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Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff (* 22. Dezember 1848 auf Gut Markowitz, Kujawien, Provinz Posen; â 25. September 1931 in Berlin) war ein deutscher klassischer Philologe. Er lehrte und forschte als Professor in Greifswald (1876â1883), Göttingen (1883â1897) und Berlin (1897â1921). Mit seinen Editionsprojekten, seiner Erneuerung der Textkritik und Textinterpretation, seiner Einflussnahme auf die preuĂische Berufungspolitik und seiner TĂ€tigkeit als Wissenschaftsorganisator war er einer der fĂŒhrenden Vertreter seines Faches und prĂ€gte die Klassische Philologie des 20. Jahrhunderts im internationalen Raum nachhaltig. Durch seine Monografien zu vielen Bereichen der griechischen Literatur, seine Neudefinition des Faches und nicht zuletzt durch seine zahlreichen SchĂŒler ĂŒbte er groĂen Einfluss auf die Klassische Philologie aus. Als PrĂ€sident der PreuĂischen Akademie der Wissenschaften brachte er viele Akademievorhaben auf den Weg, besonders die Inscriptiones Graecae, die bis heute alle in Griechenland entdeckten Inschriften verzeichnen und herausgeben.
Inhaltsverzeichnis |
Die Wilamowitz-Moellendorffs haben ihren Namen von Generalfeldmarschall Wichard von Möllendorff (1724â1816), der selbst kinderlos war und im hohen Alter den preuĂischen Major Theodor von Wilamowitz (1768â1837) und damit indirekt dessen drei Söhne adoptierte. Hugo, Ottokar und Arnold trugen ab 1815 mit königlicher Erlaubnis den Doppelnamen von Wilamowitz-Moellendorff.
Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff war der zweite Sohn, das dritte von vier Kindern des Gutsbesitzers Arnold von Wilamowitz-Moellendorff (1813â1888) und dessen Ehefrau Ulrike, geborene von Calbo (1820â1874). Seine Geschwister waren der spĂ€tere OberprĂ€sident der Provinz Posen, Hugo von Wilamowitz-Moellendorff (1840â1905), der Husar Tello von Wilamowitz-Moellendorff (1843â1903) und der spĂ€tere Major Georg Wichard von Wilamowitz-Moellendorff (1852â1910). Er hatte noch eine Schwester Maria, die jedoch frĂŒh verstorben ist (16.â24. November 1847).
Wilamowitz (vollstĂ€ndiger Name Enno [auch: Emmo] Friedrich Wichard Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff) verbrachte seine Kindheit auf dem vĂ€terlichen Gut Markowitz in Kujawien.[1] Seine Mutter wusste seinen Bildungshunger zu fördern und verschaffte ihm einen geeigneten Hauslehrer. Am 24. April 1862 wurde er in der berĂŒhmten Landesschule Pforta eingeschrieben, die er Ostern desselben Jahres als Tertianer bezog. In Schulpforta traf Wilamowitz auch den Ă€lteren Friedrich Nietzsche, und wie dieser wurde er ein SpitzenschĂŒler.[2] Am 28. Februar 1864 wurde Wilamowitz konfirmiert, war aber zeit seines Lebens eher Agnostiker.
Der Direktor der Landesschule, Karl Ludwig Peter, bei dem Wilamowitz als Extraneer [3] (Externer) wohnte, und der Lehrer August Koberstein weckten in dem SchĂŒler Begeisterung fĂŒr die Altertumswissenschaften. Wilamowitz las lateinische und griechische Autoren, besonders die griechischen Tragiker zogen ihn an. Carl Ludwig Peter empfahl seinem SchĂŒler auch die LektĂŒre der Römischen Geschichte von Theodor Mommsen, obwohl er sie selbst mit einer kritischen Replik bedacht hatte.
Im September 1867 verlieĂ Wilamowitz Schulpforta mit dem Reifezeugnis und bezog die UniversitĂ€t Bonn, um Klassische Altertumswissenschaften zu studieren. Hier wurde er stark von den Vertretern der sogenannten Bonner Schule der Klassischen Philologie geprĂ€gt: Otto Jahn und Hermann Usener. Daneben besuchte Wilamowitz die Lehrveranstaltungen des Kunsthistorikers Anton Springer und beschĂ€ftigte sich drei Semester lang beim Privatdozenten Johannes Schmidt mit Sanskrit; ĂŒber Schmidt fand er in seinen 1928 verfassten Erinnerungen 1848â1914 anerkennende Worte. Auch die Veranstaltungen bei den Philologen Jacob Bernays und Friedrich Gottlieb Welcker besuchte er; fĂŒr den Althistoriker Heinrich Nissen, damals gerade Privatdozent, fand er nach dem Besuch eines einzigen Seminars lobende Worte.
In seiner Bonner Studienzeit freundete sich Wilamowitz mit dem gleichaltrigen Hermann Diels an und lernte die jĂŒngeren Kommilitonen Georg Kaibel und Carl Robert kennen, mit denen ihn spĂ€ter eine feste Freundschaft verband. Mit Diels, Robert und den spĂ€teren Gymnasiallehrern Walther Engel und August Fritzsche traf sich Wilamowitz regelmĂ€Ăig in seiner Bonner Wohnung, wo die Studenten ein sogenanntes contubernium (âZeltgemeinschaftâ) abhielten.[4]
Die zunehmende Polarisierung zwischen den Bonner Professoren Otto Jahn und Friedrich Wilhelm Ritschl, die im sogenannten Bonner Philologenkrieg (1865) gipfelte, hatte einen groĂen Teil der Bonner Philologiestudenten in zwei Lager gespalten. Viele Bonner Studenten waren mit Ritschl an die UniversitĂ€t Leipzig gezogen, darunter auch Nietzsche und Erwin Rohde. Nach Jahns Tod im September 1869 wechselte Wilamowitz zum Wintersemester 1869/1870 gemeinsam mit Diels an die ebenfalls traditionsreiche Berliner UniversitĂ€t, wo ihn der Philologe Moriz Haupt, ein Pionier der modernen Textkritik, anzog. Hier wurde Wilamowitz im folgenden Semester mit der Dissertation Observationes criticae in comoediam Graecam selectae (âAusgewĂ€hlte textkritische Beobachtungen zur griechischen Komödieâ) promoviert (20. Juli 1870), deren Hauptgutachter Haupt war; sein Rigorosum hatte er am 14. Juli abgelegt.
Noch im selben Monat trat Wilamowitz als EinjĂ€hrig-Freiwilliger den Dienst im preuĂischen MilitĂ€r an. Im wenige Tage zuvor ausgebrochenen Deutsch-Französischen Krieg war er als Gardegrenadier des Ersatzbataillons des 2. Garderegiments eingesetzt. Zu seiner groĂen EnttĂ€uschung bekam er keine Gelegenheit, sich im Gefecht zu beweisen.[5] Am 20. Juli 1871, wenige Monate nach Kriegsschluss, endete Wilamowitzâ einjĂ€hriger MilitĂ€rdienst und er kehrte nach Berlin zurĂŒck. Zu dieser Zeit kam er zum ersten Mal persönlich mit dem berĂŒhmten Historiker Theodor Mommsen in Kontakt, der Gefallen an Wilamowitzâ Arbeit fand und ihn einige Jahre spĂ€ter mit der Herausgabe der Kleinen Schriften des verstorbenen Moritz Haupt beauftragte. Ab August 1872 unternahm Wilamowitz, begleitet von Georg Kaibel, eine eineinhalbjĂ€hrige Studienreise durch Italien und Griechenland, wĂ€hrend der er zahlreiche Handschriften kopierte.
Im Jahr 1872 kam es auch zum Konflikt mit Friedrich Nietzsche. Nietzsche, seit 1869 Professor in Basel, hatte im Mai 1872 die Schrift Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik veröffentlicht und damit eine öffentliche Kontroverse ausgelöst. Dabei ging es um die Abwertung des Euripides, dem Nietzsche die Zerstörung der Tragödie vorwarf; er setzte gegen den klassizistischen oder historistischen Ansatz der damaligen philologischen Wissenschaft ein intuitives, irrationales Element. Die etablierten Philologen Deutschlands ignorierten Nietzsches Angriff, weil sie seine Arbeit nicht ernst nahmen; auch der von Nietzsche verehrte Professor Ritschl distanzierte sich von der Schrift. Der einzige öffentliche Tadel aus den Reihen der Philologen kam vom jungen Wilamowitz, der im Mai 1872 in der von Rudolf Schöll angeregten Streitschrift Zukunftsphilologie! Ă€uĂerte:[6] âherr Nietzsche tritt ja nicht als wissenschaftlicher forscher auf: auf dem wege der intuition erlangte weisheit wird teils im kanzelstil, teils in einem raisonnement dargeboten, welches dem journalisten [âŠ] nur zu verwandt ist.â Auf die Polemik, mit der Wilamowitz Nietzsches aus Sicht der Philologie unsaubere wissenschaftliche Arbeitsweise kritisierte, aber nicht inhaltlich auf die Thesen einging, reagierte Nietzsche nicht. Sein Freund Erwin Rohde jedoch verfasste eine Gegenschrift mit dem Titel Afterphilologie, in der er ebenfalls gegen Wilamowitz nur polemisierte, und Richard Wagner schrieb einen offenen Brief. Im Februar 1873 reagierte Wilamowitz mit einer Replik: Zukunftsphilologie!, zweites StĂŒck. Eine erwidrung auf die rettungsversuche fĂŒr Fr. Nietzsches âGeburt der Tragoedieâ. Damit endete der Streit ohne Einigung. Die Fachwelt hatte die Kontroverse mit Schweigen und KopfschĂŒtteln verfolgt. In den eifernden gegenseitigen Anschuldigungen, gröĂtenteils von Seiten Wilamowitzâ und Rohdes, machten sich Aneinander-vorbei-Reden und Vermeidung der Kernthemen durch Polemik bemerkbar.[7]
Nietzsche wandte sich seiner Neigung folgend endgĂŒltig von der Klassischen Philologie ab, was Wilamowitz begrĂŒĂte. Erst Jahrzehnte spĂ€ter sollte sich Nietzsches Wirkung fachĂŒbergreifend manifestieren, wĂ€hrend Wilamowitzâ antiklassizistische Sicht seit den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts durch den âDritten Humanismusâ verdrĂ€ngt wurde. In seinen 50 Jahre spĂ€ter verfassten Erinnerungen motiviert Wilamowitz die Abfassung seiner Gegenschrift besonders mit dem BedĂŒrfnis, die aus Sicht der Philologie unlautere Herangehensweise Nietzsches darzustellen, sowie unter anderem mit der scharfen Polemik Nietzsches gegen den von Wilamowitz verehrten Otto Jahn wegen seiner kritischen Besprechung Richard Wagners.
Im April 1873 wurde Wilamowitz in Rom korrespondierendes Mitglied des Deutschen ArchĂ€ologischen Instituts. Hier festigte er seine Kontakte zu Kaibel und Robert und schloss Freundschaft mit seinem spĂ€teren Göttinger Kollegen Friedrich Leo. AuĂerdem begann hier sein regelmĂ€Ăiger Kontakt mit Theodor Mommsen, mit dem er zeitlebens ein vertrautes, wenn auch spannungsreiches VerhĂ€ltnis pflegte.[6] Die Aufregung, welche der Laie Heinrich Schliemann zu dieser Zeit durch die Entdeckung des von ihm so genannten âSchatzes des Priamosâ verursachte, fand auch in Rom Widerhall. Besonders die Geschichte von Schliemanns Frau, die den Schatz in ihrem Umschlagtuch an den Wachen vorbeigeschmuggelt haben soll, beflĂŒgelte die Phantasie und den Spott der Fachwelt. Zur Weihnachtsfeier des Deutschen ArchĂ€ologischen Instituts verkleidete sich Wilamowitz als Schliemanns Frau und stellte die Szene zur allgemeinen Erheiterung nach.[8] In spĂ€teren Jahren bereute er diese âwĂŒrdelose Travestieâ.[9]
Nach den Reisen widmete sich Wilamowitz in Berlin seiner Habilitation, die er am 30. Juli 1875 mit den Theodor Mommsen gewidmeten Analecta Euripidea erreichte. Am 7. August hielt er seine Antrittsvorlesung. Einen Ruf an die UniversitĂ€t Breslau als auĂerordentlicher Professor lehnte er ab. Stattdessen ging er zu Ostern 1876 als Nachfolger Eduard Hillers an die UniversitĂ€t Greifswald: Eine Stelle, fĂŒr die eigentlich Nietzsche vorgesehen war.
Am 20. September 1878 heiratete Wilamowitz in Charlottenburg die 23-jĂ€hrige Marie Mommsen (1855â1936), die Ă€lteste Tochter von Theodor Mommsen. Wilamowitz schrieb spĂ€ter, dass mit der Heirat âein neues besseres Leben begannâ.[10] Das Paar bekam drei Söhne und vier Töchter: Dorothea (1879â1972), Adelheid (1881â1954), Gottfried Hermann (*/â 1882), Tycho (1885â1914), Hermann (1887â1938) und Hildegard (1892â1989). Tychos Zwillingsschwester starb eine Woche nach der Geburt.[11]
In Greifswald fĂŒhlte sich Wilamowitz aus zwei GrĂŒnden unbehaglich: Stadt und UniversitĂ€t waren klein und nach seinen Begriffen verschlafen, und im Kollegium war er wegen seines scharfen Tones und seiner schonungslosen Kritik isoliert, zumal er sich etwa mit dem Althistoriker Otto Seeck, den Mommsen empfohlen hatte, nicht verstand. Seine ersten gröĂeren Publikationen erhielten nicht die erwĂŒnschte Aufmerksamkeit. Daneben beschĂ€ftigte sich Wilamowitz gemeinsam mit seinem Fachkollegen Adolph KieĂling mit der Herausgabe der Reihe Philologische Untersuchungen, die von 1880 bis 1925 in dreiĂig BĂ€nden erschienen,[12][13] und half Mommsen bei der Bearbeitung des fĂŒnften Bandes der Römischen Geschichte. Er verfasste auch BeitrĂ€ge fĂŒr die Zeitschriften Philologus und Hermes; die Ausrichtung der Letzteren bestimmten Mommsen und er. Nach einem Streit mit dem Herausgeber Emil HĂŒbner (1881) bestellte Wilamowitz seine Studienfreunde Carl Robert und Georg Kaibel zu den neuen Herausgebern des Hermes.[14]
Den Weggang aus Greifswald ermöglichte ein Ruf an die UniversitÀt Göttingen, der durch Wirkung des mit Wilamowitz befreundeten Ministerialdirektors Friedrich Althoff im Juli 1883 an ihn erging. Zum Wintersemester 1883 zog Wilamowitz als Nachfolger des emeritierten Ernst von Leutsch nach Göttingen. Wilamowitz erwirkte, dass Georg Kaibel als sein Nachfolger nach Greifswald berufen wurde.
Bereits 1877, als der Göttinger Lehrstuhl fĂŒr Klassische Philologie vakant war, war Wilamowitz neben Erwin Rohde und Karl Dilthey von der UniversitĂ€tsleitung als Kandidat gehandelt worden. Wegen des Widerstandes von Seiten Ernst von Leutschs gegen die Berufung Wilamowitzâ wurde jedoch damals Dilthey auf den Lehrstuhl berufen.[15] Da Leutsch und Sauppe altersbedingt nur wenig zur Lehre beitragen konnten und Dilthey hĂ€ufig krank war, bemĂŒhte sich Wilamowitz um die Berufung kompetenter Kollegen. 1889 kamen Friedrich Leo und Wilhelm Meyer an die UniversitĂ€t. Die UnzulĂ€nglichkeit des Althistorikers Christian August Volquardsen zwang Wilamowitz, auch die Alte Geschichte in der Lehre zu vertreten. Nach langen BemĂŒhungen um eine Versetzung wurde Volquardsen 1897 bewegt, die Stelle mit dem Kieler Althistoriker Georg Busolt zu tauschen, der bis zu seinem Tode (1920) in Göttingen lehrte und forschte.
Die Göttinger Zeit schĂ€tzte Wilamowitz spĂ€ter oft als âdie glĂŒcklichste Zeit meines Lebensâ[16] ein. Mit den Kollegen, vor allem mit Hermann Sauppe und Friedrich Leo, und mit dem auf Althoffs Wirken 1892 eingestellten Alttestamentler Julius Wellhausen verstand er sich bestens. Dem Letzteren, der in Greifswald sein Kollege gewesen war, hatte er 1884 seine Homerischen Untersuchungen gewidmet. In Göttingen ergingen mehrere Rufe anderer UniversitĂ€ten an Wilamowitz, die dieser alle ablehnte: 1885 aus StraĂburg, 1886 aus Heidelberg und 1889 aus Bonn (als Nachfolger des verstorbenen Eduard LĂŒbbert). Schon 1880 war in der Bonner Philosophischen FakultĂ€t Wilamowitz als Nachfolger fĂŒr den 1877 verstorbenen Friedrich Heimsoeth gehandelt worden, aber aus finanziellen GrĂŒnden entschied man sich fĂŒr LĂŒbbert. Im akademischen Jahr 1891/1892 war Wilamowitz Prorektor der UniversitĂ€t Göttingen. Januar 1892 wurde Wilamowitz als ordentliches Mitglied in die Königliche Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen gewĂ€hlt, und nach Hermann Sauppes Tod im September 1893 wurde er 1894 SekretĂ€r der Gesellschaft. Ebenfalls im Jahr 1894 wurde er vom Deutschen ArchĂ€ologischen Institut zum ordentlichen Mitglied erklĂ€rt.
Schon seit 1895 betrieb Friedrich Althoff in Berlin die Berufung Wilamowitzâ zum Professor an die Berliner UniversitĂ€t. Sein Studienfreund Hermann Diels, der seit 1882 auĂerordentlicher, seit 1886 ordentlicher Professor an der UniversitĂ€t war, unterstĂŒtzte diese BemĂŒhungen. Neben Skrupeln Wilamowitzâ, Göttingen zu verlassen, stand vor allem die entschiedene Opposition der Berliner Professoren Ernst Curtius, Adolf Kirchhoff und Johannes Vahlen im Weg.[17] Erst nach Curtiusâ Tod im Juli 1896 konnte sich Wilamowitz entschlieĂen, dem Ruf als Nachfolger von Curtius nach Berlin Folge zu leisten und seine Professur im Sommersemester 1897 anzutreten. Auf seinen Göttinger Lehrstuhl empfahl er Georg Kaibel â wie 1883 in Greifswald.
In Berlin entfaltete Wilamowitz eine rege wissenschaftliche TĂ€tigkeit. Er wirkte nach Mommsens Vorbild als Wissenschaftsorganisator und Vermittler zwischen den Staaten. Zu den von Althoff erhandelten Konditionen seines Lehrstuhls zĂ€hlte die Befreiung von Examina, aber auch die GrĂŒndung des Instituts fĂŒr Altertumskunde, dem Wilamowitz und Diels vorstanden, sowie regelmĂ€Ăige öffentliche VortrĂ€ge, die Wilamowitz an jedem Montag und Donnerstag hielt und die stets gut besucht waren. AuĂerdem fand in seiner Westender Wohnung (Eichenallee 12 â hier ein Nachbar der Eltern des Philosophen Leonard Nelson) alle zwei Wochen ein Treffen statt, bei dem kursorisch griechische Quellentexte gelesen wurden und das als âGraecaâ bekannt war. 1899 trat Wilamowitz in den Vorstand des Deutschen ArchĂ€ologischen Instituts ein. Die PreuĂische Akademie der Wissenschaften, die Wilamowitz 1891 als korrespondierendes Mitglied aufgenommen hatte, wĂ€hlte ihn 1899 nach dem Tode Heinrich Kieperts zum ordentlichen Mitglied. Wilamowitz spielte eine fĂŒhrende Rolle in der Akademie und ĂŒbernahm 1902 ihre Leitung.
Einen Schicksalsschlag stellte der Tod seines engen Freundes Kaibel 1901 dar. Nur zwei Jahre spĂ€ter starb Mommsen hochbetagt. Wilamowitz trieb seine Arbeit trotz dieser Verluste unablĂ€ssig voran und wurde 1910 zum Geheimen Regierungsrat ernannt. GastvortrĂ€ge im Ausland hielt er in Oxford (1908) und Uppsala (1912). Eine amerikanische Gastprofessur im Wintersemester 1912/1913 lehnte er ab, weil er das dortige Kollegium als unterlegen empfand. Im April 1913 nahm er am Dritten Internationalen Historikerkongress in London teil, im akademischen Jahr 1915/1916 ĂŒbte er das Amt des Rektors der Berliner UniversitĂ€t aus.
Ein einschneidendes Ereignis war fĂŒr Wilamowitz der Erste Weltkrieg. Der streng konservative Sohn eines GroĂgrundbesitzers trat mit glĂŒhendem Patriotismus fĂŒr sein preuĂisches Vaterland ein; er hielt patriotische VortrĂ€ge, die er 1915 auch drucken lieĂ, initiierte 1914 die ErklĂ€rung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches und unterzeichnete das Manifest der 93; zur gleichen Zeit fiel sein Sohn Tycho an der Ostfront. Seine Einstellung und AktivitĂ€ten kosteten ihn teilweise sein Ansehen im Ausland. 1915 wurde ihm die Mitgliedschaft in der Pariser AcadĂ©mie des Inscriptions et Belles-Lettres aberkannt. Wilamowitzâ Einstellung zum Krieg Ă€nderte sich, sobald er die Dimensionen des modernen Vernichtungskrieges erkannte.
Im Jahr 1917/1918 gehörte Wilamowitz dem PreuĂischen Herrenhaus an. Der Zusammenbruch des wilhelminischen Kaiserreichs 1918 und der Tod seiner Freunde Diels und Robert (beide 1922) verbitterten ihn. Seine Vorlesungen hatten zu dieser Zeit aus EnttĂ€uschung das frĂŒher typische Pathos verloren, öffentliche VortrĂ€ge und Reden hielt er kaum noch.[19] Seine Emeritierung im Jahr 1921 empfand er als verfrĂŒht und ungerecht; er hielt auch weiterhin Vorlesungen und Seminare ab. Nachfolger auf dem Lehrstuhl wurde sein SchĂŒler Werner Jaeger (1888â1961), der sich schon in vielerlei Hinsicht von Wilamowitz abgewandt hatte. Trotzdem hielt Wilamowitz weiterhin Vorlesungen an der UniversitĂ€t, bis seine Gesundheit es nicht mehr ermöglichte.[20] 1925 hielt Wilamowitz VortrĂ€ge in Kopenhagen. 1928 gratulierten ihm die Zeitschriften Philologus, Hermes, Antike und Gnomon zum achtzigsten Geburtstag, und die Berliner Studenten veranstalteten einen Fackelzug zu seinen Ehren.
Um 1927 begann Wilamowitzâ Gesundheit sich rapide zu verschlechtern. Im September hielt er seinen letzten Vortrag auf der Göttinger Philologenversammlung.[21] Sein letztes groĂes Werk ist der Glaube der Hellenen, ein Gegenentwurf zu Hermann Useners Götternamen (Bonn 1896). Eine Nierenerkrankung fesselte Wilamowitz ans Bett, so dass er das Werk unter Einfluss von Schmerzmitteln seiner Tochter Dorothea diktierte, die seit 1905 mit dem Epigraphiker Friedrich Hiller von Gaertringen verheiratet war. 1929 musste Wilamowitz die Arbeit abbrechen; das Werk wurde vom Epigraphiker GĂŒnther Klaffenbach herausgegeben. Am 17. und 18. Juli 1931 nahm er zum letzten Mal an den Sitzungen des Deutschen ArchĂ€ologischen Instituts teil. Am 25. September starb Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff im 83. Lebensjahr, nach mehreren Monaten im komatösen Zustand. Er wurde auf seinen Wunsch hin im Familiengrab der Freiherren von Wilamowitz-Moellendorff in Möllendorf (heute WymysĆowice, Woiwodschaft Kujawien-Pommern) bestattet, wohin sein Sohn Hermann die Urne mit der Asche seines Vaters brachte, die zusammen mit der seiner Frau noch neben dem fĂŒr Sohn Tycho errichteten Kenotaph ruht. Die GrabstĂ€tte wurde bis vor einigen Jahren regelmĂ€Ăig von SchĂŒlern und Studenten der Umgebung gepflegt.[22][11]
Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff hat die Klassische Philologie in vielerlei Hinsicht beeinflusst und bestimmt. Seine Verdienste können kaum ĂŒberschĂ€tzt werden: Er hat die Gedanken Friedrich August Wolfs zur Textgeschichte auf die griechische Tragödie und die Bukolik angewandt; von ihm stammen zahlreiche Editionen, Kommentare und Ăbersetzungen auf den Gebieten Tragödie, Komödie, Platon, frĂŒhgriechische Lyrik und hellenistische Dichtung. Seine Griechische Verskunst stellte die Forschung in diesem Gebiet auf neue, heute noch gĂŒltige Grundlagen.[23] Insgesamt verdankt die Klassische Philologie Wilamowitz die âEntdeckungâ der vor- und nachklassischen Autoren als Gegenstand der Forschung sowie die Einbindung von Erkenntnissen und Methoden der ArchĂ€ologie, Papyrologie, Vergleichenden Sprachwissenschaft, Epigraphik und Alten Geschichte in die philologische Arbeit.[19]
Als Berater des Ministerialdirektors Friedrich Althoff hatte er groĂen Einfluss darauf, wer im preuĂischen Hochschuldienst auf welche Stelle berufen wurde. So lenkte er die Karriere seines Freundes Kaibel und verhinderte mit einer vernichtenden Rezension die akademische Laufbahn des Philologen Paul Cauer. Seine GutachtertĂ€tigkeit ist in der Sammlung seiner Briefe an Althoff unter dem Titel Berufungspolitik innerhalb der Altertumswissenschaft im wilhelminischen PreuĂen (Frankfurt am Main 1989) nachzulesen.[17]
Als Wissenschaftsorganisator war Wilamowitz im In- und Ausland um Zusammenarbeit bemĂŒht.[24] Er initiierte das von Friedrich Leo geleitete Lexikonprojekt Thesaurus Linguae Latinae, das seit 1894 ein umfassendes Lexikon der lateinischen Sprache der Antike erstellt. Bei der PreuĂischen Akademie der Wissenschaften setzte er die Fortsetzung der Edition des Corpus Inscriptionum Graecarum durch, das allmĂ€hlich zum GroĂvorhaben Inscriptiones Graecae ausgebaut wurde. Auch an der Kommission zur Herausgabe des Corpus scriptorum ecclesiasticorum Latinorum beteiligte sich Wilamowitz rege, wobei er resolut den philologischen Anteil des Projektes betonte. Er war ab 1926 Mitherausgeber des philologischen Rezensionsorgans Litteris der Vetenskapssocieteten i Lund. An der Sammlung der Fragmente der Vorsokratiker wirkte er ebenfalls mit.
In seinen Vorlesungen und VortrĂ€gen entfaltete Wilamowitz sein Talent, mit seinem Charisma, seiner Wortgewandtheit und seiner ansteckenden Begeisterung fĂŒr die Antike die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen. Von seinen zahlreichen SchĂŒlern sind vor allem zu nennen: Werner Jaeger, Eduard Fraenkel, Hermann FrĂ€nkel, Paul FriedlĂ€nder, Johannes Geffcken, Alfred Gercke, Felix Jacoby, Paul Maas, Max Pohlenz, Karl Reinhardt, Wolfgang Schadewaldt, Eduard Schwartz und Ludwig Traube.[25] Im angelsĂ€chsischen Raum vermittelte Wilamowitz vor allem an Gilbert Murray in GroĂbritannien und an Basil Lanneau Gildersleeve in den Vereinigten Staaten die Idee der Klassischen Philologie als etablierter Wissenschaft und kann damit zumindest in den USA als ein GrĂŒndervater dieser Disziplin gelten. Einige seiner SchĂŒler mussten wĂ€hrend der Zeit des Nationalsozialismus emigrieren und stĂ€rkten die Klassische Philologie in den USA und GroĂbritannien, darunter Eduard Fraenkel, Hermann FrĂ€nkel, Jacoby, Jaeger und Maas.
Eduard Schwartz (Greifswald)
Ludwig Traube (Greifswald)
Werner Jaeger (Berlin)
Wilamowitz war ein international angesehener Vertreter des Historismus seines Faches. Er sah alle Altertumswissenschaften zu einer Einheit verwoben: Die Philologie betrachtete er als Geschichtswissenschaft, die ArchĂ€ologie mit einem Ausdruck von Eduard Gerhard als âmonumentale Philologieâ.[26] Damit identifizierte er die Philologie nicht von einer Methode, sondern von ihrem Fachgegenstand her: Ziel der Altertumswissenschaften sei die VergegenwĂ€rtigung des gesamten griechisch-römischen Altertums auf der Grundlage von Texten und anderen urkundlichen Zeugnissen; Einzelerscheinungen seien analytisch, Gesamtentwicklungen synthetisch zu erforschen.[23]
Die Sicht auf sein Fach bestimmte auch das LiteraturverstĂ€ndnis von Wilamowitz. Er erklĂ€rte die Werke der Antike âaus den kulturellen und sozialgeschichtlichen Bedingungen ihrer Entstehungszeit und zog im Sinne einer umfassenden Altertumswissenschaft fĂŒr die Textinterpretation auch die archĂ€ologischen Sachquellen heranâ.[23]
Seine Forschung zur griechischen Literatur betraf die Felder des Epos, der Tragödie und der hellenistischen Dichtung. In seiner Auseinandersetzung mit der Homerischen Frage vertrat Wilamowitz die Auffassung, die GroĂepen Ilias und Odyssee stammten von verschiedenen Verfassern. Er identifizierte verschiedene Redaktoren, welche nach seiner Auffassung die Odyssee in diejenige Textgestalt brachten, in der sie ĂŒber die alexandrinische Philologie in die Neuzeit ĂŒberliefert wurde.
Ein groĂes Verdienst hat sich Wilamowitz mit seiner Behandlung der hellenistischen Dichtung erworben. Der Hellenismus als historische Epoche war von Droysen formuliert worden. Wilamowitz bemĂŒhte sich um das GesamtverstĂ€ndnis der Epoche und ihrer Literatur. Seine Ablehnung des traditionellen KlassikverstĂ€ndnisses fĂŒhrte ihn dazu, auch die Deutung der hellenistischen Dichtung als Fortsetzung der klassischen Dichtung des 5. Jahrhunderts v. Chr. zu verwerfen. Die Besonderheit der hellenistischen Dichtung veranschaulichte er mit verschiedenen Begriffen. Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Einordnung als âbarockeâ Literatur. Dabei griff Wilamowitz auf Jacob Burckhardts Erweiterung des Begriffs âBarockâ zurĂŒck, den er nicht einer bestimmten Literaturepoche vorbehielt, sondern als generelle Bezeichnung fĂŒr ein kulturelles und literarisches PhĂ€nomen verwendete. Ein kritisches Urteil erfuhren die gelehrten âKĂŒnsteleienâ hellenistischer Dichter, die Wilamowitz âlebensfremdâ vorkamen.[27]
Mit der griechischen Metrik beschĂ€ftigte sich Wilamowitz seit den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts. Neben einigen AufsĂ€tzen veröffentlichte er 1895 in zwei kleinen QuartbĂ€nden ein Commentariolum metricum. Seine groĂe Monografie Griechische Verskunst aus dem Jahr 1921 ist eine Sammlung und Ăberarbeitung seiner Ă€lteren AufsĂ€tze zum Thema. Darin stellte er den Stand der metrischen Forschung seiner Zeit dar, die Geschichte und Eigenschaften der Metrik sowie sĂ€mtliche Vers- und Strophenarten. Das Werk ist noch heute von grundlegender Bedeutung und wurde 1958, 1975 und 1984 unverĂ€ndert nachgedruckt. Wilamowitz selbst hatte diesen Erfolg nicht erwartet. In der Vorrede zum Werk schrieb er: ââŠich zweifle, ob der Erfolg das Wagnis rechtfertigen wird. Denn dies Buch ist ein harter Kuchen, und wenn man einst in der textkritischen Behandlung zahlreicher Verse so etwas wie Rosinen gefunden haben wĂŒrde, heutzutage ist die Textkritik unmodern.â[28] Das Buch von 630 Seiten Umfang ist in drei Abschnitte gegliedert. Der erste fĂŒhrt in das VerhĂ€ltnis des griechischen zum modernen Versbau und der Poesie zur Prosa ein, behandelt die metrischen Theorien der antiken Griechen und schlieĂt mit einer ĂŒberblicksartigen Geschichte der griechischen Metrik. Der zweite Abschnitt besteht aus Einzeluntersuchungen zu verschiedenen Metren, zum Strophenbau und zu ungleich gebauten Strophen. Der dritte Abschnitt enthĂ€lt metrische Analysen einzelner Lieder (darunter Pindar, Sophokles, Euripides und Aristophanes) und schlieĂt mit einem ausfĂŒhrlichen Register.
In den durch die preuĂischen Schulkonferenzen 1890 und 1900 vollzogenen Reformen des Gymnasialunterrichts sah Wilamowitz eine Niederlage fĂŒr die humanistische Bildung, er setzte sich weiter in Opposition zu Gottfried Friedrich Aly gegen die Senkung der altsprachlichen Anforderungen ein und wollte auch am lateinischen Schulaufsatz festhalten.[29] Sein Griechisches Lesebuch (1902) wurde vielerorts verwendet und erfuhr mehrere Auflagen.
Intensiv bemĂŒhte er sich darum, den Gegenstand der Altertumswissenschaft einem möglichst breiten Kreis von interessierten Nichtfachleuten zu vermitteln. Diesem Zweck dienten neben den öffentlichen Vorlesungen vor allem seine Ăbersetzungen, in denen er auch eine nationale Pflicht sah. Seine zwei AnsprĂŒche an eine Ăbersetzung waren, dass sie dem modernen Leser mindestens so leicht verstĂ€ndlich sein sollte wie das Original dem antiken Leser und dass die poetische Form der Ăbersetzung derjenigen des Originals zwar nicht exakt entsprechen musste, wohl aber ihr sinnvoll nachempfunden sein sollte. Damit löste sich Wilamowitz von der klassizistischen Tradition und brachte eine ungewohnte ModernitĂ€t in die Texte ein. Dieses Vorgehen stieĂ auch auf vereinzelte, aber heftige Kritik; ihm wurde Banalisierung und mangelnde Stilsicherheit vorgeworfen. Vor allem wandten sich Friedrich Gundolf (aus dem Kreis um den Dichter Stefan George) und Rudolf Borchardt gegen seine Ăbersetzung und ErlĂ€uterung der Werke Platons, die Borchardt als âInstinktlosigkeit dieses groĂen Technikersâ und Gundolf mit dem PrĂ€dikat âPlaton fĂŒr DienstmĂ€dchenâ kritisierte.[30] Wilamowitzâ zahlreiche, fĂŒr ein breites Publikum bestimmte TragödienĂŒbersetzungen wurden nach seinem Tod nicht mehr aufgelegt.
In seiner Berliner Zeit veranlasste Wilamowitz eine Reihe von AuffĂŒhrungen in Berlin (mit Gastspielen in Wien). Nach seinem Tod kamen seine Ăbersetzungen nur wenige Male auf die BĂŒhne: AnlĂ€sslich der Olympischen Spiele 1936 wurde in Berlin die Orestie des Aischylos aufgefĂŒhrt, 1955 in Essen die Hiketiden des Euripides, 1978, 1979 und 1981 in Köln, DĂŒsseldorf und MĂŒlheim an der Ruhr der Zyklop des Euripides. Im Zusammenhang mit den BĂŒhnenauffĂŒhrungen ist das Bekenntnis von Wilamowitz interessant, er selbst sei kein Theaterfreund: âTheaterbesuch hat mich wenig gereizt, selten befriedigt, verbot sich auch durch die Zeitverschwendungâ.[31]
Die Forschung zum Wirken, zur Persönlichkeit und Rezeption von Wilamowitz wurde in den 1970er Jahren von William M. Calder III initiiert. Er hat mehrere Briefwechsel von Wilamowitz sowie andere Schriften veröffentlicht und Kongresse zu Wilamowitz und seinen Zeitgenossen veranstaltet. Calder schöpfte dabei auch aus den Vorarbeiten der Wilamowitz-Tochter Dorothea (â 1972) und ihres Ehemannes, Friedrich Freiherr Hiller von Gaertringen, die nach Wilamowitzâ Tod begannen, Briefe, Gedichte und Erinnerungen des Verstorbenen zu sammeln. Mit einer Anzeige im Gnomon riefen sie SchĂŒler und Freunde des Verstorbenen auf, zu der Sammlung beizutragen. Calders Publikationen treffen jedoch wegen seiner Urteile ĂŒber Personen, seiner Sicht auf die politischen und gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse Deutschlands in der wilhelminischen Epoche und Weimarer Republik sowie seiner biographistischen Betrachtungsweise auch auf Kritik. In Deutschland sind als Wilamowitz-Forscher beispielsweise zu nennen: Paul DrĂ€ger, Stephan Heilen, Rudolf Kassel, Robert Kirstein und Wilt Aden Schröder.
Schon bald nach Wilamowitzâ Tod begann der Klassische Philologe und Fachhistoriker Otto Kern eine Wilamowitz-Biografie, die jedoch nach seinem Tod (1942) unvollendet und unveröffentlicht blieb. Sie wurde damals von der Familie des Verstorbenen wegen ihres panegyrischen Stils abgelehnt, ist aber wegen der zitierten Dokumente wertvoll. [32]
Wie es seiner Herkunft entsprach, war Wilamowitz als Sohn eines adligen preuĂischen Grundbesitzers Ă€uĂerst konservativ eingestellt. âCharakterlich war Wilamowitz-Moellendorff geprĂ€gt von der Spannung zwischen konservativer Starrheit und jungenhafter Unbefangenheitâ, stellt Hans-Albrecht Koch in der Deutschen Biographischen EnzyklopĂ€die fest[6] und weist auf den bezeichnenden Umstand hin, dass die âwissenschaftlich höchst aufschlussreichenâ Erinnerungen 1848â1914 mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs enden. Wilamowitz definierte sich als BĂŒrger des wilhelminischen Reiches und konnte sich mit der Weimarer Republik nicht anfreunden, die er als âfeige Ochlokratieâ empfand.[33] Er zog hĂ€ufig Parallelen zwischen dem Aufstreben Athens im 5. Jahrhundert v. Chr. und dem Deutschen Reich, und pathetische Untertöne drangen bis in seine wissenschaftlichen Monografien ein.
Mit dem politisch aktiven Mommsen, der entschieden liberal eingestellt war, geriet Wilamowitz hÀufig in Konflikt. Seit den 1890er Jahren trat eine immer stÀrkere Entfremdung zwischen den beiden ein, die in der Briefsammlung Aus dem Freund ein Sohn (Briefe von 1872 bis 1903) abgebildet wird. Der Titel spielt nicht nur auf die Heirat der Tochter Mommsens mit Wilamowitz, sondern auch auf den Wandel ihrer Beziehung an.
Wilamowitz war ein entschiedener Gegner des Antisemitismus, gegen den er in der Ăffentlichkeit scharfe Worte fand. Dieser Umstand brachte ihn spĂ€ter bei den Nationalsozialisten in Verruf, die ihm die âVerjudungâ der Altertumswissenschaften durch die unterschiedslose Förderung seiner jĂŒdischen SchĂŒler anlasteten. Auch sah Wilamowitz seine preuĂische IdentitĂ€t stets im Lichte seiner polnischen Herkunft. Der Name Wilamowitz bedeutet âWilhelmssohnâ, und die Vorfahren von Wilamowitz-Moellendorff standen mit der polnischen Bevölkerung ihrer LĂ€ndereien stets auf gutem FuĂ.[34] Seine Witwe schrieb nach seinem Tod (anlĂ€sslich seines 85. Geburtstags am 27. Dezember 1933) an seinen jĂŒdischen SchĂŒler Paul FriedlĂ€nder: âIch gönne ihm, dass er dieses Jahr nicht erlebt hat. Bis dahin hatte ich immer noch gesagt, er wĂŒrde vieles Ă€ndern können, vieles fĂŒr uns ertrĂ€glicher machen. Aber der WĂŒstenei dieses Jahres, zumal erst dem Krieg gegen die Nicht-Arier, und dann diesem Morde an den UniversitĂ€ten, wĂ€re er ohnmĂ€chtig gegenĂŒber gestanden, und beides hĂ€tte ihn sehr mitgenommen.â[35]
Neben aller politischen Starrheit zeigte sich Wilamowitz in jedem Lebensalter aufgeschlossen gegenĂŒber neuen Ideen seiner SchĂŒler. Werner Jaeger etwa wies den Alten Sprachen in seinem System der Altertumswissenschaft eine völlig neue Rolle zu. Die Reaktion von Wilamowitz auf die Dissertation seines SchĂŒlers Wolfgang Schadewaldt (1924), in der Schadewaldt die Euripides-Forschungen seines Lehrers weitgehend widerlegte, wurde zum geflĂŒgelten Wort: âumzulernen stets bereitâ.[36]
Auch pflegte Wilamowitz seine nÀchsten Verwandten mit antiken Gestalten zu vergleichen: Die von ihm idealisierte Mutter war seine Sappho, sein Vater zuerst Theseus, spÀter Amphitryon. Die biografischen Entsprechungen bei dem von Wilamowitz verehrten Philosophen und Staatstheoretiker Platon mit dem Philologen stellte Margherita Isnardi Parente 1973 in einem Aufsatz heraus.[37]
Die Jahre und Zahlen der Neuauflagen zeigen an, inwiefern ein Werk seine Bedeutung bis heute bewahrt hat. Zu den online verfĂŒgbaren Volltexten siehe Wikisource.
Erster Lehrstuhl: Christian Wilhelm Ahlwardt (1817â1830) | Georg Ludwig Walch (1830â1838) | Rudolf Heinrich Klausen (1838â1840) | Otto Jahn (1842â1847) | Ludwig von Urlichs (1847â1855) | Martin Hertz (1855â1862) | Hermann Usener (1863â1866) | Franz BĂŒcheler (1866â1870) | Wilhelm Studemund (1870â1872) | Adolph KieĂling (1872â1889) | Friedrich Marx (1889â1893) | Eduard Norden (1893â1899) | Wilhelm Kroll (1899â1906) | Carl Hosius (1906â1913) | Ernst Lommatzsch (1913â1922) | GĂŒnther Jachmann (1922) | Kurt Latte (1923â1926) | Franz Dornseiff (1926â1948) | JĂŒrgen Kroymann (1954â1955) | Dietrich Ebener (1957â1967) | Martin Hose (1994â1997) | Michael WeiĂenberger (seit 1999)
Zweiter Lehrstuhl: Georg Friedrich Schömann (1827â1879) | Rudolf Schöll (1873â1874) | Eduard Hiller (1874â1876) | Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff (1876â1883) | Georg Kaibel (1883â1886) | Ernst Maass (1886â1895) | Alfred Gercke (1896â1909) | Hermann Schöne (1909â1916) | Johannes Mewaldt (1916â1923) | Konrat Ziegler (1923â1933) | Franz Egermann (1934â1942) | Gregor Vogt-Spira (1994â2006)
Dritter Lehrstuhl (Extraordinariat, 1863â1898 Ordinariat): Franz Susemihl (1856â1898) | Alfred Körte (1899â1903) | Ludwig Radermacher (1903â1906) | Ernst Bickel (1906â1909) | Johannes Mewaldt (1909â1914) | Georg Thiele (1914â1917) | Kurt Witte (1917â1920) | August Schmekel (1921â1927)
Johann Matthias Gesner (1734â1761) | Christian Gottlob Heyne (1763â1812) | Christoph Wilhelm Mitscherlich (1814â1835) | Karl Friedrich Hermann (1842â1856) | Ernst Curtius (1856â1868) | Kurt Wachsmuth (1869â1877) | Karl Dilthey (1877â1887) | Wilhelm Meyer (1887â1889) | Friedrich Leo (1889â1914) | Richard Reitzenstein (1914â1928) | Eduard Fraenkel (1928â1931) | Kurt Latte (1931â1935) | Hans Drexler (1940â1945) | Kurt Latte (1946â1957) | Karl DeichgrĂ€ber (1957â1969) | Klaus Nickau (1970â2000) | Heinz-GĂŒnther Nesselrath (seit 2001)
Georg Ludolf Dissen (1814â1837) | Ernst von Leutsch (1837â1883) | Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff (1883â1897) | Georg Kaibel (1897â1901) | Eduard Schwartz (1902â1909) | Paul Wendland (1909â1915) | Max Pohlenz (1916â1937) | Karl DeichgrĂ€ber (1938â1946) | Walter F. Otto (1946â1948) | Wolf-Hartmut Friedrich (1948â1972) | Carl Joachim Classen (1973â1993) | Siegmar Döpp (1995â2007) | Ulrike Egelhaaf-Gaiser (seit 2008)
Ernst Karl Friedrich Wunderlich (1814â1816) | Friedrich Gottlieb Welcker (1816â1819) | Karl Otfried MĂŒller (1819â1840) | Friedrich Wilhelm Schneidewin (1842â1856) | Hermann Sauppe (1856â1893) | Wilhelm Meyer (1895â1917) | GĂŒnther Jachmann (1920â1922) | Wilhelm Baehrens (1922â1929) | (Ludolf Malten) (1945â1958) | Will Richter (1959â1975) | Ulrich Schindel (1976â2003) | Peter Kuhlmann (seit 2004)
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| Personendaten | |
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| NAME | Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von |
| ALTERNATIVNAMEN | Wilamowitz-Moellendorff, Enno Friedrich Wichard Ulrich von; Wilamowitz-Möllendorff, Ulrich von |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher klassischer Philologe |
| GEBURTSDATUM | 22. Dezember 1848 |
| GEBURTSORT | Gut Markowitz, Kujawien, Provinz Posen |
| STERBEDATUM | 25. September 1931 |
| STERBEORT | Berlin |