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Volkslied

Ein Volkslied ist ein Lied, das die weitestmögliche Verbreitung in einer und durch eine soziale Gruppe findet. Volkslieder lassen sich nach musikalischen, sprachlichen, gesellschaftlichen und historischen Merkmalen unterscheiden. Gemeinsame Traditionen, Sprache, Kultur und Religion kennzeichnen sie. Die textliche und musikalische Erscheinung weist dabei regional verschiedene Typiken auf, ist aber nicht zwingend rÀumlich einzugrenzen.

Inhaltsverzeichnis

Begriff

Volkslieder deuten ĂŒberwiegend auf konkrete, sich wiederholende oder alltĂ€gliche Situationen oder ZustĂ€nde des Lebens. Dabei kann sich der Ausdruck von der „gewöhnlichen und rauen Wirklichkeit“ entfernen und sich in einer idealisierten oder realitĂ€tsfernen Art und Form zeigen, zum Beispiel in dem Idyll nahen Naturbildern oder in Liebestragiken zwischen Prinz und Prinzessin. Volkslieder können somit diverse Funktionen erfĂŒllen â€“ etwa in Form des Arbeitsliedes (die Arbeit begleitend) oder StĂ€ndeliedes (Arbeitsbereiche oder Berufe charakterisierend) oder Hochzeitsliedes (etwa Braut und BrĂ€utigam beglĂŒckwĂŒnschend oder auf den „heiligen Bund“ moralisch hinweisend).

Die zahlreichen „Gattungen“ spiegeln in etwa das inhaltliche und thematische Spektrum: Liebes-, Hochzeits-, Trink-, Kinder-, Wiegen-, Arbeits-, Tanz-, Arbeiter-, Soldaten-, Studenten-, Seemanns-, berufsstĂ€ndische, an religiösen Festen orientierte, Heimat-, Wander-, an Tageszeiten orientierte â€“ (Morgenlied und Abend), Jahreszeiten-, Abschiedslieder, Spaß- und Scherzlieder. Das traditionelle Lied erzĂ€hlenden Inhalts in dramatischer Darstellungsform ist die Volksballade. Abzugrenzen ist das Volkslied von der volkstĂŒmlichen Musik.

Volkslied als historischer Begriff

Volksmusik ist ein Sammelbegriff, der nicht auf eine konkrete Musikform, sondern auf eine Musikpraxis innerhalb bestimmter gesellschaftlicher Kontexte weist. Auch kann kaum von abgrenzbaren Stilistiken innerhalb der Volksmusik gesprochen werden, sondern eher von Typiken, da Volksmusik keinen diskurshaften Normierungen und keiner schriftlichen Fixierung unterliegt, wie etwa die abendlĂ€ndische Kunstmusik. Den Begriff Volkslied fĂŒhrte der Dichter und Philosoph Johann Gottfried Herder in die deutsche Sprache 1779 ein. Er veröffentlichte gesammelte Lieder und Gedichte bekannter Autoren, oftmals ohne Namensnennung, unter dem Titel "Volkslieder", siehe Deutsches Volkslied. Als Volksgesang bezeichnete Georg Gottfried Gervinus das Vortragen vorwiegend durch Laien aus der lokalen Bevölkerung.[1]

Eine eindeutige, klar abzugrenzende Fassung des Begriffes „Volksmusik/Volkslied“ ist schwierig. Volksmusik ist heute ein historischer Begriff und kann nur eingeschrĂ€nkt als gegenwĂ€rtige Musikpraxis gelten. Eine Faustregel besagt, dass Volksmusiktraditionen jeweils da noch am lebendigsten sind, wo ein gewisser Abstand zu modernen technologischen und wirtschaftlichen Strukturen herrscht. Das sind und waren ĂŒberwiegend lĂ€ndliche Gebiete. In Europa betrifft das Regionen, die als die Peripherie zum hochentwickelten Kernland gelten können - so z.B. Teile Osteuropas. In Deutschland nimmt eine gewisse Ausnahmestellung der sĂŒddeutsche und alpenlĂ€ndische Raum ein.

Nach einer historischen Definition von Hugo Riemann 1916 ist ein Volkslied „entweder

  • im Volke entstanden, was heißt, das Dichter und Komponist nicht mehr bekannt sind oder
  • in den Volksmund ĂŒbergegangen oder schließlich,
  • ‚volksmĂ€ĂŸig‘, das heißt schlicht und leicht fasslich in Melodie und Harmonie komponiert.“[2]

Nach Alfred Götze ist ein Volkslied ein Lied, das „im Gesang der Unterschicht eines Kulturvolks in lĂ€ngerer gedĂ€chtnismĂ€ĂŸiger Überlieferung und in seinem Stil derart eingebĂŒrgert ist oder war, dass, wer es singt, vom individuellen Anrecht eines Urhebers an Wort und Weise nichts empfindet.“[3] Eine moderne Definition von Tom Kannmacher lautet: "Volkslieder sind im GedĂ€chtnis der Mitglieder einer soziologischen Gruppe allgegenwĂ€rtige Medien, die den Strömungen von Tradition, Kulturepochen, HerrschaftsverhĂ€ltnissen unterworfen sind und somit nie feste Formen annehmen, die man dokumentarisch oder materiell fassen könnte".[4]

Der gegenwĂ€rtig in vielen Medien verbreitete Begriff von „Volksmusik“ gilt im Grunde nur noch als Sparte der Musikindustrie und Medienwelt und zeigt irreale hĂ€usliche und lĂ€ndliche Idyllen auf Ton- und BildtrĂ€gern sowie im Fernsehen. Die so medial vermittelten, choreographierten und ĂŒberstilisierten Darbietungen lassen sich nur schwer von anderen medial vermittelten Musiksparten stichhaltig unterscheiden. Ansatzpunkte fĂŒr Unterscheidungen wĂ€ren höchstens, dass verschiedene Zielgruppen anvisiert werden und sich verschiedene optische und 'soundbezogene' Merkmale zeigen. Gerade im letzteren Fall verwischen aber die Grenzen zwischen dem, was gemeinhin als „Volksmusik“, „Schlager“, „Pop“ und „Rock“ gilt, schon gewaltig. Das gilt dann freilich genauso fĂŒr die via AV-Medien vermittelte „Volksmusik“ anderer LĂ€nder, wofĂŒr die noch jĂŒngere markttechnische Bezeichnung „Weltmusik“ gefunden wurde â€“ hier wohnt die Indifferenz schon im Begriff selbst.

Volksmusik wird oft nicht mehr aktiv ausgeĂŒbt, sondern lediglich konsumiert. Die klingende Musik selbst ist fixiert auf Ton- und BildtrĂ€gern. Damit fehlt ihr ihr eigentlicher Ort, die Bezogenheit auf bestimmte Ereignisse sowie auch die unmittelbare Kommunikationssituation zwischen Musiker und Hörer. Sie ist an jedem beliebigen Ort und zu jeder beliebigen Zeit verfĂŒgbar. Die ĂŒber AV-Medien passiv rezipierte "Volksmusik" ist also der kennzeichnenden soziologischen Verankerung von Volksmusik entzogen. Sie nivelliert somit die fĂŒr Volksmusik wesentlichen innerkulturellen Codes, wie verschiedenen Stilistiken, verwendete Tonsysteme und kulturgebundene Texte.

Es gibt aber auch Rundfunk- und Fernsehsendungen, insbesondere im sĂŒddeutschen Raum, welche um eine Bewahrung traditioneller Volksmusik bemĂŒht sind - etwa Mei liabste Weis.

Volksmusik

→ Hauptartikel: Volksmusik

Mit Volksmusik wird die traditionelle, hĂ€ufig schriftlos ĂŒberlieferte Musik bezeichnet, die fĂŒr bestimmte Regionalkulturen charakteristisch ist. Bei der Betrachtung und Differenzierung von Musikkulturen mĂŒssen stets soziologische Gesichtspunkte herangezogen werden. Das gilt insbesondere fĂŒr die Volksmusik. Werden die bestimmenden sozialen Verankerungen und damit verbunden die zeitlich bedingten Transformationen von Volksmusiken außer acht gelassen, unterliegt man schnell voreiligen SchlĂŒssen. Allein ein Höreindruck lĂ€sst keine verlĂ€sslichen Bestimmungen zu.

PrĂ€zise musikalische Merkmale oder Gattungen von Volksmusik, die ĂŒbergreifend gĂŒltig wĂ€ren, lassen sich kaum festschreiben. Um dies zu tun, muss eine BeschrĂ€nkung auf eine bestimmte Region sowie einen bestimmten Zeitraum vorliegen. Wie auch in der Kunstmusik sind Vokal- und Instrumentalmusik als auch instrumental begleitete Vokalmusik zu unterscheiden. Ebenso kann Volksmusik einstimmig und mehrstimmig, homophon und polyphon gestaltet sein. In den verschiedenen Regionen Georgiens findet man z.B. homophone und polyphone Vokalmusik. Geographisch gesehen liegen hier diese so gegensĂ€tzlichen Singweisen, welchen ja auch eine soziale Konnotation innewohnt, also ziemlich eng beieinander.

Volksmusik ist eine Sache mĂŒndlich ĂŒberlieferter Tradition, die selbstverstĂ€ndlich innerkulturellen Codes folgt und dabei keinen Ă€sthetischen Diskurs ĂŒber ihre jeweiligen ZustĂ€nde fĂŒhrt. Die Kunstmusik sowie die kirchlich gebundene Musik standen und stehen dagegen meist in einer Diskussion ihrer selbst und haben sich eine Ă€sthetische und musiktheoretische Wissenschaft vorangestellt und sich somit fortwĂ€hrenden Reflexionen ausgesetzt.

Eine Autonomisierung der Kunst findet im Falle des Volksliedes jedoch nicht statt. Dagegen spricht der ausschließlich der Musikschöpfung sich zuwendende und fundiert ausgebildete KĂŒnstler die gebildete, zumeist auch musikalisch gebildete, BevölkerungsminoritĂ€t des Adels, des Hofes und des BĂŒrgertums an und ist im Wesentlichen auch erst ab der FrĂŒhen Neuzeit auszumachen.[5] GegenĂŒber der Kunstmusik mit ihren professionellen Komponisten und hoch ausgebildeten Ensembles ist die Volksmusik zuerst eine Angelegenheit von Laien. Ferner ist die Kunstmusik fast ausschließlich AuffĂŒhrungssituationen verpflichtet â€“ also einer strikten Trennung in Publikum und AusfĂŒhrende. Die Volksmusik lebt dagegen wesentlich von gegenseitiger Interaktion.

Volksliedtitel

Eine unikate Text-Musik-Bindung bei Volksliedern gibt es nicht. Seit dem 19. Jahrhundert kann man aber auf einen gewissermaßen „gefestigten“ Volksliedstamm verweisen, der sich in den gedruckten Liedersammlungen reprĂ€sentiert. Aber auch hier gibt es Schwierigkeiten. Einerseits was den Text angeht, andererseits â€“ daraus resultierend â€“ welchen Titel das Lied nun trĂ€gt. Dazu kommt, dass Volkslieder aus der Volkssprache entstehen und somit natĂŒrlich auch dialektgebunden sind. FĂŒr ihre weitere Verbreitung durch gedruckte Sammlungen, wurden sie dann teils auch ins Hochdeutsche, bzw. andere Hochsprachen, ĂŒbersetzt.

In Liedersammlungen kann man hĂ€ufig beobachten, dass Volkslieder keinen festen Titel haben. So wird der Liedtitel z.B. schlicht aus dem Beginn des ersten Verses gebildet; z. B.: „Jetzt kommen die lustigen Tage“. Das Lied mit dem Beginn „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ ist hingegen mit diesem ersten Vers als Titel sowie als Die Lorelei bekannt. So haben Liedersammlungen zuweilen auch zwei Inhaltsverzeichnisse: Eines nach LiedanfĂ€ngen und eines nach Titeln. Liedanfang und Titel können sich decken, mĂŒssen dies aber nicht.

Schöpferfrage

Auf die Frage, wer „die“ Volksmusik schöpft, ist keine endgĂŒltige Antwort möglich. Dadurch, dass Volksmusik durch fortwĂ€hrende mĂŒndliche und ĂŒber das Gehör bewerkstelligte Nachahmung lebt, befindet sie sich in einem steten Schöpfungszustand. Die tatsĂ€chliche Ursprungsfrage ist hier nicht wichtig. Wesentlich ist die Aufnahme, Weiterverbreitung und damit die Enkulturation, die Einbettung in den, eine jeweilige Gemeinschaft betreffenden, kulturellen Code. (Braun, Volksmusik). Dabei kann eine Ursprungsmelodie durchaus eine aus der Musik des BĂŒrgertums sein, z. B. eine einprĂ€gsame Operettenmelodie. BĂ©la BartĂłk hat so etwas bei seinen Ă€ußerst ausgedehnten Forschungen[6] ĂŒber das ungarische Volkslied festgestellt. Er spricht hier von Nachahmungstrieben, die einem sehnsĂŒchtigen Aufschauen zur Kultur gesellschaftlich höher stehender Klassen zuzuschreiben sei.

Kennzeichen

Im Laufe der Sammlung und der Erforschung von Volksliedern wurden folgende Merkmale von Volksliedern herausgestellt:

  • Wesentlichstes Merkmal von Volksliedern ist die weite und aktive Verbreitung.
  • Sie unterliegen oft einem langen Prozess mĂŒndlicher Tradierung.
  • Sie unterliegen starken Änderungen hinsichtlich Form und Gestalt und erfahren kulturell oder regional typische AusprĂ€gungen. So existieren Varianten der Texte wie der Melodie. Diese VariabilitĂ€t (Volksdichtung) ist ein Hauptkennzeichen der Gattung Volkslied.
  • FrĂŒher wurde hinter den Volksliedern ein „schöpferisches Kollektiv“ vermutet, neuere Forschungen deuten jedoch darauf hin, dass Volkslieder eher einen Urheber haben. Trotzdem sind Volkslieder eine Sache der Gemeinschaft. Das Umsingen, unvermeidliche Folge der mĂŒndlichen Tradierung, macht das Lied zu einer individuellen Angelegenheit des Singenden. Die Schöpferfrage ist also sekundĂ€r; es existiert kein exakter Werkbegriff wie in der Kunstmusik.

Musikpraxis

In seinen innermusikalischen Merkmalen lĂ€sst sich das Volkslied als Substrat oder bewahrte Urform des Kunstliedes betrachten. FĂŒr die Bezeichnung Substrat spricht der o.g. Anstoß durch die Kunstmusik. FĂŒr die Bezeichnung Urform spricht, dass das Volkslied zumeist in seiner tonalen Sprache und Formgebung ein Stadium zeigt, das die Kunstmusik zu einem jeweiligen Zeitpunkt bereits ĂŒberdauert hat. Dies zeigt sich etwa in Skalen geringen Tonvorrates (Pentatonik oder geringer); v. a. in Liedern ein geringer Ambitus; simple Melodiezeilenform oder gar eine, in metrisch/rhythmischer Hinsicht, freie Gestaltung. Darin ist das Volkslied aber als Vortragskunst Ausdruck einer gesellschaftlichen Gruppe und ihres fĂŒr einen Zeitpunkt und sozialer Entwicklungsstufe kennzeichnenden lyrischen und musikalischen Horizontes und KommunikationsbedĂŒrfnisses.

Abgrenzung zum Kunstlied

Das Volkslied lĂ€sst sich dahingehend zum Kunstlied abgrenzen, dass eine unikate Text-Musik-Bindung nicht zwingend ist. Feldforschungen von Musikethnologen wie auch Aufzeichnungen von Komponisten haben erwiesen, dass bereits gehörte Melodien mit verschiedenen Texten auftauchen, die auch thematisch grundverschieden sein können. Ebenso sind die Singgewohnheiten situationsabhĂ€ngig oder abhĂ€ngig vom jeweiligen Vermögen des SĂ€ngers/-in. Auch im Formempfinden gibt es große VariabilitĂ€t; hĂ€ufig abweichend von dem, was wir als durchkomponiertes Kunstlied kennen. Der Vortrag eines Liedes kann bereits beim unmittelbar wiederholten Singen stark von der „ersten Version“ abweichen, bleibt im Sinne des Vortragenden aber dasselbe Lied. Andererseits werden auch bloße Perspektivenwechsel in der ErzĂ€hlstruktur eines Liedes (-textes), bei nahezu gleichbleibendem musikalischen Material und musikalischer Formung vom Vortragenden mitunter als verschiedene Lieder angesehen.[7] Auch ein ‚Umsingen’, den stimmlichen Möglichkeiten eines SĂ€ngers/-in entsprechend, ist vielfach beobachtet worden (Oktavversetzung, wenn ein Ton in Höhe oder Tiefe nicht erreicht wird).

Gegenseitige Beeinflussung

Auch gegenseitige Beeinflussungen, Emigration etc. sind auszumachen. Innerhalb Europas lassen sich aber Parallelen auch in der Musik geographisch getrennt liegender Völker feststellen. Das betrifft vor allem tonrÀumliche und formale Gestaltungsweisen.[8] Ebenso in den Volksmusikforschungen Bartóks[6] ist dieses PhÀnomen ein zentrales Ergebnis.

Nationale und staatengebundene BesitzansprĂŒche an Volksmusik, gar mit qualitativen Hervorhebungen oder ReinheitsansprĂŒchen sind somit absurd. Die unten erwĂ€hnte Wanderung einer Melodie durch verschiedene Regionen und ihre Wandelungen vom Volkslied zum Thema eines Streichquartettsatzes von Haydn und weiter zur deutschen Nationalhymne ist beredtes Beispiel dafĂŒr.

Forschungsgeschichte

Bereits in den AnfĂ€ngen der Germanistik beschĂ€ftigten Wissenschaftler sich mit dem Sammeln von VolksmĂ€rchen und Volksliedern. Schwieriger ist es bei der musikalischen Überlieferung. Dass heute historische Volksmusik zugĂ€nglich ist, ist vor allem der Musikethnologie zu verdanken. Dieser Strang der Musikwissenschaft ist noch relativ jung und fand seine erste BlĂŒtezeit um die Wende vom 19. zum 20. Jh.. Forscher wie BĂ©la Vikar, ZoltĂĄn KodĂĄly, BĂ©la BartĂłk, Erich von Hornbostel, Constantin Brăiloiu, um nur einige zu nennen, waren die ersten, welche mit wissenschaftlichem Anspruch bemĂŒht waren, Musik dem Volk direkt ‚abzulauschen’. DafĂŒr standen ihnen bereits auch technische Möglichkeiten, wie etwa der Edison-Phonograph (nach Thomas Alva Edison), zur VerfĂŒgung. Aber auch viele Komponisten fertigten Aufzeichnungen direkt im Volke an. Man weiß das z. B. von Modest Mussorgsky, Ralph Vaughan Williams, Nikolai Rimski-Korsakow oder Percy Grainger. Was dann vorliegt ist ein Notentext, der die zugehörige Musikpraxis nur noch erahnen lĂ€sst.

Aus der frĂŒheren Geschichte lĂ€sst sich nur sehr bruchstĂŒckhaft auf die jeweilige Volksmusik schließen. Aus nachvollziehbaren GrĂŒnden sind Aufzeichnungen rar: im Volk hat es keiner gemacht und unter Gelehrten bestand wohl kaum ein Interesse. Man kann aber annehmen, dass v.a. im Mittelalter die Grenzen zwischen Volksmusik und „Hochkultur“, was im Wesentlichen die kirchliche Musik war, auch noch recht fließend waren. So wurde z. B. wohl immer auch ein Teil der im kirchlichen Rahmen gehörten Musik sozusagen „mit nach draußen“ genommen und dann frei â€“ und vor allem volkssprachlich â€“ umtextiert, umgesungen. Und das auch in frecher und verhöhnender Weise. So ist uns sogar auch einiges, wenn zumeist auch „nur“ Texte, in Quellen wie dem Lochamer-Liederbuch, der Jenaer Liederhandschrift oder den Carmina Burana erhalten geblieben. Was die Musikpraxis angeht, kann man jedoch nur aus bildlichen Darstellungen SchlĂŒsse ziehen, vor allem auf die Verwendung von Instrumenten, die aus der liturgischen Musikpraxis weitgehend ausgeschlossen waren (insbesondere Blasinstrumente). Recht berĂŒhmt ist auch der Reisebericht des Giraldus Cambrensis (1147–1223), der von volkslĂ€ufigen Musizierpraxen in Irland und Wales erzĂ€hlt.

Romantik und 20. Jahrhundert

→ Hauptartikel: Deutsches Volkslied

Deutschlandlied

Manchmal gehen die Volkslied-Melodien auch in andere Musikgattungen ĂŒber. So wird aus dem altböhmischen Prozessionslied Ubi est spes mea? („Wo ist meine Hoffnung?“) zunĂ€chst im 16. Jahrhundert der Choral „Mein lieber Herr ich preise dich!“. Gut 200 Jahre spĂ€ter formt Joseph Haydn 1797 hieraus die Melodie zur österreichischen Kaiserhymne „Gott erhalte Franz, den Kaiser“. Haydn selbst löst diese Melodie wieder vom Text und macht sie zum Zentrum des „Kaiserquartetts“ (op. 76 Nr. 3). Ferner taucht die Melodie in Varianten und mit wechselndem Text im kroatischen Raum als Volkslied auf. Ob es hier Wechselbeziehungen zwischen Haydn und der Volksmelodie gab â€“ und wenn ja, welcher Art sie waren â€“ ist unklar. 1841 dichtet Hoffmann von Fallersleben zu Haydns Melodie die Verse des Deutschlandliedes. Seit 1922 wird es offiziell als deutsche Nationalhymne verwendet. Aus dem alten böhmischen Prozessionslied heraus hat sich ebenfalls der weit bekannte deutsche Kanon „O wie wohl ist mir am Abend“ entwickelt.[9]

Volksliedforscher und Volksliedkompilatoren

Volksliedsammlungen

Mit Herder begann auch das sogenannte „zweite Dasein“ des Volksliedes, das nun in Volksliedsammlungen niedergeschrieben und damit kodifiziert wurde. Diese ĂŒberwiegend Texte ohne musikalische Notation wiedergebenden Sammlungen können heute v.a. literatur- und gesellschaftswissenschaftliche Interessen bedienen, aber genauso als Quelle der Volksmusikpflege gelten. Die ersten Volksliedsammlungen entsprachen der romantischen Idealisierung. Erst im 20. Jahrhundert wurde damit begonnen, die Sammlung von Volksliedern auf Grund wissenschaftlicher Kriterien anzulegen.

Deutsche Volkslieder sammelt seit 1914 das Deutsche Volksliedarchiv an der UniversitĂ€t Freiburg.[10] Das Österreichische Volksliedwerk[11] ist seit 1904 fĂŒr die Sammlung Forschung und Vermittlung von Volksliedern zustĂ€ndig.

Der Volksliedforscher Ernst Klusen sammelte niederrheinische Volkslieder. Seit 1949 sammelte Sepp Gregor europĂ€ische und außereuropĂ€ische Lieder aus LĂ€ndern, in denen europĂ€ische Sprachen gesprochen werden. Nach seinem Tode hat diese Aufgabe die Gesellschaft der Klingenden BrĂŒcke e. V. in Bonn ĂŒbernommen.[12]

Siehe auch

Quellensammlungen

Literatur

  • Theodor Adorno: Kritik des Musikanten; in: Ders.: Einleitung in die Musiksoziologie; Göttingen 1956; ISBN 3-518-27742-1; auch in: Gesammelte Schriften, Band 14; Suhrkamp 1973; ISBN 3-518-29314-1; S. 67 ff.
  • BĂ©la BartĂłk: Das Ungarische Volkslied; hrsg. von D. Dille; Ethnomusikologische Schriften-Faksimile Nachdrucke; Mainz, 1965
  • Kurt Blaukopf: Musiksoziologie: eine EinfĂŒhrung in die Grundbegriffe mit besonderer BerĂŒcksichtigung der Soziologie der Tonsysteme; Köln, 1952
  • Hartmut Braun: Volksmusik: eine EinfĂŒhrung in die musikalische Volkskunde; Kassel, 1999
  • Christian Kaden: Musiksoziologie; Berlin, 1984. Wilhelmshaven 1985; ISBN 3-7959-0446-3.
  • Rolf Wilhelm Brednich, Lutz Röhrich, Lutz und Wolfgang Suppan (Hrsg.): Handbuch des Volksliedes. 2 Bde. MĂŒnchen 1973
  • Ernst Klusen: Volkslied. Fund und Erfindung; Köln 1969
  • Johannes Moser: AnsĂ€tze zu einer neueren Volksliedforschung (PDF), 1989
  • Wolfgang Suppan u.a.: Artikel Volksgesang, Volksmusik, Volkstanz; in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG1), Band 13; 1966
  • Monika Tibbe, Manfred Bonson: Folk, Folklore, Volkslied: zur Situation in- und auslĂ€ndischer Volksmusik in der Bundesrepublik; Stuttgart, 1981, ISBN 3-476-30181-8
  • Walter Wiora: EuropĂ€ische Volksmusik und abendlĂ€ndische Tonkunst; Kassel 1957
  • Walter Wiora: EuropĂ€ischer Volksgesang, Gemeinsame Formen in charakteristischen Abwandlungen; Köln, 1952

Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Volkslied â€“ BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikisource: Volkslieder â€“ Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

  1. ↑ Georg Gottfried Gervinus:Geschichte der deutschen Dichtung, W. Engelmann, 1853, Seite 252ff
  2. ↑ Hugo Riemann: Musiklexikon; 1916
  3. ↑ Alfred Götze: Das deutsche Volkslied; 1929
  4. ↑ Tom Kannmacher: "Das deutsche Volkslied in der Folksong- und Liedermacherszene seit 1970", in: Jahrbuch fĂŒr Volksliedforschung 23, 1978. S. 38.
  5. ↑ Kurt Blaukopf: EinfĂŒhrung in die Musiksoziologie
  6. ↑ a b BĂ©la BartĂłk: Das Ungarische Volkslied; 1926 (Nachdruck siehe oben).
  7. ↑ Christian Kaden: Musiksoziologie, Berlin 1984 (auch: Heinrichshofen 1985)
  8. ↑ Walter Wiora, EuropĂ€ischer Volksgesang
  9. ↑ Hans Renner: Grundlagen der Musik; Stuttgart: Reclam, 19698; S. 84 ff.
    Hans Renner: Geschichte der Musik; Stuttgart: DVA, 1985; S. 345: „[Haydns] letztes schönstes Lied, die Weise zu ‚Gott erhalte Franz den Kaiser‘ [
] hat eine weitverzweigte Ahnenreihe [
], die sich bis auf ein uraltes böhmisches Prozessionslied zurĂŒckfĂŒhren lĂ€sst.“
  10. ↑ Deutsches Volksliedarchiv an der UniversitĂ€t Freiburg
  11. ↑ Österreichisches Volksliedwerk
  12. ↑ Die Klingende BrĂŒcke – Lieder in allen Sprachen Europas
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