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Das Universalienproblem (auch: Universalienstreit, Universalienfrage, Nominalismusstreit, selten auch Realienstreit) betrifft die Frage, ob es Allgemeinbegriffe wirklich gibt oder ob sie menschliche Konstruktionen sind.
Als Universalien werden Allgemeinbegriffe wie beispielsweise âMenschâ und âMenschheitâ oder mathematische EntitĂ€ten wie âZahlâ, âRelationâ und âKlasseâ bezeichnet. In der Philosophie wird seit der Antike eine grundlegende Diskussion darĂŒber gefĂŒhrt, ob man Universalien eine ontologische Existenz beimessen kann oder ob es sich um rein verstandesmĂ€Ăige Begriffsbildungen handelt. Diese Kontroverse fand in der mittelalterlichen Scholastik einen Höhepunkt und reicht bis in die Gegenwart.
Inhaltsverzeichnis |
Begriffe haben die Funktion, GegenstĂ€nde, VorgĂ€nge oder Eigenschaften zu kennzeichnen. Sie tragen eine Bedeutung, und jedermann wird anerkennen, dass der Satz âDie Rose ist rot.â auf Wahrheit ĂŒberprĂŒft werden kann, also sinnvoll ist. Sowohl âRoseâ als auch âist rotâ (sogenannte PrĂ€dikatsausdrĂŒcke) können auf mehrere GegenstĂ€nde bezogen werden. Allgemeine Anwendbarkeit gilt fĂŒr alle Begriffe mit Ausnahme von Namen, die ein Besonderes, ein Individuum, vom Allgemeinen unterscheiden sollen.
Wenn man an die Herstellung eines Tellers denkt, so kann man sich einen Gegenstand aus Porzellan, Keramik, Glas oder Metall vorstellen. Er kann kreisförmig, eckig oder oval sein. Diese Merkmale bestimmen die konkrete Gestalt eines singulÀren Tellers. Um einen Teller produzieren zu können, muss man aber vorher schon die Vorstellung von der Funktion und den Prinzipien eines Tellers haben. Man muss die Idee vom Wesen eines Tellers kennen.
Ausgangspunkt der Debatte ĂŒber die Universalien ist die Ideenlehre Platons, der z. B. im Phaidon die These vertrat, dass Ideen eine eigenstĂ€ndige Existenz haben. Als Universalien wurden im Lauf der Auseinandersetzungen sehr unterschiedliche gedankliche Prinzipien gekennzeichnet. Neben den angesprochenen Ideen Platons waren dies vor allem Regeln, Tugenden, Transzendentalien, Kategorien oder Werte. Die Position, die von der Existenz solcher abstrakter EntitĂ€ten ausgeht, wird Realismus genannt.
Die Vertreter der Gegenposition, des Nominalismus (lateinisch nomen = Name), sind der grundsĂ€tzlichen Auffassung, dass alle Allgemeinbegriffe gedankliche Abstraktionen sind, die als Bezeichnungen von Menschen gebildet werden. Sie wĂŒrden demnach nicht von der Idee eines Tellers reden, sondern den Begriff âTellerâ als Namen fĂŒr eine Gruppe von GegenstĂ€nden auffassen. RealitĂ€t kommt nach Auffassung von Nominalisten nur den Einzeldingen zu.
Da der Nominalismus der historisch neuere Standpunkt ist, entstand im Mittelalter dafĂŒr die Bezeichnung Via moderna, wĂ€hrend die entgegengesetzte Position Via antiqua genannt wird.
Im christlichen und islamischen Monotheismus des Mittelalters spitzte sich das Universalienproblem zu. Dabei muss man bedenken, dass es sich nicht um eine vom Alltag losgelöste ârein philosophischeâ Problematik handelte, sondern dass es um sehr konkrete Fragen der Machtkonzentration und ihrer Legitimierung ging, wenn zum Beispiel ĂŒber die Einheit der Dreifaltigkeit diskutiert wurde. Wenn Verallgemeinerungen wirklich sind, haben sie eine viel gröĂere AutoritĂ€t, als wenn sie von Interpretationen abhĂ€ngen. Die zunehmende Abkehr vom Realismus im Lauf des SpĂ€tmittelalters bedeutete zugleich eine Emanzipation von AutoritĂ€ten, die das Göttliche fĂŒr sich in Anspruch nehmen. In diesem Sinne förderte der Nominalismus die Naturwissenschaften und den sĂ€kularen Staat.
Das Grundproblem wird in abgewandelter Form auch in der Gegenwart erörtert. So beschĂ€ftigt sich die Sprachphilosophie mit der Frage, ob Eigenschaften (âRöteâ) und Klassen (âLebewesenâ) ontologisch eigenstĂ€ndig sind. Im Bereich der Philosophie der Mathematik wird darĂŒber diskutiert, ob logische Klassen, Zahlen, Funktionen eine eigenstĂ€ndige Existenz haben. Die Ansicht, die dem zustimmt, wird auch als Platonismus beziehungsweise Semantischer Realismus bezeichnet. Abgelehnt wird diese Sicht von Vertretern der konstruktiven Mathematik und des Intuitionismus. WĂ€hrend Peirce, Husserl, Russell und in der jĂŒngeren Zeit David Armstrong einen Universalienrealismus vertraten, zĂ€hlen Wittgenstein, Carnap, Quine, Strawson, Nelson Goodman oder Wilfrid Sellars zu den Vertretern eines Nominalismus. Der zeitgenössische Soziologe Pierre Bourdieu nimmt Aspekte des Realismus und des Nominalismus in seine Theorie auf und versucht, beide Anschauungen miteinander zu verbinden.
Schon die Bestimmung des Begriffs der Universalien ist problematisch. Allgemeinbegriffe wie Röte oder Lebewesen beziehen sich auf mehrere GegenstÀnde. Will man zum Beispiel die Zahl Pi mit erfassen, ist es besser, von abstrakten GegenstÀnden zu sprechen.
Als Kriterien fĂŒr Universalien kann man nennen:
Keines der Kriterien reicht alleine, um Universalien zu bestimmen. Ob man auf einzelne Kriterien verzichten kann, ist nicht eindeutig geklĂ€rt. Dabei gibt es Begriffe, die mehrere Elemente einer Klasse bezeichnen (Mensch), und solche, die der Bezeichnung einer Klasse selbst dienen (Menschheit). Die Begriffe âMenschâ wie âMenschheitâ, aber auch âGerechtigkeitâ oder âdie Menge der geraden Zahlenâ sind ohne konkrete Bezugnahme (dieser Mensch; die Menschheit zu jenem Zeitpunkt) zeitunabhĂ€ngig, rein begrifflich, nicht wahrnehmbar und auch nicht kausal.
Das unterschiedliche VerstÀndnis des Universalienbegriffs kommt bereits in den Begriffsbestimmungen der verschiedenen Anschauungen zum Ausdruck, die nachfolgend dargestellt werden:
âWenn ein Ding von dem her benannt wird, was ihm und vielen gemeinsam ist, dann sagt man, dass ein solcher Name ein Universale bezeichnet, denn der Name bezeichnet so eine vielen Dingen gemeinsame Natur oder Disposition.â[1]
âUniversalien steht fĂŒr dreierlei:
a) fĂŒr eine Zweitintention, die eine gedankliche Beziehung des PrĂ€dizierbaren zu dem ist, wovon es prĂ€dizierbar ist. Es ist diese Beziehung, die das Wort Universale konkret und UniversalitĂ€t abstrakt bezeichnet. Ferner steht Universale fĂŒr das, was von jener Zweitintention her benannt wird, also fĂŒr irgendeine Erstintention, da Zweitintentionen auf Erstintentionen angewandt werden. So nun kann es fĂŒr etwas Doppeltes stehen:
b) fĂŒr den indirekten und
c) fĂŒr den direkten Anwendungsfall dieser Zweitintention. Auf die erste Weise nennt man die Natur an und fĂŒr sich Universale, da sie nicht von sich her individuiert ist und es ihr dabei nicht widerstreitet, von vielen ausgesagt zu werden. Auf die zweite Weise ist Universale nur das, was auch aktuell und unbestimmt ist, so dass ein einzelner Begriff von jedem Einzelding aussagbar ist, und das ist das Universale im eigentlichen Sinn des Wortes.â[2]
âJedes Universale ist ein Einzelding und daher nur von bezeichnungswegen ein Universale.â[3]
âDa es ein Universale nicht dem Sein nach, sondern der ReprĂ€sentation nach gibt, ist recht verstanden ein Allgemeinbegriff, was von der Seele gebildet und mehreren Dingen in dem Sinn gemeinsam ist, dass es sie gemeinsam vorstellig macht.â[4]
Die Frage der Universalien kann theoretisch unter verschiedenen Aspekten betrachtet werden[5]
Eines der Kernthemen der Philosophie Platons ist das VerhĂ€ltnis der sogenannten âIdeenâ (ideai) zu den empirischen GegenstĂ€nden und den Handlungen der Menschen. In den Platonischen Dialogen fragt Sokrates nach dem, was gerecht, tapfer, fromm, gut usw. ist. Die Beantwortung dieser Fragen setzt die Existenz der Ideen, die in den Allgemeinbegriffen ausgedrĂŒckt werden, voraus. Die Idee ist das, was in allen GegenstĂ€nden oder Handlungen dasselbe bleibt, so sehr sich diese auch voneinander unterscheiden mögen. Sie ist die Form (eidos) oder das Wesen (ousia) der Dinge. Die Ideen werden bei Platon durch eine Art geistiger âSchauâ (theoria) erkannt. Diese Schau erfolgt im Dialog, der die Kunst der richtigen GesprĂ€chsfĂŒhrung (Dialektik) voraussetzt.
Die Ideen sind das âUrbildâ (paradeigma) aller Dinge. Sie sind unverĂ€nderlich und den Einzeldingen vorgeordnet (universale ante rem), die an ihnen nur teilhaben (methexis). Nur sie sind im wahren Sinn des Wortes seiend. Die sichtbaren Einzeldinge stellen nur mehr oder minder vollkommene Abbilder der Ideen dar. Einzeldinge entstehen, verĂ€ndern sich und vergehen. Ihr Ort ist zwischen Sein und Nicht-Sein.
GegenĂŒber seinen frĂŒhen und mittleren Schriften hat Platon seine Ansicht in den SpĂ€tschriften (Parmenides) relativiert und auf Probleme der Ideenlehre hingewiesen.
Aristoteles milderte in seiner Metaphysik den idealistischen Ansatz Platons mit einer neuen Abstraktionslehre ab. Er vertrat aber ebenso einen Universalienrealismus. Auch er hielt Erkenntnis nur fĂŒr möglich, wenn das Allgemeine (katholou) Existenz (on he on) hat. Diese Existenz war fĂŒr ihn jedoch nicht unabhĂ€ngig von den Einzeldingen. Universalien sind nichts Abgetrenntes (chorismos). Allgemeines gibt es nur, wenn auch Einzeldinge existieren. Das Allgemeine entsteht, âwenn sich aus vielen durch Erfahrung gewonnene Gedanken eine allgemeine Auffassung ĂŒber Ăhnlichkeit bildet.â (Met. I, 1, 981 a 5-5) Das Allgemeine ist eine Abstraktion, etwas aus den Einzeldingen âAbgezogenesâ. Damit hat das Sein der Einzeldinge PrioritĂ€t vor dem Allgemeinen. Universalien haben die Form einer âzweiten Substanzâ. Sie kennzeichnen das Wesen (eidos) eines Einzeldings, einer âersten Substanzâ (ousia) (siehe Kategorien). Ideen und das Sein der wahrgenommenen GegenstĂ€nde fallen in den Objekten noch zusammen (universale in re) und werden erst durch intellektuelle Akte von ihnen getrennt.
Gegen Platons Lehre vom unabhÀngigen Sein der Ideen wandte Aristoteles ein (insb. Met. XIII, 6-9, siehe auch Chorismos)[6], dass
Nominalistische Ăberlegungen finden sich erst in der SpĂ€tantike bei dem christlichen Philosophen Boethius (6. Jh.). Der neuplatonische Philosoph Porphyrios (3. Jh. n. Chr.) hatte eine (griechische) EinfĂŒhrung zur Kategorienlehre des Aristoteles mit dem Titel Isagoge verfasst. Darin erklĂ€rt er auch die aristotelischen PrĂ€dikabilien: die Art und Weise, ĂŒber etwas zu sprechen. Die ausfĂŒhrlich kommentierte lateinische Ăbersetzung dieses Textes von Boethius wurde wĂ€hrend des gesamten Mittelalters gelesen und blieb eine Voraussetzung fĂŒr die Diskussion des Universalienproblems in der scholastischen Philosophie. Darin heiĂt es (Buch I, 2. Kommentar):
âWas nun die genera [Gattungen] und species [Arten] betrifft, so werde ich ĂŒber die Frage, ob sie subsistieren oder ob sie bloĂ allein im Intellekt existieren, ferner, falls sie subsistieren, ob sie körperlich oder unkörperlich sind und ob sie getrennt von den Sinnendingen oder nur in den Sinnendingen und an diesen bestehend sind, es vermeiden, mich zu Ă€uĂern; denn eine Aufgabe wie diese ist sehr hoch und bedarf einer eingehenden Untersuchung.â
Porphyrios hatte zwar keine Stellung bezogen, aber die Grundlagendiskussion vorbereitet.
In der FrĂŒhscholastik findet sich zunĂ€chst die Position des Universalienrealismus, da der Neuplatonismus der SpĂ€tantike (5. Jahrhundert) die vorherrschende philosophische Grundlage war. Dieser Weg fĂŒhrte ĂŒber Boethius und vor allem ĂŒber Augustinus, der die Ideen als Gedanken Gottes vor der Schöpfung ansah.
Erster prominenter Vertreter eines radikalen Realismus war im 9. Jahrhundert Eriugena, fĂŒr den die Universalien geistige Wesenheiten waren, die den Einzeldingen in der Entstehung vorausgingen. Aufgrund der hierarchischen Gliederung von den Einzeldingen ĂŒber die Art (species) bis zur Gattung (genus), der die Art inhĂ€rent sei, nahm Eriugena an, dass es am Ende nur eine Substanz in der Welt gebe â eine pantheistische Weltsicht.
Einen Ă€hnlich konsequenten Realismus vertraten im 11. Jahrhundert auch Anselm von Canterbury und Wilhelm von Champeaux. Da man jeder Substanz Akzidenzien zuordnete, musste IndividualitĂ€t aus den verschiedenen Akzidenzien hervorgehen. Das Universale wurde auf eine einzige identische Substanz zurĂŒckgefĂŒhrt. Daraus wiederum ergab sich logisch die Indifferenz des Universalen. Diese âIndifferenztheorieâ Wilhelms wirkte noch Generationen spĂ€ter nach.
Als einer der BegrĂŒnder des extremen Nominalismus gilt Roscelin. Seine Auffassung ist ĂŒberwiegend durch seine Kritiker ĂŒberliefert. Danach existieren nur GegenstĂ€nde, die mit den Sinnesorganen wahrgenommen werden können. Sie sind besonders (partikulĂ€r) und unteilbar (individuell). Begriffe dagegen â die von den Realisten als eigentlich existierend angesehen werden â seien lediglich Bezeichnungen (flatus vocis = von der Stimme erzeugter Lufthauch) und als solche nur Schall und Rauch.
Dazu gehören nach Anselm von Canterburys Kritik des Nominalismus die Farbe und die Weisheit, die vom Körper beziehungsweise von der Seele abstrahiert werden. Die Relationen zwischen den Dingen bestehen nach nominalistischer Auffassung durch die Dinge selbst. Nichts besteht aus Teilen. Deshalb gibt es keine Species. Also sind Universalien nicht real, und Logik ist nur eine Wortkunst (ars vocalis).
Eine Schlussfolgerung war, dass die Dreieinigkeit lediglich ein Begriff sei, der ein Aggregat von drei Substanzen bezeichne. Dieser âTritheismusâ war eine eindeutig hĂ€retische Auffassung, die Roscelin auf einer Synode in Soissons 1092 auf Anselms Betreiben widerrufen musste. Roscelins Standpunkt wird auch Vokalismus genannt.
Im Universalienstreit hatte Abaelard (1079-1142) die kontrĂ€ren Positionen bei seinen Lehrern, zunĂ€chst den radikalen Nominalismus bei Roscelinus und danach den entschiedenen Realismus bei Wilhelm von Champeaux kennen gelernt. Abaelard rĂŒckte bei seiner Untersuchung dieser Frage in seinen Schriften Logica Ingredientibus und Logica Nostrorum Petitioni Sociorum neben dem rein ontologischen Aspekt auch die sprachlogische Perspektive in den Vordergrund. ZunĂ€chst kritisierte er die vorhandenen Argumente. FĂŒr ihn konnten die Universalien nicht eine je einheitliche EntitĂ€t sein, weil sie nicht verschiedenen, getrennten Dingen zugleich innewohnen können. Auch konnte das Universale nicht etwas Zusammengefasstes sein, weil jedes Einzelne dann das Ganze enthalten mĂŒsse. Ebenso wies er die These zurĂŒck, Universalien seien zugleich individuell und universell, da der Begriff der IndividualitĂ€t als Eigenschaft des Universellen durch sich selbst widersprĂŒchlich definiert wĂŒrde. So können z. B. Begriffe wie Lebewesen nicht existieren, weil diese nicht zugleich vernunftbegabt (Mensch) und nicht-vernunftbegabt (Tiere) sein könnten.
Da die Argumente fĂŒr die RealitĂ€t der Allgemeinbegriffe nicht zu einem haltbaren Ergebnis fĂŒhrten (Wilhelm von Champeaux musste sich verĂ€rgert korrigieren), schloss Abaelard, dass die Universalien Wörter (voces) sind, die vom Menschen zur Bezeichnung festgelegt werden. Soweit sie sich auf sinnlich konkret Wahrnehmbares beziehen, sah Abaelard in ihnen nur Benennungen, also uneigentliche Universalien (appellatio). Soweit sie sich auf sinnlich nicht Wahrgenommenes beziehen, handelt es sich um echte Allgemeinbegriffe (significatio). Solche Begriffe werden vom Menschen konzipiert, um das Gemeinsame und nicht Unterscheidende verschiedener gleichartiger GegenstĂ€nde zu bezeichnen. Die Erkenntnis hierĂŒber entsteht nicht durch körperliche Sinneswahrnehmung (sensus), sondern durch gedankliches Begreifen (intellectus) der Seele, indem der Geist (animus) eine Ăhnlichkeit (similitudo) herstellt. Stoff und Form existieren verbunden und werden nur durch die Einbildungskraft (imaginatio) der Vernunft (ratio) im Wege der Abstraktion (forma communis) getrennt.
Universalien sind damit weder Ideen âvor den Dingenâ (platonischer Universalienrealismus), noch Gattungsformen âin den Dingenâ (aristotelischer Universalienrealismus), sondern begriffliche Abstraktionen im Verstand, die jedoch aus dem Vergleich der wirklichen Einzeldinge entstanden sind. Sie entstehen damit erst ânach den Dingenâ (post rebus). Das Wort als Naturlaut (vox) ist Bestandteil der Schöpfung. Aber das Wort als Sinn (sermo) ist eine menschliche Einrichtung, ein menschlicher Gebrauch (institutio hominum). Dadurch, dass Allgemeinbegriffe eine eigene Bedeutung haben, stehen sie zwischen den realen Dingen (res) und den reinen gedanklichen Bezeichnungen (ficta). Universalien sind damit semantisch existent und mental wirklich. Diese Auffassung, die Ă€hnlich von Gilbert De La PoirĂ©e, Adelard von Bath und John von Salisbury vertreten wurde, wurde spĂ€ter als Konzeptualismus bezeichnet. Ein klassisches Beispiel Abaelards ist âDer Name der Roseâ, der sich auf keinen Gegenstand bezieht, wenn es keine Rosen mehr gibt, dennoch seine Bedeutung behĂ€lt.[7]
Als Aristoteliker und ausgehend von den Kommentaren zu Aristoteles von Averroes und Avicenna vertraten in der Hochscholastik (13. Jahrhundert) Albertus Magnus und Thomas von Aquin (1225-1274) einen gemĂ€Ăigten Realismus. Das Allgemeine hat eine denkunabhĂ€ngige Grundlage in den Einzeldingen; es existiert zwar nicht selbst, ist aber in den Dingen realisiert (non est ens, sed entis[8]). Ohne die Realisierung im Einzelding ist das Allgemeine nur ein Gedanke. Thomas unterschied dabei
Auch die modistische Sprachtheorie des Thomas von Erfurt nimmt eine Position des gemĂ€Ăigten Realismus ein.
Eine neue Denkrichtung in der Universalienfrage entwickelte Johannes Duns Scotus (1266-1308). Er hob die Frage auf die erkenntniskritische (sprachkritische) Ebene und wandte ein, dass Begriffe jeweils nur etwas Allgemeines bezeichnen. Die SingularitĂ€t könne durch einen Begriff nicht erfasst werden. Das, was ein Individuum konstituiert, kann durch Sprache nicht ausgedrĂŒckt werden, so sehr man sich auch bemĂŒht, durch Differenzierungen und Untergliederungen dem Individuellen nahe zu kommen.
Scotus war davon ĂŒberzeugt, dass es Allgemeines oder Universalien gibt, und war insofern Universalienrealist wie Aristoteles und Thomas. Das Individuelle betrachtete er als etwas Positives, EigenstĂ€ndiges in der Natur, das gesondert neben der species steht. Mehr noch, der einzelne Gegenstand war fĂŒr ihn die letzte vollendete Wirklichkeit eines Seienden.
Indem er den individuellen Menschen (das Einzelding) und das Menschsein (seine Artnatur) als zwei formal verschiedene GegenstĂ€nde auffasste, die in der Natur noch vor der Wahrnehmung enthalten sind, schuf Scotus den Begriff der distinctio formalis. FĂŒr Scotus gab es bereits im wahren Sein auĂerhalb der Seele eine Gemeinsamkeit zwischen den verschiedenen IndividualitĂ€ten, die nicht von den âOperationenâ des Intellekts abhĂ€ngen. Das Menschsein beispielsweise gehört zu Sokrates, unabhĂ€ngig davon, wie er erkannt wird. Die Wahrnehmung richtet sich auf das Einzelding. Dieses enthĂ€lt bereits die Artnatur (natura communis) als reales Fundament der Abstraktion von Allgemeinbegriffen (fundamentum in re).
Erst im Intellekt wird die natura communis durch Reflexion zu Universalien umgewandelt, indem das Allgemeine aus mehreren Akten der Sinneswahrnehmung gebildet wird. Der tĂ€tige abstraktive Intellekt bildet dabei spontan Begriffe aufgrund der Gelegenheit (Okkasion) der Wahrnehmung, auch wenn die Wahrnehmung falsch ist oder wenn ein Ding in der Wahrnehmung erstmals auftaucht. Der Ăbergang von der erfassenden Empfindung zur Erkenntnis findet dadurch statt, dass der Intellekt die Wahrheit des VerhĂ€ltnisses zweier Individuen erfasst, die beide vereint. Universalien sind einerseits konzeptualistisch (nur im Intellekt), weil sie Begriffe auf mehrere Dinge beziehen, zum Beispiel âMenschâ. Sie sind andererseits realistisch (in re), wenn es sich um Allgemeinbegriffe handelt, die sozusagen absolut gelten, die also nicht auf etwas Einzelnes beziehbar sind, zum Beispiel âMenschheitâ.
Die Artnatur ist vor den Dingen, weil sie von Gott geschaffen ist. Sie ist in den Dingen als formaler Rahmen der Dinge. Das Individuum in seiner Diesheit (haecceitas) ist das Vollkommenere, weil es vom Begriff, vom Allgemeinen nicht in seiner Ganzheit, sondern nur durch die Anschauung in der intuitiven Erkenntnis erfasst werden kann. Universalien zeigen sich als gleich bleibende Wesenheit (natura communis) in den Dingen und sind damit RealitĂ€ten zweiten Grades ohne körperliche Existenz. Der Mensch erkennt das Allgemeine (qua natura communis) durch die abstraktive Erkenntnis, indem er die entsprechenden Begriffe fĂŒr Arten und Gattungen (Universalien) bildet.
Allerdings sind solche Begriffe, die reale Begriffe (z. B. Pflanzen und SĂ€ugetiere) miteinander vergleichen wie beispielsweise die fĂŒnf PrĂ€dikabilien des Porphyrios â Gattung, Art, spezifische Differenz, Proprium (wesentliches Merkmal) und Akzidenz (unwesentliches Merkmal) â, keine RealitĂ€ten. Solche logischen Begriffe zweiter Ordnung sind vollkommen allgemein (complete universale) und daher nur im Verstand (nominalistisch). Scotusâ differenzierte Darlegung kann als konzeptualistischer Kompromiss angesehen werden, der den Weg zu Ockhams Nominalismus vorbereitete.
Scotus selbst schloss die Möglichkeit eines reinen Nominalismus, den Ockham allerdings auch nicht lehrte, entschieden aus und lieferte eine Reihe von Argumenten dagegen. Vor allem wehrte sich Scotus gegen die Auffassung, dass es keine andere denkbare Einheit als den einzelnen Gegenstand und keine anderen Unterschiede als einen numerischen Unterschied gebe.
Seine Hauptthesen hierzu lauten:
Im 14. Jahrhundert wurde die sprachphilosophische Debatte intensiviert. Als Disziplin gewann die Logik im Vergleich zur Metaphysik zunehmendes Gewicht. Man fragte weniger nach dem Wesen des Seins, sondern untersuchte verstĂ€rkt die Redeweisen ĂŒber das Sein. Welche Bedeutung war mit den verwendeten Begriffen verbunden?
Wilhelm von Ockham (1285-1347) gilt in der Rezeption als ein herausragender Vertreter eines differenzierteren Nominalismus, der die Frage der Universalien mit zeichentheoretischen Ăberlegungen verband und insofern auf die moderne Sprachlogik verwies. RealitĂ€t hatten fĂŒr Ockham nur extramentale Einzeldinge. âEs kann mit Evidenz aufgewiesen werden, dass kein Universale eine extramentale Substanz ist.â (Summa Logicae I, 15, 2)[9] Insbesondere verwarf Ockham die Lehre Scotus' von der Artnatur der Einzeldinge, die durch eine Formalunterscheidung gesondert erfassbar wird.[10] Die Allgemeinbegriffe haben keine eigene Existenz, sondern sind nur die Summe der gedachten Dinge.
Begriffe entstehen zunĂ€chst unabhĂ€ngig von der gesprochenen und geschriebenen Sprache im Geist (conceptus mentis) und dienen der Bezeichnung (significatio) der extramentalen Dinge. Die Grundlage fĂŒr Sprachlaute und Schrift ist die Vereinbarung ihrer Bedeutung als Zeichen. Allgemeinbegriffe werden allein im Geist gebildet und dienen als Zeichen, die auf mehrere Dinge verweisen können (signum praedicabile de pluribus (Summa logicae, I, 14). Soweit sich Allgemeinbegriffe nicht auf extramentale Dinge beziehen, sind sie Zeichen von Zeichen. Als Zeichen stehen Begriffe fĂŒr etwas, wobei sich die Bedeutung aus dem Satzzusammenhang ergibt. Je nachdem, ob man sagt, âein Mensch renntâ, âMensch ist eine Artâ oder âMensch ist eine Bezeichnungâ, hat das Wort Mensch einen anderen Sinn.
Ockham war ein scharfer Kritiker des tradierten Realismus. Gegen die platonische Vorstellung eigenstĂ€ndiger Ideen wandte er ein, dass diese dann ja selbst wieder Einzeldinge seien. Gegen Aristoteles argumentierte er, dass abstrakte GegenstĂ€nde auch als zweite Substanz keine eigenstĂ€ndige Existenz haben können; denn sonst wĂŒrde das nicht nur zu einer Verdopplung, sondern sogar zu einer âVervielfachung des Seiendenâ fĂŒhren. Universalien können keine Existenz auĂerhalb der Seele haben. Entsprechend lehnte er auch die von Duns Scotus vertretene Existenz von Relationen und die Lehre von der Artnatur (natura communis) ab. Indem er aber Allgemeinbegriffe als eine QualitĂ€t der Seele (qualitas mentis) annahm, gestand er den Universalien ein Sein im Geist (ens in anima) zu. âJedes Universale ist eine Intention der Seele, welche gemÀà einer wahrscheinlichen Meinung sich vom Erkenntnisakt nicht unterscheidet.â (Summa Logicae I, 15, 10) Damit war er eher ein nominalistischer Konzeptualist als ein reiner Nominalist.
Der Nominalist Pierre dâAilly vertrat auf dem Konzil von Konstanz die These, dass aus dem Realismus die ketzerische Konsubstantiationslehre folge, die der Lehre der Transsubstantiation widerspricht. Damit wurde dem Realisten Jan Hus erfolgreich eine ketzerische Position unterstellt. Viele UniversitĂ€ten drĂ€ngten in der Folgezeit den Realismus zugunsten des Nominalismus zurĂŒck. Die offizielle BegrĂŒndung war, dass der Realismus im Gegensatz zum Nominalismus schwieriger zu verstehen sei und daher nur er Anlass fĂŒr philosophische MiĂverstĂ€ndnisse gĂ€be, die zur Ketzerei fĂŒhrten.[11]
Weitere Vertreter des Nominalismus waren Nicolaus von Autrecourt, Marsilius von Inghen (der erste Rektor der UniversitĂ€t Heidelberg), Jean Gerson und Gabriel Biel (Professor in TĂŒbingen), Johannes Buridan und Albert von Rickmersdorf ebenso wie Nikolaus von Oresme als bedeutender Naturphilosoph des 14. Jahrhunderts.
Weil im Nominalismus der Einzelne als TrĂ€ger der Ideen galt, geriet die Kirche als vermittelnde Instanz zwischen dem GlĂ€ubigen und Gott mit ihren ĂŒberkommenen Dogmen in Rechtfertigungsschwierigkeiten. Auch fĂŒr die Entwicklung der Naturwissenschaften war ein ZurĂŒckdrĂ€ngen der Dogmen der Kirche befreiend. Die zunehmende Wirksamkeit des Nominalismus bedeutete jedoch kein Ende der Debatte. Auch in der Folgezeit wurden realistische Positionen vertreten, so z. B. durch Walter Burley, John Wyclif oder Johannes Sharpe.
In der Neuzeit verschoben sich ab dem 17. Jahrhundert die philosophischen Fragestellungen insbesondere in Folge der von René Descartes aufgeworfenen Frage der Erkenntnis.
Der Einfluss der Scholastik schwand, obwohl sich ihre Nachwirkungen bis ins 18. Jahrhundert zeigen. Der in der Scholastik ĂŒblichen Deduktion des besonderen Falls von anerkannten LehrsĂ€tzen stellte sich zunehmend das umgekehrte Verfahren entgegen, nĂ€mlich die Induktion von Erfahrungstatsachen auf allgemeine Regeln. Dadurch verloren die hergebrachten AutoritĂ€ten an Einfluss, und neue Allgemeinbegriffe, Prinzipien und Gesetze wurden gefunden oder geschaffen. Diesen Wechsel hatte der Nominalismus mit seiner Bevorzugung des Besonderen vor dem Allgemeinen vorbereitet.
Durch Descartes erhielt der Begriff des Realismus eine zusĂ€tzliche, parallel verwendete Bedeutung als erkenntnistheoretischer Realismus. Es bildete sich das Gegensatzpaar von Empirismus und Rationalismus. Die Frage lautete nun, ob die GegenstĂ€nde unmittelbar erkannt werden (Realismus) oder ob sie durch Vorstellungen bestimmt sind (Idealismus). In diesem Sinne nahmen die Vertreter des Rationalismus ĂŒberwiegend eine Position des Realismus ein, wĂ€hrend die Vertreter des Empirismus vorrangig der nominalistischen Grundkonzeption folgten.
Das Problem der Universalien stand zur Kennzeichnung philosophischer Differenzen zwar nicht mehr im Vordergrund â es wurde jedoch in aller Regel als Bestandteil der Philosophie weiter behandelt. Auch in der Neuzeit finden sich alle grundlegenden Variationen vom Realismus ĂŒber den Konzeptualismus bis hin zum Nominalismus. Dabei neigten die Empiristen zum Nominalismus; andererseits herrschte bei den Rationalisten neben dem erkenntnistheoretischen auch ein Begriffsrealismus vor. Konzeptualistische AbschwĂ€chungen und Differenzierungen finden sich in beiden Lagern.
In seiner vorwiegend materialistisch geprĂ€gten, empiristischen Philosophie vertrat Thomas Hobbes einen starken Nominalismus. Er unterschied Namen fĂŒr die Einzeldinge und Allgemeinbegriffe, die bei der sprachlichen Klassifizierung von Einzeldingen verwendet werden.[12]
âEin allgemeiner Name wird vielen Dingen zugelegt aufgrund der Ăhnlichkeit in Hinblick auf eine QualitĂ€t oder ein anderes Akzidenz (dieser Einzeldinge)â[13]
Auch John Locke war der Auffassung, dass alle Dinge, die existieren, Einzeldinge (partikulĂ€r) sind.[14] Er entwickelte eine psychologisch orientierte Theorie zur Entstehung von Allgemeinbegriffen. Wörter erhalten Allgemeinheit als Zeichen von allgemeinen Ideen. Diese entstehen durch einen Abstraktionsprozess, indem man von Raum, Zeit und anderen Faktoren zur Bestimmung einzelner Individuen absieht. Der Abstraktionsprozess ist eine VerstandestĂ€tigkeit, die Ăhnlichkeiten von Individuen analysiert und hieraus eine abstrakte Idee formt. Der abstrakte Begriff ist demnach ein Name der allgemeinen Idee.
âDas Allgemeine gehört nicht zum Bereich der existierenden Dinge, es ist vielmehr Erfindung und Produkt des Verstandes, der es sich fĂŒr seinen eigenen Gebrauch herstellt; das Allgemeine bezieht sich lediglich auf Zeichen, seien diese nun Worte oder Vorstellungen.â[15]
Locke vertritt in der Universalienfrage einen nominalistischen Konzeptualismus, d.h. er geht davon aus, dass die durch Abstraktion gewonnenen allgemeinen Ideen eigenstÀndige EntitÀten im Verstand sind.
George Berkeley kritisierte vor allem den von Locke beschriebenen Abstraktionsprozess.[16] Demnach bleibt, wenn man von den spezifischen Eigenschaften eines Individuums absieht, nichts Beschreibbares ĂŒbrig. So kann man das Allgemeine im Begriff âschnellâ nicht erklĂ€ren, indem man von einem schnell gehenden Menschen oder einem schnell fahrenden Schiff die Vorstellung eines Menschen oder eines Schiffes wegdenkt. Auch kann man den allgemeinen Begriff eines Dreiecks, entgegen Lockes Darstellung, nicht denken, indem man es sich zugleich stumpf, rechtwinklig und spitzwinklig vorstellt. Vielmehr ergibt sich, so Berkeley, die Bedeutung einer allgemeinen Vorstellung aus ihrem Gebrauch.
Diese These erinnert stark an den spĂ€ten Ludwig Wittgenstein, der Allgemeinbegriffe als den jeweiligen Konventionen unterworfen ansah. Diese rein nominalistische Auffassung einer Universalie umgeht die Verbindung des Begriffs der Allgemeinheit mit der Vorstellung eines idealen Seins. Damit wurden Allgemeinbegriffe unabhĂ€ngig von der Existenz eines primĂ€ren Prinzips gebildet â eine VerknĂŒpfung, die das Denken der gesamten Scholastik beherrscht und dem Realismus als starkes Verteidigungsargument gedient hatte.
Die Lösung von der Metaphysik des Seins war ein wichtiger Impuls der AufklĂ€rung. David Hume schloss sich Berkeley uneingeschrĂ€nkt an und betonte, dass Allgemeinbegriffe als ReprĂ€sentationen von Individuen eingefĂŒhrt werden können und ihre EigenstĂ€ndigkeit durch Gewohnheit erhalten.[17] Es handelt sich dabei nicht um Abstraktionen. Zugrunde gelegt wird vielmehr ein bestimmtes Individuum, das reprĂ€sentativ fĂŒr andere Individuen steht.
Die Rationalisten Spinoza, Descartes und Leibniz vertraten einen mehr oder weniger konzeptualistisch geprĂ€gten Realismus. So vertrat Spinoza den Standpunkt, dass es durch die subjektive Weise der Bildung von Allgemeinbegriffen zu unterschiedlichen Auffassungen der Begriffsinhalte kommt. Er sah hierin eine der Ursachen verschiedener Strömungen in der Philosophie. Die Ratio und die Scientia intuitiva waren fĂŒr Spinoza höhere Erkenntnisweisen, durch die das Wesen einer Sache zu erfassen sei.[18]
Nach Descartes verfĂŒgt der Mensch von vornherein ĂŒber eine Vielzahl von Ideen ĂŒber die unverĂ€nderliche wahre Natur der Dinge. Die Universalie ist ein Name fĂŒr eine bestimmte Art und Weise zu denken.[19]
Leibniz sah Ăhnlichkeiten nicht nur als Produkt des Verstandes, sondern sprach ihnen eine RealitĂ€t zu. Empirische Induktion kann nicht zur Allgemeinheit fĂŒhren. Dazu bedarf es der Vernunftwahrheiten.[20]
Immanuel Kant hat zwar nicht unmittelbar zum Universalienproblem Stellung genommen, durch die Art seiner Unterscheidung von Anschauungen und Begriffen[21] jedoch Einfluss auf die Diskussion der Folgezeit ausgeĂŒbt. âAnschauungâ nennt Kant eine einzelne Vorstellung (repraesentatio singularis), die sich auf einen unmittelbaren Gegenstand bezieht. Ein âBegriffâ entsteht hingegen durch die Bildung einer Synthese in einem Urteil, indem aus der Mannigfaltigkeit der Anschauungen eine mittelbare Beziehung zu den GegenstĂ€nden anhand gemeinsamer Merkmale hergestellt wird. âAllgemeinheitâ besteht, so Kant, vorbegrifflich und wird durch die Funktion des Urteils erfasst. Die Urteilskraft ist das Vermögen, âdas Besondere als enthalten unter dem Allgemeinen zu denkenâ (KdU B XXV).
âDer Begriff vom Hund bedeutet eine Regel, nach welcher meine Einbildungskraft die Gestalt eines vierfĂŒĂigen Tieres allgemein verzeichnet, ohne auf irgendeine besondere Gestalt, die nur die Erfahrung darbietet, oder auch ein jedes mögliche Bild, was ich in concreto darstellen kann, eingeschrĂ€nkt zu sein.â[22]
Der Mensch bildet Begriffe âdurch Handlungen reinen Denkensâ (KrV B 81). Sie sind daher immer âallgemeineâ reflektierte Vorstellungen (repraesentatio per notas communes), sodass es tautologisch wĂ€re, von âallgemeinen Begriffenâ zu sprechen. Kant unterschied empirische Begriffe (aufgrund sinnlicher Erfahrung) von reinen Verstandesbegriffen, die ohne sinnliche Anschauung ausschlieĂlich im Verstand ihren Ursprung haben. Mit âIdeeâ bezeichnete Kant nur reine Vernunftbegriffe wie die Idee der Republik oder die Idee der Freiheit. Diese entstehen aus Prinzipien, die in den Begriffen und Urteilen des Verstandes liegen.
Im Deutschen Idealismus forderte bereits Fichte die Aufhebung des Gegensatzes von âAllgemeinemâ und âBesonderemâ, der durch Setzungen des âIchsâ entsteht.[23] Das Einzelne als a posteriori, wie es in den Wissenschaften behandelt wird, ist durch das Apriori des Allgemeinen gesetzt und begrĂŒndet. Der Begriff ist daher fĂŒr Fichte nicht das Allgemeine, sondern das EinschrĂ€nkende, das Bestimmende der Anschauung.
Hegel polemisierte gegen die vorbegriffliche Allgemeinheit als âdie Nacht, in der alle KĂŒhe schwarz sindâ[24]. FĂŒr ihn bestand das âWahreâ in einem Allgemeinen, das das Besondere in sich selbst ist. Erkenntnis des Absoluten ist ein Selbsterkennungsprozess. Die âsich wissende Vernunftâ ist das âabsolute Allgemeineâ.
Nach Kant stand das Universalienproblem nicht mehr explizit im Vordergrund der philosophischen Diskussion. Die scholastische Tradition, die das Problem in den Zusammenhang einer gottgewollten Ordnung stellte, verlor nach der Französischen Revolution ihre Geltung. Im 19. Jahrhundert wurde zumeist in Verbindung mit einem Empirismus eine nominalistische Position vertreten (Herbart, Beneke, Mill, Bain).
Dies gilt auch fĂŒr Franz Brentano, der die Vorstellungen von Anschauungen a priori ebenso wie Begriffe a priori ablehnte. Erfahrungsurteilen, deren Wahrheit jedermann unmittelbar einsieht, kommt Allgemeinheit zu (Evidenz). Solche Erfahrungsurteile entstehen aus einer unmittelbaren, intentionalen Beziehung auf ein Objekt (IntentionalitĂ€t). FĂŒr Brentano waren Begriffe wie âdie Röteâ oder âDreieckigkeitâ AbkĂŒrzungen fĂŒr Bezeichnungen von mehreren Einzeldingen. Reine Verstandesbegriffe betrachtete er als Fiktionen. Allgemeines entsteht durch Abstraktion, indem Menschen generelle PrĂ€dikate mit bestimmten Arten von Vorstellungsbildern verknĂŒpfen. Diese Auffassung ist nicht rein logisch, sondern empirisch ĂŒberprĂŒfbar, weshalb StegmĂŒller Brentano als psychologischen Konzeptualisten bezeichnete.[25] Der nominalistischen Auffassung Brentanos folgten auch die meisten Vertreter des Psychologismus (Fechner, Wundt, MĂŒnsterberg, Lipps).
Das Universalienproblem der Moderne wird ĂŒberwiegend mit den Begriffen des (wissenschaftstheoretischen) Platonismus und des Essentialismus verbunden. Stets wird noch diskutiert, ob Begriffe wie Klasse oder Naturgesetz Namen oder EntitĂ€ten sind.
Vorstellungen von verallgemeinernden UrsprĂŒngen oder Gesetzen, die unabhĂ€ngig von ihrer Wahrnehmung existieren und zu entdecken seien, stehen dem Universalienrealismus oder Konzeptualismus nahe. Dies zeigt sich seit dem spĂ€teren 19. Jahrhundert in Strömungen der Psychologie (vgl. Archetypus), der Anthropologie (âanthropologische Konstanteâ), oder der Ăsthetik (siehe etwa Universalien der Musikwahrnehmung). Der philosophische Naturalismus und zahlreiche Begriffe mit dem Wortbestandteil âNaturâ wie Naturzustand, Naturrecht oder Naturgesetz sind mit realistischen Vorstellungen verbunden. â Gegen solche Festlegungen wandten und wenden sich u. a. unterschiedlichste Varianten des Konstruktivismus.
Einen ausdrĂŒcklichen Universalienrealismus vertrat Charles S. Peirce. Seinen RealitĂ€tsbegriff kann man mit der kurzen Formel beschreiben: Real ist, was nicht fiktiv ist. Insofern haben Naturgesetze RealitĂ€t, da sie âeine entschiedene Tendenz sich zu erfĂŒllenâ (CP 1.26) haben. Weil man mit Naturgesetzen Prognosen stellen kann, gilt, dass die âzukĂŒnftigen Ereignisse in einem bestimmten MaĂ tatsĂ€chlich durch eine GesetzmĂ€Ăigkeit beherrscht sind.â (ebd., vgl. auch CP 5.100). Insbesondere hatten auch die Gesetze der Logik und der Mathematik fĂŒr Peirce RealitĂ€t. Er knĂŒpfte seine Vorstellung der RealitĂ€t von Universalien eng an den Begriff des Kontinuums. Eine der BegrĂŒndungen sah er in dem Theorem des Mathematikers Georg Cantor, âdass die ĂŒber eine Menge gebildete Potenzmenge stets gröĂer ist als diese.â[26]
âEs ist absurd anzunehmen, dass eine beliebige Ansammlung wohlunterschiedener Individuen, wie es ja alle Ansammlungen von ĂŒberabzĂ€hlbaren MĂ€chtigkeiten sind, eine ebenso groĂe MĂ€chtigkeit haben kann wie die der Ansammlung der möglichen Ansammlungen ihrer individuellen Elementeâ[27] âDamit ist das Kontinuum, in welcher Dimension es auch kontinuierlich sein mag, alles was möglich ist. Aber das Allgemeine oder Universale der gewöhnlichen Logik umfasst ebenfalls alles Mögliche, zu welcher bestimmten Art es auch gehören mag. Und so ist das Kontinuum das, was sich in der Logik der Relative als wahre Universale erweist.â[28]
Peirce hielt es fĂŒr eine besondere Disposition des menschlichen Geistes, in der Form eines Kontinuums zu denken, wie beispielsweise im Fall des Begriffs der Zeit. Ideen sind nicht selbstĂ€ndig, sondern kontinuierliche Systeme und zugleich Fragmente eines groĂen kontinuierlichen Systems. âVerallgemeinerung, das AusgieĂen von kontinuierlichen Systemen im Denken, im FĂŒhlen und im Tun ist der wahre Zweck des Lebens.â[29] Wirklichkeit bedeutete damit fĂŒr Peirce, âdass es etwas im Sein der Dinge gibt, das dem Prozess des Schlussfolgerns, dass die Welt lebt und sich bewegt und ihr Sein hat, in der Logik der Ereignisse entspricht.â[30] Einer solchen Vorstellung kann sich, postuliert Peirce, auch der âmechanistische Philosophâ, der einen grundlegenden Nominalismus vertritt, nicht entziehen.
Edmund Husserl ĂŒbernahm von seinem Lehrer Brentano zwar die erkenntnistheoretischen Konzepte von Evidenz und IntentionalitĂ€t, sah jedoch den Zugang zum Allgemeinen in der kantischen Unterscheidung von Anschauung und Begriff:
âDaĂ die allgemeinen Vorstellungen aus den individuell-anschaulichen genetisch erwachsen sind, wird allgemein angenommen. Wenn sich aber das BewuĂtsein des Allgemeinen an der individuellen Anschauung immer wieder entzĂŒndet, aus ihr Klarheit und Evidenz schöpft, so ist es darum nicht aus dem einzelnen Anschauen entsprungen. Wie sind wir also dazu gekommen, ĂŒber die individuelle Anschauung hinauszugehen und, statt der erscheinenden Einzelheit, etwas anderes zu meinen, ein Allgemeines, das sich in ihr vereinzelt und doch nicht reell in ihr enthalten ist?â[31]
Husserl formulierte in Hinblick auf die Wesensanschauung eine realistische Position: âDas Wesen (Eidos) ist ein neuartiger Gegenstand. So wie das Gegebene der individuellen oder erfahrenden Anschauung ein individueller Gegenstand ist, so das Gegebene der Wesensanschauung ein reines Wesen.â[32] Mit Kant unterschied Husserl empirisch Allgemeines und rein Allgemeines. WĂ€hrend Begriffe bei Kant als spontane Handlungen im Urteil gebildet werden, versucht Husserl durch Analyse des Bewusstseins die logische Konstitution allgemeiner Begriffe zu erfassen. Empirische Begriffe erhĂ€lt man durch Vergleich und Variation von Anschauungen, indem man das Verschiedene ausscheidet und das absolut Identische als eine unverĂ€nderliche GröĂe (Invariante) festhĂ€lt. Das konkrete Erschaute ist zwar kontingent, es enthĂ€lt aber invariant das reine Wesen als oberste Kategorie des Gegebenen. Reine (a priorische) Begriffe geben die Regeln fĂŒr die Erfahrung vor. Sie werden nicht durch Erfahrung ermittelt, vielmehr umfassen sie die âUnendlichkeit des Fortlaufensâ. Die SĂ€tze der Logik sind zeit- und raumunabhĂ€ngige Wesenheiten, die ideelle RealitĂ€t haben.
FĂŒr Nicolai Hartmann ist die Wirklichkeit in allem Seienden:
âDas Sein des Seienden ist eines, wie mannigfaltig dies auch sein mag. Alle weiteren Differenzierungen des Seins sind aber nur Besonderungen der Seinsweise.â[33]
RealitĂ€t und IdealitĂ€t schlieĂen sich aus. Ein Daseiendes ist entweder real oder ideal. Ideales ist nicht etwas nur Gedachtes, sondern nicht-gegenstĂ€ndliches Seiendes. Hierzu zĂ€hlte Hartmann Mathematisches, Wesenheiten, Logisches und Werte. Ideales Seiendes ist zeitlos, allgemein und unverĂ€nderlich. Reales Seiendes ist dagegen zeitlich, konkret und vergĂ€nglich. RealitĂ€t ist aufdringlich. Man erfĂ€hrt sie in einem Widerstandserlebnis. Ideales ist in Realem als Struktur oder GesetzmĂ€Ăigkeit enthalten. So ist eine geometrische Kugel ein ideales Gebilde, das die Struktur einer materiellen Kugel beschreibt. Empirische Urteile beziehen sich stets auf reale EntitĂ€ten, mathematische Urteile auf ideales Seiendes. Beide Arten von Urteilen sind ein Erfassen von etwas An sich- Seiendem (Kritischer Realismus).
Das Seiende und seine Eigenschaften sind unabhĂ€ngig vom Subjekt. Das Ideale ist im Realen enthalten (âuniversalia in rebusâ). âDas allgemeine eben besteht keineswegs jenseits der FĂ€lle (ante res) fĂŒr sich, aber auch keineswegs in mente als von ihnen abstrahiertes (post rem), sondern durchaus in rebus.â (GdO, 259) Das An-sich-sein des Idealen begrĂŒndete Hartmann damit, dass man nicht erklĂ€ren könne, dass die Natur mathematisch geformt ist, wenn es keine idealen Beziehungen gĂ€be. (GdO, 265) Diese Auffassung entspricht dem aristotelischen Universalienrealismus. Logische SĂ€tze gelten, weil sie mit Seinstrukturen ĂŒbereinstimmen (GdO, 302). Das reale Sein ist demnach das höhere Sein, das auf dem in ihm enthaltenen idealen Sein aufbaut (GdO 291).
Logiker wie Bolzano und spĂ€ter zu Beginn des 20. Jahrhunderts Frege, Whitehead oder Russell bekannten sich eindeutig zum Platonismus. Quine nannte diese Haltung âontological commitmentâ. Nachdem Russell die Paradoxien der Mengenlehre entdeckt hatte, bemĂŒhte er sich um eine zurĂŒckhaltendere Analyse. Dennoch âsetzt jede Erkenntnis von Wahrheiten die Bekanntschaft mit Universalien voraus.â[34]
Er unterschied drei Arten von EntitĂ€ten, fĂŒr die Begriffe gebildet werden:
Jede Aussage ĂŒber einen Sachverhalt enthĂ€lt mindestens eine Universalie und eine Relation. Universalien können nicht als Individuen aufgefasst werden: âWeil es viele schwarze Dinge gibt, muss eine Ăhnlichkeit zwischen vielen verschiedenen Paaren zu vergleichender schwarzer Dinge bestehen, und gerade das ist ein charakteristisches Merkmal von Universalien. Es hat keinen Zweck, wenn man sagt, dass es fĂŒr jedes Paar eine andere Ăhnlichkeit gibt; denn dann mĂŒssten wir zugeben, dass sich diese Ăhnlichkeiten Ă€hnlich sehen, und so kommen wir wieder darauf, dass die Ăhnlichkeit eine Universalie sein muss.â[35].
Russell diskutierte das Universalienproblem aus erkenntnistheoretischer Sicht am Beispiel des Begriffs der Bewegung.[36] Wahrnehmungen beziehen sich auf Objekte; logische Aussagen hingegen setzen andere Aussagen voraus. Zwischen âWahrnehmungstatsachenâ und âGesetzesaussagenâ bestehen Relationen, die man als real ansehen muss, wenn man Aussagen als wahr anerkennen will.
FĂŒr Nominalisten wie Ockham war Bewegung ein Wort, mit dem die Menge der Positionen bezeichnet wird, die ein bewegter Körper einnimmt. FĂŒr Newton war Bewegung demgegenĂŒber eine eigenstĂ€ndige Form mit einer eigenstĂ€ndigen QualitĂ€t. Anhand der Pfeil-Paradoxons von Zenon untersuchte Russell den mathematischen Charakter von Bewegung. Eine gleichförmige Bewegung ist als lineare Funktion darstellbar, sodass eine Quantifizierung fĂŒr jede Position des Pfeils wĂ€hrend des Fluges möglich ist. Bewegung wĂ€re danach eine QualitĂ€t (Eigenschaft) zweiten Grades und könnte nominalistisch interpretiert werden. BerĂŒcksichtigt man jedoch zusĂ€tzlich Beschleunigung, ergibt sich eine nichtlineare Beziehung, in der die KrĂ€fte als Vektoren zusĂ€tzlich zu berĂŒcksichtigen sind. Die mathematische Darstellung dieses Sachverhalts erfordert eine Funktion, in der die Stetigkeit als Axiom vorausgesetzt wird. Stetigkeit setzt aber die Dichtheit rationaler Zahlen voraus, bei denen zwischen zwei noch so kleinen Werten eine unendliche Anzahl von Zwischenwerten liegt. Danach wĂ€re Bewegung nicht nur ein Sammelbegriff, sondern eine eigene EntitĂ€t.
Russell beschĂ€ftigte sich Ă€hnlich wie Peirce mit der Frage des Kontinuums, kam aber zu dem Schluss, dass ein Kontinuum aus der Sinnenwelt nicht ableitbar ist, weil es nur Korrelationen verschiedener (partikularer) SinneseindrĂŒcke gibt. Als SchĂŒler von Peirce wandte Dewey hiergegen ein, dass die Annahme einzelner SinneseindrĂŒcke bereits eine RealitĂ€t voraussetze und einzelne Wahrnehmungen zu einer höheren umfassenderen Ebene eines Kontinuums zu rechnen sind.
Ein bekannter Vertreter des Universalienrealismus in der Gegenwartsphilosophie ist David Armstrong. Wie bei Aristoteles gibt es Universalien nur in Verbindung mit den Einzeldingen. âDas Allgemeine ist im Einzelnen.â Armstrong vertritt zugleich einen strengen physikalistisch begrĂŒndeten naturwissenschaftlichen Realismus. Naturgesetze bezeichnet er als Universalien, die die objektiven Strukturen der Natur beschreiben. Sie sind Relationen einer höheren Ordnung, die den Zusammenhang zwischen universellen Eigenschaften beschreiben.[37]
Im Gegensatz zu Armstrong vertrat Roderick Chisholm in der Erkenntnistheorie eine idealistische Position. Dennoch hielt er Universalien fĂŒr real. AnknĂŒpfend an die Auffassung von Franz Brentano ĂŒber die IntentionalitĂ€t war Chisholm der Meinung, dass alles real ist, worauf sich Intentionen richten können.[38]
Als wichtiges Argument fĂŒr den Universalienrealismus wird in der modernen Philosophie hĂ€ufig vorgebracht, dass Aussagen, in denen Universalien vorkommen, âwahrâ oder âfalschâ sein können. Als âWahrmacherâ (truth maker) werden Universalien daher benötigt.
Mit dem Linguistic Turn und der Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts setzte sich eine stark nominalistische Position durch. Insbesondere im Neopositivismus des Wiener Kreises wurde Erkenntnis auf die sinnlich wahrnehmbaren Einzeldinge beschrĂ€nkt. Entsprechend war man der Auffassung, dass die Bedeutung von Begriffen und Aussagen ausschlieĂlich auf die Erfahrung zurĂŒckzufĂŒhren ist. Vor allem Carnap und der frĂŒhe Wittgenstein wollten alle Begriffe auf phĂ€nomenalistische Grundbegriffe zurĂŒckfĂŒhren und hieraus eine rein nominalistische Sprache entwickeln. Aus dieser Sicht gibt es fĂŒr Allgemeinbegriffe auĂerhalb des Bewusstseins keine BezugsgröĂen (Designate). Klassen sind nichts Reales, sondern Zusammenfassungen in Gedanken.
Gesetzesaussagen werden deshalb als bloĂe syntaktische Regeln ohne Wahrheitswerte (bei Hermann Weyl, Frank Plumpton Ramsey u. a.) oder als bloĂe Hypothesen (bei Moritz Schlick, Karl Popper u. a.) aufgefasst.
Wittgenstein hat in den Philosophischen Untersuchungen einen Teil seiner frĂŒheren Auffassungen zwar verĂ€ndert, hielt aber weiterhin an einem Nominalismus fest. Begriffe beruhen auf Konventionen. Ihre Bedeutung ergibt sich aus ihrem Gebrauch. Allgemeinheiten kann man als FamilienĂ€hnlichkeiten bezeichnen. So zeigt die Analyse des Gebrauchs fĂŒr den Begriff âSpielâ, dass es nicht möglich ist, das Allgemeine dieses Begriffs auf einen exakten, einheitlichen Punkt zu bringen. Sprache versuchte er als ein Sprachspiel bestehend aus einer Vielzahl von unterschiedlichen Sprachspielen zu beschreiben.
Diese sprachbezogene Auffassung Wittgensteins ist eine moderne Formulierung des reinen Nominalismus von Berkeley (siehe oben), die man als Ăhnlichkeits-Nominalismus bezeichnen kann. Andere Interpreten sehen darin eine Ablehnung des Universalienproblems als Scheinproblem, Ă€hnlich wie Carnap dies getan hatte. Wittgenstein sah die FamilienĂ€hnlichkeiten auch im Zahlbegriff: âWir dehnen unseren Begriff der Zahl aus, wie wir beim Spinnen eines Fadens Faser an Faser drehen. Und die StĂ€rke des Fadens liegt nicht darin, dass irgendeine Faser durch seine ganze LĂ€nge lĂ€uft, sondern dass viele Fasern einander ĂŒbergreifen.â[39]
Quine untersuchte das Universalienproblem mit den Mitteln der Quantorenlogik.[40] So muss man fĂŒr eine prĂ€zise Handhabung den Satz âDies ist eine rote Roseâ in der Weise lesen:
X wird als gebundene Variable bezeichnet. Durch die Umformulierung erreicht man, dass Begriffe nur als Namen eines Gegenstandes verwendet werden. Quines These lautet, dass auch PrĂ€dikate grundsĂ€tzlich als logische Subjekte formulierbar und als Variablen in die logische Aussageform ĂŒberfĂŒhrbar sind. Doch entscheidend ist, welcher Begriff als Wert fĂŒr die Variable einsetzbar ist. Der Nominalist wird fordern, dass der GĂŒltigkeitsbereich der Variablen auf Begriffe beschrĂ€nkt wird, die auch tatsĂ€chlich als Namen umformulierbar sind. Der Platoniker wird hingegen die Formel fĂŒr Begriffe wie âWertâ, âSeiendesâ, oder âVariableâ in Anspruch nehmen wollen.
Die analytisch formulierte Weise des Universalienproblems bringt zwar PrĂ€zisierung, liefert aber weiterhin kein Entscheidungskriterium fĂŒr das Problem. Der Platoniker kann weiter sagen, dass mit dem Sprechen ĂŒber Universalien deren Existenz bereits anerkannt ist. Ebenso kann der Nominalist darauf verweisen, dass Allgemeines kein Gegenstand sein kann, weil ein solcher Begriff ja bis zum infiniten Regress wieder Teil eines anders gearteten Allgemeinen sein kann. Quine zog die Schlussfolgerung, dass in bestimmten Anwendungsbereichen der Mathematik und der Logik âKlassenâ nicht verzichtbar sind. Solche Begriffsebenen entstehen aber durch menschliche Konstruktionen und werden nicht etwa entdeckt. Er bezeichnete seine Position als konzeptualistisch im Gegensatz zum platonischen Realismus.[41] Nominalismus bezeichnete er als Agnostizismus gegenĂŒber einer Unendlichkeit von EntitĂ€ten.
Eine kritische Position gegenĂŒber Quine entwickelte Strawson, der auf einen aus seiner Sicht wesentlichen Funktionsunterschied zwischen Begriffen fĂŒr Einzelnes und Besonderes hinwies.[42] SingulĂ€re Begriffe haben die Aufgabe, konkrete Objekte zu identifizieren. Allgemeine Begriff werden in Aussagen verwendet, in denen die Existenz bereits unterstellt wird. Sie haben keine âidentifizierende Referenzâ.
PrĂ€dikate in AussagesĂ€tzen können sich auf verschiedene Subjekte beziehen, je nach dem, was der Fall ist. PrĂ€dikate sind daher immer allgemeiner als Subjekte. Deshalb ist eine konsequente Ersetzung von PrĂ€dikaten durch âlogische Subjekteâ nicht möglich. Aussagen ĂŒber Einzelnes sind nur aufgrund empirischer Tatsachen möglich. Die Auffassung von Allgemeinem als âlogischem Subjektâ setzt voraus, dass es Identifikationssysteme gibt, in denen BezĂŒge zu raum-zeitlichen Einzeldingen hergestellt werden können.
Nelson Goodman vertritt einen so genannten mereologischen Nominalismus, nach dem es nicht zulÀssig ist, aus individuellen Grundelementen unendliche Ketten neuer EntitÀten zu bilden. Nach dieser Auffassung sind die Möglichkeiten der Mengenlehre formal eingeschrÀnkt. Dies ergebe sich aus dem Prinzip, dass von mehreren zutreffenden Theorien die einfachste zu bevorzugen ist (Ockhams Rasiermesser).
VilĂ©m Flusser sah das Universalienproblem kulturkritisch im Zusammenhang mit der Entwicklung der Informationstechnologie. Der Buchdruck habe den Universalienstreit zu Gunsten der Realisten entschieden, denn er habe bewusst gemacht, dass Schrift aus Typen bestehe und diese Typen greifbar gemacht. Das spekulative Denken sei in der Folge zu einem handfesten Manipulieren von Zeichen geworden, und die modernen Universalien hĂ€tten sich von der Ebene des Begrifflichen auf diejenige der praktisch geformten Typen verlagert, weil man an âAtompartikelâ, âGeneâ, âVölkertypenâ oder âGesellschaftsklassenâ glaube. Positivisten und PhĂ€nomenologen seien dagegen die modernen Nominalisten.[43]
Die klassische Auffassung in der Philosophie der Mathematik ist ein Universalienrealismus, nach dem die GegenstĂ€nde der Mathematik eine eigenstĂ€ndige Existenz besitzen und nicht erfunden, sondern entdeckt werden. Die Realisten sind sich allerdings nicht einig darĂŒber, wie und wie weitgehend der Mensch fĂ€hig ist, zu diesen Universalien vorzudringen. Aus der Sicht des Formalismus, der von Hilbert begrĂŒndet wurde, oder des Logizismus von Frege ist eine systematische AnnĂ€herung möglich. FĂŒr Gödel ist es dagegen die Intuition, die es den Mathematikern erlaubt, ihren Universalien nĂ€her zu kommen.
Als Gegenbewegung im 20. Jahrhundert entstehen nominalistische Auffassungen: Die Konstruktive Mathematik beschrĂ€nkt den Existenzbegriff auf konstruierbare Objekte. Der Intuitionismus vertritt die Ansicht, dass Wahrheit erst im Prozess der Verifizierung entsteht. Diese AnsĂ€tze wurden von L.E.J. Brouwer begrĂŒndet und unter anderen von Paul Lorenzen ausgearbeitet. Sie gehen davon aus, dass die Gegenstandsbereiche der Mathematik durch schrittweise Entwicklung von Theorien erfunden werden. Die Gewohnheit bestĂ€tigt dann, dass die Voraussetzungen sinnvoll sind.
Gödel vermittelte zwischen klassischen und intuitionistischen Standpunkten. Wenn mit der Entwicklung von Theorien die Vorstellung verbunden wird, dass die durch menschliche Leistungen entstandenen Allgemeinbegriffe eine semantische Existenz haben, wird auch hier der Begriff des Konzeptualismus verwendet. So Quine in seinem Aufsatz Was es gibt. Diese Terminologie wird spĂ€ter von StegmĂŒller aufgenommen.