprojekten empirisch ĂŒberprĂŒft. Die Theorie reflexive Modernisierung arbeitet den Grundgedanken aus, dass der Siegeszug der industriellen Moderne ĂŒber den Erdball Nebenfolgen erzeugt, die die institutionellen Grundlagen und Koordinaten der nationalstaatlichen Moderne infrage stellen, verĂ€ndern, fĂŒr politisches Handeln öffnen.[2]
Beck ist Mitglied des Kuratoriums am JĂŒdischen Zentrum MĂŒnchen. Er ist mit der Familiensoziologin Elisabeth Beck-Gernsheim verheiratet.
Ferner wirkte er jahrelang in der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Soziologie im Vorstand. Im MĂ€rz 2011 wurde Beck Mitglied der Ethikkommission fĂŒr sichere Energieversorgung.
Methodologischer Nationalismus meint: Die Sozialwissenschaften sind in ihrem Denken und Forschen Gefangene des Nationalstaats. Sie definieren Gesellschaft und Politik in nationalen Begriffen, sie wĂ€hlen den Nationalstaat als Einheit ihrer Forschungen als sei das die natĂŒrlichste Sache der Welt. All ihre SchlĂŒsselbegriffe (Demokratie, Klasse, Familie, Kultur, Herrschaft, Politik usw.) basieren auf nationalstaatlichen Grundannahmen. Das mag historisch angemessen gewesen sein im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts, wird aber in der Epoche der Globalisierung und Weltrisikogesellschaft zunehmend falsch, weil transnationale AbhĂ€ngigkeiten und Interdependenzen, eben globale Risiken nahezu alle Probleme und PhĂ€nomene von innen her durchdringen und tiefgreifend verĂ€ndern. Der methodologische Nationalismus aber macht blind fĂŒr diesen globalen Wandel, der sich in nationalen Gesellschaften vollzieht.[5]
Deshalb entwirft Beck seit 2000 eine kosmopolitische Soziologie, um die Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft im 21. Jahrhundert zu fundieren.[6] Denn nur so können die Sozialwissenschaften den globalen Wandel ĂŒberhaupt beobachten, der sich nicht da drauĂen, sondern hier drinnen in Familien, Haushalten, Liebesbeziehungen,[7] Organisationen, Berufen, Schulen, sozialen Klassen[8], Gemeinden, Religionsgemeinschaften[9], Nationalstaaten[10] â vollzieht.
Seine Theorie reflexiver Modernisierung (siehe auch die Unterscheidung von Erster und Zweiter Moderne) entfaltet er in drei Dimensionen bzw. VerÀnderungsprozessen, die sich teilweise ergÀnzen, teilweise verstÀrken, teilweise widersprechen: (1) (Welt)Risikogesellschaft, (2) Individualisierung, (3) Kosmopolitisierung.
(1) Becks Risikogesellschaft wurde als eines der zwanzig soziologischen Werke des Jahrhunderts durch die International Sociological Association (ISA) ausgezeichnet.[11] Dabei unterscheidet er Risiko klar von Katastrophe. Risiko meint nicht Katastrophe, sondern die Antizipation zukĂŒnftiger Katastrophen in der Gegenwart â mit dem Ziel, diese zu verhindern (durch Wahrscheinlichkeitsrechnungen, Versicherungsregelungen, PrĂ€vention). Lange bevor 2008 weltweit die Finanzkrise ausbrach, prognostizierte er[12]: Die neuen Risiken, die eine globale Antizipation globaler Katastrophen in Gang setzen, erschĂŒttern die institutionellen und politischen Grundlagen moderner Gesellschaften (siehe zuletzt die weltweite Kontroverse ĂŒber die Risiken der Atomenergie nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima). Dieser Typus globaler Risiken ist durch vier Merkmale gekennzeichnet: Entgrenzung, Unkontrollierbarkeit, Nicht-Kompensierbarkeit, (mehr oder weniger uneingestandenes) Nichtwissen.[13] Weil aber globale Risiken teilweise auf Nicht-Wissen beruhen, sind die Konfliktlinien der Weltrisikogesellschaft kulturell bestimmt. Wir haben es â so Beck â mit einem clash of risk cultures[14] zu tun.
(2) Individualisierung meint nicht Individualismus, auch nicht Emanzipation, Autonomie, Individuation (Personenwerdung). Sondern einen durch bestimmte Institutionen (beispielsweise an das Individuum adressierte soziale und politische Grundrechte, durch AusbildungsgĂ€nge und ArbeitsmarktmobilitĂ€t) hervorgerufene Prozesse erstens der Auflösung, zweitens der Ablösung industriegesellschaftlicher Lebensformen (Klasse, Schicht, GeschlechterverhĂ€ltnisse, Normalfamilie, lebenslanger Beruf). An ihre Stelle treten solche, in denen die Individuen ihre Biographie selbst herstellen, inszenieren, zusammenschustern mĂŒssen. Die "Normalbiographie" wird zur "Wahlbiographie", zur "Bastelbiographie", zur "Bruchbiographie". Die Menschen sind â um es mit Sartre zu sagen â zur Individualisierung verdammt.[15]
Das gilt nicht nur fĂŒr die LĂ€nder des alten Zentrums, sondern zeitversetzt und in anderen Formen z.B. auch fĂŒr China, Japan und SĂŒdkorea.[16]
(3) Kosmopolitisierung meint den Wandel von einer Gesellschaftsform, die in Politik, Kultur, Wirtschaft, Familie und Arbeitsmarkt wesentlich durch den Nationalstaat geprĂ€gt ist, hin zu einer Gesellschaftsform, in der die Nationalstaaten sich von innen globalisieren (Internet und Facebook, Export von ArbeitsplĂ€tzen, Migration, globale Probleme, die national nicht mehr zu lösen sind). Damit ist kein WeltbĂŒrgertum, kein Kosmopolitismus im klassischen Sinne gemeint, kein normativer Aufruf zu einer "Welt ohne Grenzen". Vielmehr erzeugen GroĂrisiken eine neue nationenĂŒbergreifende Zwangsgemeinschaft, weil das Ăberleben aller davon abhĂ€ngig ist, ob sie zu gemeinsamen Handeln zusammenfinden.[17]
Kosmopolitismus handelt von Normen, Kosmopolitisierung von Fakten. Kosmopolitismus im philosophischen Sinne, bei Immanuel Kant wie bei JĂŒrgen Habermas, beinhaltet eine weltpolitische Aufgabe, die der Elite zugewiesen ist und von oben, oder aber von unten durch zivilgesellschaftliche Bewegungen durchgesetzt wird. Kosmopolitisierung dagegen vollzieht sich von unten und von innen, im alltĂ€glichen Geschehen, oft ungewollt, unbemerkt. Selbst wenn weiterhin Nationalflaggen geschwenkt werden, die nationale Leitkultur ausgerufen und der Tod des Multikulturalismus verkĂŒndet wird. Kosmpolitisierung meint die Erosion eindeutiger Grenzen, die einst MĂ€rkte, Staaten, Zivilisationen, Kulturen, Lebenswelten und Menschen trennten; meint die damit entstehenden, existentiellen, globalen Verstrickungen, Konfrontationen, aber eben auch Begegnungen mit dem Anderen im eigenen Leben.[18]
Becks sozialwissenschaftlicher Kosmopolitismus ist dreierlei: eine empirische Forschungsperspektive, eine gesellschaftliche RealitÀt und eine normative Theorie. Diese drei Komponenten zusammengenommen machen den sozialwissenschaftlichen Kosmopolitismus zu der Kritischen Theorie unserer Zeit, da er die grundlegendsten Wahrheiten infrage stellt, die das Denken und Handeln heute bestimmen: die nationalen Wahrheiten.
Beck hat â oft in Koautorenschaft mit anderen â den empirischen Gehalt dieser Theorie des sozialwissenschaftlichen Kosmopolitismus (bislang) an folgenden Themen bzw. PhĂ€nomen erprobt, ĂŒberprĂŒft und weiterentwickelt: Macht und Herrschaft[19], Europa[20], Religion[21], soziale Ungleichheit[22] sowie Liebe und Familie[23].
Durch Beobachtungsgabe und Kombinatorik nehmen Becks Schriften oft die Form des GroĂessays an. In ihnen gelingt es Beck wiederholt, fĂŒr gesellschaftliche Sachverhalte und Entwicklungen eingĂ€ngige Kurzformeln zu entwickeln. So prĂ€gte er zahlreiche Begriffe, darunter fallen: Risikogesellschaft, reflexive Modernisierung, Fahrstuhleffekt, methodologischer Nationalismus, sozialwissenschaftlicher Kosmopolitismus, Individualisierung, Deinstutionalisierung, Enttraditionalisierung sowie im Bezug auf die Globalisierung die Begriffe Zweite Moderne, Globalismus, GlobalitĂ€t, Brasilianisierung sowie Transnationalstaat und kosmopolitisches Europa.
Der Umgang mit Sprache ist fĂŒr Beck ein besonderes Thema. âDie Soziologie, die im Container des Nationalstaats angesiedelt ist, und ihr SelbstverstĂ€ndnis, ihre Wahrnehmungsformen, ihre Begriffe in diesem Horizont entwickelt hat, gerĂ€t methodisch unter den Verdacht, mit Zombie-Kategorien zu arbeiten. Zombie-Kategorien sind lebend-tote Kategorien, die in unseren Köpfen herumspuken, und unser Sehen auf RealitĂ€ten einstellen, die immer mehr verschwinden.â[24] Dagegen setzt Beck die Suche nach einer neuen Beobachtungssprache der Sozialwissenschaften fĂŒr eine globalisierte Welt.
International ist Beck einer der bekanntesten und anerkanntesten Sozialwissenschaftler.[25] Innerhalb der deutschen Soziologie nimmt er, schreibt Rainer Erd, âeine herausragende Position ein: in der Situation versteinerter TheorieverhĂ€ltnisse (die Entwicklung der Soziologie im Nachkriegsdeutschland, Werturteilsstreit in der Soziologie, marxistische Theorie, Rollentheorie, Luhmannsche Systemtheorie) trat 1986 der Bamberger Soziologe U. Beck mit seinem Buch 'Risikogesellschaft'. Was andere sich wĂŒnschten, Beck gelang es. Er brachte die VerhĂ€ltnisse zum Tanzen, die WissenschaftsverhĂ€ltnisse freilich nur. Kaum ĂŒber ein anderes Buch der deutschen Nachkriegssoziologie ist so erbittert gestritten worden, kaum ein anderer Autor hat soviel Lob gehört, aber auch soviel Schimpf ĂŒber sich ergehen lassen mĂŒssen. Beck hat die wohl eingerichteten VerhĂ€ltnisse der Sozialwissenschaften heftig durchgerĂŒttelt. Da er sich keiner groĂen Theorietradition systemtheoretischer oder marxistischer Provenienz zuordnen lieĂ, waren VerblĂŒffung und Ărger um so gröĂer.â[26]
Beck plĂ€diert volkswirtschaftspolitisch dafĂŒr, neue PrioritĂ€ten zu setzen. VollbeschĂ€ftigung sei angesichts der Automatisierung und der Flexibilisierung der Erwerbsarbeit[27] nicht mehr erreichbar, nationale Lösungen seien unrealistisch, "neoliberale Medizin" wirke nicht. Stattdessen mĂŒsste der Staat ein bedingungsloses Grundeinkommen garantieren und dadurch mehr BĂŒrgerarbeit ermöglichen.[28]
Eine solche Lösung sei nur realisierbar, wenn auf europĂ€ischer Ebene bzw. â im besten Fall â auf diversen transnationalen Ebenen einheitliche wirtschaftliche und soziale Standards gelten wĂŒrden. Nur so sei es möglich, die transnational agierenden Unternehmen zu kontrollieren. Zur EindĂ€mmung der Macht transnationaler Konzerne (TNKs) plĂ€diert er daher fĂŒr die Errichtung Transnationaler Staaten als Gegenpol.[29] So wĂŒrde auch die Durchsetzung einer Finanztransaktionssteuer möglich, die HandlungsspielrĂ€ume fĂŒr ein soziales und ökologisches Europa eröffnet.[30]
Ferner ist Beck der Ansicht, dass ohne den Auf- und Ausbau internationalen Rechts und rechtsprechender Instanzen die Beilegung transnationaler Konflikte mit friedlichen Mitteln ausgeschlossen sei, was er als Rechtspazifismus tituliert.[31]
Im September 2010 war Beck an der GrĂŒndung der Spinelli-Gruppe beteiligt, die sich fĂŒr den europĂ€ischen Föderalismus einsetzt.
Er veröffentlicht kontinuierlich Essays in den groĂen europĂ€ischen Zeitungen: Der Spiegel, Die Zeit, SĂŒddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau, La Repubblica, El PaĂs, Le Monde, The Guardian usw.
Ulrich Beck ist einer der bekanntesten deutschen Soziologen der Gegenwart, dessen Begriffe und Thesen weit ĂŒber das Fachpublikum hinaus auf Resonanz zielen und stoĂen. Er gehört zu den meistzitierten Sozialwissenschaftlern der Welt.[32] Seine Werke wurden und werden in mehr als 35 Sprachen ĂŒbersetzt. 1999 wurde Beck mit dem CICERO Rednerpreis, 1996 mit dem Kulturellen Ehrenpreis der Landeshauptstadt MĂŒnchen, 1999 mit dem German-British Forum Award - fĂŒr besondere Verdienste um deutsch-britische Beziehungen (zusammen mit Anthony Giddens)[33], 2004 mit dem Preis der DGS (Deutsche Gesellschaft fĂŒr Soziologie) fĂŒr herausragende Leistungen auf dem Gebiet der öffentlichen Wirksamkeit der Soziologie und 2005 mit dem Schader-Preis, der höchst dotierten Auszeichnung fĂŒr Gesellschaftswissenschaftler in Deutschland ausgezeichnet. Beck wurden bislang sechs EhrendoktorwĂŒrden verliehen â UniversitĂ€t JyvĂ€skylĂ€/Finnland 1996, UniversitĂ€t Macerata/Italien 2006, UniversitĂ€t Madrid (UNED)/Spanien 2007, UniversitĂ€t Lausanne/Schweiz 2011, Freie UniversitĂ€t Varna/Bulgarien 2011. Von der Geschichts- und Gesellschaftswissenschaftlichen FakultĂ€t der Katholischen UniversitĂ€t EichstĂ€tt-Ingolstadt erhielt er am 15. November 2010 die EhrendoktorwĂŒrde.[34]
Im Unterschied zu den Gesellschaftstheorien von Niklas Luhmann und JĂŒrgen Habermas hat Becks diagnostische Gesellschaftstheorie[35] empirische Konsequenzen, die den mainstream in den speziellen Soziologien der sozialen Ungleichheit, Familie, Liebe, Erwerbsarbeit, Industrie, Politik, des Staates usw. herausfordern und insofern bis heute anhaltend international und interdisziplinĂ€r lebhafte Kontroversen auslösen. In diesem Sinne kann man von einer internationalen/interdisziplinĂ€ren Individualisierungs-Debatte[36], Risikogesellschafts-Debatte[37] sowie Kosmopolitismus-Debatte[38] sprechen.
Es gibt mehrere Arten von kritischen EinwĂ€nden, denen sich Beck ausgesetzt sieht. Zum einen solche EinwĂ€nde, die auf oberflĂ€chlichen Kenntnissen und pauschalen Urteilen beruhen. So wird beispielsweise immer wieder behauptet, es handele sich bei Becks Schriften eher um politische Philosophie als um handfeste, empirisch gehaltvolle Soziologie. Dabei werden die thematisch breitgefĂ€cherten, zehnjĂ€hrigen, interdisziplinĂ€ren, empirischen Arbeiten des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierten Sonderforschungsbereichs 536 âReflexive Modernisierungâ (1999-2009)[39][40] ebenso nicht zur Kenntnis genommen, wie die zahlreichen empirischen Studien, die national[41] und international[42] inzwischen vorliegen. TatsĂ€chlich gibt es aber auch international eine umfangreiche Kritik, die aus der intensiven Auseinandersetzung mit Beck erwĂ€chst.
Viel Kritik hat sich an der Behauptung Becks in der âRisikogesellschaftâ entzĂŒndet, dass mit der sozialen Produktion von Risiken soziale Klassen an Bedeutung verlieren â âNot ist hierarchisch, Smog ist demokratischâ[43]. DemgegenĂŒber wurde und wird geltend gemacht, dass Klassenungleichheiten in den Gegenwartsgesellschaften von kontinuierlicher, oft sogar wachsender Relevanz sind.[44]
Die Relativierung der Klassenkategorie fĂŒr die globalisierte Welt am Beginn des 21. Jahrhunderts â so wird in dieser Debatte deutlich â kann allerdings genau Entgegengesetztes bedeuten: zum einen die Abnahme, zum anderen die Zunahme, ja Radikalisierung sozialer Ungleichheiten. Beck steht der zweite Fall vor Augen, wenn er argumentiert, dass der Klassenbegriff eine zu âidyllische Beschreibungâ (âtoo soft a categoryâ) fĂŒr die radikalisierten Ungleichheiten am Beginn des 21. Jahrhunderts liefert.[45]
âZygmunt Bauman hat darauf hingewiesenâ, sagt Beck im GesprĂ€ch mit Johannes Willms, âwas diese monströse, neue Armut von der alten Armut unterscheidet: Diese Menschen werden schlicht nicht mehr gebraucht. Marxâ Rede vom Proletariat oder Lumpenproletariat unterstellt immer noch aktuelle oder potenzielle Ausbeutung im Arbeitsprozess. Dort, wo die Zivilisation in ihr Gegenteil, in bewohnte MĂŒllhalden umschlĂ€gt, ist selbst der Begriff âAusbeutungâ ein Euphemismus⊠Weder innerhalb von noch zwischen Nationalstaatsgesellschaften bildet der Klassenbegriff die entstandene KomplexitĂ€t radikal ungleicher LebensverhĂ€ltnisse ab. Er gaukelt vielmehr eine falsche Einfachheit vor.â[46]
Auf die Frage: schlieĂt das globale Armutsbewegungen aus?, antwortet Beck: Nein, im Gegenteil. Diese mĂŒssten allerdings durch die neuen Kommunikationsmedien vermittelt sein. Dann könnte es âeine globale Antiglobalisierungsbewegung gegen die weltweite Armut geben, die auf die Radikalisierung von Ungleichheiten reagiert und das Weltgewissen wecktâ[47].
Andere kritisieren, dass Becks undifferenziertes, katastrophisches VerstĂ€ndnis von Risiken, das seiner Kritik der Klassenkategorie zugrunde liegt, groĂe Teile der RealitĂ€t verfehlt. Hier wird vorgeschlagen, die soziale Verteilung von Risiken in die Klassenkategorien einzubauen, um auf diese Weise eine neue Kritische Theorie der Klassen in der Risikogesellschaft zu entwickeln: Es herrscht ein verhĂ€ngnisvoller Magnetismus zwischen Armut, sozialer Verwundbarkeit und Risikoakkumulation.[48]
Aktuell warnt Beck, Mitglied der Ethikkommission der deutschen Bundesregierung fĂŒr eine sichere Energieversorgung, davor, dass Katastrophen wie die in Fukushima zu einer Erosion des DemokratieverstĂ€ndnisses fĂŒhren könnten: âDie Politik hat sich durch die Zustimmung zur Kernenergie an das Schicksal dieser Technologie gebunden. Mit dem Eintritt des Unvorstellbaren geht das Vertrauen der BĂŒrger gegenĂŒber den Politikern verloren.â[49]
Die Individualisierungsthese (eine von drei Thesen in Becks Theorie reflexiver Modernisierung, siehe oben) hat zunehmend an Einfluss in der englischsprachigen Welt gewonnen, was zum einen an der breiten Anwendung in empirischen Forschungen abgelesen werden kann[50], zum anderen an den einschlĂ€gigen theoretischen Debatten[51] ĂŒber ihre Kernunterscheidungen und Methodologie (beispielsweise in der Jugendsoziologie[52]. Um MissverstĂ€ndnisse zu vermeiden, hat Beck vorgeschlagen, klar zwischen Individualisierung und Individualismus zu unterscheiden, also zwischen institutionellen Wandel auf der Makroebene der Gesellschaft (des Familien-, Scheidungs-, Arbeits- und Sozialrechts) und biographischen Wandel auf der Mikroebene der Individuen:
âMit anderen Worten: Individualisierung muss klar unterschieden werden von Individualismus oder Egoismus. WĂ€hrend Individualismus gewöhnlich als eine persönliche AttitĂŒde oder PrĂ€ferenz verstanden wird, meint Individualisierung ein makro-soziologisches PhĂ€nomen, das sich möglicherweise â aber vielleicht eben auch nicht â in EinstellungsverĂ€nderungen individueller Personen niederschlĂ€gt. Das ist die Krux der Kontingenz: Es bleibt offen, wie die Individuen damit umgehen.â
â Ulrich Beck[53]
Einige Kritiken beruhen auf dem MissverstĂ€ndnis, dass Individualisierung die Orientierungen und Werte des Individualismus verwirklicht. Ein besonders interessantes Beispiel dafĂŒr ist Paul de Beers empirische ĂberprĂŒfung der Individualisierungstheorie.[54] Er untersucht die Frage, wie individualisiert die HollĂ€nder sind, indem er das AusmaĂ der Detraditionalisierung, Emanzipation und Heterogenisierung erforscht. Dabei ĂŒbersieht de Beer, dass Individualisierung tatsĂ€chlich zu einer wachsenden AbhĂ€ngigkeit des Individuums von Institutionen fĂŒhrt[55] und zu einem paradoxen Prozess der KonformitĂ€t durch Wahlentscheidungen[56]. Auch diese empirische ĂberprĂŒfung der Individualisierungstheorie tappt also in die Falle, Individualisierung mit Individualismus gleichzusetzen und kommt schlieĂlich so zu der Schlussfolgerung, dass hollĂ€ndische Individuen (gemÀà zwei der drei Indikatoren) nicht âindividualistischerâ geworden sind.[57]
Der Anthropologe Yunxiang Yan, der an der UCLA (University of California, Los Angeles) lehrt, kritisiert dagegen, dass die Unterscheidung zwischen der âmakro-objektivenâ und der âmikro-subjektivenâ Dimensionen von Individualisierung die Frage nach der Rolle des Individuums im Prozess der Individualisierung verschleiert.[58] Sein Einwand lautet, dass Beck paradoxerweise eine âIndividualisierung ohne Individuenâ behauptet.[59]
Becks Kritik am methodologischen Nationalismus der Sozialwissenschaften ist Gegenstand heftiger Kontroversen.[60] Seine Kritiker wenden ein, dass bereits die Klassiker der Soziologie, beispielsweise sowohl Ămile Durkheim als auch der BegrĂŒnder der Soziologie Auguste Comte sich ausdrĂŒcklich mit dem Kosmopolitismus als einer möglichen Zukunft moderner Gesellschaften befassten.[61] Andere widersprechen, indem sie auf zentrale Autoren wie Immanuel Wallerstein und Niklas Luhmann hinweisen, die bereits in den 1970er Jahren die Begriffe âworld systemâ und Weltgesellschaft eingefĂŒhrt haben.[62]
DemgegenĂŒber besteht auch hier Beck auf der Unterscheidung zwischen Kosmopolitismus als Norm und Kosmopolitisierung als Tatsache (siehe oben Werk). In diesem Sinne haben sich viele Klassiker im 19. Jahrhundert zwar mit normativen Kosmopolitismus befasst, aber nicht mit den empirischen Prozessen der Kosmopolitisierung, die das Zusammenwachsen der Welt (angesichts Internet und Facebook, aber auch globaler Risiken sowie die innere Globalisierung von Familien, Klassen usw.) ins Zentrum stellt.
Autoren wiederum, die Kosmopolitisierung in diesem empirischen Sinne ernstnehmen, kritisieren, dass Kosmpolitisierung letzten Endes auf ein unkritisches VerstĂ€ndnis von Globalisierung hinauslĂ€uft. Ist doch strukturelle Kosmopolitisierung nicht an Reflexion und Interaktion von Individuen ĂŒber Grenzen hinweg gebunden.[63] Wenn Kosmopolitisierung auch Prozesse der Renationalisierung und Reethnifizierung umfasst, dann droht der Begriff leer zu werden.
Auch wird eingewendet, dass Beck zwar behauptet, dass Kosmopolitisierung irreversible sei, aber nicht begrĂŒndet, warum dies angesichts der Renaissance von Nation und Nationalismus ĂŒberall in der Welt der Fall sein soll.
Yishai Blank, der International Law in Tel Aviv lehrt, kritisiert, dass empirische Verweise auf die Akteure fehlen, die die Kosmopolitisierung vorantreiben, ein Mangel, der fĂŒr eine soziologische Studie erstaunlich sei. SchlieĂlich setzt Becks Idee des Kosmopolitismus, die Idee des Nationalismus voraus; er unterscheidet also gewissermaĂen zwischen einem guten und einem bösen Nationalismus, lĂ€sst jedoch den Leser allein, wie diese Unterscheidung in der RealitĂ€t zu treffen ist. Bestenfalls ist Becks Theorie der Kosmopolitisierung zusammengefasst unterentwickelt, schlimmstenfalls widersprĂŒchlich.[64]
Gegen die Theorie reflexiver Modernisierung wird oft eingewandt, sie sei ungeeignet eine neue Epoche zu definieren, da Moderne qua Begriff immer reflexiv sei.[65]
Reflexive Modernisierung meint bei Beck etwas sehr viel spezifischeres, nĂ€mlich âModernisierung der Moderneâ[66]: Die westliche Moderne wird sich selbst zum Thema und Problem, ihre Basisinstitutionen â Nationalstaat, Familie, Demokratie, Erwerbsarbeit usw. â lösen sich im Zuge radikalisierter Modernisierung von innen her auf; das Projekt der Moderne wird offen fĂŒr politische Alternativen â ökologische Wende des Kapitalismus, Atomenergie versus erneuerbare Energien, globale Regulierung der FinanzmĂ€rkte. Diese mĂŒssen im Streit zwischen altem Zentrum und aufstrebender Peripherie, zwischen USA, China, EU, Afrika usw. neu verhandelt werden.
Andere wenden ein, dass Becks Unterscheidung zwischen erster und zweiter Moderne beliebig ist und sprechen von den westlichen Gegenwartsgesellschaften als dritte Moderne[67]; oder sie behaupten sogar âWir sind nie modern gewesenâ.[68]
Erstaunen löste bei einigen auch der Umstand aus, dass Beck sich seit kurzem unumwunden als BefĂŒrworter des Grundeinkommensvorschlags zu Wort meldet, obwohl er zuvor jahrelang etwas GegensĂ€tzliches propagiert hatte.
Beck hatte 1996/1997 in einem Bericht der Bayerisch-SĂ€chsischen Zukunftskommission von Kurt Biedenkopf und Meinhard Miegel das Konzept der BĂŒrgerarbeit und des Gemeinwohlunternehmers fĂŒr alle, fĂŒr Arbeitslose und ErwerbstĂ€tige vorgeschlagen. Er ging also in diesem Konzept davon aus, dass es wahrscheinlich nicht mehr Arbeit fĂŒr alle geben werde. BĂŒrgerarbeit sollten diejenigen bei sogenannten âGemeinwohlunternehmernâ ableisten, die keine Erwerbsarbeit mehr finden können. Beck hielt also entgegen seiner eigenen Auffassung[69] in der BĂŒrgerarbeit an der Arbeitsethik â an Erwerbsarbeit als NormalitĂ€t â fest, obwohl er zugleich VollbeschĂ€ftigung als unwahrscheinlich anerkannte. Kritiker haben Beck vorgeworfen, mit seiner BĂŒrgerarbeit, die durch staatliche Stellen als gemeinwohlbezogene anzuerkennen ist und mit einer Lohnzahlung einhergehen sollte, eine gigantische BĂŒrokratisierung und eine Kommerzialisierung des ehrenamtlichen Sektors zu propagieren. Manche warfen ihm sogar vor, die BĂŒrgerarbeit sei das technokratische Horrorszenario eines modernen Arbeitshauses, denn die Arbeitslosen wĂŒrden behördlich unter Kuratel der Arbeitsethik gestellt, indem ihnen ersatzweise eine staatlich kontrollierte BĂŒrgerarbeit bereitgestellt werde, die sie gegebenenfalls zum Einkommenszuverdienst anzunehmen gezwungen seien. Ulrich Beck hat in den letzten Jahren auch lĂ€nderĂŒbergreifend und regierungsflankierend mit Anthony Giddens ein IntellektuellenbĂŒndnis unterhalten, das die rot-grĂŒne Politik der Agenda 2010 von Gerhard Schröder bzw. die Arbeitsmarktreformen von Tony Blair in England sympathisch begleitete. Dabei sind beide jeweils dem Modell des âworkfareâ und des technokratischen âaktivierenden Sozialstaatsâ verpflichtet und standen im Gegensatz zum Geist des Grundeinkommensvorschlags.
Dass Ulrich Beck sich nun, nachdem die Grundeinkommensdiskussion von einigen Initiativen und vom Unternehmer Götz W. Werner in Deutschland in die Ăffentlichkeit getragen wurde, fĂŒr das Grundeinkommen ausspricht, kommt einer Konversion gleich. Kritiker monieren, dass eine solche âKonversionâ nur dann respektheischend und glaubwĂŒrdig sei, wenn Beck das Problematische seiner frĂŒheren Positionen, mit denen er ja weiterhin fĂŒr viele verbunden ist, auch deutlich kenntlich mache und nicht so tue, als sei sein heutiges Engagement eine stimmige Fortentwicklung frĂŒherer VorschlĂ€ge.
Von Makroökonomen, die sich auf die im angelsĂ€chsischen Raum weithin anerkannten neukeynesianischen AnsĂ€tze berufen, wird Beck heftig fĂŒr seine These kritisiert, dass eine wirksame staatliche BeschĂ€ftigungspolitik heute nicht mehr möglich sei.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Beck, Ulrich |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Soziologe |
| GEBURTSDATUM | 15. Mai 1944 |
| GEBURTSORT | Stolp, Pommern |