|
|
Lexikon auf Ihrer Homepage |
|
Lexikon als Lesezeichen hinzufügen |
Vandana Shiva (Hindi: वन्दना शिवा, Vandanā Śivā; * 5. November 1952 in Dehradun) ist promovierte indische Physikerin. Sie wurde für ihr Engagement in den Bereichen Umweltschutz, Biologische Vielfalt, Frauenrechte und Nachhaltigkeit mehrfach ausgezeichnet. Ihr wurde 1993 der Right Livelihood Award – auch alternativer Nobelpreis genannt – verliehen, weil sie die Themen Frauen und Ökologie in den Mittelpunkt des Diskurses um moderne Entwicklungspolitik gestellt hat. Sie ist u. a. Mitglied des Club of Rome.
Inhaltsverzeichnis |
Vandana Shiva wurde im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh geboren. Sowohl ihre Mutter (Schuldienst) als auch ihr Vater (Militär) hatten sich entschieden, den staatlichen Dienst aufzugeben, um als Bauern und Waldhüter zu arbeiten[1] Von ihren Eltern erfährt sie die Liebe zur und Achtung vor der Natur.[1] Shiva ist nach eigenen Angaben mit Tigerbabys aufgewachsen und hat auf Elefanten den Wald erkundet.[2]
Shiva besucht zunächst die „St Mary’s School“ in Nainital und danach den „Convent of Jesus and Mary“ in Dehradun. Schon zu dieser Zeit äußerte sie den Wunsch, Wissenschaftlerin werden zu wollen. Ihr damaliges Vorbild war Albert Einstein.[1] Shiva erhielt als Schülerin ein Begabtenstipendium, das auch Kurse in Harvard einschloss.
Shiva studierte unter anderem in Kanada an der University of Western Ontario Physik und schloss dort ihr Physikstudium mit der Promotion in der Disziplin der Quantentheorie ab. 1978 erwarb sie den Ph.D. der Philosophie.[3]
Während der Studienferien setzte Shiva ihr Fachwissen ein, um die indische Bevölkerung im Kampf gegen die Rodung großer Waldgebiete zu unterstützen. So engagierte sie sich in den 1970er Jahren unter anderem in der ersten indischen Umweltbewegung, der Chipko-Bewegung. Diese Bewegung wurde mehrheitlich von indischen Frauen getragen und richtete sich gegen die kommerzielle Abholzung von Wäldern und die damit verbundene Zerstörung der Lebensgrundlagen. Eingesetzte Mittel waren zum Beispiel Umarmen der Bäume oder Anketten an die Bäume, um die Abholzung zu verhindern. Die Bewegung erreichte, dass die Regierung Kredite zur Verfügung stellte, mit denen die örtlichen Gemeindewälder erhalten werden konnten.
Anstatt eine wissenschaftlichen Karriere in den USA zu verfolgen, entschied sich Shiva zu einer Rückkehr nach Indien. Ihr Tätigkeitsgebiet war dort die interdisziplinäre Forschung von Technik, Umwelt und Politik am „Indian Institute of Science“ und am „Indian Institute of Management“ in Bangalore, wo sie eine Professorenstelle innehatte.[1][2]
1982 begründete sie in dem ehemaligen Kuhstall ihrer Mutter das unabhängige Institut „The Research Foundation for Science Technology and Ecology“ in Dehra Du, das sie auch aktuell leitet. Ihre Umwelt- und Sozial-Studien werden in enger Zusammenarbeit mit der Bevölkerung und sozialen Organisationen entwickelt.[1]
Shiva versucht ihr Fachwissen vor allem dafür einzusetzen, die mit internationalen Wirtschaftsorganisationen und staatlichen Stellen wenig vertrauten Einheimischen vor einer Übervorteilung zu schützen.
Ihre Entscheidung, der wissenschaftlichen Arbeit und Umweltbelangen den Vorrang vor physikalischen Studien einzuräumen, begründet Shiva mit dem Wert für andere. In der Beschäftigung mit der Physik sieht Shiva nur für sich selbst einen Mehrwert, von ihren wissenschaftlichen und umweltbezogenen Aktivitäten würden viele Menschen und auch nachfolgende Generationen profitieren.[4]
1991 rief Shiva die Organisation Navdanya ins Leben. Navdanya bedeutet „Neun Saaten“ oder „Neun Samen“ und steht symbolisch für den Schutz von biologischer und kultureller Vielfalt des Saatgutes.[5] Die Organisation gilt als Pionier einer Bewegung zur Sicherung und Bewahrung von regionalem Saatgut traditioneller Nahrungspflanzen. Navdanya sammelt und sichert regionale Sorten und baut sie auf der Versuchsfarm im nordindischen Dehradun am Fuß des Himalaya an. Navdanya beabsichtigt damit traditionelle Sorten vor dem Aussterben zu bewahren, biologische Anbaumethoden zu fördern, die Bauern vor Abhängigkeit von patentiertem Saatgut oder Hybridsamen zu schützen, die Bevölkerung mit gesunden Lebensmitteln zu versorgen und lokale Märkte zu stärken. Navdanya errichtete bisher 46 Saatgutbibliotheken in ganz Indien. Parallel bietet Navdanya weiterbildende Maßnahmen für Bauern an, die zur biologischen Anbauweise wechseln wollen. Daneben installiert die Organisation in Indien Vertriebswege für biologisch angebaute Produkte.[6] Navdanya hat bisher nach eigenen Angaben rund 200.000 Bauern geholfen.
Im Jahr 2004 gründete Vandana Shiva Bija Vidyapeeth, eine internationale Hochschule für nachhaltiges Leben. Die Schule ist bei der Navdanya-Farm gelegen. Konzeptionelles Vorbild ist das in Großbritannien ansässige Schumacher College, mit dem eine enge Kooperation besteht und dessen Leiter, Satish Kumarface, die Gründung von Bija Vidyapeeth maßgeblich unterstützt hat. Die angebotenen Kurse haben mehrheitlich Themen wie Biodiversität, biologische Bewirtschaftung und Earth democracy zum Inhalt. Die Philosophie von Gandhi wird ebenso behandelt wie die Frage nach der Bedeutung der Menschenrechte angesichts einer von Großunternehmen dominierten wirtschaftlichen Globalisierung.[7]
Shiva beschäftigt sich aktuell damit, die Grundlagen eines Ökofeminismus zu entwickeln. Die Rolle der ökologischen Bewegung sieht Shiva darin, die Natur und deren Rechte ernstzunehmen. Dies bedeutet für sie, den Wert der Natur nicht länger am finanziellen Wert, den diese für einige männliche Vertreter der Industrie darstellt, auszurichten. Für die Verbindung von Ökologie und Feminismus bearbeitet Shiva zum einen die Frage, in welcher Form männlich geprägte Werte zu ökologischer Zerstörung, Militarismus und Ausbeutung beitragen. Zum anderen formuliert sie spezifisch weibliche Werte für den Umgang mit der Welt. Nach der Theorie des Ökofeminismus gemäß Shiva basieren Patriarchalische Gesellschaften seit Jahrtausenden auf hierarchischen Strukturen, wobei Konkurrenz ein wichtiges Prinzip ist. Erfolg wird hier nicht in dem Wert für das Gemeinwohl gesehen, sondern bemisst sich im individuellen Machtzuwachs, welcher repressive Kontrollmechanismen zu seiner Absicherung benötigt.[8] Im Bereich der Gentechnik übernehmen nach Shiva männlich geführte Unternehmen zunehmend Kontrolle über das Leben an sich. Sie interpretiert diesen Prozess als Kolonisierung von Pflanzen, Tieren und Menschen wie auch der Zukunft und führt ihn auf patriarchalische Werte zurück. Vandana Shiva fordert in diesem Zusammenhang eine neue Definition des Machtbegriffes ein. Sie stellt dem männlich geprägten Begriff von ‚Macht‘, der auf die „aggressive Überwindung, Dominanz und Beherrschung ausgerichtet ist“ einen Machtbegriff als innere Macht entgegen, der allen Formen der Unterdrückung eine klare Absage erteilt, auf Ermutigung ausgerichtet ist und nicht um des eigenen Vorteils willen die Vernichtung des anderen in Kauf nimmt.[8]
Unabhängig davon weist Vandana Shiva deutlich auf das Ungleichgewicht zwischen dem Frauenanteil an Aktivistinnen und deren Repräsentation in Führungspositionen der ökologischen Bewegung hin.[9]
Hier sieht Shiva speziell den Einsatz zur Erhaltung der Biodiversität und die Verhinderung von Biopatenten als entscheidende Themen an. Ihre Kritik: „Frauen und Natur wurden durch die industrielle Revolution auf die Rolle als Lieferanten von menschlichem und natürlichem Rohmaterial reduziert“. Als Globalisierungskritikerin engagiert sich Shiva vor allem gegen transnationale Unternehmen, die aus ihrer Sicht versuchen, zunehmend Einfluss auf die indische Landwirtschaft zu nehmen. Sie sieht die hier engagierten Bauern in der Tradition Mahatma Gandhis. Der Slogan „Quit India“, der ursprünglich den englischen Kolonisatoren galt, wird nun von ihnen auf internationale Gentech-Firmen wie Cargill, Monsanto oder Ricetec übertragen. Sie kritisiert: „Manches westliche Unternehmen erinnert mich an einen Arzt, der einen Kaiserschnitt vornimmt und behauptet, er habe auch das Kind gemacht“. Sie führt aus, dass die großen Handelsnationen ihr Patentdenken nun auch auf die sogenannte Dritte Welt übertragen wollen, und zwar auf Pflanzen, die es dort schon immer gab: „Heute müssen sie nicht mehr so tun, als wollten sie mit Gentechnologie das Hungerproblem der Welt lösen, heutzutage wollen sie die Weltmarktherrschaft.“
Ihre intensiveren Beschäftigungen mit der Landwirtschaft führt Shiva auf zwei Ereignisse im Jahr 1984 zurück: zum einen die religiösen Aufstände im landwirtschaftlich ausgerichteten Bundesstaat Punjab, die zahlreiche Todesopfer forderten. Shiva sah diese Aufstände in einer ökologischen und kulturellen Entwurzelung begründet, die sie wiederum auf die Grüne Revolution zurückführt, deren Strategie es gewesen sei, Dritte-Welt-Bauern in den Weltmarkt für Düngemittel, Saatgut und Pestizide einzubinden. Hierdurch seien die gewachsenen Verbindungen zum Boden und innerhalb der Gemeinschaft brüchig geworden.[10][4] Als anderen Auslöser benennt Shiva die Katastrophe von Bhopal, bei der eine Chemiefabrik von Union Carbide, die Pestizide produzierte, mehrere Tonnen Giftgas freisetzte, an dessen Folgen Zehntausende starben.[10][4]
Shivas Kritik an der Grünen Revolution in Indien richtet sich unter anderem darauf, dass diese eine Kommerzialisierung der Landwirtschaft darstelle, welche mit kultureller Desintegration einhergehe, zu krankheitsinfizierten Monokulturen führe und über Hybridpflanzen das Saatgut, ehemals „kostenloses Allgemeingut“, zu einer Handelsware umgewandelt habe, worüber die Kleinbauern keine Kontrolle mehr hätten.[10]
Shiva ist zusammen mit Jerry Mander, Edward Goldsmith, Ralph Nader und Jeremy Rifkin Vorsitzende des International Forum on Globalization. Shiva ist Mitglied des Club of Rome und des Exekutivkomitees des Weltzukunftsrates. Neben ihrem sozialen Engagement berät Shiva die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen.
Die Richtung des von Shiva geprägten Ökofeminismus wird hinsichtlich seiner Auffassung vom Verhältnis der Frau zur Natur kritisiert. Die Annahme einer besonderen und privilegierten Beziehung zwischen Frauen und Natur ist unter anderem von C. Jackson und Christiane Thorn als essentialistisch abgelehnt worden.[11][12] Meera Nanda sieht Probleme in grundlegenden Ideen des Ökofeminismus und ihrer Anwendung in Indien. Diese Ideen romantisierten Traditionen, die die Natur mit einer weiblichen, nährenden Mutter gleichsetzen, ohne die Unterdrückungen, die für Frauen mit diesen Traditionen verbunden waren, offenzulegen. Indem Shiva die Moderne als Teil eines imperialistischen Westens charakterisiere, fordere sie von Frauen in der Dritten Welt eine Aufrechterhaltung dieser Traditionen. Die besonders von Shiva und Mies propagierten Lösungen von Problemen der Grünen Revolution verwehrten Frauen den Zugang zu Grundrechten wie Lebensunterhalt und Vermögen.[13]
Wie verschiedene andere Aktivisten äußerte Shiva die kontrovers diskutierte Auffassung, dass transgene Baumwolle über höhere Preise und jährliches Nachkaufen des Saatguts[14] tausenden indischen Bauern Verschuldung gebracht und sie in den Selbstmord getrieben habe. Shiva war laut Ronald Herring maßgeblich an der Verbreitung dieser Sichtweisen beteiligt. Zudem kritisierte Herring, sie würde die Fehlinformation verbreiten, dass die Bt-Baumwolle von Monsanto auf der sogenannten Terminatortechnologie basiere.[15]
Das libertäre Liberty Institute India verlieh Shiva 2002 den „Bullshit Award for Sustaining Poverty“, da Shiva durch ihre Positionen zur Verfestigung der Armut im Süden beitrage.[16] In der auf den Titel dieses Negativpreises zurückgreifenden Dokumentation über Shivas Wirken „Bullshit“ taucht unter anderem der Preisverleiher Mitra auf.[17]
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Shiva, Vandana |
| KURZBESCHREIBUNG | indische Ökologin, Bürgerrechtlerin und Feministin |
| GEBURTSDATUM | 5. November 1952 |
| GEBURTSORT | Dehradun, Indien |