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Viren

Dieser Artikel erklÀrt Viren als infektiöse NukleinsÀuren, weitere Wortbedeutungen unter Viren (BegriffsklÀrung).

Viren (Singular: das Virus, außerhalb der Fachsprache auch der Virus; Plural: Viren; von lat. virus, -i, n. „Gift, Saft, Schleim“) sind infektiöse Partikel, die sich als Virionen außerhalb von Zellen (extrazellulĂ€r) durch Übertragung verbreiten, aber als Viren nur innerhalb einer geeigneten Wirtszelle (intrazellulĂ€r) vermehren können. Sie selbst bestehen nicht aus einer Zelle. Alle Viren enthalten das Programm (einige auch weitere Hilfskomponenten) zu ihrer Vermehrung und Ausbreitung, besitzen aber weder eine eigenstĂ€ndige Replikation noch einen eigenen Stoffwechsel und sind deshalb auf den Stoffwechsel einer Wirtszelle angewiesen. Daher sind sich Virologen weitgehend darĂŒber einig, dass Viren keine Lebewesen sind – wobei die wissenschaftliche Diskussion noch nicht als abgeschlossen anzusehen ist,[1] da beispielsweise bei der GenomgrĂ¶ĂŸe des Cafeteria-roenbergensis-Virus eine Abgrenzung anhand der GrĂ¶ĂŸe des Genoms zu verwischen beginnt.[2]

Etwa 1,8 Millionen verschiedene rezente Arten von Lebewesen sind bekannt, vermutlich existieren sehr viel mehr. Jedes einzelne könnte Wirt fĂŒr unzĂ€hlige auf ihn angepasste Viren sein.[3] Davon sind bislang lediglich um die 3000 Virenarten identifiziert worden (Virusklassifikation).[4] Viren befallen Zellen von Eukaryoten (Pflanzen, Pilze, alle Tiere einschließlich des Menschen) und Prokaryoten (Bakterien und Archaeen). Viren, die Prokaryoten als Wirte nutzen, werden Bakteriophagen genannt.

Die Wissenschaft, die sich mit den Viren beschÀftigt, ist die Virologie.

Blauzungenvirus im Elektronenmikroskop. Die Markierung entspricht 50 nm

Inhaltsverzeichnis

Erforschungsgeschichte

Erst seit dem spĂ€ten 19. Jahrhundert sind Viren als eigene biologische Einheit bekannt. Die Beschreibungen von Viruskrankheiten sind aber sehr viel Ă€lter, ebenso die ersten Behandlungsmethoden. Aus Mesopotamien sind Gesetzestexte aus der Zeit von 1000 v. Chr. ĂŒberliefert, die beschreiben, was der Besitzer eines tollwĂŒtigen Hundes tun muss. Aus Ă€gyptischen Hieroglyphen sind Darstellungen bekannt, die vermutlich die Folgen einer Polio-Infektion zeigen.

Die Bezeichnung „Virus“ wurde zum ersten Mal von Cornelius Aulus Celsus im ersten Jahrhundert v. Chr. verwendet. Er bezeichnete den Speichel, durch den Tollwut ĂŒbertragen wurde, als „giftig“. Im Jahr 1882 fĂŒhrte der Deutsche Adolf Mayer bei Experimenten mit der Tabakmosaikkrankheit erstmals unwissentlich eine virale ErregerĂŒbertragung (Transmission) durch, indem er den Pflanzensaft infizierter Pflanzen auf gesunde Pflanzen ĂŒbertrug und bei diesen so ebenfalls die Krankheit auslöste.

Diese Übertragung war bereits im 18. Jahrhundert mit dem Wort Virus assoziiert. So beschreibt die Londoner Times in einem Nachruf auf einen Arzt dessen Virusinfektion: Beim ZunĂ€hen einer sezierten Leiche hatte er sich in die Hand gestochen,

„which introduced some of the virus matter, or, in other words, inoculated him with putridity.“

„was einiges von der Virusangelegenheit einbrachte, oder anders gesagt, ihn mit FĂ€ulnis beimpfte.“
–
Death of the Rev. Dr. Peckwell In: The Times. vom 23. August 1787, S. 2, siehe auch: Henry Peckwell in der englischen Wikipedia

Dimitri Iwanowski wies unabhĂ€ngig von Mayer im Jahr 1892 in einem Experiment nach, dass die Mosaikkrankheit bei Tabakpflanzen durch einen Stoff ausgelöst werden kann, der durch Filtration mittels bakteriendichter Filter (Chamberland-Filter) nicht entfernt werden konnte und dessen Partikel deshalb deutlich kleiner als Bakterien sein mussten. Der erste Nachweis eines tierischen Virus gelang 1898 Friedrich Loeffler und Paul Frosch, die das Maul-und-Klauenseuche-Virus entdeckten (siehe hierzu auch die Virologische Diagnostik). Die GrĂ¶ĂŸe vieler Viren wurde in den 1930er Jahren durch William Joseph Elford mit Methoden der Ultrafiltration bestimmt.

Der bislang Ă€lteste – indirekte – Beleg fĂŒr eine durch Viren verursachte Erkrankung wurde aus den deformierten Knochen eines 150 Millionen Jahre alten, kleinen zweibeinigen Dinosauriers (Dysalotosaurus lettowvorbecki) abgeleitet, der im Berliner Museum fĂŒr Naturkunde verwahrt wird und Symptome von Osteodystrophia deformans aufweist, die auf eine Infektion mit Paramyxoviren zurĂŒckgefĂŒhrt werden.[5]

Eigenschaften

Viren kommen in zwei Erscheinungsformen vor:

  • Erstens als NukleinsĂ€ure (DNA oder RNA) in den Zellen des Wirts. Die NukleinsĂ€ure enthĂ€lt die Informationen zu ihrer Replikation und zur Reproduktion der zweiten Virusform. Die Wirtszelle repliziert die NukleinsĂ€ure.
  • Zweitens als Virion, das zur Verbreitung des Virus aus den Wirtszellen ausgeschleust wird.

Viren haben keinen eigenen Stoffwechsel, denn sie besitzen kein Zytoplasma, das ein Medium fĂŒr StoffwechselvorgĂ€nge darstellen könnte, und ihnen fehlen sowohl Ribosomen wie auch Mitochondrien. Daher können sie allein keine Proteine herstellen, keine Energie umwandeln und sich auch nicht selbst replizieren. Im Wesentlichen ist ein Virus also eine NukleinsĂ€ure, auf der die Informationen zur Steuerung des Stoffwechsels einer Wirtszelle enthalten sind, insbesondere zur Replikation der Virus-NukleinsĂ€ure und zur weiteren Ausstattung der Viruspartikel (Virionen). Die Replikation des Virus kann daher nur innerhalb der Wirtszelle erfolgen.

Virionen

Aufbau von Virionen

Ein Viruspartikel außerhalb von Zellen bezeichnet man als Virion (Plural Viria, Virionen). Virionen sind Partikel, die aus NukleinsĂ€uren, und zwar entweder DesoxyribonukleinsĂ€uren (DNA) oder RibonukleinsĂ€uren (RNA), und meistens aus einer Protein-HĂŒlle (Kapsid) bestehen. Letzteres fehlt jedoch z. B. beim Influenzavirus, welches stattdessen ein Ribonucleoprotein aufweist. Einige Virionen sind zusĂ€tzlich von einer mit viralen Membranproteinen durchsetzten Lipiddoppelschicht umgeben, die als VirushĂŒlle bezeichnet wird. Viren, die vorĂŒbergehend bis zum Beginn der Replikationsphase zusĂ€tzlich zum Kapsid eine VirushĂŒlle aufweisen, werden als behĂŒllt bezeichnet, Viren ohne derartige HĂŒlle als unbehĂŒllt. Einige Virionen besitzen andere zusĂ€tzliche Bestandteile.

Der Durchmesser von Virionen betrĂ€gt etwa 15 nm (beispielsweise Circoviridae) bis 440 nm (Megavirus chilensis). Virionen sind deutlich kleiner als Bakterien, jedoch etwas grĂ¶ĂŸer als Viroide, welche weder ein Kapsid noch eine VirushĂŒlle besitzen.

Das Proteinkapsid kann unterschiedliche Formen haben, zum Beispiel ikosaederförmig, isometrisch, helikal oder geschossförmig.

Serologisch unterscheidbare Variationen eines Virus nennt man Serotypen.

Virionen sind zur Verbreitung der Viren geeignet. Sie dringen ganz oder teilweise (mindestens ihre NukleinsÀure) in die Wirtszellen ein (infizieren sie) und die Virus-NukleinsÀure programmiert danach deren Stoffwechsel zur Vermehrung der Virus-NukleinsÀure und zur Produktion der anderen Virionen-Bestandteile um.

Betrachtung der systematischen Stellung

Viren sind im Wesentlichen bloße stoffliche Programme zu ihrer eigenen Reproduktion in Form einer NukleinsĂ€ure. Ob demnach Viren als Lebewesen bezeichnet werden können, ist abhĂ€ngig von der Entscheidung fĂŒr eine der unterschiedlichen Definitionen von Leben. Eine einzige, unwidersprochene und damit allgemein anerkannte Definition hierfĂŒr gibt es bislang nicht. Daher findet sich auch unter Wissenschaftlern keine Einigkeit in der Beantwortung dieser Frage.

Hinsichtlich der Einordnung von Viren zu den Parasiten bestehen ebenfalls verschiedene Ansichten. Ein Teil der Wissenschaftler betrachtet sie als solche, da sie einen Wirtsorganismus infizieren und seinen Stoffwechsel fĂŒr ihre eigene Vermehrung benutzen. Diese Forscher definieren also Viren als obligat intrazellulĂ€re Parasiten (Lebensformen, die zwangslĂ€ufig Parasiten innerhalb einer Zelle sind), die mindestens aus einem Genom bestehen und zur Replikation eine Wirtszelle benötigen. Das bedeutet, dass Viren zwar spezifische genetische Informationen besitzen, aber nicht den fĂŒr ihre Replikation notwendigen Synthese-Apparat. Prionen, funktionslose DNA-Sequenzen, Transposons und Viren werden als parasitĂ€r klassifiziert, ohne auf eine Klassifizierung als Lebewesen einzugehen.

Ursprung

Der Ursprung der Viren ist nicht bekannt. Es gibt dazu nur Vermutungen, aber keine definitiven Beweise. Die meisten Forscher nehmen heute an, dass es sich bei Viren nicht um VorlÀufer des zellulÀren Lebens handelt, sondern eher um Gene von Lebewesen, die sich im Laufe der Zeit aus dem Lebewesen lösten. GrundsÀtzlich wurden und werden noch immer mehrere Möglichkeiten diskutiert, wobei es dabei im Prinzip zwei verschiedene AnsÀtze gibt:

  • Viren sind sehr ursprĂŒnglich, entstanden noch vor der ersten Zelle schon in jener chemischen „Ursuppe“, die auch die primitivsten Lebensformen hervorgebracht hat, und sind mit RNA-Genomen Überbleibsel der prĂ€-DNA-Welt. Dieser Ansatz wurde beispielsweise von F. d’HĂ©relle (1924) und S. Luria (1960)[6] vertreten.
  • Viren sind eine Art Schwundstufe von schon bei ihrer Entstehung existierenden vollstĂ€ndigen Organismen.

Nach diesen beiden unterschiedlichen AnsÀtzen sind in der Wissenschaft drei Theorien formuliert worden.

  1. Abstammung von selbstreplizierenden MolekĂŒlen (Coevolution). Diese Theorie nimmt an, dass Entstehung und Evolution der Viren von den einfachsten MolekĂŒlen ausgingen, die ĂŒberhaupt zur Selbstverdoppelung in der Lage waren. Anschließend hĂ€tten sich dann manche derartigen MolekĂŒle schließlich zu Organisationseinheiten zusammengefunden, die man als Zellen ansehen kann. Parallel dazu gelang es anderen MolekĂŒlen, sich in Viruspartikeln zu verpacken, die sich parallel zu den Zellen weiterentwickelten und zu ihren Parasiten wurden.[7]
  2. Virusentstehung durch Degeneration (Parasit). Diese Theorie basiert auf dem schon oben dargestellten zweiten Möglichkeitsansatz, wonach die ersten Viren ursprĂŒnglich aus freilebenden Organismen wie beispielsweise Bakterien hervorgegangen sind, die langsam und kontinuierlich immer mehr von ihrer genetischen Information verloren haben, bis sie schließlich zu Zellparasiten wurden, die darauf angewiesen sind, dass eine Wirtszelle ihnen die verloren gegangenen Funktionen zur VerfĂŒgung stellt.
  3. Virusentstehung aus wirtszelleigenen RNA- oder DNA-MolekĂŒlen. Diese dritte und fĂŒr die Forschung als am wahrscheinlichsten erscheinende Theorie besagt, dass Viren unmittelbar aus RNA- oder DNA-MolekĂŒlen der Wirtszelle entstanden sind. Diese selbstĂ€ndig gewordenen NukleinsĂ€uren haben zwar als das genetische Material der Viren die FĂ€higkeit erworben, sich unabhĂ€ngig vom Genom der Wirtszelle oder ihrer RNA zu vermehren, sind aber letztlich doch Parasiten geblieben (S. Luria, 1960).[8][9] Beispiele von möglichen Übergangsformen sind Transposons und Retrotransposons.

Vermehrung und Verbreitung

Virusreplikation

Ein Virus selbst ist zu keinen StoffwechselvorgĂ€ngen fĂ€hig, daher braucht es Wirtszellen zur Fortpflanzung. Der Replikationszyklus eines Virus beginnt im Allgemeinen, wenn sich ein Virion an eine Wirtszelle anheftet (Adsorption) und sein Erbmaterial, die NukleinsĂ€ure, ins Zellinnere bringt (Injektion). Wenn das Virion vollstĂ€ndig von der Zelle aufgenommen wird, muss es vor der Replikation erst von seinen HĂŒllen befreit werden (uncoating). Das Erbmaterial des Virus, seine NukleinsĂ€ure, wird anschließend in der Wirtszelle vervielfĂ€ltigt und die HĂŒllproteine sowie gegebenenfalls weitere Bestandteile der Virionen werden anhand der Gene des Virusgenoms ebenfalls von der Wirtszelle synthetisiert (Proteinsynthese/Genexpression). So können in der Zelle neue Viren gebildet werden (Morphogenese), die als Virionen freigesetzt werden, indem entweder die Zellmembran aufgelöst wird (Zell-Lyse, lytische Virusvermehrung), oder indem sie ausgeschleust (sezerniert) werden (Virusknospung, budding), wobei Teile der Zellmembran als Bestandteil der VirushĂŒlle mitgenommen werden. Mit Hilfe von Immunoevasinen wird die Immunabwehr des Wirtes unterdrĂŒckt.

Eine weitere Möglichkeit ist der Einbau des Virus-Genoms in das des Wirtes. Dies ist der Fall bei temperenten Viren, wie zum Beispiel dem Bakteriophagen Lambda.

Die Auswirkung der Virusvermehrung auf die Wirtszelle nennt man Zytopathischen Effekt (CPE). Es gibt verschiedene Arten des zytopathischen Effekts: Zelllyse, Pyknose (Polioviren), Zellfusion (Masernvirus, HSV, Parainfluenzavirus), intranucleĂ€re EinschlĂŒsse (Adenoviren, Masernvirus), intraplasmatische EinschlĂŒsse (Tollwutvirus, Pockenvirus).

Die Verbreitungswege von Viren sind vielfĂ€ltig. So können humanpathogene Viren zum Beispiel ĂŒber die Luft in Form von Tröpfcheninfektion (z. B. Grippeviren) oder ĂŒber kontaminierte OberflĂ€chen durch Schmierinfektion (z. B. Herpes) ĂŒbertragen werden. Bei Pflanzenviren erfolgt die Übertragung hĂ€ufig durch Insekten oder auch durch mechanische Übertragung zwischen zwei Pflanzen, bzw. ĂŒber kontaminierte Werkzeuge in der Landwirtschaft. Eine abstrakte Sicht auf die epidemiologische Kinetik von Viren und anderen Krankheitserregern wird in der Theoretischen Biologie erarbeitet.

Evolution

Aufgrund von phylogenetischen Untersuchungen ist bekannt, dass Viren schon die frĂŒhen Vorfahren der SĂ€ugetiere infizieren konnten und sich im Verlauf der Evolution mit diesen gemeinsam weiterentwickelt haben. Andere Virusarten infizieren erst seit jĂŒngerer Zeit menschliche Populationen. FĂŒr eine Evolution eines Virus (bzw. irgendeines Gens) ist seine VariabilitĂ€t und Selektion von Bedeutung. Die VariabilitĂ€t ist (wie bei allen Organismen) durch Kopierfehler bei der Replikation des Erbgutes gegeben, wĂ€hrend die Selektion oft durch die (Immun)-Antwort des Wirtes durchgefĂŒhrt wird.

VariabilitÀt

Höher organisierte Lebewesen haben per Rekombination und Crossing-over bei der geschlechtlichen Fortpflanzung eine sehr effektive Möglichkeit der genetischen VariabilitĂ€t besonders in Richtung einer Umweltanpassung und damit Weiterentwicklung ihrer jeweiligen Art entwickelt. Virionen beziehungsweise Viren zeigen als ĂŒberdauerungsfĂ€hige Strukturen, die fĂŒr ihre Vermehrung und damit auch Ausbreitung auf lebende Wirte angewiesen sind, ohne geschlechtliche Fortpflanzung allein mit ihrer MutationsfĂ€higkeit eine mindestens ebenbĂŒrtige Möglichkeit fĂŒr eine genetische VariabilitĂ€t.

Dabei ist es dann letztlich unerheblich, dass diese Mutationen im Genom der Viren im Grunde zuerst auf Kopierfehlern wĂ€hrend der Replikation innerhalb der Wirtszellen beruhen. Was zĂ€hlt, ist allein der daraus fĂŒr die Arterhaltung resultierende positive Effekt der extremen Steigerung der AnpassungsfĂ€higkeit. WĂ€hrend Fehler dieser Art zum Beispiel bei einer hochentwickelten SĂ€ugetierzelle zum Zelltod fĂŒhren können, beinhalten sie fĂŒr Viren sogar einen großen Selektionsvorteil (siehe dazu Evolution).

Kopierfehler bei der Replikation drĂŒcken sich in Punktmutationen, also im Einbau von falschen Basen an zufĂ€lligen Genorten aus. Da Viren im Gegensatz zu den höherentwickelten Zellen nur ĂŒber wenige oder keine Reparaturmechanismen verfĂŒgen, werden diese Fehler nicht korrigiert.

Sonderformen der genetischen VerÀnderung bei Viren werden beispielsweise bei den Influenza-Viren mit den Begriffen Antigendrift und Antigenshift (genetische Reassortierung) dort genau beschrieben.

Einteilung

Nach ihrem Wirtsspektrum werden Viren in vier Gruppen eingeteilt:

  1. Viren, die Bakterien befallen (Bakteriophagen)
  2. Viren, die Algen, Pilze und Protozoen befallen
  3. Viren (und Viroide), die Pflanzen befallen
  4. Viren, die wirbellose Tiere (Invertebraten) und Wirbeltiere (Vertebraten) befallen, oder nur eine Gruppe von beiden

Die meisten Viren infizieren nur in ihrer Gruppe, doch Virusarten der Familie Rhabdoviridae und Bunyaviridae können sowohl Pflanzen als auch Tiere infizieren. Einige Viren vermehren sich nur in Vertebraten, werden jedoch auch ohne eigene Vermehrung passiv von Invertebraten ĂŒbertragen (Vektor - mechanische Übertragung). Hierbei spielen die Insekten eine herausragende Rolle.[10]

Schreibweise der Virusartnamen

Der offizielle internationale, wissenschaftliche Name eines Virus ist die englischsprachige Bezeichnung, nach der sich stets auch die international gebrĂ€uchliche AbkĂŒrzung richtet, wie bei Lagos bat virus (LBV). Diese AbkĂŒrzung wird unverĂ€ndert auch im Deutschen verwendet. Folgerichtig lautet die AbkĂŒrzung fĂŒr die deutsche Virusbezeichnung Lagos-Fledermaus-Virus ebenfalls LBV.

In den englischen Virusnamen wie zum Beispiel bei West Nile virus werden normalerweise keine Bindestriche benutzt und das Wort Virus im Unterschied zum Deutschen kleingeschrieben. Der Bindestrich taucht im Englischen nur bei Adjektiven auf, also bei Tick-borne encephalitis virus oder Avian encephalomyelitis-like virus.

In der deutschen Sprache werden die Namen der einzelnen Virusarten jedoch immer mit Bindestrich geschrieben, also West-Nil-Virus, Hepatitis-C-Virus, Humanes Herpes-Virus, Lagos-Fledermaus-Virus, EuropĂ€isches Fledermaus-Lyssa-Virus und so weiter. ZusĂ€tzliche Nummern bei einzelnen Subtypen werden jedoch im Englischen wie auch im Deutschen nicht mit einem Bindestrich angebunden (außer bei den AbkĂŒrzungen), wie u. a. bei EuropĂ€isches Fledermaus-Lyssa-Virus 1 (EBLV-1), Herpes-simplex-Virus 1 (HSV-1) und Humanes Herpes-Virus 1 (HHV-1).[11][12][13][14]

Humanpathogene Viren und ausgelöste Erkrankungen

Beim Menschen können eine Vielzahl von Krankheiten durch Viren verursacht werden. Allein diese humanpathogenen Viren sind hier hinsichtlich Genom und BehĂŒllung klassifiziert und in ihrer Taxonomie nach ICTV aufgelistet.

BehĂŒllte Viren

DoppelstrÀngige DNA-Viren = dsDNA

Einzel(+)-Strang-RNA-Viren = ss(+)RNA

Einzel(−)-Strang-RNA-Viren = ss(−)RNA

UnbehĂŒllte Viren

DoppelstrÀngige DNA-Viren = dsDNA

EinzelstrÀngige DNA-Viren = ssDNA

DoppelstrÀngige RNA-Viren = dsRNA

Einzel(+)-Strang-RNA-Viren = ss(+)RNA

Die wichtigsten beim Menschen krebserzeugenden (karzinogenen) Viren

Diese Gruppe der sogenannten Onkoviren ist weltweit fĂŒr 10 bis 15 Prozent aller Krebserkrankungen des Menschen verantwortlich, nach SchĂ€tzung der amerikanischen Krebsgesellschaft sogar fĂŒr etwa 17 % der KrebsfĂ€lle.[15][16]

Therapie mit Viren

Aktuell wird verstÀrkt an Therapien geforscht, bei denen Viren zur Heilung von Krankheiten eingesetzt werden. Diese Forschungen umfassen den Einsatz viraler Vektoren unter anderem als onkolytische Viren zur BekÀmpfung von Tumoren, als Phagentherapie zur gezielten Infektion und Lyse von zum Teil antibiotikaresistenten Bakterien, als Impfstoff zur Prophylaxe und Therapie von Infektionskrankheiten, zur Erzeugung von induzierten pluripotenten Stammzellen[17] oder zur Gentherapie von Gendefekten.

Problem der Entwicklung antiviraler Medikamente

Da Viren beziehungsweise Virionen im Gegensatz zu Bakterien keine Zellen sind, können sie auch nicht wie solche abgetötet werden. Es ist lediglich möglich, eine virale Infektion und die Virusvermehrung durch Virostatika zu be- oder zu verhindern. Besonders die biochemischen VermehrungsablÀufe können von Virusart zu Virusart sehr unterschiedlich sein, was die Findung eines hemmenden oder unterbindenden Wirkstoffes erschwert.

Da die Vermehrung der Viren im Inneren von normalen Zellen stattfindet und sich dort sehr eng an die zentralen biochemischen Zellmechanismen ankoppelt, mĂŒssen die in Frage kommenden antiviralen Wirkstoffe entweder

  • das Eindringen der Virionen in die Wirtszellen verhindern,
  • in den Zellstoffwechsel zum Nachteil der Virusvermehrung eingreifen,
  • oder nach einer möglichen Virusvermehrung in den Zellen das Austreten der neuen Viren aus den Zellen unterbinden.

Andererseits mĂŒssen diese gesuchten Wirkstoffe jedoch auch fĂŒr den Körperstoffwechsel, den Zellverband und/oder den internen Zellstoffwechsel insgesamt vertrĂ€glich sein, da sonst nicht nur beispielsweise die Virusvermehrung in den Zellen zum Erliegen kommt, sondern schlimmstenfalls auch das (Zell-)Leben des gesamten behandelten Organismus.

Weil diese Bedingungen sehr schwer zu vereinbaren sind, sind die bisher entwickelten antiviralen Medikamente auch oft mit schweren Nebenwirkungsrisiken verbunden. Diese Gratwanderung stellte die Medizin vor schwierige Aufgaben, die bislang meist ungelöst blieben.

VerschĂ€rft wird die Entwicklung von effektiven antiviralen Medikamenten außerdem durch die Resistenzentwicklung von Seiten der zu bekĂ€mpfenden Viren gegenĂŒber einem einmal gefundenen, brauchbaren Wirkstoff, zu der sie auf Grund ihres extrem schnell ablaufenden Vermehrungszyklus und der biochemischen Eigenart dieser Replikation gut in der Lage sind.

Siehe auch

Literatur

Ältere Literatur
Aktuelle Literatur
  • Hans W. Doerr, Wolfram H. Gerlich (Hrsg.): Medizinische Virologie – Grundlagen, Diagnostik und Therapie virologischer Krankheitsbilder. Thieme, Stuttgart / New York 2002, ISBN 3-13-113961-7.
  • Walter Doerfler: Viren. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2002, ISBN 3-596-15369-7.
  • Guenther Witzany (Hrsg.): Viruses: Essential Agents of Life. Springer, Dordrecht 2012, ISBN 978-94-007-4898-9.
  • Dietrich Falke, JĂŒrgen Bohl u. a.: Virologie am Krankenbett: Klinik, Diagnostik, Therapie. Springer, Heidelberg u. a. 1998, ISBN 3-540-64261-7. (mit Literaturangaben)
  • Dietrich Falke, JĂŒrgen Podlech: Viren. In: Peter Reuter (Hrsg.): Springer Lexikon Medizin. Springer, Berlin / Heidelberg / New York 2004, S. 2273-2282.
  • S. J. Flint, L. W. Enquist, V. R. Racaniello (Hrsg.): Principles of Virology. 2. Auflage, ASM Press, Washington DC 2003, ISBN 1-55581-259-7.
  • Alfred Grafe: Viren – Parasiten unseres Lebensraumes. Springer, Berlin / Heidelberg / New York 1977, ISBN 3-540-08482-7.
  • David M. Knipe, Peter M. Howley et al. (Hrsg.): Fields’ Virology. 2 BĂ€nde; Standardwerk der Virologie. 5. Auflage, Lippincott Williams & Wilkins, Philadelphia 2007, ISBN 978-0-7817-6060-7.
  • Arnold J. Levine: Viren: Diebe, Mörder und Piraten. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1992, ISBN 3-86025-073-6.
  • Susanne Modrow, Dietrich Falke, Uwe Truyen: Molekulare Virologie. Eine EinfĂŒhrung fĂŒr Biologen und Mediziner. 2. Auflage. Mit Literaturangaben, englische Übersetzung 2006. Spektrum-Lehrbuch, Heidelberg 2002, ISBN 3-8274-1086-X.
  • Stephen S. Morse: The Evolutionary Biology of Viruses. Raven Press, New York 1994, ISBN 0-7817-0119-8.
  • Sven P. Thoms: Ursprung des Lebens. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 2005, ISBN 3-596-16128-2.
  • Luis P. Villarreal: Viruses and the Evolution of Life. ASM Press, Washington 2005, ISBN 978-1-55581-309-3.
  • Ernst-Ludwig Winnacker: Viren: Die heimlichen Herrscher. Wie Grippe, Aids und Hepatitis unsere Welt bedrohen. Eichborn, Frankfurt a.M. 1999, ISBN 3-8218-1598-1.
  • Gottfried Schuster: Viren in der Umwelt. Teubner, Stuttgart 1998, ISBN 3-519-00209-4.
  • Dorothy H. Crawford: The invisible enemy: a natural history of viruses. Oxford Univ. Press, Oxford 2002, ISBN 0-19-856481-3.
  • Brian W. Mahy: The dictionary of virology. Elsevier, Amsterdam 2008, ISBN 0-12-373732-X.

Einzelnachweise

  1. ↑ Carter and Saunders: Virology - Principles and Applications, 1st edition, Wiley, 2007, ISBN 0-470-02387-2; S. 6
  2. ↑ Matthias G. Fischer, Michael J. Allen, William H. Wilson, and Curtis A. Suttle: Giant virus with a remarkable complement of genes infects marine zooplankton. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. {{#invoke:Vorlage:FormatDate|Execute}}. doi:10.1073/pnas.1007615107.
  3. ↑ Zehntausende unbekannte Viren im Abwasser auf scinexx.de, veröffentlicht und aufgerufen: 6. Oktober 2011
  4. ↑ Paul G. Cantalupo et al.: Raw Sewage Harbors Diverse Viral Populations. mBio Nr. 2, Vol. 5: e00180-11, doi:10.1128/mBio.00180-11 Volltext
  5. ↑ Florian Witzmann et al.: Paget disease of bone in a Jurassic dinosaur. In: Current Biology, Band 21, Nr. 17, R647-R648, 2011, doi:10.1016/j.cub.2011.08.006, Volltext
  6. ↑ Salvador Edward Luria, James E. Darnell: General Virology, 3. Aufl., John Wiley and Sons, 1978
  7. ↑ Luis P. Villarreal & Guenther Witzany (2010): Viruses are essential agents within the roots and stem of the tree of life. Journal of Theoretical Biology 262(4): 698–710. doi:10.1016/j.jtbi.2009.10.014
  8. ↑ Löffler und Petrides (Hrsg.): Biochemie und Pathobiochemie, 7. Auflage Springer-Verlag, Berlin Heidelberg New York 2003, ISBN 3-540-42295-1 (4. Aufl. 1990)
  9. ↑ David Moreira & Purificación López-García (2009): Ten reasons to exclude viruses from the tree of life. Nature Reviews Microbiology 7: 306–311 (April 2009) doi:10.1038/nrmicro2108
  10. ↑ Definition eines Virus
  11. ↑ S. Mordrow, D. Falke, U. Truyen: Molekulare Virologie, Heidelberg Berlin, 2. Auflage 2003 ISBN 3-8274-1086-X
  12. ↑ C. Mims, H. M. Dockrell et al.: Medizinische Mikrobiologie / Infektiologie. MĂŒnchen (Elsevier) 2006 ISBN 3-437-41272-8
  13. ↑ N. Suttorp, M. Mielke, W. Kiehl, B. StĂŒck: Infektionskrankheiten. Stuttgart 2004, ISBN 3-13-131691-8.
  14. ↑ Th. Mertens, O. Haller, H.-D. Klenk (Hrsg.): Diagnostik und Therapie von Viruskrankheiten – Leitlinien der Gesellschaft fĂŒr Virologie. 2. Auflage. MĂŒnchen 2004, ISBN 3-437-21971-5.
  15. ↑ D. Martin, J. S. Gutkind: Human tumor-associated viruses and new insights into the molecular mechanisms of cancer. In: Oncogene. 27, Nr. 2, {{#invoke:Vorlage:FormatDate|Execute}}, S. 31–42. PMID 19956178.
  16. ↑ C. Zimmer: Krebs – eine Nebenwirkung der Evolution? In: Spektrum der Wissenschaft 9, 2007, S. 80–88.
  17. ↑ M. Stadtfeld et al.: Induced Pluripotent Stem Cells Generated Without Viral Integration, science-online, 25. September 2008, doi:10.1126/science.1162494

Weblinks

 Wiktionary: Virus â€“ BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
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