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Das nach seinem Entdecker, dem dĂ€nischen Sprachwissenschaftler Karl Verner benannte und im Jahr 1875 von diesem formulierte Vernersche Gesetz (auch "Verner'sches Gesetz", ursprĂŒnglich "Vernersches Gesetz") ist ein fĂŒr das Urgermanische charakteristisches Lautgesetz, welches das Stimmhaftwerden (Sonorisierung) der stimmlosen Frikative (âReibelauteâ) *f, *ĂŸ, *Ï, *ÏÊ·, *s unter bestimmten lautlichen Voraussetzungen beschreibt.
Inhaltsverzeichnis |
Vom Gesetz betroffen sind einerseits die durch die erste Lautverschiebung entstandenen stimmlosen Frikative *f, *ĂŸ, *Ï und *ÏÊ· sowie andererseits der alte, aus dem Indogermanischen ererbte Sibilant *s. Diese Laute wurden immer durch ihre stimmhaften Entsprechungen *Æ, *Ä, *Ç„, *DŽʷ, und *z ersetzt, auĂer, wenn sie im Wortanlaut standen oder unmittelbar auf eine im Indogermanischen akzentuierte Silbe folgten.
Das von Verner entdeckte Gesetz erklĂ€rte damit eine Reihe von Ausnahmen von der ersten Lautverschiebung, die bis dahin als ungeklĂ€rt gegolten hatten. Somit konnte es eine groĂe Rolle bei der BestĂ€tigung neugrammatischer RegularitĂ€tsprinzipien, etwa der Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze, spielen.
Den synchron beobachtbaren Konsonantenwechsel, welchen man in den meisten germanischen Sprachen als Resultat des Vernerschen Gesetzes vorfindet, nennt man grammatischen Wechsel.
Dass den beiden Wörtern Bruder und Vater im Inlaut ein indogermanisches *t zugrunde liegen muss, zeigt der Vergleich mit lateinisch frÄter und pater und altindisch bhrÄtar- und pitĂĄr-. Wie kommt es also zum Nebeneinander von d und t im Neuhochdeutschen? Mit den Regeln der ersten Lautverschiebung ist nur die Form Bruder zu erklĂ€ren: Das indogermanische *t wird zu *ĂŸ verschoben, welches zum Althochdeutschen hin regelmĂ€Ăig zu d umgewandelt wird. Die Form Vater kann man so nicht erklĂ€ren - man wĂŒrde analog zu Bruder die Form Vader erwarten.
Mithilfe des Vernerschen Gesetzes wird Vater nun erklĂ€rbar. Da das Wort im Indogermanischen auf dem Suffix betont war (*phâtĂ©r-), greift nach der ersten Lautverschiebung das Vernersche Gesetz und macht *ĂŸ zu *Ä, welches (ĂŒber d) im Althochdeutschen regelmĂ€Ăig zu t wird.
Nach traditioneller Lehrmeinung â auch nach der Ăberzeugung von Karl Verner selbst â folgten die mit dem Vernerschen Gesetz beschriebenen VerĂ€nderungen der ersten Lautverschiebung. Fest steht, dass das Vernersche Gesetz die alten, indogermanischen BetonungsverhĂ€ltnisse voraussetzt. Seine Geltung muss also vor dem Aufkommen der germanischen Initialbetonung (Betonung auf der Stammsilbe) gelegen haben. Diese wiederum habe dann relativ bald zur SchwĂ€chung von Nachsilben und Nebentonsilben gefĂŒhrt und damit zum zĂŒgigen Verfall der morphologischen Systeme, der sich in den germanischen Einzelsprachen seit Beginn ihrer Ăberlieferung vielfach beobachten lĂ€sst.
Die traditionell â und in vielen LehrbĂŒchern bis heute â angenommene Reihenfolge war also:
Die traditionell angenommene Reihenfolge wurde in den letzten Jahren (seit ca. 1998)[von wem?] mit folgenden beiden Hauptargumenten in Frage gestellt: (1.) Mehrere Linguisten wiesen darauf hin, dass das Vernersche Gesetz durchaus auch vor der ersten Lautverschiebung gegolten haben kann. Zumindest gibt es fĂŒr die traditionell angenommene umgekehrte Reihenfolge keine positiven Belege. (2.) Die Entdeckung von Argumenten fĂŒr die Datierung des Grimmschen Gesetzes erst auf das (ausgehende) 1. Jh. v. Chr. (vgl. Gemeingermanisch). Insbesondere der Stammesname "Kimbern" und der alte Name des Flusses Waal (Vacalus) deuten auf den Wandel von anlautendem k zu h erst kurz vor der Zeitenwende hin (allerdings sind diese Beispiele keineswegs schlĂŒssig â selbst wenn man ausschlieĂen könnte, daĂ z. B. keltische Vermittlung eine Rolle spielte â, da ein urgermanisches [h] oder [Ï] im Lateinischen ohnehin nur als <c> wiedergegeben werden konnte, denn das lateinische <h> war nach Meiser zu dieser Zeit bereits lĂ€ngst verstummt und im Lateinischen gab es keine genauere Entsprechung fĂŒr den germanischen Laut). Umgekehrt gilt das bisherige Hauptargument (allerdings lĂ€ngst nicht das einzige, vgl. *Walha- aus Volcae) fĂŒr die FrĂŒhdatierung dieses Wandels auf die Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. â nĂ€mlich die VerĂ€nderung des griechischen Wortes kannabis in germanisch *hanapaz (> nhd. Hanf) â als nicht mehr tragfĂ€hig und zumindest keineswegs zwingend.[warum?]
Die angenommene SpĂ€tdatierung des Grimmschen Gesetzes auf das spĂ€te 1. Jahrhundert v. Chr. wiederum setzt - bei Geltung der o.g. traditionellen Reihenfolge â eine enorm schnelle VerĂ€nderung des spĂ€ten Gemeingermanisch um die Zeitenwende voraus: Binnen weniger Jahrzehnte mĂŒssten die ersten drei der oben genannten fĂŒnf tiefgreifenden VerĂ€nderungen in schneller Folge vollzogen worden sein. Nur so wĂ€re zu erklĂ€ren, dass sĂ€mtliche germanische Sprachen diese VerĂ€nderungen aufweisen, obwohl sich die germanische Spracheinheit im Osten bereits um Christi Geburt durch die Ablösung des Ostgermanischen aufzulösen begann. Ein so rapider Sprachwandel erscheint jedoch weniger plausibel. Er hĂ€tte â pointiert gesagt â die Folge gehabt, dass der Enkel den eigenen GroĂvater kaum mehr verstanden hĂ€tte. Allerdings ist rapider Sprachwandel belegt, z. B. im Lateinischen oder FrĂŒhaltirischen.
Vor diesem Hintergrund ist die These, das Vernersche Gesetz könne â womöglich lange â vor dem Grimmschen Gesetz gegolten haben, aufgestellt worden. Dann wĂ€re folgende Reihenfolge anzunehmen:
Im Deutschen markieren die Schritte 4. und 5. den Ăbergang vom Althochdeutschen zum Mittelhochdeutschen.
Gegen diese frĂŒhe Datierung kann ein phonologisches Argument ins Feld gefĂŒhrt werden: Mit der traditionellen Abfolge kann man die Wirkung des Vernerschen Gesetzes auf eine phonetisch zusammengehörige Lautgruppe, nĂ€mlich die stimmlosen Frikative, einschrĂ€nken. Will man hingegen die erste Lautverschiebung nach dem Vernerschen Gesetz ansetzen, so muss man davon ausgehen, dass es auf zwei phonetisch völlig unterschiedliche Lautgruppen, nĂ€mlich die stimmlosen Plosive *p, *t und *k einerseits und den Frikativ s andererseits, gewirkt habe.
Der Einwand, in dieser hypothetischen Reihenfolge sei der zeitliche Abstand zwischen dem Aufkommen der Initialbetonung und den Schritten vier und fĂŒnf zu groĂ, wird durch den Befund des IslĂ€ndischen und Walliserdeutschen widerlegt. In diesen germanischen, relativ isolierten Idiomen existieren bis heute â ĂŒber 2000 Jahre nach dem Einsetzen der Initialbetonung â vokalische Nebentonsilben und archaische Flexionsysteme mit Postdetermination, wie sie historisch etwa im Althochdeutschen, Altenglischen und Gotischen belegt sind. Aus dieser Faktenlage lĂ€sst sich die Vermutung gewinnen: Wenn Initialbetonung und solche morphologische Systeme nachweislich 2000 Jahre lang miteinander kompatibel waren, können sie auch 3000 Jahre lang miteinander kompatibel gewesen sein.
Mit dieser Relativchronologie stellt sich der Wandel des spĂ€ten Gemeingermanisch im 1. Jh. v. Chr. weniger dramatisch dar. Es ist damit auch verstĂ€ndlich, warum sĂ€mtliche germanische Sprachen die VerĂ€nderungen 1. bis 3. vollstĂ€ndig vollzogen haben. Angesichts der Ablösung der Ostgermanen von der Gesamtheit der Germanen bereits im 2. oder 1. Jahrhundert vor Christus ist diese Gemeinsamkeit bei der heute ĂŒberwiegend angenommenen SpĂ€tdatierung von Grimms Gesetz nĂ€mlich kaum zu erklĂ€ren. Selbst mit der neuen Relativchronologie ist die DurchfĂŒhrung von Grimms Gesetz in sĂ€mtlichen germanischen Sprachen nicht ganz einfach zu erklĂ€ren. Naheliegend und angesichts des empirischen Befundes sehr plausibel erscheint die Ausbreitung der ersten Lautverschiebung innerhalb des germanischen Sprachgebietes von Ost nach West im ausgehenden 1. Jahrtausend v. Chr.: Die Waal, deren lautlich erst spĂ€t verschobener antiker Name fĂŒr diese SpĂ€tdatierung ein wichtiger Beleg ist, liegt im Ă€uĂersten Westen des damaligen germanischen Sprachgebietes.
In jedem Falle markiert Grimms Gesetz dann keineswegs mehr den Beginn des Germanischen, sondern im Gegenteil eine der letzten von allen germanischen Sprachen gemeinsam vollzogenen VerÀnderungen. Das bislang als Urgermanisch oder Gemeingermanisch bezeichnete Idiom wÀre dann genauer als spÀtestes Gemeingermanisch zu bezeichnen. Die von den Germanen in der spÀten Bronzezeit oder Eisenzeit gesprochene Sprache wiederum hÀtte dann ein weitaus archaischeres GeprÀge und gliche weit mehr als traditionell angenommen ihrem indogermanischen VorlÀufer.
Die FrĂŒhdatierung des Vernerschen Gesetzes hat bisher keine allgemeine Akzeptanz gefunden. Autoren neuerer Publikationen (etwa Schaffner 2001, Stricker 2005) halten meist an der traditionellen Chronologie fest. Eine detaillierte Zusammenfassung der Diskussion enthĂ€lt die neue Monographie von Wolfram Euler (2009, S. 54f sowie 61-64), der weitere Argumente fĂŒr die FrĂŒhdatierung nennt, Zitate: "Die FrĂŒhdatierung ... impliziert eine harmonischere und einfachere Abfolge der LautverĂ€nderungen: Die AbschwĂ€chung aspirtierter Tenues zu aspirirten Mediae in unbetonter Stellung ist phonologisch ein winziger Schritt, der zudem nĂ€her liegt als die Annahme, dass stimmlose Frikative in unbetonter Stellung sonorisiert worden seien". Die FrĂŒhdatierung sei damit auch "wissenschaftstheoretisch vorzuziehen, weil ... in ZweifelsfĂ€llen diejenige Hypothese plausibler ist, die mit weniger und einfacheren Annahmen auskommt".
Euler fĂŒhrt zwei weitere Argumente fĂŒr die FrĂŒhdatierung an: Nach neuestem Forschungsstand war die Erste Lautverschiebung, zumindest im Westen des germanischen Sprachgebietes, selbst im 1. Jahrhundert v. Chr. noch nicht abgeschlossen. "WĂ€ren Verners Gesetz und die Akzentverlagerung aber erst danach geschehen, dann mĂŒsste sich die germanische Sprache in den letzten Jahrzehnten vor Christi Geburt in einem sich geradezu ĂŒberstĂŒrzenden Umbruchprozess befunden haben... Wendet man den Blick dagegen von diesem Punkt aus in die Vergangenenheit, dann steht ein langer Zeitraum zur VerfĂŒgung, in dem die phonologischen VerĂ€nderungen in der hier vertretenen Reihenfolge geschehen sein können." (2009: S. 54f.). Ein weiteres Argument Eulers betrifft den Zusammenhang des frĂŒhgermanischen Wechsels zur Initialbetonung und der Spirantisierung: "Die alternative Abfolge [= FrĂŒhdatierung] bedeutet auch, dass die Verlagerung des Akzents auf die Stammsilbe bereits dann erfolgt sein kann, als die Tenues noch nicht spirantisiert waren, also vor der Ersten Lautverschiebung.(...) Die Akzentverlagerung kann sogar gleichsam die causa movens fĂŒr die Spirantisierung gewesen sein und eine Spirantisierung bei durchgehender Initialbetonung erscheint jedenfalls naheliegender als eine Spiratisierung ganz unabhĂ€ngig vom Akzent, wie die bisherige Reihenfolge sie ja voraussetzt." (2009: 62).