|
|
Lexikon auf Ihrer Homepage |
|
Lexikon als Lesezeichen hinzufügen |
Veganismus ist eine Einstellung und Lebensweise, die eine Nutzung von Tieren und tierischen Produkten ablehnt.[1] Der Veganismus beinhaltet eine vegetarische Ernährungsweise,- die sogenannte vegane Ernährung. Dabei wird der Konsum von Fleisch, Fisch, Milch, Eiern und Honig sowie anderen tierischen Lebensmitteln jeder Art vermieden. Motive für eine vegane Ernährung sind vielfältig: Tierethik (Zugestehen von umfassenden Tierrechten), Umweltschutz, Gesundheit, Verteilungsgerechtigkeit und/oder Welternährung. Auch religiöse und herrschaftskritische Ansätze sind verbreitet. Viele Menschen, die aus moralischen oder politischen Gründen vegan leben, achten auch bei Kleidung (Vermeidung von Pelz, Leder und Wolle) und anderen Gegenständen des Alltags wie Kosmetika und Medikamenten auf Tierproduktefreiheit und Tierversuchsfreiheit (Waschmittel, Putzmittel, Kleinbildfilme, Kleber, Farben).[2] Auch das Halten von Heimtieren, soweit diese von Züchtern stammen, wird abgelehnt. Ausnahmen bilden hier meist aus Tierheimen und Tierbefreiungen stammende Tiere. Ebenso besuchen viele vegan lebende Menschen keine Zoos oder Zirkusse mit Tiernummer.
Nach der Nationalen Verzehrsstudie II von 2008 ernähren sich in Deutschland weniger als 0,1% der Bevölkerung vegan, insgesamt also unter 80.000 Menschen.[3] Nach einer Gallup-Umfrage lebten 1995 etwa 170.000 Menschen im Vereinigten Königreich vegan[4], nach jüngsten Aussagen der Vegan Society mehr als 200.000 (2005). Trotz der relativ geringen Zahl der Veganer findet der Verzicht auf Tierprodukte periodisch Eingang in die mediale Berichterstattung, teilweise mit Blick auf die Massentierhaltung, auf den Anteil der Landwirtschaft am anthropogenen Treibhauseffekt, wegen Lebensmittelskandalen oder gesundheitlichen Studien.
Inhaltsverzeichnis |
Das Wort vegan geht auf den Engländer Donald Watson zurück, der 1944 die Vegan Society als Abspaltung der englischen Vegetarian Society (Vegetarier-Gesellschaft) gründete.
Watson verstand im Gegensatz zu anderen Mitgliedern der Vegetarian Society den Begriff des Vegetariers (engl.: „vegetarian“) nicht als Ableitung vom lateinischen „vegetus“ (deutsch: lebendig, frisch, kraftvoll), sondern als Ableitung vom englischsprachigen „vegetable“ (deutsch: Pflanze). Der Verzehr von Milchprodukten und Eiern, wie von Ovo-Lacto-Vegetariern praktiziert, entsprach nicht seinem Verständnis von Vegetarismus. Um jene Vegetarier zu bezeichnen, die auch Milchprodukte mieden, benutzte Watson zunächst den Terminus total vegetarian (deutsch in etwa: konsequenter, strenger Vegetarier). Als Abkürzung dafür prägte er dann aus dem Anfang und Ende von „vegetarian“ das neue Wort „vegan“ (deutsch: „Veganer“), weil „Veganismus mit Vegetarismus beginnt und ihn zu seinem logischen Ende führt“.[5]
Im Oxford Illustrated Dictionary erschien der Begriff vegan zum ersten Mal im Jahr 1962 und wurde dort als „vegetarien who eats no butter, cheese, or milk“ benannt. 1995 erweiterte die 9. Auflage des Concise Oxford Dictionary diese Definition wesentlich. Veganer ist demnach „a person who does not eat or use animal products“.[5] Merriam-Webster’s Collegiate Dictionary bezeichnet aktuell (Stand: August 2010) mit vegan sowohl jenen Vegetarier, der weder tierische Nahrung noch Milchprodukte konsumiert, als auch jemanden, der die Nutzung tierischer Produkte insgesamt vermeidet.[6]
Das Adjektiv zum deutschen Wort Veganismus lautet vegan. In den deutschsprachigen Ländern wird vereinzelt auch das Adjektiv veganisch (als Ableitung aus Veganismus) gebildet. Der Duden kennt sowohl das Adjektiv vegan (definiert als: vegan leben) als auch die Nomen Veganer (strenger Vegetarier, der auf tier. Produkte in jeder Form verzichtet) und Veganerin als weibliche Form.[7]
Im Memorandum der Vegan Society vom 20. November 1979 bezeichnet „Veganismus“ eine „Philosophie und Lebensart“, die versucht, „so weit wie möglich und praktisch durchführbar, alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an Tieren für Essen, Kleidung oder andere Zwecke zu vermeiden und darüber hinaus die Entwicklung tierfreier Alternativen zu fördern“, was Menschen, Tieren und der Umwelt zum Vorteil gereichen soll.[8]
Die meisten ethisch motivierten Veganer begründen ihre Lebensweise mit einer der verschiedenen Theorien der Tierrechte. Andere Veganer integrieren Veganismus in eine herrschaftskritische Weltanschauung oder argumentieren mit ökologischen Motiven. Eine weitere Motivation ist die angeblich gesündere Ernährungsweise. In westlichen Ländern spielt eine spirituelle Motivation nur eine nachrangige Rolle. Soziologisch untersucht sind die Motive nur in Ansätzen.[9]
Historisch ging der Veganismus aus dem Vegetarismus hervor. Im deutschsprachigen Raum waren entsprechende gesellschaftliche Strukturen in der Gründerzeit innerhalb der Lebensreformbewegung und im Zusammenhang mit biozentrischen Ideen zu finden.[10] Speziell in Deutschland war der frühe Vegetarismus damals mit der Freikörperkultur und sehr unterschiedlichen politischen Ansätzen verbunden.[11] Im anglophonen Raum hingegen waren pathozentrisch–utilitaristische Ansätze führend und entsprechende Strukturen unter elitären Strömungen der Linken wie in den Frauenbewegungen verwurzelt.[12][13] Die Philosophien dieser frühen Ansätze unterscheiden sich von den modernen insofern, als zum einen die Forschung um die Geisteszustände nichtmenschlicher Tiere durch neue medizinische bildgebende Verfahren einige Erkenntnisse gewonnen hat,[14] andererseits das theoretische Umfeld der Tierrechte, die damals kaum explizit gefordert wurden,[A 1] einen erheblichen Wandel erfahren hat. Eine genaue Trennlinie zwischen der vegetarischen und der veganen Bewegung lässt sich weder in der chronologischen Entwicklung, noch in den heutigen Strukturen ziehen. Einige lehnen deshalb eine solche Trennung auch ab.
Klassischerweise wird in Peter Singers Buch Animal Liberation. Die Befreiung der Tiere[A 2] aus dem Jahr 1975 eine Zäsur gesehen, in dem die Diskussion um den Veganismus eine neue Qualität gewonnen hat. Darin argumentiert er, es gebe keine moralische Rechtfertigung, das Leid eines Wesens, gleich welcher Natur es sei, nicht in Betracht zu ziehen. Spezielle „nichtmenschliche Tiere“ von diesem Gleichheitsprinzip[A 3] auszuschließen sei so willkürlich, wie Menschen anderer Hautfarbe, Kultur, Religion oder Geschlecht auszunehmen.[15]
Mittlerweile existieren diverse weitere Argumentationen, die mitunter einen von Singer grundverschiedenen Ansatz wählen. Wenngleich alle Veröffentlichungen in hohem Maße unter Philosophen kontrovers sind, sind doch tierethische Überlegungen heute ein fester Bestandteil der philosophischen Debatte.
Gemein ist den meisten Argumenten ein naturalistisches Moment, das aus gewissen für einen Rechtsbegriff als relevant betrachteten, homologen (d.h. evolutionär kontinuierlichen) Eigenschaften eine Widerspiegelung im Moral- beziehungsweise Rechtsverständnis fordert. Oft konstituieren Tierrechtsargumente so auch gleichzeitig eine moralphilosophische Herleitung für Menschenrechte. Aufgrund der angeblich naturwissenschaftlichen Unschärfe des Artbegriffs auf der Subjektebene, könne allein aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Art niemandem ein subjektives Recht zugeschrieben oder aberkannt werden. Der Begriff Speziesismus versucht diese Schlussfolgerung in eine Analogie zu anderen Formen der Diskriminierung zu stellen und zu kritisieren.
Einige Veganer verweisen auf die geistigen Fähigkeiten mancher Arten, die mit nicht unerheblicher Intelligenz und Leidensfähigkeit ausgestattet sind und ein komplexes Sozialverhalten zeigen.[16] Ein pathozentrischer Ansatz, nach dem allen empfindungsfähigen Wesen ethische Berücksichtigung verdienen, wird hauptsächlich von Tierschützern vertreten. Je nach Gewichtung der Relevanz einzelner herangezogener Präferenzen von Individuen kann so ein hinreichendes Argument für eine vegetarische Ernährung oder vegane Lebensweise folgen. Ein weiteres ethisches Motiv bildet das Bestreben, vermeidbares Leid, das mit der extensiven Tierhaltung verbunden ist, durch Verzicht auf deren Produkte zu vermeiden.[17] Der Philosoph Tom Regan schreibt gewissen Tieren aufgrund ihres Bewusstseins einen inhärenten Wert als Subjekte eines Lebens zu.[A 4][18] Martin Balluch argumentiert für eine naturwissenschaftliche Kontinuität von Bewusstsein. Ausgehend von einer Kritik am Ansatz Singers[19] fordert er gewisse Grundrechte, deren zugrunde liegenden Interessen Voraussetzung für alle weitergehenden Interessen seien.[A 5][20]
Eine Herrschaftskritik fordert eine weitgehende Abschaffung von Herrschaftsverhältnissen, also der Ausübung von Macht. Von dieser allgemeinen Position ausgehend wird die Forderung nach Veganismus am Spezialfall der menschlichen Herrschaft über nicht-menschliche Tiere formuliert.[21]
Vegane Organisationen kritisieren, dass eine nichtvegane Ernährung negative Folgen für die Umwelt hat und mehr Ressourcen (Wasser, Land, Luft, Waldfläche) benötigt oder verschmutzt als eine vegane.[22][23]
Eine fleischbasierte Ernährungsweise beansprucht mehr Land-, Energie- und Wasserressourcen als eine vegane. Hinzu kommt, dass die Viehhaltung ein Mehrfaches mehr an Treibhausgasen emittiert als die Pflanzenproduktion. Neben der insbesondere in Südamerika durch extensive Tierhaltung hervorgerufenen Entwaldung tragen dazu in erster Linie Verdauungsprodukte bei (Mist sowie Methan bei Wiederkäuern). Einer Simulation zufolge würde der Kapitalwert der Vermeidungskosten von Treibhausgasemissionen im Zeitraum 2000–2050 unter Annahme eines kompletten globalen Fleischverzichts massiv reduziert.
Eine Verminderung des Fleischkonsums in den Industrieländern könnte zur Folge haben, dass die Entwicklungsländer ihren Konsum dann entsprechend ausweiten würden.
Aus diesen Gründen fordern einige eine Besteuerung des Fleischkonsums bzw. der Tierhaltung und Subventionierung einer veganen Landbewirtschaftung.[24][25]
Vegane Organisationen nehmen an, dass eine vegane Ernährung positive Folgen für die Welternährung hat.[22][23] Auf Basis der niedrigen Futterkonversionsraten der Tierproduktion wird so häufig angenommen, dass eine vegane oder vegetarische Ernährungsweise in den Industrieländern die Ernährungssituation in den Entwicklungsländern signifikant verbessern könnte. Allerdings ist die Ernährung von Tier und Mensch nicht deckungsgleich. Insbesondere bei Wiederkäuern besteht die Kalorienaufnahme zum weitaus überwiegenden Teil aus für den Menschen nicht verwertbarem Material (z.B. Gras). Auch sind viele Weideflächen nicht zur Pflanzenproduktion nutzbar. Laut E. O. Wilson ergibt die aktuell landwirtschaftlich nutzbare Fläche bei ausschließlich vegetarischer Ernährung eine Kapazität der Lebensmittelversorgung für ca. 10 Milliarden Menschen.[26] Prognosen zufolge wird die globale Nachfrage nach tierischen Produkten insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenländern jedoch in Zukunft weiter ansteigen.[27][28]
Biologisch gesehen ist der Mensch laut herrschender Meinung ein Omnivore (Allesfresser). Im Widerspruch dazu vertritt der US-amerikanische Arzt Milton R. Mills in seinem in Vegetarier-Kreisen verbreiteten Aufsatz „The Comparative Anatomy of Eating“ die Meinung, dass der Mensch biologisch eher einem sehr anpassungsfähigen Frugivoren (Fruchtfresser) als einem Allesfresser gleiche. Er führt an, dass Körperbau, Zähne sowie Verdauungstrakt mehr denen von Frugivoren glichen. Die Fähigkeit, rohes Fleisch zu reißen, körperfremdes Cholesterin auszuscheiden und größere Mengen Harnsäure zu spalten, sei beim Menschen verglichen mit anderen Omnivoren eingeschränkt.[29]
Einige Veganer[30][31] vertreten zudem die Ansicht, dass es nicht natürlich sei, die Muttermilch anderer Spezies sowie als Erwachsener überhaupt Milch zu trinken. Sie begründen das unter anderem damit, dass (je nach Quelle) 66 % bis 80 % der erwachsenen Weltbevölkerung aufgrund einer Laktoseintoleranz Milch anderer Spezies nicht ohne Beschwerden verdauen können. Tatsächlich ist die Laktosetoleranz altersabhängig. Im Säuglingsalter können fast alle Menschen – gleich welcher Herkunft – Laktose im Darm durch das Enzym Laktase spalten. Für die Mehrheit geht diese Fähigkeit im späteren Alter verloren.[32] Zudem variiert die Prävalenz der Laktoseintoleranz im Erwachsenenalter von Region zu Region sehr stark: In Deutschland sind nur etwa 15 % betroffen.[33] Wissenschaftler fanden eine enge Bindung der Laktase-Persistenz bzw. Laktosetoleranz im Erwachsenenalter an die Ausbreitung der Milchwirtschaft im Europa der Jungsteinzeit. Die entsprechende evolutionäre Anpassung, eine bestimmte Punktmutation im MCM6-Gen, wird als Entwicklungsvorteil für die betroffenen Menschen gedeutet.[32]
Ob Argumente der „menschlichen Biologie“ grundsätzlich von Relevanz bei einer Bewertung des Konsums tierischer Produkte sind, stellen Verfechter eines Veganismus aus ethischen, herrschaftskritischen oder ökologischen Gründen in Frage.[34]
Nick Fiddes argumentiert, Fleisch sei über seine Funktion als Nahrungsmittel als ein Symbol von menschlicher Herrschaft zu verstehen und führt dafür kulturhistorische Argumente ins Feld. Eine klassischerweise auf Aristoteles zurückgeführte Metapher der Großen Kette des Seins durchziehe die Geschichte des Fleischessens.[35] Aristoteles vertrat die Auffassung,
„dass die Pflanzen um der Tiere und die Tiere um der Menschen Willen da sind, die Zahmen sowohl zum Gebrauch als auch zur Nahrung und zum sonstigen Lebensbedarf, um Kleidung und Gerätschaften von Ihnen zu gewinnen. Denn wenn die Natur nicht zwecklos und vergebens tut, so ist hiernach notwendig anzunehmen, dass sie selber dies alles der Menschen wegen gemacht hat.“
– Aristoteles: Politik (aus Rowohlt 1968)
Viele vegane Autoren kritisieren dieses Bild einer Mensch-Tierbeziehung als dogmatisch und durch Folgerungen aus der Evolutionstheorie widerlegt.[36] In der europäischen Aufklärung durch Descartes, Kant u.a. habe sich ein falsches Bild nicht-menschlicher Tiere weiter gefestigt.[A 6]
| |
Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (bspw. Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt. Hilf bitte der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst. Näheres ist eventuell auf der Diskussionsseite oder in der Versionsgeschichte angegeben. Bitte entferne zuletzt diese Warnmarkierung. Jainismus, Hinduismus, Buddhismus und Adventisten unbelegt, mE ist das mit den janaistischen Mönchen auch ein Gerücht hier gibts Zeug, das man einbauen könnte. S. 308–320 |
Es gibt darüber hinaus ebenfalls Veganer, die aus spirituellen Gründen vegan leben. Motive können unter anderem Ansichten über die Seele von Tieren, die Sehnsucht nach einem stärkeren Einklang mit der Natur oder anderer Art sein. Die Gründe sind im Wesentlichen deckungsgleich mit den spirituellen Beweggründen der Vegetarier.
Der Jainismus legt teilweise das Prinzip des Ahimsa soweit aus, dass die Mönche immer einen Besen mit sich führen, mit dem sie den Weg vor sich fegen, um nicht versehentlich ein Insekt zu zertreten. Die jainistischen Priester tragen ein Tuch vor Mund und Nase, um nicht versehentlich ein Insekt einzuatmen und dadurch zu töten. Selbst Pflanzen werden vom „Töten“ verschont: In bestimmten Lebensphasen werden nur Früchte verzehrt, die die Pflanzen „freiwillig“ hergeben. Von einem Elternteil wird dieses Verhalten nicht erwartet.
Im Hinduismus ebenso wie im Buddhismus gilt vegetarische Ernährung als ethisch überlegen, und einige Richtungen sind strikt vegan. Die Siebenten-Tags-Adventisten ernähren sich teilweise vegetarisch mit einer Bevorzugung des Veganismus.
Die neue religiöse Bewegung des Christentums Universelles Leben legt ebenfalls eine vegane Lebensweise aus ethischen und gesundheitlichen Gründen nahe.[37]
Am stärksten umstritten sind Motive, die die eigene Gesundheit betreffen. Sie werden gesondert diskutiert.
Religiöse Ansätze werden stark kritisiert, was aber ob ihrer geringen Bedeutung nur einen geringen Teil der Veganer betrifft. Die Ansätze dazu sind von atheistischer Seite analog zur üblichen Religionskritik, von religiöser Seite analog zur Kritik an evangelikalen oder neureligiösen Bewegungen und Sekten.
Auch das Agieren mancher Aktivisten oder Organisationen, die einen ethisch oder herrschaftskritisch motivierten Veganismus mit Tierrechts- oder Tierbefreiungsgedanken verbinden, wird problematisiert. So steht etwa die Organisation PETA häufig für provokative Kampagnen in der Kritik, während Akteure, die sich der ALF (Animal Liberation Front) zurechnen, für direkte Aktionen, bei denen in der Regel ein Sachschaden entsteht, kritisiert werden.
Leitgedanke ist die Verminderung von Leid durch das Vermeiden von tierischen Produkten und Tiernutzung. Innerhalb dieses Rahmens sind eine Vielzahl individueller Lebens- und Ernährungsweisen möglich. Im Gegensatz zum Vegetarismus gibt es im Veganismus keine feststehenden, gebräuchlichen Begriffe (wie z. B. „Ovo-Lacto-Vegetarier“). Es existieren eingebürgerte Begriffe, z. B. „Pudding-Veganer“ für Veganer, die wenig auf ausgewogene Ernährung achten und großteils Fertiggerichte und Süßes bevorzugen.
Bei veganer Ernährung wird oft auf Honig verzichtet. Leder, Daunenjacken und -kissen und ähnliches werden abgelehnt, Wollprodukte als Ursache für den frühen Tod und Leid der Tiere beim Scheren angesehen.[38] Die Welt ohne Jagd und ohne Tierversuche stellt ein Ideal dar. Allgemein werden unter Veganern alle möglichen Verhaltensweisen auf Leidvermeidungsmöglichkeiten geprüft, so sind darüber hinaus Tierhaltung, Reiten, Zoos und Vivarien, insbesondere Delphinarien, Zirkusse und anderes Gegenstand der Kritik.
Allgemein sind Veganer in allen Bevölkerungsgruppen und -schichten vertreten. Veganismus tritt als Jugendbewegung unter anderem im Rahmen der Straight Edge Bewegung in Erscheinung. Der gemeinsame Besuch von spezifischen Musikkonzerten sowie das gemeinsame Kochen spielen eine Rolle.[39] Insbesondere der Hardcore-Szene wird ein verhältnismäßig hoher Veganeranteil zugeschrieben.[40] Internationale Künstler wie Bryan Adams, Jared Leto, Goldfinger, Propagandhi, Heaven Shall Burn, Moby, Anti-Flag oder Rise Against gelten als relevante Fürsprecher des Veganismus. In Deutschland gehören Albino[41], Alexander Kaschte und Callya[42] zu den entschiedensten musikalischen Fürsprechern des Veganismus.
Eine strenge Unterscheidung nicht-veganer Produkte von rein veganen ist aufgrund der vielfältigen Verwendung von Stoffen tierischer Herkunft schwierig. So dient Gelatine unter anderem zur Filtration von Weinen und Fruchtsäften, und ist in Medikamenten und Farbfilmen zu finden, Bäckereien verwenden tierische Fette etc. Daher bieten viele Vereinigungen Datenbanken und Listen von nichtveganen Inhaltsstoffen und ihren Alternativen.[48] Verwendet werden etwa folgende Ersatzstoffe für …
Mit diesen Alternativen lassen sich viele Gerichte, deren Rezeptur die Verwendung tierischer Bestandteile vorsieht, nach veganen Grundsätzen nachempfinden.
Am 16. Juni 2010 hat das Europäische Parlament folgenden Entwurf für eine Abänderung der „Informationen der Verbraucher über Lebensmittel“ angenommen und darin auch einen Vorschlag für Kriterien für vegane Lebensmittel einbezogen: Der Begriff „vegan“ ist nicht auf Lebensmittel anzuwenden, bei denen es sich um Tiere oder tierische Erzeugnisse handelt oder die aus oder mithilfe von Tieren oder tierischen Erzeugnissen (einschließlich Erzeugnissen von lebenden Tieren) hergestellt wurden.[49]
Die im Zusammenhang mit Vegetarismus genannten Vorteile gelten im Wesentlichen auch für Veganer, gerade bei Allergien gegen tierisches Eiweiß.[50]
Veganer nehmen kein Cholesterin oder tierische gesättigte Fettsäuren auf. Sie sind im Durchschnitt schlanker und haben seltener Übergewicht.[51]
Der komplette Verzicht auf tierische Lebensmittel kann zu einer geringen Aufnahme von Mikronährstoffen, insbesondere Vitamin B12, führen und damit den Homocysteinspiegel beeinflussen. Ein 2009 veröffentlichtes Review von Studien zeigt geringere Vitamin-B12-Level und erhöhte Homocysteinwerte bei Vegetariern und insbesondere Veganern. Eine geringe Aufnahme von Vitamin B12 kann die Verfügbarkeit von Cobalamin verringern und seine Funktion stören. Während Symptome eines Mangels zunächst unspezifisch sind (Müdigkeit, Verdauungsprobleme, häufige Atemwegserkrankungen), treten sie später hämatologisch (Perniziöse Anämie) und neurologisch auf. Hyperhomocysteinämie wird mit einem erhöhten Risiko für Arteriosklerose und Herz-Kreislauferkrankungen in Verbindung gebracht. Daher sollten Vegetarier und insbesondere Veganer ihre Ernährung streng planen, ihre Vitamin B12-Level regelmäßig kontrollieren lassen und, falls notwendig, Vitamin B12 nahrungsergänzend aufnehmen.[52] Der höhere Folsäuregehalt pflanzlicher Kost kann hämatologische Symptome des Mangels maskieren und so die Entdeckung verzögern.[53] Bei Kleinkindern stillender Mütter, die sich vegan ernähren und deren Muttermilch arm an Vitamin B12 ist, kommt es ohne Zufütterung tierischer Lebensmittel bereits im zweiten Lebenshalbjahr zu gefährlichen Mangelsymptomen, die bis zu bleibenden neurologischen Schäden, verzögerter neurologischer Entwicklung sowie Apathie, Koma sowie hochgradiger Hirnatrophie reichen können. Ärzte raten schwangeren und stillenden Veganerinnen sowie deren Kindern dringend zur Nahrungsergänzung (Supplementierung).[50] Vitamin B12 wird durch Mikroorganismen hergestellt, die sich unter anderem in der Darmflora von Wiederkäuern finden.[54] Entsprechende Mangelerscheinungen treten in Entwicklungsländern etwas weniger auf, da das Vitamin unter anderem über Pflanzen aufgenommen wird, die Verunreinigungen aus tierischen und menschlichen Fäkalien aufweisen. Letztere weisen einen verhältnismäßig hohen Vitamin-B12-Gehalt auf.[55]
Nachteile durch den Verzicht auf tierische Nahrungsquellen wie Milch und Käse können bei unausgewogener veganer Kost hinsichtlich der Calciumzufuhr und Knochendichte auftreten.[56] In Studien lag die Calciumzufuhr der untersuchten Veganer oft unterhalb der Richtwerte.[53] Neben dem Calciumgehalt von Nahrungspflanzen ist auch dessen Bioverfügbarkeit zu beachten. Oxalate und Phytate, welche ebenfalls als Bestandteile von Nahrungspflanzen zugeführt werden, können die Calciumresorption behindern. Andererseits muss sich – abhängig vom Protein- und Salzgehalt der veganen Ernährung – der calciuretische (die Calciumausscheidung über die Niere fördernde) Effekt nicht signifikant von dem bei einer omnivoren Ernährungsweise unterscheiden.[57] Um Mangelerscheinungen auszuschließen, wird der Verzehr von Grünkohl (ca. 220 mg Calcium pro 100 g), Brokkoli (ca. 110 mg pro 100 g), Sesamsamen (ca. 1000 mg pro 65 g), Haselnüssen, Sojabohnen sowie Tofu oder die Calciumsupplementierung empfohlen.
Das schweizerische Bundesamt für Gesundheit sieht von einer generellen Empfehlung der veganen Ernährung für breite Bevölkerungskreise ab. Eine „vegane Ernährungsweise mit einer genügenden Zufuhr aller Nährstoffe (Ausnahme Vitamin B12, welches mit angereicherten Nahrungsmitteln oder Supplementen zugeführt werden sollte)“ sei zwar möglich, setze aber ein sehr hochrangiges Ernährungswissen voraus.[58]
Die DGE empfiehlt vegane Ernährung wegen der damit verbundenen Risiken für keine Altersgruppe und rät besonders für Säuglinge, Kinder und Jugendliche dringend davon ab.[59]
Die American Dietetic Association und die Dietitians of Canada vertreten den Standpunkt, dass vegetarische Kostformen, vegane eingeschlossen, insgesamt einen gesundheitlichen Nutzen in der Prävention und Behandlung bestimmter Erkrankungen habe. Des Weiteren decke eine ausgewogene vegane Kost den Nährstoffbedarf und sei für jede Lebensphase „einschließlich Schwangerschaft, Stillzeit, Kindheit und Pubertät“ geeignet. Zur Vermeidung von Nährstoffdefiziten wird allerdings angeraten, auch künstlich angereicherte Nahrungsmittel (z.B. calciumverstärkte Sojamilch) oder entsprechende Nahrungsergänzungsmittel zu verwenden.[53][60]
„Der Hauptsitz der Seele liegt in einer kleinen Drüse mitten im Gehirn, von wo aus sie durch Vermittlung der (Lebens-)Geister, der Nerven und sogar des Blutes auf den übrigen Körper ausstrahlt … und die ganze Tätigkeit der Seele besteht darin, dass sie – einzig, weil sie etwas will – bewirkt, dass die kleine Drüse, mit der sie direkt verbunden ist, sich in der erforderlichen Weise bewegt, um die Wirkung zu erzeugen, die diesem Wollen entspricht.“
– René Descartes: Traktat über die Leidenschaften, Art. 34 u. 41
(Argumentation aus T. Regan The Case for Animal Rights 1983 University of California Press)
| |
Bitte den Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten! |