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Van-der-Waals-KrÀfte

Mit den Van-der-Waals-KrĂ€ften (Van-der-Waals-Wechselwirkungen), benannt nach dem niederlĂ€ndischen Physiker Johannes Diderik van der Waals (1837–1923),[1] bezeichnet man die relativ schwachen nicht-kovalenten Wechselwirkungen zwischen Atomen oder MolekĂŒlen, deren Wechselwirkungsenergie mit etwa der sechsten Potenz des Abstandes abfĂ€llt. Damit lassen sich die Van-der-Waals-KrĂ€fte als Ursache der Van-der-Waals-Bindung nach heutigem VerstĂ€ndnis in drei Bestandteile aufteilen:[2]

  • Keesom-Wechselwirkung zwischen zwei Dipolen (Dipol-Dipol-KrĂ€fte),
  • Debye-Wechselwirkung zwischen einem Dipol und einem polarisierbaren MolekĂŒl (Dipol-induzierter Dipol-KrĂ€fte)
  • Londonsche Dispersionswechselwirkung (London-KrĂ€fte) zwischen zwei polarisierbaren MolekĂŒlen (induzierter Dipol-induzierter Dipol-KrĂ€fte). Die London-KrĂ€fte werden oft auch als Van-der-Waals-Kraft im engeren Sinne bezeichnet.

Alle Van-der-Waals-KrÀfte sind im Vergleich zur Atombindung und Ionenbindung schwache KrÀfte, wobei die Dispersionswechselwirkung im Allgemeinen der dominierende der drei Bestandteile ist. Beispielsweise nehmen die Van-der-Waals-KrÀfte von HCl bis HI zu, obwohl das Dipolmoment abnimmt. Die Van-der-Waals-KrÀfte bilden den anziehenden Wechselwirkungsterm im Lennard-Jones-Potential.

Inhaltsverzeichnis

Ursache der Van-der-Waals-Kraft

Diese Kraft tritt im Allgemeinen zwischen unpolaren (ungeladenen) Kleinstteilchen (Edelgasatome, MolekĂŒle) auf und fĂŒhrt zu einer schwachen Anziehung dieser Kleinstteilchen.

Elektronen in einem Kleinstteilchen (Atom) können sich nur in bestimmten Grenzen bewegen, was zu einer stĂ€ndig wechselnden Ladungsverteilung im Kleinstteilchen fĂŒhrt. Sobald der Schwerpunkt der positiven Ladungen vom Schwerpunkt der negativen Ladungen rĂ€umlich getrennt ist, kann man von einem Dipol sprechen, denn es gibt hier zwei (di-, dem griechischen ÎŽÏÎż „zwei“ entlehnt) elektrische Pole. Einzelne unpolare MolekĂŒle kann man jedoch nur als temporĂ€re Dipole bezeichnen, denn ihre PolaritĂ€t ist von der Elektronenverteilung abhĂ€ngig, und diese wechselt stĂ€ndig. (In polaren MolekĂŒlen dagegen ist die Dipoleigenschaft auf Grund der ElektronegativitĂ€ten der Atome und der Raumstruktur dauerhaft, deshalb nennt man sie permanente Dipole oder Dipole im engeren Sinne.)

In diesem Bild werden aber die Elektronen als klassische Teilchen behandelt und die Erkenntnisse der Quantenmechanik nicht berĂŒcksichtigt. Im quantenmechanischen Atommodell wird das Elektron durch eine stationĂ€re Wellenfunktion <math>\psi(\vec{r})</math> beschrieben, deren Betragsquadrat an einem bestimmten Punkt im Atom immer gleich bleibt. Dies legt zunĂ€chst die Vorstellung nahe, das Elektron verhalte sich wie eine klassische ausgedehnte Ladungsverteilung, mit einer Ladungsdichte, die durch das Produkt aus Elektronenladung und dem Betragsquadrat der Wellenfunktion gegeben ist:

<math>\rho(\vec{r}) = -e |\psi(\vec{r})|^2</math>

Demnach wÀre die Ladungsverteilung unverÀnderlich, und das spontane Entstehen temporÀrer Dipole folglich nicht möglich. Da <math>|\psi(\vec{r})|^2</math> typischerweise achsensymmetrisch um den Atomkern ist, wÀre das Dipolmoment, etwa eines Edelgas-Atoms, immer Null.

Bei nÀherer Betrachtung des quantenmechanischen Ladungsdichteoperators

<math>\hat{\rho}(\vec{r}) = -e\delta(\vec{r}-\vec{r}')</math>

wobei <math>\vec{r}'</math> der Ortsoperator des Elektrons ist, erweist sich dies jedoch als Trugschluss. Ein Elektron verhĂ€lt sich nicht wie eine ausgedehnte Ladungsverteilung, sondern wie eine Punktladung, deren Aufenthaltsort unbestimmt ist. FĂŒr den Erwartungswert der Ladungsdichte ergibt sich zwar tatsĂ€chlich

<math>\langle\psi|\hat{\rho}(\vec{r})|\psi\rangle = -e|\psi(\vec{r})|^2</math>

es handelt sich jedoch nicht um einen Eigenwert des Ladungsdichteoperators. Die Ladungsdichte hat eine gewisse UnschĂ€rfe, die gerade dazu fĂŒhrt, dass mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit der Schwerpunkt der elektronischen Ladungsverteilung nicht im Atomkern liegt und somit ein Dipolmoment entsteht. Auf diese Weise lassen sich im Bild der Quantenmechanik die van-der-Waals-KrĂ€fte verstehen.

Kommen nun zwei unpolare MolekĂŒle einander lange genug (also bei geringer Teilchengeschwindigkeit) nahe, dann gehen sie eine elektrostatische Wechselwirkung miteinander ein.

Wenn etwa Teilchen A dem Nachbarn B eine ausgeprĂ€gt negativ geladene Seite zeigt, dann werden die Elektronen des Nachbarn B (von der zugewandten Seite) abgestoßen. So richten sich die Dipole aneinander aus. Solch eine Ladungsverschiebung durch ein elektrisches Feld nennt man Influenz. Das heißt, der Minuspol eines temporĂ€ren Dipols influiert vis-Ă -vis beim NachbarmolekĂŒl einen Pluspol. So wird aus Teilchen B ein „influierter“ Dipol. In der Fachliteratur wird dies "induzierter Dipol" (lat. inducere: zustande bringen) genannt.

Zwischen dem ursprĂŒnglichen, temporĂ€ren Dipol und dem induzierten Dipol kommt es zur Van-der-Waals-Anziehung. Von nun an beeinflussen sich die Dipole gegenseitig, ihre Elektronenverschiebung synchronisiert sich.

Kommen sich also zwei Atome beziehungsweise MolekĂŒle nahe genug, so kann eine der folgenden Situationen eintreten.

  • Zwei temporĂ€re Dipole treffen sich: die Teilchen ziehen einander an.
  • Ein temporĂ€rer Dipol trifft auf ein Teilchen ohne Dipolmoment: der Dipol influiert in den Nicht-Dipol ein gleich gerichtetes Dipolmoment, wodurch ebenfalls wieder eine Anziehungskraft zwischen beiden Teilchen entsteht.

Van-der-Waals-Bindungsenergie: 0,5–5 kJ/mol (entspricht 5–50 meV/MolekĂŒl)

Van-der-Waals-Bindung

Da die besagten Dipolmomente klein sind, ist die resultierende elektrische Anziehung schwach und hat nur eine Ă€ußerst geringe Reichweite. Damit die Van-der-Waals-Bindung ĂŒberhaupt zustande kommen kann, mĂŒssen sich zwei Atome beziehungsweise MolekĂŒle nahe kommen. Diese AnnĂ€herung ist umso „schwieriger“ (statistisch unwahrscheinlicher), je mehr kinetische Energie die MolekĂŒle haben, also je höher die Temperatur ist. Mit steigender Temperatur ĂŒberwiegt die thermische Bewegung gegenĂŒber der Van-der-Waals-Bindung. Dies stellt oft den Übergang vom flĂŒssigen zum gasförmigen Zustand dar.

Es gibt Festkörper, die ausschließlich durch die Van-der-Waals-Bindung zusammengehalten werden. Die nur bei tiefen Temperaturen vorkommenden Edelgaskristalle sind ein Beispiel dafĂŒr.

Anschaulich lĂ€sst sich der Einfluss der Van-der-Waals-KrĂ€fte am Beispiel der Alkane nachvollziehen. Hier steigt der Siedepunkt zunĂ€chst mit zunehmender molarer Masse (der Schmelzpunkt nicht, da an dieser Stelle weitere EinflĂŒsse hinzu kommen). Bei Isomeren steigt der Siedepunkt mit zunehmender Ketten- bzw. abnehmender Kugelform, da die Kugel bei gegebenem Volumen die kleinste OberflĂ€che hat. Dieses PhĂ€nomen findet sich zum Beispiel bei folgenden Isomeren (alle C5H12): 2,2-Dimethylpropan (Sdp. 9,5 Â°C), 2-Methylbutan (Sdp. 28 Â°C) und n-Pentan (Sdp. 36,1 Â°C).[3]

Anschauliche Auswirkung der Van-der-Waals-KrÀfte

Ein Gecko erklimmt eine Glaswand

Die Geckos nutzen die Van-der-Waals-KrĂ€fte, um ohne Klebstoff oder SaugnĂ€pfe senkrechte FlĂ€chen erklimmen zu können. Die Unterseiten ihrer FĂŒĂŸe sind voller feinster HĂ€rchen. Jedes HĂ€rchen kann nur eine kleine Kraft ĂŒbertragen, durch die hohe Anzahl reicht die Gesamtkraft dennoch dafĂŒr aus, dass das Tier, buchstĂ€blich kopfĂŒber, unter Decken laufen kann. Dies ist ebenfalls auf glatt erscheinenden FlĂ€chen wie etwa Glas möglich. Die Klebekraft eines Geckos betrĂ€gt etwa 250 N. [4]

Siehe auch

Literatur

  • H. C. Hamaker: The London-van der Waals Attraction between Spherical Particles. In: Physica, Nr. 4, 1937, Seiten 1058–1072
  • Pavel Hobza, Rudolf Zahradnik: Intermolecular complexes - the role of van der Waals systems. Elsevier, Amsterdam 1988, ISBN 0-444-98943-9.
  • V. Adrian Parsegian: Van Der Waals Forces. A Handbook for Biologists, Chemists, Engineers, and Physicists. Cambridge University Pr., Cambridge 2006, ISBN 0-521-54778-4.
  • Valentin L. Popov: Kontaktmechanik und Reibung. Ein Lehr- und Anwendungsbuch von der Nanotribologie bis zur numerischen Simulation. Springer-Verlag, Berlin 2009, S. 328, ISBN 978-3-540-88836-9.
  • Kevin Kendall: Molecular Adhesion and its Applications. Kluwer Academic, 2001, ISBN 0-306-46520-5.
  •  I. E. Dzyaloshinskii, E. M. Lifshitz, L. P. Pitaevskii: General Theory of van der Waals' Forces. In: Physics-Uspekhi (UdSSR). 4, Nr. 2, 1961, S. 153–176, doi:10.1070/PU1961v004n02ABEH003330.</span>

Einzelnachweise

  1. ↑ Johannes Diderik van der Waals: Over de Continuiteit van den Gas- en Vloeistoftoestand. UniversitĂ€t Leiden, 1873 (Dissertation)
  2. ↑ IUPAC. Compendium of Chemical Terminology, 2nd ed. (the „Gold Book“). Compiled by A. D. McNaught and A. Wilkinson. Blackwell Scientific Publications, Oxford (1997). XML on-line corrected version: http://goldbook.iupac.org (2006-) created by M. Nic, J. Jirat, B. Kosata; updates compiled by A. Jenkins. ISBN 0-9678550-9-8. „van der Waals forces“ doi:10.1351/goldbook.V06597.
  3. ↑ Isomere zu Pentan. Landesinstitut fĂŒr Schulentwicklung (LS), Stuttgart, Abgerufen am 13. August. 2009 (Interaktive 3D-Modelle der Pentanisomere).
  4. ↑ http://geckolab.lclark.edu/dept/geckostory.html
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