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Unter Urheimat versteht man das durch linguistische oder archäologische Methoden erschlossene, wahrscheinliche Gebiet, in dem eine bestimmte, meist ebenfalls erschlossene Protosprache, also die gemeinsame Urform einer Sprachfamilie, gesprochen wurde. Im weiteren Sinne versteht man unter Urheimat das Herkunftgebiet historisch belegter oder noch existierender Völker oder Volksgruppen.
Inhaltsverzeichnis |
Der Begriff Urheimat wird heute als deutsches Fremdwort auch im Englischen gebraucht. Der Begriff ist im 19. Jahrhundert aufgekommen in der Diskussion um die Herkunft der Sprecher der rekonstruierten indogermanischen Ursprache. Da man sprachliche Vorformen auf verschiedenen Ebenen erschließen kann, gibt es auch zeitlich aufeinanderfolgende „Urheimaten“. Im so genannten Streit um die germanische Urheimat wurde bereits im 16. und 17. Jahrhundert die Frage nach der Urheimat der Germanen diskutiert, wobei Leibniz schon 1696 der Theorie einer skandinavischen Urheimat widersprach.[1] In der neueren Forschung ist man weitgehend skeptisch bis ablehnend bezüglich einer skandinavischen Herkunft der Germanen bzw. der dies suggerierenden Erzählungen (Origo gentis).
Während im deutschsprachigen Raum der Begriff „Urheimat“ im wissenschaftlichen Kontext nur noch selten gebraucht wird, wird der Terminus in der englischen wissenschaftlichen Literatur heute auch auf die Frage der Herkunftgebiete nichtindogermanischer Völker bzw. Sprachgruppen angewendet.
In diesem Sinne haben Wissenschaftler versucht, die Urheimat der indogermanischen Sprache zu lokalisieren. Bei der Hypothesenbildung hat eine besondere Rolle gespielt, dass die indogermanische Protosprache Begriffe für Lachs und Buche kannte, was das mögliche Herkunftsgebiet einzugrenzen schien. Die ebenfalls vorhandenen Begriffe für Schnee, Kupfer bzw. Bronze sowie Rad und Nabe galten bei dieser Suche als weniger aussagekräftig wegen der großen Verbreitung (bzw. der Transportierbarkeit) dieser Dinge.
In der aktuellen Diskussion um die Urheimat der Indogermanen – bzw. genauer: der Sprecher des Proto-Indogermanischen – spielen diese Argumente generell keine große Rolle mehr. Einerseits ist nicht wirklich klar, welche Baumart das rekonstruierte indogermanische Wort *bhaghos („Buche“) ursprünglich bezeichnet hat. Das Ausbreitungsgebiet des Lachses wiederum ist zu groß, um sichere Schlüsse zu erlauben. Wenn heute überwiegend das Gebiet nördlich des Schwarzen Meeres als indogermanische Urheimat angenommen wird („Kurgan-Hypothese“), dann spielen bei der Begründung archäologische Überlegungen eine weit größere Rolle als im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. – Alternative Theorien über die indogermanische Urheimat beziehen sich auf das westliche Zentralasien, Anatolien, das Baltikum, den Balkan, Kaukasus oder Indien.
Innerhalb des östlichen Indogermanischen bilden die iranischen und indo-arischen Sprachen (Sanskrit) eine klar unterscheidbare Einheit. Als Sprecher der proto-indoiranischen Sprache gelten allgemein die Träger der Kultur des Andronovohorizonts des späten dritten und frühen zweiten Jahrtausends v. Chr.
Unter Linguisten ist seit Jahrzehnten umstritten, ob es bei der Ausgliederung des Indogermanischen eine eigene balto-slawische Zwischenstufe gab (analog beispielsweise zur indoiranischen Stufe) oder ob diese beiden benachbarten Sprachfamilien, die sich unbestreitbar beeinflusst haben, seit dem Beginn ihrer Entwicklung getrennt waren. Soweit heute noch eine balto-slawische Zwischenstufe angenommen wird, wird deren Urheimat heute meist mit den östlichen Regionen der Kultur der Schnurkeramiker in Verbindung gebracht.
Die Lokalisierung einer slawischen Urheimat wird heute überwiegend anhand des Befundes der Hydronyme (Gewässernamen) vorgenommen, wobei die ältesten eindeutig als slawisch identifizierbaren Namen in der (süd-)westlichen Ukraine und im südlichen Weißrussland anzutreffen sind.
Das westliche Indogermanisch teilt sich in die drei Sprachfamilien Italisch, Keltisch und Germanisch.
Bei den Vorläufern der germanischen Stämme ist umstritten, inwiefern sich diese in Norddeutschland und dem südlichen Skandinavien oder doch etwas südlich davon, etwa im heutigen Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, herausgebildet haben. Letzteres war bis etwa 1890 die Mehrheitsmeinung und wird heute wieder zunehmend vertreten, etwa durch Jürgen Udolph, anhand des Befundes der Orts- und Gewässernamen. Dagegen gelten seit etwa 1890, nach einer ab 1885 entwickelten Theorie Ludwig Wilsers, und durch die Befürwortung Gustaf Kossinnas bei den meisten Prähistorikern Südskandinavien, Dänemark und Norddeutschland als die Urheimat der „(Proto-)Germanen“. Kossinna, dessen wissenschaftlicher Einfluss in der älteren Forschung maßgeblich war, präferierte ursprünglich die Süd-Nord Ausbreitung. Leibniz führte, seiner Zeit und Forschung weit voraus, schon die Evidenz der Hydronyme an, die Udolph als extrem langlebig und resistenter gegenüber veränderlich wirkenden Fremdeinflüssen nachweist. Allerdings sind jedoch, wie Wolfram Euler aktuell betont, Archäologie und Sprachwissenschaft hinsichtlich der Frühheimat der Germanen gespalten: Die Nordhypothese wird - bedingt durch die materiellen Zeugnisse der Jastorfkultur - von der Archäologie vertreten. Die Sprachwissenschaft hat, insbesondere durch die Ortsnamenforschung und durch die Lehnwortforschung (Udolph, Hans Fromm, Hans Kuhn), gezeigt, dass die Zonen beziehungsweise Regionen von Sprechern eines Idioms über die Grenzen einzelner bestimmter materieller Kulturen weisen.
Die keltische Urheimat wird meist im Kerngebiet der La-Tène- und der ihr vorangegangenen Hallstatt-Kultur angenommen. Zentrum der Hallstatt-Kultur (ca. 750 bis 475 v. Chr.) war das Gebiet des westlichen Österreichs und Bayerns, Kerngebiet der La-Tène-Kultur war der nordwestlich angrenzende Gebiet in Teilen des heutigen Baden-Württembergs und der Schweiz. Da die keltische Ethnizität und (Proto-)Sprache aber vermutlich älter und die Hallstatt-Kultur kontinuierlich aus der Urnenfelderkultur hervorgegangen ist, gilt auch deren Ausgangsgebiet als mögliche keltische Urheimat. Dieses Ausgangsgebiet umfasst allerdings weite Teile des südlichen Mitteleuropas. Innerhalb dieses Gebietes nehmen die Linguisten Jürgen Udolph und seit kurzem auch Peter Busse aufgrund von Gewässernamen das Westalpengebiet und das (obere) Rhonetal als Ausgangsgebiet der (proto-)keltischen Sprache an.[2]
Das italische Ausgangsgebiet muss aufgrund linguistischer Befunde Kontakt sowohl mit dem (proto-)keltischen als auch dem prägermanischen Sprachgebiet gehabt haben,[3] es wird darum (noch vor der Einwanderung protoitalischer Stämme nach Italien vermutlich im frühen 2. Jahrtausend v. Chr.) etwa in Böhmen lokalisiert.
Die Festlegung der Urheimat des Proto-Uralischen ist wegen des hohen Alters dieser Protosprache eine schwierige Aufgabe. Die verschiedenen Klassifikationstheorien korrespondieren dabei eng mit Hypothesen über die Ausbreitung der jeweiligen sprachlichen Untergruppe von einer angenommenen Urheimat in ihren heutigen geographischen Raum. Man nimmt allgemein an, dass das Ausgangsgebiet der finno-ugrischen Sprachen im zentralen oder südlichen Uralgebiet mit einem Zentrum westlich des Gebirgszuges zu lokalisieren ist. Als erste trennten sich offenbar die Vorfahren der heutigen Samojeden und zogen ostwärts. Diese Trennung erfolgte vor mindestens 6000, wenn nicht 7000 Jahren, was aus der relativ geringen Zahl (ca. 150) gesamt-uralischer Wortgleichungen zu schließen ist. Die Aufspaltung des Samojedischen in die heutigen Sprachen begann wohl erst vor etwa 2000 Jahren.
Die finno-ugrische Gruppe war von Anfang an die bei weitem größere. Erste Aufspaltungen dieser Gruppe gehen mindestens auf das 3. Jt. v. Chr. zurück. Wie erwähnt, ist die Reihenfolge der Abspaltungen und damit der Verlauf der Ausdehnung der finno-ugrischen Sprachen seit etwa 1970 (wieder) strittig. Seit Donner 1879 wurde allgemein angenommen, dass sich das Ugrische als erste Gruppe vom Finno-Ugrischen trennte und als Rest die finno-permische Einheit zurückließ. Die neueren Resultate (Sammallahti 1984 und 1998, Viitso 1996) sehen dagegen die samisch-finnische Gruppe als eine periphere Einheit an, die zuerst und zwar schon im 3. Jt. v. Chr. vom finno-ugrischen Kern abrückte. Es folgten das Mordwinische und das Mari (etwa um 2000 v. Chr.) und schließlich das Permische in der Mitte des 2. Jts. v. Chr. Als Kern blieben die Sprachen zurück, aus denen sich das Ugrische entwickelte. Wohl bereits 1000 v. Chr. kann man die Trennung des Ungarischen von den obugrischen Sprachen ansetzen. Die Ungarn (Selbstbezeichnung Magyaren) zogen seit 500 n. Chr. zusammen mit türkischen Stämmen westwärts und erreichten und eroberten das schwach besiedelte Karpatenbecken 895 n. Chr. (Der Name Ungar stammt aus dem Tschuwaschischen oder Bolgar-Turkischen von on-ogur = zehn Ogur-Stämme).