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Martin Luther (* 10. November 1483 in Eisleben, Grafschaft Mansfeld; â 18. Februar 1546 ebenda) war der theologische Urheber und Lehrer der Reformation. Als zu den Augustinermönchen gehörender Theologieprofessor vollzog er eine reformatorische Wende in seinem Glauben und Denken, nach der er sich ausschlieĂlich an Jesus Christus als dem âfleischgewordenen Wort Gottesâ orientierte. Nach diesem MaĂstab wollte er Fehlentwicklungen der Christentumsgeschichte, die es nach seinem Urteil gab, ĂŒberwinden. Er gilt damit als Vertreter einer VerkĂŒndigungstheologie.
Seine Betonung der Gnade Gottes, seine Predigten und Schriften â besonders seine Lutherbibel â verĂ€nderten die von der römisch-katholischen Kirche dominierte Gesellschaft im ausgehenden Mittelalter und der beginnenden Neuzeit nachhaltig. Sie wurden von einigen europĂ€ischen FĂŒrstentĂŒmern des 16. Jahrhunderts dazu genutzt, die ZentralmĂ€chte von Papst und Kaiser zurĂŒckzudrĂ€ngen. Unter ihrem Einfluss kam es entgegen Luthers Absicht zu einer Kirchenspaltung, zur Bildung evangelisch-lutherischer Kirchen und weiterer Konfessionen des Protestantismus.
Luthers Eltern waren der Bauer, Bergmann, Mineneigner und spĂ€tere Ratsherr Hans (1459â1530), der aus Möhra stammte, und dessen Ehefrau Margarethe, geb. Lindemann (1459â1531), geboren in Neustadt an der Saale. Die Familie fĂŒhrte ihren Nachnamen in unterschiedlichen Varianten: LĂŒder, Luder, Loder, Ludher, Lotter, Lutter oder Lauther. Damit fĂŒhrte sie sich auf den seit etwa 1302 in Möhra ansĂ€ssigen Ritter Wigand von LĂŒder zurĂŒck, der aus dem Adelsgeschlecht von LĂŒder aus GroĂenlĂŒder stammte.[1] Auch dieser Ort wurde abwechselnd Luodera, Lutra, Luttura und Lutar genannt.[2]
Martin Luther wĂ€hlte seine Nachnamensform etwa 1512. Er leitete sie vom Herzog Leuthari II. oder vom griechischen Wort áŒÎ»Î”ÏΞΔÏÎżÏ (frei) ab und benutzte vorĂŒbergehend die daraus abgeleitete Form âEleutheriosâ (der Freie).
Luther wurde als erster oder zweiter Sohn seiner Eltern in Eisleben geboren (bei vermutlich neun Geschwistern[3]). Am folgenden Martinstag (11. November 1483) wurde er auf den Namen des Tagesheiligen in der St.-Petri-Pauli-Kirche getauft. Er wuchs im benachbarten Mansfeld auf, wo der Vater als HĂŒttenmeister im Kupferschieferbergbau bescheidenen Wohlstand erwarb. Beide âLutherstĂ€dteâ liegen im Mansfelder Land, heute im Landkreis Mansfeld-SĂŒdharz in Sachsen-Anhalt, und hatten damals einige tausend Einwohner.
Luthers Eltern waren kirchentreu, aber nicht ĂŒbermĂ€Ăig fromm. Von 1488 bis 1497 besuchte er die Mansfelder Stadtschule und danach fĂŒr ein Jahr die Magdeburger Domschule. Dort unterrichteten ihn die BrĂŒder vom gemeinsamen Leben, eine spĂ€tmittelalterliche Erweckungsbewegung. Von 1498 bis 1501 schickten ihn die Eltern auf die Pfarrschule zu St. Georgen in Eisenach, wo er seine Lateinkentnisse so vervollstĂ€ndigt, dass er diese Sprache von da an flieĂend sprechen und schreiben konnte. Zu dieser Zeit wohnte er bei Verwandten mĂŒtterlicherseits und den Familien Schalbe und Cotta.
Im FrĂŒhjahr 1501 begann Luther sein Studium an der UniversitĂ€t Erfurt und bezog Quartier in der Georgenburse. Er besuchte zunĂ€chst die ArtistenfakultĂ€t, um Grundkenntnisse in den âSeptem artes liberalesâ (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie) zu erlangen. Im Januar 1505 legte Luther das Examen zum âMagister artiumâ ab und beendete damit seine akademische Grundausbildung. WĂ€hrend dieser Zeit erwarb sich Luther genaue Kenntnisse ĂŒber die Lehren des Aristoteles, die seit Thomas von Aquin die mittelalterliche Scholastik beherrschten. Durch Jodocus Trutfetter und BartholomĂ€us Arnoldi, die seinerzeit an der Erfurter ArtistenfakultĂ€t lehrten, wurde er zudem mit den Ansichten des Nominalismus konfrontiert.
Auf vĂ€terlichen Wunsch setzte Luther zum Sommersemester 1505 sein Studium an der JuristenfakultĂ€t fort. Doch am 2. Juli 1505 wurde er nach dem Besuch seiner Eltern in Mansfeld auf dem RĂŒckweg nach Erfurt bei Stotternheim von einem schweren Gewitter ĂŒberrascht, hatte Todesangst und rief zur Heiligen Anna, der Mutter Marias: âHilf du, heilige Anna, ich will ein Mönch werden!â[4] Weshalb der junge Luther gerade dieses GelĂŒbde ablegte und dann einen kirchlichen Lebensweg einschlug, erklĂ€rt sich weder aus seiner Erziehung noch seiner Todesangst ganz.[5] Jedenfalls trat er am 17. Juli 1505 vorerst gegen den Willen seines Vaters in das Kloster der Augustiner-Eremiten in Erfurt ein.[6]
Hier ĂŒbte er die Ordensregeln so genau und streng, dass er schon am 27. Februar 1507 zum Diakon und am 4. April desselben Jahres zum Priester geweiht wurde. Trotz tĂ€glicher BuĂĂŒbungen gab Luther groĂe Gewissensnöte an. Seine Hauptfrage war: âWie kriege ich einen gnĂ€digen Gott?â Die Frage entzĂŒndete sich nicht an MissstĂ€nden der kirchlichen Praxis, sondern am Sakrament der BuĂe, deren Vorbedingung die aufrichtige Reue aus Liebe zu Gott, nicht Angst vor Gottes Bestrafung, und die Beichte aller, auch der heimlichsten, einem selbst unbewussten SĂŒnden war. Luther nahm diese Forderungen sehr ernst und stĂŒrzte deshalb in verzweifelte Heilsungewissheit darĂŒber, ob er diese Voraussetzung erfĂŒllen könne oder aber mit einer ungĂŒltigen Absolution ewige Verdammnis auf sich ziehen wĂŒrde. Er erlebte sich als unfĂ€hig, aus Liebe, nicht Angst, Gottes Forderungen zu erfĂŒllen, so dass er auch an der verheiĂenen Vergebung zweifelte.[7]
Sein Beichtvater Johann von Staupitz, der Generalvikar der Kongregation, empfahl Luther daraufhin fĂŒr ein Theologiestudium und versetzte ihn zu diesem Zwecke im Herbst 1508 nach Wittenberg. An der dortigen UniversitĂ€t lernte er die Theologie des Wilhelm von Ockham, der Gottes Freiheit ebenso wie die menschliche Willensfreiheit betonte, sowie die KirchenvĂ€ter, vor allem â vermittelt durch die Sentenzen des Petrus Lombardus â Augustinus kennen. Im MĂ€rz 1509 erwarb Luther den Grad des âBaccalarius biblicusâ, was ihm erlaubte, kĂŒrzere biblische Abschnitte mit den Scholaren zu lesen. Wenige Monate spĂ€ter wurde er âBaccalaureus sententiariusâ und durfte somit nun selbst die âLombardischen Sentenzenâ auslegen. Kurz darauf wurde er nach Erfurt zurĂŒckbeordert.
Ende 1510, neueren Forschungen gemÀà jedoch vermutlich erst im SpĂ€tsommer 1511, reiste Luther zusammen mit einem Mitbruder nach Rom. Die Ă€ltere Forschung[8] nahm an, er habe dort im Auftrag seines Erfurter Konvents gegen die von oben befohlene Vereinigung der strengen Observanten mit den liberaleren Augustinerklöstern der sĂ€chsischen Provinz protestiert. Neuen Forschungsergebnissen[9] zufolge fand die Reise hingegen erst nach der erneuten Ăbersiedlung Luthers von Erfurt nach Wittenberg statt. Luther dĂŒrfte das ordensintern umstrittene (und letztlich gescheiterte) Unionsprojekt dabei im Auftrag des Generalvikars von Staupitz, der den jungen Ordensmann durch die Entsendung nach Rom fördern wollte, vor dem Ordensgeneral verteidigt haben. Jedenfalls legte er in Rom seine dritte Generalbeichte ab und erklomm auf Knien die âHeilige Treppeâ am Lateran, um SĂŒndenvergebung fĂŒr sich zu erlangen und seine verstorbenen Verwandten aus dem Fegefeuer zu befreien. Er zweifelte also damals noch nicht an der römischen BuĂ- und Ablasspraxis, war aber schon entsetzt ĂŒber den Unernst und Sittenverfall, die ihm in Rom begegneten. Die Romreise war die lĂ€ngste und weiteste Reise im Leben Luthers, der den thĂŒringisch-sĂ€chsischen Raum zuvor noch nie verlassen hatte; sie gilt als ein SchlĂŒsselerlebnis und wurde von Luther selbst in spĂ€teren Schriften und Reden immer wieder erwĂ€hnt.[10]
Auf Staupitzâ Betreiben â möglicherweise im Zusammenhang mit dem ordensinternen Streit um die Vereinigung, in dem das Erfurter Kloster zu den Gegnern des Generalvikars gehörte â siedelte Luther im September 1511 nach Wittenberg um, wo er sich fĂŒr ein theologisches Doktorat bewarb. Luther und von Staupitz verband bis zu dessen Tod 1524 eine enge Freundschaft. Im Oktober 1512 wurde Luther zum âDoctor theologiaeâ promoviert. Er ĂŒbernahm den Lehrstuhl der âLectura in Bibliaâ an der Wittenberger UniversitĂ€t und sollte ihn bis zu seinem Lebensende behalten.
In den folgenden Jahren hielt Luther Vorlesungen ĂŒber die Psalmen und Paulusbriefe. Davon sind einige Originalmanuskripte und wörtliche Nachschriften erhalten. Sie erlauben es, Luthers Entwicklung bis zum Bruch mit den römisch-katholischen Lehren im Detail nachzuvollziehen. Er folgte anfangs noch dem Schema des âvierfachen Schriftsinnsâ und deutete das Alte Testament allegorisch auf Christus. Dabei hielt er sich an die ĂŒberlieferte Bibeldeutung des Ockhamismus, Neuplatonismus, der Mystik oder der âDevotio modernaâ, formte sie aber bereits ganz auf den Glauben des Einzelnen hin um. Dessen auswegloser Verlorenheit stellte er schon die unmittelbare Gnade Gottes gegenĂŒber, noch ohne ĂŒber deren Vermittlung durch Kirche und Sakramente, das Papsttum und kirchliche Dogmen nachzudenken.
1514 wurde Martin Luther zum Provinzialvikar ernannt und ĂŒbernahm damit bereits in jungen Jahren zusĂ€tzlich zu seiner LehrtĂ€tigkeit in Wittenberg auch Leitungsaufgaben in seinem Orden, die mit einer erheblichen Visitations- und ReisetĂ€tigkeit verbunden waren. Als Vikar unterstanden ihm elf Konvente, darunter auch sein ehemaliger Heimatkonvent in Erfurt, in dem er 1516 Johannes Lang zum Prior einsetzte.[11]
In der Lutherforschung ist umstritten, wann Luther das Prinzip der Gerechtigkeit Gottes sola gratia (allein aus Gnade) zuerst formulierte. Von der Datierung der Reformatorischen Entdeckung hĂ€ngt ihre nĂ€here inhaltliche Bestimmung und Bedeutung fĂŒr die beginnende Reformation mit ab.
In einer spĂ€teren Eigenaussage beschrieb Luther diesen Wendepunkt als unerwartete Erleuchtung, die ihm in seinem Arbeitszimmer im SĂŒdturm des Wittenberger Augustinerklosters widerfahren sei. Manche datieren dieses Turmerlebnis auf die Jahre 1511 bis 1513, andere um 1515 oder um 1518, wieder andere nehmen eine allmĂ€hliche Entwicklung der reformatorischen Wende an. Unstrittig ist, dass Luther sein Erlebnis als groĂe Befreiung empfand. In der einsamen Meditation ĂŒber den Bibelvers Röm 1,17 LUT habe er plötzlich entdeckt, was er seit einem Jahrzehnt vergeblich gesucht hatte:
âDenn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche aus dem Glauben kommt und zum Glauben fĂŒhrt; wie geschrieben steht (Hab 2,4 LUT): Der Gerechte wird aus dem Glauben leben.â
Dieser Bibelvers fĂŒhrte schlieĂlich zu seinem neuen SchriftverstĂ€ndnis: Gottes ewige Gerechtigkeit sei ein reines Gnadengeschenk, das dem Menschen nur durch den Glauben an Jesus Christus gegeben werde. Keinerlei Eigenleistung könne dieses Geschenk erzwingen. Auch der Glaube, das Annehmen der zugeeigneten Gnade, sei kein menschenmögliches Werk. Damit war fĂŒr Luther die gesamte mittelalterliche Theologie mit ihrer kunstvollen Balance zwischen menschlichen FĂ€higkeiten und göttlicher Offenbarung (Synergismus) zerbrochen. Von nun an nahm er die Kirche, die sich in all ihren Formen und Inhalten als Vermittlungsanstalt der Gnade Gottes an den Menschen sah, zunehmend kritisch in den Blick.
In der Römerbrief-Vorlesung von 1515 lag Luthers neues VerstĂ€ndnis der Rechtfertigung allein aus Gnade Gottes bereits ausformuliert vor, wenn auch noch vermischt mit Denkschemata Augustins und der Mystik von Johannes Tauler. 1516 veröffentlichte er zudem die Theologia deutsch, das Werk eines unbekannten Mystikers (genannt der âFrankfurterâ), das ihn in seiner wachsenden Ablehnung Ă€uĂerlicher kirchlicher Riten bestĂ€rkte.
Ablassbriefe sollten den GlĂ€ubigen einen dem Geldbetrag entsprechenden Erlass zeitlicher SĂŒndenstrafen im Fegefeuer fĂŒr sie oder fĂŒr bereits gestorbene Angehörige bescheinigen. Ein ĂŒberlieferter Werbespruch von Johann Tetzel lautete: âWenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt.â[12]
Genau ein Jahr vor dem Thesenanschlag in Wittenberg predigte Luther erstmals öffentlich gegen die Ablasspraxis. Im Sommer 1517 bekam er die vom Mainzer Kardinal Albrecht verfasste Instructio Summarium, eine Anweisung fĂŒr die im Land umherreisenden Ablassprediger, zu Gesicht. Mit einem Teil dieser Einnahmen wollte der Erzbischof seine Schulden bezahlen, die er bei den Fuggern hatte. Diese hatten ihm sein KurfĂŒrstenamt finanziert. Dazu sandte er den Ablassprediger Johann Tetzel auch nach Sachsen.
Am 4. September 1517 gab Luther zunĂ€chst 97 Thesen nur fĂŒr seine Dozenten-Kollegen heraus, um einen Disput ĂŒber die gesamte scholastische Theologie unter ihnen in Gang zu bringen. Eine wörtliche Kopie davon fand sich erst kĂŒrzlich in der Herzog-August-Bibliothek in WolfenbĂŒttel wieder. Erst dann verfasste Luther jene Reihe von 95 Thesen, die direkt auf den Ablass Bezug nahmen. Er soll sie nach einer auf Philipp Melanchthon zurĂŒckgehenden Ăberlieferung am 31. Oktober am Hauptportal der Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen haben; dies bezweifelt die Forschung.[13]
Diese Thesen fanden den groĂen öffentlichen Widerhall, der die Reformation auslöste. Darin protestierte Luther weniger gegen die Finanzpraktiken der Katholischen Kirche als gegen die darin zum Ausdruck kommende verkehrte BuĂgesinnung. Der Ablasshandel war fĂŒr ihn nur der Ă€uĂere Anlass, eine grundlegende Reform der ganzen Kirche âan Haupt und Gliedernâ zu fordern. Dabei griff er den Papst noch nicht direkt an, sah dessen Aufgabe aber in der FĂŒrbitte fĂŒr alle GlĂ€ubigen. FĂŒr die breitere Bevölkerung verfasste er 1518 den in einfacher, verstĂ€ndlicher Weise abgefassten Sermon von dem Ablass und Gnade.
Kardinal Albrecht zeigte Luther nun in Rom an; Tetzel reagierte mit Gegenthesen auf die Disputationsreihe vom September, bei der ihn der IngolstĂ€dter Theologe Johannes Eck unterstĂŒtzte. Im April 1518 durfte Luther im Auftrag von Staupitz vor der Augustinerkongregation in der Heidelberger Disputation seine Theologie erlĂ€utern. Hier grenzte er die exklusive Relation von Gnade zum Glauben scharf gegen Aristoteles und die menschliche Willensfreiheit ab. Er gewann eine Reihe von AnhĂ€ngern, die spĂ€ter zu Reformatoren wurden, darunter Martin Bucer, Johannes Bugenhagen, Johannes Brenz, Sebastian Franck. Im August berief die UniversitĂ€t Wittenberg auĂerdem Philipp Melanchthon, der bald Luthers engster Freund und SchĂŒler wurde.
Im Juni 1518 hatte die Kurie Luther nach Rom vorgeladen, um die Gefahr der Ketzerei in einem Verfahren zu untersuchen. Noch vor dem Termin wurde die Anklage auf notorische Ketzerei geĂ€ndert: Spitzel in Luthers Wittenberger Vorlesungen hatten ihn mit gefĂ€lschten Thesen denunziert. Er ersuchte aus gesundheitlichen GrĂŒnden um eine Anhörung auf deutschem Gebiet, wobei er sich auf die Gravamina deutscher Nation berief. Der sĂ€chsische KurfĂŒrst Friedrich der Weise, der ihn ausliefern sollte, unterstĂŒtzte ihn dabei.
Damit wurde Luthers Prozess in politische Interessen verwickelt: Papst Leo X. brauchte den KurfĂŒrsten fĂŒr die anstehende Kaiserwahl und gab seinem Einwand im August 1518 daher statt. Kardinal Thomas Cajetan sollte Luther beim Reichstag zu Augsburg verhören. Vom 12. bis 14. Oktober 1518 sprach Luther dort vor. Er weigerte sich zu widerrufen, wenn er nicht aus der Bibel heraus widerlegt wĂŒrde. FĂŒr Cajetan war er damit als Ketzer ĂŒberfĂŒhrt und hĂ€tte ausgeliefert werden mĂŒssen. Doch Friedrich lehnte dies weiterhin ab. Luther entzog sich der drohenden Verhaftung in der Nacht vom 20. zum 21. Oktober 1518 durch Flucht aus Augsburg.[14]
Im Januar 1519 starb Kaiser Maximilian I.; er hatte seinen Enkel, den spanischen König Karl I., als Nachfolger vorgesehen. Der Papst wollte dies verhindern, da er wegen Karls BesitztĂŒmern in Italien eine Umklammerung des Kirchenstaates fĂŒrchtete. Deshalb lieĂ er Luthers Prozess zunĂ€chst ruhen und beauftragte Karl von Miltitz, den KurfĂŒrsten fĂŒr eine friedliche Lösung zu gewinnen. Der römische Gesandte erreichte, dass Luther sich zum Schweigen verpflichtete.
WĂ€hrend der Verfahrenspause stellte Eck Thesen fĂŒr ein StreitgesprĂ€ch mit Luthers Wittenberger Dozentenkollegen Andreas Bodenstein (genannt Karlstadt) auf. Sie richteten sich so klar gegen Luther, dass dieser sein Schweigen brach und vom 4. bis 14. Juli 1519 persönlich an der Leipziger Disputation teilnahm. Dort spitzte Eck den Konflikt auf die Frage der PapstautoritĂ€t zu; Luther wagte nun die These, der Papst sei de jure erst seit 400 Jahren â dem Decretum Gratiani, das pĂ€pstliches mit kanonischem Recht gleichstellte â FĂŒhrer der Christenheit.
Eck versuchte Luther dann als AnhĂ€nger des 100 Jahre zuvor als Ketzer verbrannten Jan Hus zu ĂŒberfĂŒhren; Luther warf Rom im Gegenzug die Abspaltung der Orthodoxie vor. Er ordnete nun auch das Konzil von Konstanz der AutoritĂ€t der Heiligen Schrift unter. Dieses hatte das Nebeneinander von drei PĂ€psten zwar beendet, aber die AutoritĂ€tsfrage â Konzil oder Papst â nicht geklĂ€rt. In diesem Kontext fiel Luthers Satz: âAuch Konzile können irren.â Damit stellte er die individuelle Gewissensfreiheit im Hören auf die Bibel auch ĂŒber autoritative Konsensentscheidungen der Bischöfe. Dies war faktisch der Bruch mit der katholischen Kirche.
Nachdem Karl am 28. Juni 1519 doch zum Kaiser gewĂ€hlt worden war, nahm die Kurie Luthers Prozess wieder auf. Nach einem weiteren ergebnislosen Verhör vor Cajetan erlieĂ der Papst am 15. Juni 1520 die Bannbulle Exsurge Domine. Sie verdammte 41 aus dem Zusammenhang gerissene und teilweise verdrehte SĂ€tze Luthers ohne BegrĂŒndung und Widerlegung, setzte ihm eine Frist von 60 Tagen zur Unterwerfung und drohte ihm den Kirchenbann (Ausschluss) an.
Dennoch widmete Luther im Oktober 1520 Papst Leo seine Schrift Von der Freiheit eines Christenmenschen und appellierte an ein neues Konzil. Am 10. Dezember aber vollzog er den endgĂŒltigen Bruch, indem er auf Verbrennungen seiner BĂŒcher mit der Verbrennung der Bulle sowie einiger Schriften der Scholastik und des kanonischen Rechts vor dem Wittenberger Elstertor antwortete. Daraufhin wurde er am 3. Januar 1521 mit der Bannbulle Decet Romanum Pontificem exkommuniziert.
Dies und seine reformatorischen Hauptschriften machten Luther nun im ganzen Reich bekannt. Der Buchdruck, die allgemeine soziale Unzufriedenheit und politische Reformbereitschaft verhalfen ihm zu einem auĂergewöhnlichen publizistischen Erfolg: Bis zum Jahresende waren bereits 81 Einzelschriften und Schriftsammlungen von ihm erschienen, vielfach in andere Sprachen ĂŒbersetzt, in insgesamt 653 Auflagen.[15] In vielen LĂ€ndern regten sich Ă€hnliche Reformbestrebungen, die nun sehr stark von den politischen Spannungen zwischen FĂŒrstentĂŒmern und ZentralmĂ€chten bestimmt wurden.
KurfĂŒrst Friedrich der Weise erreichte durch zĂ€hes Verhandeln, dass Luther seine Position vor dem nĂ€chsten Reichstag nochmals erlĂ€utern und verteidigen durfte. Das zeigt den Niedergang der mittelalterlichen Macht von Papst und Kaiser: Karl V. war der letzte Kaiser, den ein Papst krönte. Am 17. April 1521 stand Luther vor dem Reichstag zu Worms, wurde vor den versammelten FĂŒrsten und ReichsstĂ€nden verhört und letztmals zum Widerruf aufgefordert. Nach einem Tag Bedenkzeit und im Wissen, dass dies seinen Tod bedeuten könne, lehnte er mit folgender BegrĂŒndung ab:[16]
â[Da] ⊠mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, ich kann und will nichts widerrufen, weil es gefĂ€hrlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.â
Die oft zitierte Version âHier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amenâ, ist nicht belegt.
Darauf verhĂ€ngte der Reichstag am 26. Mai 1521 das auf den 8. Mai rĂŒckdatierte, vom Kaiser gezeichnete Wormser Edikt ĂŒber ihn:[17] Es verbot unter Berufung auf die Bannbulle des Papstes im gesamten Reich, Luther zu unterstĂŒtzen oder zu beherbergen, seine Schriften zu lesen oder zu drucken, und gebot, ihn festzusetzen und dem Kaiser zu ĂŒberstellen. Die Reichsacht wurde den StĂ€nden jedoch erst nach dem offiziellen Reichstag mitgeteilt, so dass ihre RechtsgĂŒltigkeit vielfach bestritten wurde. Auch so hĂ€tte jeder Luther töten können, ohne dafĂŒr belangt zu werden: Er war nun âvogelfreiâ. GemÀà der Zusage an seinen KurfĂŒrsten erhielt er aber freies Geleit. SpĂ€ter bereute Karl V. diese Zusage, weil die folgende Reformation die Einheit seines Reiches zerstörte.
Der GeĂ€chtete wurde am Abend des 4. Mai 1521 auf dem Heimweg nahe Schloss Altenstein bei Steinbach von Friedrichs Soldaten heimlich entfĂŒhrt und auf der Eisenacher Wartburg festgesetzt, um ihn der Gefahr zu entziehen.
Auf der Wartburg blieb Luther bis zum 1. MĂ€rz 1522 inkognito als âJunker Jörgâ. Auf Anraten Melanchthons ĂŒbersetzte er im Herbst 1521 das Neue Testament in nur elf Wochen ins Deutsche. Als Vorlage diente ihm ein Exemplar der griechischen Bibel des Erasmus von Rotterdam,[18] zusammen mit dessen eigener lateinischen Ăbersetzung sowie der Vulgata. Luthers BibelĂŒbersetzung erschien ab September 1522. 1523 erschien auch Luthers erste TeilĂŒbersetzung des Alten Testaments; beide zusammen erlebten bis 1525 bereits 22 autorisierte Auflagen und 110 Nachdrucke, so dass rund ein Drittel aller lesekundigen Deutschen dieses Buch besaĂ.[19] 1534 ĂŒbersetzte Luther auch das ĂŒbrige Alte Testament aus damals wiederentdeckten Handschriften der Masoreten; beide Testamente zusammen bilden die berĂŒhmte Lutherbibel.
Damit machte Luther biblische Inhalte auch dem einfachen Volk zugĂ€nglich. Zwar gab es vorher schon 14 hochdeutsche und vier niederdeutsche gedruckte Bibelausgaben, jedoch waren diese Ăbersetzungen durch ihr âgestelztesâ Deutsch fĂŒr das einfache Volk schwer verstĂ€ndlich. Vor allem fuĂten sie auf der Vulgata, der die griechische Septuaginta zugrunde lag: Sie hatten also zuvor mindestens zwei Ăbersetzungsschritte hinter sich. Luther dagegen bemĂŒhte sich wie die Humanisten um eine möglichst direkte Ăbersetzung der hebrĂ€ischen und griechischen Urtexte.
Er ĂŒbersetzte weniger wörtlich, sondern versuchte, biblische Aussagen nach ihrem Wortsinn (sensus literalis) ins Deutsche zu ĂŒbertragen. Dabei legte er die Bibel gemÀà seiner Auffassung von dem, âwas Christum treibetâ â Gottes Gnade in Christus als Ziel und Mitte der ganzen Schrift â aus. Er wollte âdem Volk aufs Maul schauenâ und verwendete daher eine krĂ€ftige, bilderreiche, volkstĂŒmliche und allgemein verstĂ€ndliche Ausdrucksweise. Sie wirkte stil- und sprachbildend fĂŒr Jahrhunderte. So ersann er AusdrĂŒcke wie Feuertaufe, Bluthund, Selbstverleugnung, Machtwort, Schandfleck, LĂŒckenbĂŒĂer, Gewissensbisse, LĂ€stermaul und Lockvogel. Metaphorische Redewendungen wie âPerlen vor die SĂ€ue werfenâ, âein Buch mit sieben Siegelnâ, âdie ZĂ€hne zusammenbeiĂenâ, âetwas ausposaunenâ, âim Dunkeln tappenâ, âein Herz und eine Seeleâ, âauf Sand bauenâ, âWolf im Schafspelzâ und âder groĂe Unbekannteâ gehen auf ihn zurĂŒck.[20]
Seine Sprachform war das Ostmitteldeutsche seiner Heimat, in dem nord- und sĂŒddeutsche Dialekte schon verschmolzen waren. Aber erst durch Luthers BibelĂŒbersetzung entwickelte sich dieser Dialekt zum gemeinsamen Hochdeutsch. Sie gilt auch dichterisch als groĂe Leistung, da sie bis in den Silbenrhythmus hinein durchdacht war.[21]
Protestanten verwenden die Lutherbibel nach mehreren revidierten Neuauflagen bis heute; die bislang letzte Revision stammt von 1984. Sie ist auch eine wichtige Basis der Kirchenmusik: Viele Kompositionen verwenden Luthers Textfassung fĂŒr ChorĂ€le, Kantaten, Motetten usw.
In Wittenberg predigte Karlstadt inzwischen fĂŒr weitreichende Gottesdienstreformen: gegen die Klöster, Opfergebete, Bilder in Kirchen und fĂŒr das Abendmahl mit dem Laienkelch. Ab 1522 setzte der Stadtrat die Neuerungen um und beschloss auch MaĂnahmen gegen Armut und Unzucht, wie sie Luther in seinen Schriften von 1520 vorgeschlagen hatte. Doch die Tumulte ebbten nicht ab: Viele Nonnen und Mönche verlieĂen nun in Sachsen die Klöster. Die Zwickauer Propheten, die unter dem VisionĂ€r Nikolaus Storch und dem LutherschĂŒler Thomas MĂŒntzer gegen die Kindertaufe vorgingen und deshalb aus Zwickau ausgewiesen worden waren, verschĂ€rften die Unruhe.
Daraufhin folgte Luther dem Hilferuf der StadtvĂ€ter und kehrte im MĂ€rz nach Wittenberg zurĂŒck. Mit den acht Invokavitpredigten ĂŒberzeugte er die BĂŒrger binnen einer Woche von maĂvollen Reformen. Die Liebe, nicht Ă€uĂere Dinge seien entscheidend; Bilderbeseitigung sei unnötig, da Bilder nicht schadeten. Bis auf die Opfergebete lieĂ er die römische Messordnung unverĂ€ndert, fĂŒhrte aber daneben das evangelische Abendmahl ein. Nachdem der alte Stadtpfarrer Simon Heins Anfang September 1523 gestorben war, wurde Johannes Bugenhagen auf Luthers Empfehlung um den 25. Oktober 1523 vom Rat der Stadt und den Vertretern der Gemeinde Wittenberg als Stadtpfarrer an der Stadtkirche gewĂ€hlt. Damit kehrte Ruhe ein, und Karlstadt verlieĂ die Stadt. Am 9. Oktober 1524 gab Luther seine Lebensform als Mönch auf.[22]
Mit Luthers Abgrenzung von den âSchwĂ€rmernâ fiel eine Vorentscheidung fĂŒr den Verlauf der Reformation: Der radikale Bruch mit katholischen Gottesdienstformen blieb ebenso aus wie gleichzeitige tiefgreifende Sozialreformen. DafĂŒr erfuhr Luther nun UnterstĂŒtzung der Böhmischen BrĂŒder und der Utraquisten (gemĂ€Ăigte Hussiten). Am 29. Oktober 1525 hielt er die erste deutsche Messe ab. Ab Weihnachten wurde sie in Wittenberg ĂŒblich. Im folgenden Jahr veröffentlichte Luther eine Gottesdienstordnung.
Katharina von Bora war gemeinsam mit weiteren acht Nonnen zu Ostern im April 1523 aus dem Kloster Nimbschen (Zisterzienserinnen) geflohen und lebte seitdem in Wittenberg.[23] Luther verlobte sich mit ihr am 13. Juni und heiratete sie am 27. Juni 1525. Die Heirat entsprach seiner Lehre, dass die Ehe kein Sakrament sei. Zudem lehnte er den Zölibat ab und hatte die Auflösung der Klöster verlangt.
Katharina war ihm in seinen persönlichen Problemen eine groĂe Hilfe. Durch Beherbergung von Studenten, die zahlreiche AussprĂŒche Luthers aufschrieben, beugte sie wirtschaftlichen Nöten vor. Luther hatte mit ihr sechs Kinder:
Derzeit leben rund 2.800 Nachkommen von ihnen und Luthers Geschwistern, die als âLutheridenâ organisiert sind.[24] Sofern sie den Nachnamen Luther tragen, stammen sie meist von Martin Luthers jĂŒngerem Bruder Jakob (1490â1571) ab.[25] Der letzte direkte Nachkomme Luthers im Mannesstamm war Martin Gottlob Luther (â 1759).[26]
Luthers Wappen war die âLutherroseâ, deren Symbolik er in einem Brief vom 8. Juli 1530 beschrieb.[27]
Von seinen Biografen sehr wenig beachtet, aber â auch durch viele eigene ĂuĂerungen â auĂerordentlich gut belegt ist die Tatsache, dass Luther fast zeit seines Lebens an zahlreichen Krankheiten litt. Zu seinen oft wiederkehrenden Leiden zĂ€hlen vor allem Angina pectoris, Magenschmerzen, Verstopfung, SchwindelanfĂ€lle, Nierensteinleiden und Tinnitus. Vieles davon war offenbar eine Folge seiner enormen physischen und psychischen Belastungen, aber aus heutiger Sicht ebenso eines ungesunden Lebenswandels.
In deutschen Gebieten kam es 1524 bis 1526 zum GroĂen Bauernkrieg. Ausgehend von schweizerischen, schwĂ€bischen und badischen Bauern breiteten sich die AufstĂ€nde wie ein FlĂ€chenbrand aus. Auch einige StĂ€dte schlossen sich an, da die Unzufriedenheit mit FĂŒrsten und Bischöfen allgemein sehr groĂ geworden war.
Mit den 12 Artikeln gaben sich die AufstĂ€ndischen einheitliche Ziele, die von der bloĂen Wiederherstellung ihrer Gewohnheitsrechte bis zur Aufhebung der Leibeigenschaft und zu demokratischen Grundrechten reichten. Sie beriefen sich dabei auf das âgöttliche Rechtâ und Luthers Schriftprinzip sola scriptura. Wie er erklĂ€rten sie sich bereit, ihre Forderungen fallenzulassen, sobald man ihnen aus der Bibel ihr Unrecht beweise. Dies gab ihren schon frĂŒher religiös begrĂŒndeten Hoffnungen auf soziale Befreiung erstmals Durchschlagskraft.[28]
Luther distanzierte sich von den 12 Artikeln wegen ihrer aus seiner Sicht falschen Berufung auf die Bibel. Im April 1525 bemĂŒhte er sich in einer Flugschrift jedoch um eine gĂŒtliche Einigung und ein abgewogenes Urteil, griff einige berechtigte Forderungen der Bauern auf und wies sowohl sie als auch die FĂŒrsten zurecht. Doch nachdem einige Bauern einen Grafen und seine Begleiter ermordet hatten (Weinsberger Bluttat), verfasste Luther seine Schrift Wider die mörderischen Rotten der Bauern. In ihr verdammte er die AufstĂ€nde nunmehr als Werk des Teufels und forderte alle FĂŒrsten â unabhĂ€ngig von ihrer Konfession â dazu auf, die Bauern mit aller notwendigen Gewalt niederzuschlagen. Daraufhin verstĂ€rkten die FĂŒrsten, bei denen Luthers Wort Gewicht hatte, ihr Gegenheer.
1525 erreichten die AufstĂ€nde auch ThĂŒringen und Sachsen. Hier war Thomas MĂŒntzer zum WortfĂŒhrer der Bauern geworden. Anfangs hatte er wie Luther versucht, die LandesfĂŒrsten fĂŒr Reformen zu gewinnen. Nachdem Luther den KurfĂŒrsten ermutigt hatte, MĂŒntzers Forderungen abzulehnen, wurden dessen eigenstĂ€ndige Reformversuche in Allstedt verboten. Nun ĂŒbernahm MĂŒntzer die FĂŒhrung des Bauernheeres und wollte es nach Mansfeld fĂŒhren, um den dort ansĂ€ssigen Grafen zu entmachten. Bei Bad Frankenhausen wurde sein Heer vom FĂŒrstenheer gestellt und umzingelt. Die Bauern waren nur mit Schlegeln und Sensen bewaffnet und hatten kaum Kampferfahrung. MĂŒntzer war kein MilitĂ€rfĂŒhrer, sondern ein wortgewaltiger Prediger. Nach Scheinverhandlungen trieben die berittenen Soldaten die Bauern auseinander und richteten ein Blutbad an, bei dem etwa 5000 Bauern ermordet wurden. MĂŒntzer wurde wenige Tage spĂ€ter gefasst und enthauptet.
Nach dieser Niederlage wurden alle ĂŒbrigen AufstĂ€nde nach und nach niedergeschlagen. Man schĂ€tzt, dass im deutschen Sprachraum 75.000 bis 130.000 Bauern dabei ihr Leben verloren. Nur in einigen sĂŒddeutschen StĂ€dten und Gebieten wurden einige ihrer Forderungen erfĂŒllt; vielfach wurden ihre Lasten dagegen sogar noch verschĂ€rft. Nach diesem ersten Revolutionsversuch dauerte es ĂŒber 300 Jahre, bis der Feudalismus, und 400, bis die Monarchie in Deutschland ĂŒberwunden wurde.
Hinter Luthers Ablehnung der BauernaufstĂ€nde stand sein ZerwĂŒrfnis mit MĂŒntzer. Dieser hatte als LutherschĂŒler in der Bibel Impulse fĂŒr die soziale Revolution gefunden. Er glaubte, es sei Gottes Wille, die Lage der Elenden direkt zu Ă€ndern und die politischen VerhĂ€ltnisse dem kommenden Reich Gottes anzugleichen, um so auch die Ungebildeten zum Empfang des Evangeliums bereit zu machen. Luther dagegen lehnte die unmittelbare Verwendung der Bibel fĂŒr politische Ziele strikt ab und wehrte sich schon 1521 gegenĂŒber Ulrich von Hutten dagegen, âmit Gewalt und Mord fĂŒr das Evangelium [zu] streitenâ. Er unterschied den âweltlichenâ vom âgeistlichenâ Bereich; zwar begegne der Christ in beiden Gottes Willen, aber in verschiedener Gestalt. Die biblischen Gebote gĂ€lten nur fĂŒr die GlĂ€ubigen; wer sie direkt auf die Politik ĂŒbertrage, gefĂ€hrde das Evangelium, das die Gewissen befreien und nicht durch neue Gesetze versklaven solle (siehe dazu Zwei-Reiche-Lehre). Daher begrĂŒĂte er MĂŒntzers Ende als gerechte Strafe fĂŒr den âTeufelâ, der gegen Gottes Ordnung rebelliert habe. Trotzdem fĂŒhlte er sich mitverantwortlich fĂŒr das Gemetzel, das nicht zuletzt auf seinen Aufruf hin geschehen war. Mit seiner Empfehlung des Weingartner Vertrages unterschied er weiterhin fĂŒr ihn berechtigte von unberechtigten Reformen.[29]
Seit 1525 verlor die Reformation ihren Charakter als Volksbewegung und wurde zur Angelegenheit der LandesfĂŒrsten, die aus der Niederlage der Bauern gestĂ€rkt hervorgingen. Konsequenz der Zwei-Reiche-Lehre wĂ€re eigentlich ein völliger Neuaufbau der Kirche auf alleiniger Basis der reformatorischen Theologie gewesen. Luther hielt jedoch wie die meisten Zeitgenossen eine konfessionelle Vielfalt innerhalb eines Territoriums fĂŒr undurchfĂŒhrbar und empfahl AndersglĂ€ubigen, auszuwandern. Da sich in deutschsprachigen Gebieten zunĂ€chst kein katholischer Bischof der Reformation anschloss und eine willkĂŒrliche Ausgrenzung AndersglĂ€ubiger fĂŒr Luther von Gott verbotene AmtsanmaĂung war, bat er 1525 den sĂ€chsischen KurfĂŒrsten darum, als herausragendes Mitglied der Kirche deren Visitation, also die ĂberprĂŒfung des Klerus auf Glaubenstreue und AmtsfĂŒhrung im Sinne des Evangeliums, anzuordnen. Dieses pragmatische und situationsbedingte Notkonzept wurde in evangelischen Gebieten bald zur Regel und begĂŒnstigte dort die Entwicklung zu konfessionellen Landeskirchen, die von den LandesfĂŒrsten geschĂŒtzt, aber auch gelenkt und abhĂ€ngig waren.[30]
Als die katholischen ReichsstĂ€nde 1529 auf dem zweiten Reichstag zu Speyer die Aufhebung der bisherigen partiellen Duldung der Evangelischen durchsetzten, legten die evangelischen StĂ€nde (fĂŒnf FĂŒrstentĂŒmer und 14 StĂ€dte aus Oberdeutschland) die Protestation zu Speyer ein. Seitdem nennt man die evangelischen Christen auch Protestanten. Beim folgenden Reichstag zu Augsburg 1530 wollten Luthers AnhĂ€nger den protestantischen Glauben reichsrechtlich anerkennen lassen. Dazu verfasste Melanchthon das protestantische Glaubensbekenntnis, die âConfessio Augustanaâ, die Kaiser Karl auf dem Augsburger Reichstag ĂŒberreicht und schlieĂlich von ihm geduldet wurde. Luther konnte als GeĂ€chteter nicht daran teilnehmen und unterstĂŒtzte seine AnhĂ€nger von der Veste Coburg aus, kritisierte aber auch einige der Kompromissformeln Melanchthons als zu entgegenkommend.
In den TĂŒrkenkriegen (1521â1543) benutzte Luther die Gefahr der osmanischen Expansion zunĂ€chst fĂŒr seine kirchenpolitischen Zwecke. Er erklĂ€rte, dass es zunĂ€chst gelte, den âinneren TĂŒrkenâ, also den Papst zu besiegen, bevor man sich daran machen könne, gegen den GroĂtĂŒrken von Istanbul loszuschlagen, die er beide fĂŒr Inkarnationen des Antichristen hielt. Als die Gefahr aber mit der Belagerung Wiens durch die Truppen Sultan SĂŒleymans 1529 auch Mitteleuropa betraf, differenzierte er seine Haltung. In seiner Schrift Vom Kriege wider die TĂŒrken erlĂ€uterte er, dass der Papst den TĂŒrkenkrieg bisher nur als Vorwand zum Kassieren von Ablassgeldern benutzt habe. Die Misserfolge in der Abwehr der osmanischen Expansion erklĂ€rte er mit seiner Zwei-Reiche-Lehre: Es sei nun einmal nicht Aufgabe der Kirche, zu Kriegen aufzurufen oder sie selbst zu leiten â dies eine deutliche Anspielung auf den ungarischen Bischof PĂĄl Tomori, der als einer der Kommandanten fĂŒr die verheerende Niederlage von Mohacs verantwortlich war. FĂŒr die Verteidigung gegen die TĂŒrken sei allein die weltliche Obrigkeit zustĂ€ndig, der jeder Mensch Gehorsam schulde, die aber mit dem Glauben nichts zu tun habe. Mit dieser Argumentation war jede Vorstellung von einem Kreuzzug gegen die Osmanen unvereinbar. Den Krieg gegen die TĂŒrken selbst rechtfertigte Luther als Verteidigungskrieg und mahnte zu gemeinsamem Handeln.
Diese rigide Trennung von geistlichen und weltlichen ZustĂ€ndigkeiten hob Luther wenige Monate spĂ€ter wieder auf, als er im Herbst 1529 in seiner Heerpredigt wider die TĂŒrken als Feinde Christi und eschatologische Vorzeichen des bevorstehenden JĂŒngsten Gerichts hinstellt und es zur Aufgabe auch und gerade der Christen erklĂ€rt, âgetrost dreinzuschlagenâ. Mit diesen entschiedenen Tönen wollte er VorwĂŒrfen den Boden entziehen, er habe sich durch Untergraben der Einheit des Christentums zum Handlanger der TĂŒrken gemacht.[31]
So befĂŒrwortete er gegen seinen Grundsatz âKetzer verbrennen ist wider den Willen des Heiligen Geistesâ (1519) die Verfolgung der TĂ€uferbewegung. 1535 beendeten katholische und evangelische FĂŒrsten gemeinsam das TĂ€uferreich von MĂŒnster. 1543 erschien Von den Juden und ihren LĂŒgen (s. u.), 1545 Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet.
Trotz eines schon lĂ€nger wĂ€hrenden Herzleidens reiste Luther im Januar 1546 ĂŒber Halle nach Eisleben, um einen Streit des Grafen von Mansfeld zu schlichten. Er starb am Zielort am 18. Februar 1546. Das heutige Haus Andreaskirchplatz 7 wird als sein Sterbehaus bezeichnet. Sein Leichnam wurde nach Wittenberg ĂŒberfĂŒhrt und am 22. Februar in der Schlosskirche beigesetzt. Vormund seiner Kinder wurde sein treuer AnhĂ€nger und Freund, der Arzt MatthĂ€us Ratzenberger.
Luthers theologisches Denken ist Ă€uĂerst komplex. Viele seiner Schriften, Predigten, Vorlesungen, Kommentare und Disputationen lassen sich nur kontextuell aus Situation, Anlass, Zweck erklĂ€ren; erst in der Gesamtschau werden tragende Grundlinien seiner Theologie erkennbar.
Man teilt Luthers Werke historisch-genetisch in vier Phasen ein, die jedoch nicht exakt abgrenzbar sind:
Systematisch wird Luthers Theologie oft mit dem vierfachen Sola/Solus zusammengefasst:
Schon in seinen Randglossen zu verschiedenen KirchenvĂ€tern (1509/10) setzt Luther eigene theologische Akzente gegenĂŒber der Scholastik. Er betont:
Diese Radikalisierung auf der Seite der menschlichen Antwort auf Gottes Wort zieht Luthers Probleme mit dem VerstÀndnis der Gerechtigkeit Gottes selber nach sich.
In seiner 1. Psalmenvorlesung (1512/13) wird zum einen Luthers genaue Kenntnis aller damaligen theologischen Denkschulen sichtbar, zum anderen sein selbstĂ€ndiger und eigenwilliger Umgang damit: Er schaltet scholastische Begriffe bei der Bibelexegese weitgehend aus und grenzt den Wortlaut der Bibel gegen die ĂŒberkommenen, besonders aristotelischen Deutungsmuster ab. Dabei fasst er den wörtlichen Sinn (sensus literalis) des Bibeltextes unmittelbar als Hinweis auf Christus auf, so dass ihm Christus selbst zum Ausleger der Psalmen wird: Dieser ist fĂŒr Luther der Geist in allen Buchstaben, der Grundtext, der sich selbst mitteilt und den Glauben an ihn schafft. Dies stellt den Menschen vor die fundamentale Alternative, sein Dasein entweder aus dem Gesetz oder dem Glauben, dem Sichtbaren oder dem Unsichtbaren, der sinnlichen Wahrnehmung oder dem Von-Gott-erkannt-Sein heraus zu verstehen. Das, was Menschen aus dieser wahrnehmbaren Welt heraus fĂŒr das höchste, göttliche Wesen halten und erklĂ€ren, könne im Angesicht Jesu Christi dann nur der Gipfel ihrer Selbstgerechtigkeit und Heuchelei sein. Eine Vermittlung ist undenkbar.[32]
Damit reiĂt Luther den ausschlieĂenden Gegensatz zwischen der theologia crucis (dem aktuellen Urteil Gottes im Gekreuzigten) und der theologia gloriae (dem zum Eigenruhm menschlichen Erkenntnisvermögens geschaffenen Gottesbegriff der aristotelischen Metaphysik) auf, den er spĂ€testens in seiner Römerbriefvorlesung (1515) und dann in der Heidelberger Disputation (1518) ausfĂŒhrt.
Mit dieser Adelsschrift wendet sich Luther auf Deutsch an die weltlichen FĂŒrsten, denen er die DurchfĂŒhrung der reformatorischen MaĂnahmen ĂŒbertragen will, da die Bischöfe darin nach seiner Meinung versagt haben. Luther argumentiert,[33] dass sich das römische Papsttum â Luther spricht von âRomanistenâ â vor der Reformation hinter drei Mauern verstecke:
AuĂerdem schlĂ€gt Luther in der Schrift ein politisches Reformprogramm vor. So soll Bildung allen zugĂ€nglich sein, nicht nur dem Klerus. Der Zölibat und der Kirchenstaat sollen abgeschafft, das Zinsnehmen eingeschrĂ€nkt und das Betteln verboten werden. DafĂŒr soll es eine geregelte ArmenfĂŒrsorge geben.
Luthers diesbezĂŒgliche Ansichten beendeten die spĂ€tmittelalterische Polarisierung von Staat und Kirche. Luther verwarf das Papsttum, das (katholische) Bischofsamt und das Sakrament der Priesterweihe. Nach seiner Auffassung des Neuen Testaments kommt âallen GlĂ€ubigen das allgemeine Priestertumâ zu. Damit stellte sich das Problem, welche Verfassung (Kirchenordnung) die evangelische Kirche haben sollte. FĂŒr Luther haben die Geistlichen keinen sakramentalen Sonderstatus. Ihre theologische Ausbildung befĂ€higt sie, die Gemeinde zu leiten, insbesondere im Gottesdienst, und sie sind im Unterricht und in der Seelsorge tĂ€tig. Jede Kirchengemeinde hat das Recht, ihre theologischen Lehrer (Pfarrer) durch eine Wahl selbst zu bestimmen und gegebenenfalls wieder abzuwĂ€hlen (Die Schrift DaĂ eine christliche Versammlung oder Gemeine Recht und Macht habe, alle Lehre zu beurteilen und Lehrer zu berufen, ein- und abzusetzen. 1523). Dieser Grundsatz konnte aber in den deutschen Gemeinden wegen der UnselbstĂ€ndigkeit der Laien und vor allem wegen der Bedrohung durch die katholischen MĂ€chte unter FĂŒhrung Kaiser Karls V. nicht verwirklicht werden. (Die ersten dieser Angriffe erfolgten im Klevischen Krieg 1543 und im Schmalkaldischen Krieg 1546/47. Luther starb kurz vor Ausbruch dieses Kriegs am 18. Februar 1546.) Deshalb musste Luther trotz seiner grundsĂ€tzlichen Trennung von Kirche und Staat (Zwei-Reiche-Lehre) die evangelisch gewordenen Landesherren bitten, als kirchliche OrdnungskrĂ€fte tĂ€tig zu werden. Das war von ihm als zeitlich beschrĂ€nkter Notbehelf (Luther: "Notbischöfe") gedacht. Er konnte nicht vorhersehen, dass die Landesherren auf diesen Machtzuwachs nicht mehr verzichten wĂŒrden, so dass das landesherrliche Kirchenregiment bis 1918 Bestand hatte. Nach diesem Zeitpunkt ĂŒbernahmen die deutschen lutherischen Landeskirchen das im Calvinismus entwickelte Synodalsystem. Auf der Ebene der Kirchengemeinden gab es schon seit dem spĂ€ten 19. Jahrhundert KirchengemeinderĂ€te (Presbyterien, GemeindekirchenrĂ€te), die zusammen mit dem Ortspfarrer die Gemeinde leiteten. Sowohl im landesherrlichen Kirchenregiemnt als auch in den lutherischen Staatskirchen in Skandinavien hatte der Landesherr bzw. König keine geistliche Funktion, aber er berief nur ihm genehme Theologen und Juristen in die oberste Kirchenbehörde (Konsistorium), die in seinem Auftrag die lutherische Kirche des Landes leitete (Verbindung von âThron und Altarâ). In Deutschland haben sich territoriale Strukturen bis heute in den evangelischen Landeskirchen erhalten.[34]
Diese lateinisch abgefasste Schrift behandelt die Sakramente und reduziert ihre Anzahl unter Berufung auf die Einsetzungsworte Jesu von sieben auf drei â Taufe, Abendmahl und BuĂe (Beichte). Da er bei Letzterem in der Frage der âMaterieâ (nicht der Einsetzung durch Christus) unsicher ist, spricht er von zwei Sakramenten und einem sakramentalen Zeichen. Doch nicht die Reduktion der Zahl der Sakramente ist das Bahnbrechende, sondern die neue Auffassung, sie vom Wort her zu verstehen. Das gepredigte Wort hat sakramentalen Charakter. Im Wort und durch das Wort wird das Heil vermittelt und zugewendet. Vertraut der Mensch mit seiner ganzen Existenz der Zusage, dass seine SĂŒnden vergeben und er ein Kind Gottes ist, âglaubtâ er und ist âgerechtfertigtâ, das heiĂt, er ist so, wie Gott ihn haben will. Luther beruft sich dabei auf Paulus: âSo kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Gottesâ (Röm. 10, 17). Luther sieht im Sakrament nicht mehr göttliches Gnadenmittel, sondern das sichtbare Zeichen der göttlichen VerheiĂung. Die Sakramente veranschaulichen die WortverkĂŒndigung, fĂŒgen ihr aber nichts hinzu. Zudem dienen sie der Vergewisserung: So gewiss wie der Glaubende das Taufwasser spĂŒrt und Brot und Wein in seinem Mund schmeckt, so gewiss darf er sein, dass er Gottes geliebtes Kind ist. Hier liegt die eigentliche, bis heute trennende Grenzlinie zum katholischen und orthodoxen Sakraments- und KirchenverstĂ€ndnis.
Die 1520 von Luther verfasste Schrift Von der Freiheit eines Christenmenschen handelt von der âevangelischen Freiheitâ, die das Leben eines Christen ausmache. Luther fasst sie in Anlehnung an Paulus von Tarsus in zwei SĂ€tzen zusammen, die sich dialektisch ergĂ€nzen und bedingen:
Der vergeblich um eine VerstĂ€ndigung im Ablassstreit bemĂŒhte Georg Miltitz riet Luther, diese Schrift Papst Leo zu widmen, um die endgĂŒltige Exkommunikation noch abzuwenden. Doch nach dem Verbot seiner Schriften setzte Luther den Papst noch im selben Jahr mit dem Antichristen gleich.
Luthers Kritik an der römischen Transsubstantiationslehre betraf nicht die RealprĂ€senz (wirkliche Gegenwart) von Christi Leib und Blut in den Elementen von Brot und Wein. Darin war er durchaus mit den römischen Theologen einig. Mit Melanchthon entwickelte Luther eine Ansicht, die spĂ€ter polemisch von reformierter Seite Konsubstantiationslehre genannt wurde: Die Kommunikanten nehmen den wirklichen Leib und das wirkliche Blut Jesu Christi âin, mit und unterâ Brot und Wein entgegen. Brot und Leib Christi, sowie Wein und Blut Christi seien in âsakramentaler Einheitâ (Luther, Vom Abendmahl Christi) durch die Einsetzungsworte miteinander verbunden. Brot und Wein verschwĂ€nden ihrer Substanz nach nicht. Damit wird ein zentrales Problem der Transsubstantiationslehre beseitigt, nĂ€mlich die nach lutherischer, aber auch schon innerscholastischer Kritik der Schöpfungslehre widersprechende Auffassung, dass die Substanzen von Brot und Wein vergehen, um Leib und Blut Christi als den neuen Substanzen in den Akzidenzien von Brot und Wein Raum zu machen.
Luthers Kritik betraf auch den Rang als Dogma, den die Transsubstantiationslehre in der römischen Kirche seit dem VI. Laterankonzil (1214/1215) hat. Die Transsubstantiationslehre hĂ€lt er fĂŒr unbiblisch, da sie aus der aristotelisch-platonischen Philosophie abgeleitet und erklĂ€rt wird. Polemisch spricht Luther von âSophistereiâ. Seiner Ansicht nach ist das Sakrament eine besondere Gestalt des Wortes Gottes, nĂ€mlich, wie er in Anlehnung an Augustinus formuliert, sichtbares Wort (verbum visibile).
Die Frage der rechten Form und Bedeutung des Abendmahls und des darin enthaltenen Heils fĂŒr den GlĂ€ubigen teilte die Reformation im Abendmahlsstreit in Lager. Luther hatte in der Zeit seiner Auseinandersetzung mit Karlstadt 1524 seine Auffassung von der wirklichen Gegenwart (RealprĂ€senz) des Leibes und Blutes Christi beibehalten und ausgebaut, die er schon ansatzweise 1520 in Auseinandersetzung mit der anders gelagerten römischen Option und in der Korrespondenz mit den Böhmischen BrĂŒdern 1523 schriftlich zum Ausdruck gebracht hatte. Luthers Rede von der leiblichen Anwesenheit Christi im Abendmahl grĂŒndet sich auf die Einsetzungsworte mit der Stelle âHoc est corpus meumâ (Mt 26,26 LUT; 1 Kor 11,24 LUT) und stellt das âestâ in eine âden Heilsglauben mit einbeziehende Positionâ, d.h. wer es leugnet, entferne sich vom rechtfertigenden Glauben selbst.
Karlstadt Ă€uĂerte Bedenken gegenĂŒber Luther und vertrat eine signitative Interpretation (Brot und Wein bedeuten Leib und Blut Christi) mit mystischem Anklang. UnabhĂ€ngig davon entwickelte in der Schweiz der ZĂŒrcher Ulrich Zwingli ab 1523 eine rein signitative Auffassung der Anwesenheit des Leibes Christi im Abendmahl und wertete das Empfangen als âgeistlichesâ Essen. FĂŒr den GlĂ€ubigen sei das Abendmahl Erinnerungsmahl an den einmaligen Opfertod Christi am Kreuz und allein deshalb geistlich wirksam.
Luther lehnte diese spiritualistische Haltung jedoch als âSchwĂ€rmereiâ konsequent ab. Seit 1525 schwoll die Auseinandersetzung zwischen Wittenberg und ZĂŒrich an. Indem sich Theologen oberdeutscher StĂ€dte wie Augsburg, StraĂburg, NĂŒrnberg und Memmingen positionierten, entbrannte der seit 1526 nun auf breiter literarischer Ebene gefĂŒhrte Abendmahlstreit. Seit 1527 fĂŒhrte Luther einen direkten Schlagabtausch bezĂŒglich der exegetischen Argumente mit Zwingli. Der Streit gipfelte im Marburger ReligionsgesprĂ€ch vom 1. bis 4. Oktober 1529, bei dem sich Luther und Zwingli persönlich begegneten. 15 Artikel wurden als (eine Art) Konkordie niedergeschrieben, wobei der letzte Artikel ĂŒber das Abendmahl als einziger umstritten blieb.
Einig waren sich Luther und Zwingli in folgenden Punkten: Beide lehnten die altglĂ€ubige Lehre von der substantiellen Wandlung des Brotes und des Weins in Fleisch und Blut Christi (Transsubstantiationslehre) ab, ebenso den Gedanken von der Wiederholung des Opfers Christi. Die Messe könne nicht Opferhandlung sein, da Christus nur einmal fĂŒr alle gestorben sei.
Zwingli betonte den symbolischen Sinn der Einsetzungsworte: âestâ meine âsignificatâ. FĂŒr Zwingli war der Vollzug des Abendmahls eine Erinnerung an und ein Bekenntnis zu dem Kreuzestod Jesu. Er betonte also den GedĂ€chtnismahlcharakter. Dabei verwies Zwingli immer wieder auf Johannes 6,63: âDer Geist istâs, der lebendig macht; das Fleisch ist nichts nĂŒtze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben.â FĂŒr Zwingli ergab sich aus dieser Aussage eine DualitĂ€t zwischen Geist und Fleisch. Der geistige Gottesbegriff, so argumentierte Zwingli weiter, gestatte es nicht, von einer leibhaften Gegenwart Christi im Abendmahl zu sprechen. Da Christus mit Leib und Geist in den Himmel gekommen sei, könne seither nur noch von einer geistigen Gegenwart Gottes auf Erden die Rede sein. Leiblich sei Jesus nur von der Geburt bis zur Himmelfahrt auf Erden gewesen; gelitten am Kreuz habe er als Mensch. Seit der Himmelfahrt befinde sich Jesu erhöhte menschliche, d.h. leibliche Natur âzur Rechten Gottes.â Den Satz âChristus sitzt zur Rechten Gottesâ versteht Zwingli demnach örtlich. Da Christus âzur Rechten Gottes sitztâ, ist seiner Meinung nach die RealprĂ€senz der menschlichen Natur Christi beim Abendmahl ausgeschlossen.
Luther dagegen bestritt, dass Johannes 6,63 ĂŒberhaupt etwas mit dem Abendmahl zu tun habe, und verwies auf die vorhergehenden Aussagen des johanneischen Christus: âAmen, amen, das sage ich euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag. Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise und mein Blut ist wirklich ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihmâ (Joh 6,53âff.).
Die âRechte Gottesâ verstand Luther unrĂ€umlich. Christus habe Anteil an der Stellung Gottes und sei, wie Gott selbst, allgegenwĂ€rtig. Menschheit und Gottheit Jesu dĂŒrfen nach Luther nicht getrennt werden. Der örtlichen Begrenzung des Leibes Christi setzte er die UbiquitĂ€tslehre entgegen. Diese besagt, dass Christus auch als der Menschgewordene und zum Vater Heimgekehrte an der göttlichen Allgegenwart teilhabe und ĂŒberall und jederzeit seine leibliche Gegenwart schenken könne.
Luther verfasste 1523 eine erste lateinische Messordnung, die Formula Missae et Communionis pro ecclesia Wittenbergensi, eine gereinigte Form der Messe. Erst 1526 erschien auf DrĂ€ngen von Nikolaus Hausmann die Deutsche Messe und Ordnung Gottesdiensts. Das in dieser Schrift enthaltene Gottesdienstformular war vor allem als Sonntagsgottesdienst fĂŒr die Laien gedacht, die kein Latein verstanden. Am 29. Oktober 1525 hielt Luther in Wittenberg die erste Messe in deutscher Sprache. Daneben war aber auch die lateinische Messe, vor allem an Festtagen, weiterhin vorgesehen, damit die Jugend auch diese erlerne.
Daneben nennt Luther eine dritte Form fĂŒr eine ganz bestimmte Gruppe von Menschen, âdie ienigen, so mit ernst Christen wollen seyn und das Euangelion mit hand und munde bekennenâ.[35] Dabei hat Luther wohl eine Art âKerngemeindeâ vor Augen, die sich in privaten HĂ€usern trifft und Gottesdienst hĂ€lt und wo die Mitglieder sich gegenseitig ermahnen, wenn sie untereinander SĂŒnden begehen, ganz nach dem Befehl Christi. Luthers Vorhaben mit dieser dritten Weise des Gottesdienstes ging in die Richtung einer Integration derjenigen, die ernsthaft nach neutestamentlichen Vorgaben leben mochten. Auch sie sollten neben den anderen einen Platz in der Gemeinde haben, indem ihre BedĂŒrfnisse befriedigt wurden.
Luther war wichtig, dass seine Messordnungen nicht als allgemein verbindlich angesehen werden sollten. Vielmehr sah er sie als Beispiele eines evangeliumsgemĂ€Ăen Gottesdienstes.
Zur Zeit Luthers wurde allgemein die Existenz von Hexen angenommen; auch er selbst glaubte daran. In seiner ErklĂ€rung der Zehn Gebote von 1518 forderte er die Exkommunikation von als Hexen verdĂ€chtigten Frauen. In einer Predigtreihe ĂŒber das Buch Exodus predigte er zwischen MĂ€rz und Mai 1526 auch ĂŒber Ex 22,17 LUT:
âEs ist ein ĂŒberaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an, was bisweilen ignoriert wird, sie können nĂ€mlich Milch, Butter und alles aus einem Haus stehlen [âŠ] Sie können ein Kind verzaubern⊠Auch können sie geheimnisvolle Krankheiten im menschlichen Knie erzeugen, dass der Körper verzehrt wird [âŠ] Schaden fĂŒgen sie nĂ€mlich an Körpern und Seelen zu, sie verabreichen TrĂ€nke und Beschwörungen, um Hass hervorzurufen, Liebe, Unwetter, alle VerwĂŒstungen im Haus, auf dem Acker, ĂŒber eine Entfernung von einer Meile und mehr machen sie mit ihren Zauberpfeilen Hinkende, dass niemand heilen kann [âŠ] Die Zauberinnen sollen getötet werden, weil sie Diebe sind, Ehebrecher, RĂ€uber, Mörder⊠Sie schaden mannigfaltig. Also sollen sie getötet werden, nicht allein weil sie schaden, sondern auch, weil sie Umgang mit dem Satan haben.â
Damit forderte Luther nun wie seine Zeitgenossen die Todesstrafe fĂŒr vermeintliche Schadenszauberei. Obwohl er sich nicht selbst als HexenjĂ€ger betĂ€tigte, fanden 1540 die ersten Hexenverbrennungen in Wittenberg statt.
Zu den ĂŒbrigen Bestandteilen der mittelalterlichen Hexenlehre â Teufelspakt, Teufelsbuhlschaft und gemeinschaftlicher Teufelstanz â Ă€uĂerte sich Luther eher kritisch. Darum beriefen sich spĂ€ter sowohl BefĂŒrworter der Hexenverfolgung als auch Gegner wie Johann Georg Gödelmann (1591) auf ihn.
Luthers Ablehnung des Judentums entstand erst allmĂ€hlich. In seiner Schrift DaĂ Jesus ein Geborner Jude Sei (1523) betonte er, dass Jesus aus Gottes Volk stammte, schloss Gewalt gegen Juden aus und sah ihre gesellschaftliche Isolierung als Hindernis, sie âzu bessernâ, das heiĂt, zum âwahren Glaubenâ zu bekehren. Er nahm an, Juden nach erfolgter Reformation der Kirche eher zu Christen bekehren zu können.
Nachdem er darin enttĂ€uscht worden war und Missionserfolge von Juden an Protestanten erlebt hatte, wandelte er sich zu einem Judenfeind. In seinen SpĂ€tschriften Brief wider die Sabbather an einen guten Freund (1538), Von den JĂŒden und iren LĂŒgen (1543) und Vom Schem Ha Mphoras und vom Geschlechte Christi (1544) erklĂ€rte er die Juden zum Ă€rgsten Feind des Christentums und bezog sich dazu auch â ob zu Recht oder nicht, ist umstritten â auf antijĂŒdische Aussagen des Neuen Testaments. 1543 schrieb er:[36]
âEin solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding istâs um diese Juden, so diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles UnglĂŒck gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen. Wenn ich könnte, wo wĂŒrde ich ihn [den Juden] niederstrecken und in meinem Zorn mit dem Schwert durchbohren. Jawohl, sie halten uns [Christen] in unserem eigenen Land gefangen, sie lassen uns arbeiten in NasenschweiĂ, Geld und Gut gewinnen, sitzen sie dieweil hinter dem Ofen, faulenzen, pompen und braten Birnen, fressen, sauffen, leben sanft und wohl von unserm erarbeiteten Gut, haben uns und unsere GĂŒter gefangen durch ihren verfluchten Wucher, spotten dazu und speien uns an, das wir arbeiten und sie faule Juncker lassen sein ⊠sind also unsere Herren, wir ihre Knechte.â
Darauf folgte ein Sieben-Punkte-Plan zum Umgang mit den Juden:[37]
âErstlich, das man jre Synagoga oder Schule mit feur anstecke und, was nicht verbrennen will, mit erden ĂŒberheufe und beschĂŒtte, das kein Mensch ein stein oder schlacke davon sehe ewiglich Und solches sol man thun, unserm Herrn und der Christenheit zu ehren damit Gott sehe, das wir Christen seien. â Zum anderen, das man auch jre Heuser des gleichen zerbreche und zerstöre, Denn sie treiben eben dasselbige drinnen, das sie in jren SchĂŒlen treiben Dafur mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall thun, wie die Zigeuner, auff das sie wissen, sie seien nicht Herren in unserem Lande. â Zum dritten, das man jnen nehme all jre BetbĂŒchlein und Thalmudisten, darin solche Abgötterey, lĂŒgen, fluch und lesterung geleret wird. â Zum vierten, das man jren Rabinen bey leib und leben verbiete, hinfurt zu leren. â Zum fĂŒnften, das man die JĂŒden das Geleid und StraĂe gantz und gar auffhebe. â Zum sechsten, das man jnen den Wucher verbiete und neme jnen alle barschafft und kleinot an Silber und Gold, und lege es beiseit zu verwaren. â Zum siebenden, das man den jungen, starcken JĂŒden und JĂŒdin in die Hand gebe flegel, axt, karst, spaten, rocken, spindel und lasse sie jr brot verdienen im schweis der nasen.â
Das liest sich wie ein Aufruf zu einem Pogrom und erinnert an einige MaĂnahmen der spĂ€teren Nationalsozialisten gegen die Juden. Historiker weisen demgegenĂŒber darauf hin, dass Luthers Schrift an evangelische FĂŒrsten, nicht an die Bevölkerung gerichtet war. Luther betonte, er wolle nicht die Juden, nur ihre âLĂŒgenâ (den jĂŒdischen Glauben) angreifen und erreichen, dass diese auf keinen Fall weiter verbreitet werden könnten. Dazu verlangte er von den FĂŒrsten in ihren Territorien eine UnterdrĂŒckung und letztlich die Vertreibung aller Juden. Dem folgten diese jedoch nicht.
Ob diese Judenfeindschaft in Luthers Theologie angelegt war oder nur dem Zeitgeist folgte, ist umstritten. Luthers judenfeindliche Klischees unterschieden sich nicht von der katholischer Tradition, aus der er sie ĂŒbernahm; sie erhielten jedoch gröĂeres theologisches Gewicht, als er sie mit seiner Lehre von Gesetz und Evangelium verknĂŒpfte. Darin wies er dem Judentum die Rolle des verworfenen, nur unter Gottes Zorngericht stehenden Volkes zu.
Antisemiten im Kaiserreich wie Adolf Stöcker, spĂ€ter NS-Ideologen wie Alfred Rosenberg und Julius Streicher und Deutsche Christen wie Martin Sasse beriefen sich oft auf solche Aussagen Luthers und rechtfertigten ihren eigenen Antisemitismus damit, obwohl Luther keinen "rassisch" begrĂŒndeten Antisemitismus vertrat. Sie konnten den von Heinrich von Treitschke 1879 geprĂ€gten Satz âDie Juden sind unser UnglĂŒckâ daraus herleiten: âso diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles UnglĂŒck gewesen sind und noch sind.â Viele evangelische Deutsche sahen die nationalsozialistische Rassenpolitik 1933â1945 als Vollstreckung eines angeblich von Luther gewollten nationalen Christentums.
In seinen FrĂŒhschriften warb Luther noch um Toleranz fĂŒr abweichende religiöse Positionen. So schrieb er 1524, dass Ketzern mit der Schrift und nicht mit dem Feuer begegnet werden solle.[38] In seiner Ende 1527 verfassten Schrift Von der Wiedertaufe an zween Pfarrherrn wies Luther die Forderung der reformatorischen TĂ€uferbewegung nach einer Bekenntnistaufe zwar zurĂŒck, kritisierte jedoch auch die bereits begonnenen Verfolgungen der noch jungen Bewegung. So schreibt er, es sei ihm ânicht recht und wahrlich leid, dass man solche elenden Leute so jĂ€mmerlich ermorde, verbrenne und greulich umbringe [âŠ] Man soll einen jeglichen lassen glauben, was er will. Glaubt er unrecht, so hat er genug Strafen an dem ewigen Feuerâ.[39] Allein die tĂ€uferischen AnfĂŒhrer sollten auĂer Landes gewiesen werden.
Ab 1530 jedoch wollte auch Luther die Todesstrafe fĂŒr die TĂ€ufer nicht mehr ausschlieĂen.[40] Dieser Umschwung ist eventuell auf den Einfluss Melanchthons und auf das ein Jahr zuvor vom Reichstag erlassene WiedertĂ€ufermandat zurĂŒckzufĂŒhren. Im Jahr 1531 unterschrieb Luther zusammen mit Melanchthon schlieĂlich ein Gutachten, das sich ausdrĂŒcklich fĂŒr die Todesstrafe fĂŒr TĂ€ufer aussprach. Luther sah die TĂ€ufer nun vor allem unter den Aspekten des Aufruhrs und der Blasphemie. Staatliche Stellen sollten sie nicht wegen ihres abweichenden Glaubens, sondern vor allem aufgrund des durch sie geschĂŒrten Aufruhrs verfolgen.[41] FĂŒr ihn waren die TĂ€ufer von einem âmörderischen, aufrĂŒhrerischen, rachgierigen Geist, dem der Odem nach dem Schwert stinktâ.[42] Die infolge der zunehmenden Verfolgung geheim abgehaltenen ZusammenkĂŒnfte der TĂ€ufer waren fĂŒr Luther âein gewiss Zeichen des Teufelsâ.[43] Luther sprach selbst stets mit anti-tĂ€uferischer Tendenz von WiedertĂ€ufern.[44]
Luther, der ein geĂŒbter SĂ€nger und Lautenspieler war, konnte im polyphonen Stil seiner Zeit schreiben. Er war mit den Werken wichtiger zeitgenössischer Komponisten wie Ludwig Senfl, Pierre de la Rue, Heinrich Finck und Josquin Desprez vertraut und maĂ der Musik gleich nach der Theologie einen hohen Stellenwert zu. Sie habe einen auĂerordentlichen moralischen wie seelischen Einfluss auf den Menschen.[45]
âDenn wir wissen, daĂ die Musik auch den Teufeln zuwider und unertrĂ€glich sei. Und ich sage es gleich heraus und schĂ€me mich nicht, zu behaupten, daĂ nach der Theologie keine Kunst sei, die mit der Musik könne verglichen werden, weil allein dieselbe nach der Theologie solches vermag, was nur die Theologie sonst verschafft, nĂ€mlich die Ruhe und ein fröhliches GemĂŒte.â
â Luther an Ludwig Senfl[46]
Indem Luther der praktischen MusikausĂŒbung (musica practica) eine stĂ€rkere Bedeutung gegenĂŒber der Musiktheorie bzw. Musikphilosophie (musica speculativa) zugestand, vertrat er eine deutlich vom mittelalterlichen VerstĂ€ndnis abgehobene Sichtweise der Musik und der gesellschaftlichen Position des Musikers.[47]
Der Theologe Friedrich Schorlemmer interpretiert Luthers Sicht der Wirkung der Musik als Mittel gegen âZorn, Zank, HaĂ, Neid, Geiz, Sorge, Traurigkeit und Mordâ[48] wie sie dieser in einer Vorrede auf GesangbĂŒcher 1583 in Gedichtform fasste als aus moderner Sicht therapeutische, kathartische, sublimierende und friedensstiftende Funktion von Musik.[49]
Luther sieht die Musik als unabdingbaren Bestandteil der schulischen und universitĂ€ren Ausbildung. Jeder Schulmeister mĂŒsse deshalb singen können und auch der angehende Pfarrer solle theoretische und praktische Fertigkeiten in der Musik mitbringen.[50] Luther betont den pĂ€dagogischen Wert der Musik und fordert von den Herrschenden Schutz und Förderung der Musik. In seinen Tischreden meint er:
âKönige, FĂŒrsten und Herren mĂŒssen die Musica erhalten. Denn grossen Potentaten und Regenten gebĂŒhret, ĂŒber guten freyen KĂŒnsten und Gesetzen zu halten. [âŠ] Man muĂ Musicam von Noth wegen in Schulen behalten. [âŠ] Die Jugend soll man stets zu dieser Kunst gewöhnen, denn sie machet fein geschickte Leute.â
â Luther: Tischreden[51]
âAuch daĂ ich nicht der Meinung bin, daĂ durchs Evangelion sollten alle KĂŒnste zu Boden geschlagen werden und vergehen, wie etliche Abergeistliche fĂŒrgeben, sondern ich wollt alle KĂŒnste, sonderlich die Musica, gerne sehen im Dienst des, der sie geben und geschaffen hat.â
â Luther: Vorrede zum Wittenberger Gesangbuch von 1524[54]
In Bezug auf die Musik in der Kirche war sein Ziel eine aktivere Beteiligung der Gemeinde am Gottesdienst. So plĂ€dierte er dafĂŒr an bestimmten Stellen des Gottesdienstes deutsche Lieder einzufĂŒgen. Seine Vorstellungen zum Einsatz der Musik werden am deutlichsten in seiner Schrift Deutsche Messe und Ordnung Gottesdiensts von 1526 klar. Anstelle der einzelnen Messteile können danach deutschsprachige Gemeindelieder, sogenannte Ordinariumslieder, lateinische Teile ersetzen oder ergĂ€nzen.[55] Dabei genĂŒgte es ihm nicht, den lateinischen Text einfach nur ins Deutsche zu ĂŒbertragen. Die Musik musste den Erfordernissen der deutschen Sprache angepasst werden.[56]
âIch wollte heute gerne eine deutsche Messe haben, ich gehe auch damit um; aber ich wollt ja gerne, daĂ sie eine rechte deutsche Art hĂ€tte. Denn daĂ man den lateinischen Text verdolmetscht, und lateinischen Ton oder Noten behĂ€lt, lasse ich geschehen; aber es lautet nicht artig noch rechtschaffen. Es muĂ beide, Text und Noten, Accent, Weise und Geberbe aus rechter Muttersprache und Stimme kommen; sonst ist Alles ein Nachahmen wie die Affen thun.â
â Zitat Luthers â 6739, XX. 265[57]
Von Luther sind 36 Lieder ĂŒberliefert.[58] Konrad Ameln und Markus Jenny gehen ihrer Publikation in Das deutsche Kirchenlied von insgesamt 45 Liedern und GesĂ€ngen aus, bei denen Luthers Autorschaft wahrscheinlich ist. Bei mindestens 20 dieser Lieder sind die Melodien sicher von ihm selbst. Bei der Arbeit an den Liedern wurde Luther teilweise von dem kurfĂŒrstlichen Sangmeister Konrad Rupff und dem Kantor Johann Walter unterstĂŒtzt.[59]Dabei macht Luther von mannigfaltigen Formen der Ăbersetzung, Erweiterung und Kontrafaktur Gebrauch. Daneben stehen freie Neuschöpfungen von ihm.[60] Er ĂŒbersetzte traditionelle lateinische Texte liturgischer GesĂ€nge, etwa gregorianischer Hymnen, in das Deutsche und verĂ€nderte bei Bedarf die Melodie, um sie dem Duktus der deutschen Sprache und ihren Hebungen und Senkungen anzupassen. Seine eigenen dichterischen FĂ€higkeiten sah er dabei mit ĂuĂerungen wie âgarstige und schnöde Poetereyâ durchaus kritisch.[61] Daneben verwandte er Melodien von Volks- oder Weihnachtsliedern sowie Studenten- oder Kirchenliedern und wandelte sie teilweise geringfĂŒgig ab.[62] Damit war auch ein didaktischer Ansatz verbunden:[63]
âGassenhauer, Reiter- und Bergliedlein christlich, moraliter und sittlich verĂ€ndert, damit die bösen Ă€rgerlichen Weisen, unnĂŒtzen und schandbaren Liedlein auf der Gassen, Feldern, HĂ€usern und anderswo zu singen, mit der Zeit abgehen möchten, wenn man christliche, gute, nĂŒtzliche Texte und Worte darunter haben könnte.â
Luthers Liedschaffen lĂ€sst sich nach verschiedenen Gattungen gliedern.[64] Diese Kategorisierung ist allerdings nicht ausschlieĂlich. Daneben existieren unscharf definierte Klassifizierungen wie âZeitungsliedâ (RöĂler), âBekenntnisliedâ (Veit), âReformationsliedâ und andere.
Die LutherchorÀle erschienen erstmals 1523/24 im Achtliederbuch und dann 1524 in Wittenberg in einem evangelischen Gesangbuch. Sie wurden zu einer SÀule des reformatorischen Gottesdienstes und prÀgten zudem die Geschichte des geistlichen Liedes auf dem europÀischen Kontinent nachhaltig. Eine Zusammenstellung der von Luther in Text oder Melodie beeinflussten Lieder ist unter Liste der Kirchenlieder Luthers zu finden.
Luthers Theologie wird seit 1800, systematisch seit etwa 1900 erforscht. Dabei war ihre Deutung stets eng mit der aktuellen Geschichte des Protestantismus verbunden. Wichtige Lutherforscher waren Theodosius Harnack (konfessionelle preuĂisch-konservative Restauration), Albrecht Ritschl und Wilhelm Herrmann (neukantianischer Individualismus), Karl Holl und Erich Seeberg (Lutherrenaissance), wichtige Lutherinterpreten Friedrich Gogarten, Rudolf Bultmann, Gerhard Ebeling (existentiale Interpretation), Walther von Loewenich, Ernst Wolf, Hans Joachim Iwand (sozialkritisches Luthertum nach 1945).
Wegmarken der Lutherforschung waren die kritische Weimarer Gesamtausgabe, begonnen 1883, eine FĂŒlle zwischen 1900 und 1920 neu aufgefundener Handschriften vor allem des frĂŒhen Luther (Vorlesungen 1509â1518), aber auch des spĂ€ten Luther (Predigtnachschriften, Disputationsprotokolle 1522â1546), die GrĂŒndung der Luthergesellschaft 1917 und nach 1945 zunehmend interkonfessionelle und internationale Lutherkongresse (1956 Aarhus, 1960 MĂŒnster/Westfalen) sowie eine FĂŒlle von Studien zu bestimmten Lebensabschnitten oder Einzelfragen.
Lange Zeit hatte auf evangelischer Seite die Erforschung der reformatorischen Wende das Ăbergewicht; dank der neueren Textfunde und interkonfessioneller Forschungsprojekte wurde allmĂ€hlich das differenzierte und komplexe VerhĂ€ltnis Luthers zur katholischen Tradition aufgehellt.[69]
Luthers JugendeinflĂŒsse und FrĂŒhschriften erforschte zuerst der Kirchenhistoriker Otto Scheel und stellte fest, dass Luther vor seinem Theologiestudium mit keinen hĂ€retischen, humanistischen und kirchenkritischen Strömungen seiner Zeit in BerĂŒhrung gekommen war.[70]
Der schwedische Psychoanalytiker Erik H. Erikson unternahm 1958 den â in der Fachdiskussion heute weithin als ĂŒberholt angesehenen â Versuch, Luthers Theologie aus frĂŒhkindlichen Deformationen seiner SexualitĂ€t und angestauten Schuld- und HassgefĂŒhlen gegenĂŒber seinem Vater zu erklĂ€ren.[71]
Im Laufe des 19. Jahrhunderts bildete sich in Deutschland ein nationaler Mythos aus, der den Reformator zu einem VorkĂ€mpfer deutscher Sprache, deutscher UnabhĂ€ngigkeit und deutscher IdentitĂ€t stilisierte.[72] Einer der Ausgangspunkte dafĂŒr war das Wartburgfest am Reformationstag 1817, bei dem auch eine BĂŒcherverbrennung stattfand, die an Luthers Verbrennung der pĂ€pstlichen Bannbulle und des kanonischen Rechts im Jahre 1520 anknĂŒpfte. Dieses Ereignis stellten verschiedene romantische und akademische Historienmaler dar, so 1806 Franz Ludwig Catel, 1852 Karl Friedrich Lessing oder 1872 Paul Thumann. Ihre Bilder wurden als preiswerte Stahlstiche massenhaft verbreitet.
Diese nationalistische Vereinnahmung Luthers bestimmte auch den Kulturkampf mit. Zum JubilĂ€umsjahr 1883 besuchten Zehntausende die StĂ€tten seines Wirkens. Damals stellte der Historiker Heinrich von Treitschke in seinem Vortrag Luther und die deutsche Nation Luthers angebliches germanisches Erbe als Erfolgsbedingung der Reformation dar und fasste so seine antikatholische, antirepublikanische und damit implizit auch antifranzösische Lutherdeutung zusammen.[73] Auch die Hohenzollern arbeiteten an diesem Mythos mit und finanzierten etwa die Restaurierung der Wittenberger Schlosskirche. Das Bildprogramm der neuen Innenausstattung imaginierte einen genealogischen Zusammenhang zwischen Luther und dem deutschen Kaiser. In die gleiche Richtung zielte der Maler Hermann Wislicenus, der 1877 fĂŒr den Sommersaal der Kaiserpfalz Goslar eine Serie von HistoriengemĂ€lden schuf, die das Kaisertum der Hohenzollern als Wiederauferstehung der Stauferherrschaft und der mittelalterlichen Reichsgeschichte feierte. Als einziges frĂŒhneuzeitliches Thema in diesem Rahmen ist Luthers Auftritt zu Worms vertreten.
Martin Luther gehört zu den am hĂ€ufigsten im Bild dargestellten Personen der deutschen Geschichte. Schon zu Lebzeiten wurden geschĂ€tzte 500 Bilder, davon allein mindestens 306 PortrĂ€ts, von ihm angefertigt; vermutet wird zudem eine hohe Dunkelziffer von Tausenden weiterer unbekannter oder verschollener Abbildungen. Darunter waren Kupferstiche, Grafiken, Holzschnitte, Medaillen, Kupferplatten, Steinreliefs, Lederstempel (BucheinbĂ€nde), Ofenkacheln, Textilien, Glasmalerei und ĂlgemĂ€lde.
Viele der spĂ€teren Lutherbilder beruhen auf elf PortrĂ€ts aus der Manufaktur von Lucas Cranach dem Ălteren, fortgesetzt von seinen Söhnen Hans und Lucas Cranach dem JĂŒngeren. Cranach erhielt dazu als Hofmaler den Auftrag des sĂ€chsischen KurfĂŒrsten. Luther gab sein EinverstĂ€ndnis und saĂ oft âModellâ. Aus der Ăbereinstimmung seiner GesichtszĂŒge auf diesen von 1520 bis 1545 entstandenen PortrĂ€ts schlieĂt man trotz Spalatins Vorgaben auf relative Naturtreue. Originale Federzeichnungen erstellten auĂerdem Johann Wilhelm Reifenstein, der auch die Lutherrose schuf. Das Totenbild schuf Lucas Furtenagel.
Hinzu kommen zeitgenössische, nicht persönlich autorisierte Lutherbilder von fast allen damaligen wichtigen KĂŒnstlern, wie Heinrich Aldegrever, Albrecht Altdorfer, Hans Baldung Grien, Hans Sebald Beham, Jakob Binck, Daniel Hopfer, dessen Bruder Hieronymus Hopfer, Hans Holbein, Jobst Kammerer, Peter Vischer, Hans und Christoph Weiditz. Nur Albrecht DĂŒrer, der Luthers Lehren seit 1520 anhing und wĂŒnschte, ihn abbilden zu dĂŒrfen, fehlt aus unbekannten GrĂŒnden.
Luther war die erste Person des christlichen Mittelalters, die eine bildliche Verehrung Àhnlich wie katholische Heilige erfuhr.[74] Im 19. Jahrhundert wurde mittels Massenproduktion daraus ein bewusst geschaffenes national-heroisches Lutherimage.[75]
DenkmĂ€ler zu Ehren Luthers wurden vor allem in der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts in zahlreichen deutschen StĂ€dten errichtet. HĂ€ufig nehmen sie Bezug auf konkrete Ereignisse im Leben Luthers oder auf einen Aufenthalt in der jeweiligen Stadt. Das Ă€lteste von Johann Gottfried Schadow geschaffene Lutherdenkmal auf dem Wittenberger Marktplatz â zugleich das erste öffentliche Denkmal fĂŒr eine bĂŒrgerliche Persönlichkeit in Deutschland â wurde 1821 enthĂŒllt. Das gröĂte Lutherdenkmal wurde 1868 in Worms eingeweiht. In der Stadtkirche St. Michael in Jena befindet sich seit 1571 Luthers Grabstein. Eine Ăbersicht der nach ihm benannten Kirchen findet sich hier: Lutherkirche
Briefmarkenblock der DDR (1983) zum 500. Geburtstag
Briefmarke der Deutschen Bundespost (1996) zum 450. Todestag
Seit Beginn der Stummfilmzeit existieren Filme zur Biografie Martin Luthers. 2003 erschien der bisher neueste Spielfilm: Luther. Er stellt Luthers Leben vom Ordenseintritt 1505 bis 1530 dar. Martin Luther â Ein Leben zwischen Gott und Teufel, ebenfalls aus dem Jahr 2003, ist eine bekannte Dokumentation.
Kari Tikka veröffentlichte im Jahr 2000 eine Oper namens Luther.
Neal Morses Konzeptalbum Sola Scriptura (von 2007) beschÀftigt sich mit dem Wirken Luthers und seinen Auseinandersetzungen mit der katholischen Elite.
Verwirrungen gab es um Luthers Geburts- und auch das Sterbehaus in Eisleben. Das Geburtshaus ging 1689 in Flammen auf, 1693 errichtete die Stadt auf dem GrundstĂŒck einen wĂŒrdevollen Barockbau, der als eines der ersten Museen in Deutschland gilt. An der Stelle des Sterbehauses am Markt 56 entstand Ende des 16. Jahrhunderts ein Neubau, heute ein Hotel. Die ursprĂŒnglichen EigentĂŒmer zogen in ein Haus am Andreaskirchplatz, das seitdem als das Sterbehaus angesehen wurde. Diese Verwechslung kam durch einen Irrtum in der Erforschung der Baugeschichte zustande.[76]
Von Luther sind zahlreiche Schriften, Predigten, Briefe und Tischreden ĂŒberliefert, viele davon durch Sammlungen und Abschriften von Georg Rörer.
Biographien
Quellen
Luther und die Juden
Luther und die Hexenverfolgung
Luther und sein Testament (1542)
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Dieser Artikel wurde am 10. Januar 2007 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen. |
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| NAME | Luther, Martin |
| ALTERNATIVNAMEN | Luder, Martin |
| KURZBESCHREIBUNG | Mönch und Reformator |
| GEBURTSDATUM | 10. November 1483 |
| GEBURTSORT | Eisleben |
| STERBEDATUM | 18. Februar 1546 |
| STERBEORT | Eisleben |