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Walter Cramer

Walter Cramer

Walter Cramer (* 1. Mai 1886 in Leipzig; † 14. November 1944 in Berlin-Plötzensee; vollständiger Name: Wilhelm Bernardo Walter Cramer) war ein deutscher Unternehmer in Leipzig und einer der Beteiligten am gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Herkunft

Walter Cramer wurde 1886 als Sohn des Textilunternehmers Wilhelm Cramer (1851–1921) und seiner italienisch-stämmigen Frau Josepha, geborene Sala (1861–1940), in Leipzig geboren. Sein Vater war Inhaber der Großhandelsfirma Wollgarne Polter & Co. und Mitglied des Aufsichtsrates der Kammgarnspinnerei Gautzsch AG in Gautzsch bei Leipzig sowie Handelsrichter.[1] Die Mutter entstammte ebenso einer Kaufmannsfamilie.

Ausbildung und Wehrdienst

Von 1896 bis 1904 besuchte Walter die humanistische Thomasschule zu Leipzig.[1]

Von 1904 bis 1906 wurde er in einem Textilbetrieb im englischen Bradford ausgebildet.

Seinen Wehrdienst leistete er als Einjährig-Freiwilliger im 1. Königlich Sächsischen Feldartillerie-Regiment Nr. 12 in Königsbrück bei Dresden ab. Im Jahr 1910 wurde er zum Leutnant der Reserve befördert.

Nach seiner Dienstzeit wurde er Teilhaber und Prokurist der elterlichen Firma.[2] Verheiratet war er mit Charlotte Weber (1889–1975), der Tochter des Fabrikanten Emil Weber.[2] Aus der Ehe gingen zwei Töchter und ein Sohn, der im Zweiten Weltkrieg fiel, hervor. Er wurde Mitglied der Leipziger Gesellschaft Harmonie und 1913 wurde ihm das Bürgerrecht der Stadt Leipzig zuerkannt.[2]

Am Ersten Weltkrieg nahm er als Offizier eines sächsischen Artillerieregiments teil und kämpfte an der West- und Ostfront. Er wurde zum Oberleutnant der Reserve befördert und erhielt das Eiserne Kreuz 1. und 2. Klasse.[3]

Unternehmer

Ab Januar 1919 wurde Cramer Geschäftsführer der Kammgarnspinnerei Gautzsch AG.[4] Da er sich für die Belange seiner Arbeiter einsetzte, genoss er hohe Anerkennung.[4] Seit 1923 war er Mitglied des Vorstandes der Kammgarnspinnerei Stöhr & Co. AG in Leipzig-Plagwitz.[4] Im Jahr 1928 wurde die Gautzsch AG auf sein Betreiben der Stöhr AG angegliedert.

Cramer befürwortete eine Mischung aus Kunstspinnfaser und Wolle, wodurch die von ihm geleiteten Unternehmen weniger abhängig von Wollimporten waren und die wirtschaftlichen Krisen Ende der 1920er Jahre überstanden. Er gründete dazu 1934 die Gesellschaft der Verarbeiter von Wolle mit Kunstspinnfaser (Wokafa).[5] Versuche mit Viskose wurden durch die I.G. Farben unterstützt. Da sich aber das Reichswirtschaftsministerium immer mehr in die Angelegenheiten des Verbandes einmischte, stellte er sein Engagement bereits nach wenigen Monaten wieder ein. Stattdessen gründete er 1937 die Vereinigung zur Auswertung und technischen Weiterbildung der Verarbeitung von Zellwolle.[6] Das Vorstandsmitglied Fritzludolf Koch stellte rückblickend fest:[6]

„Als einer der ersten hat er in seinem Industriezweig die Entwicklung in der Rohstoffversorgung vorausgesehen [...]“

Ein weiterer Meilenstein gelang dem Unternehmen in der Entwicklung der sogenannten Perfektring-Spinnmaschine, die später die weltweit eingesetzte Selfaktor-Maschinen erfolgreich ablöste.[7]

Das Unternehmen Stöhr entwickelte sich mit mehrerern Tochtergesellschaften zu eine der führenden Kammgarnspinnereien in Deutschland.[8] Er stand den Aufsichtsräten der deutschen Konzernteile vor und wirkte als Vizepräsident der europäischen Tochtergesellschaften.[9] Koch berichtete 1944 über Walter Cramer:[10]

„Nach seinem [...] Eintritt in den Vorstand [...] hat er an der Reorganisation [...] maßgebenden Anteil gehabt. Seiner Initiative ist es gelungen, die gefährdete Lage des Unternehmens zu konsolidieren und eine Überfremdung [...] zu verhindern. [...] Dabei hat Herr Cramer [...] große eigene finanzielle Opfer gebracht.“

Gleichfalls hielt Cramer weitere Positionen in der Wirtschaft inne, so zum Beispiel den Aufsichtsrat in der Leipziger Baumwollspinnerei und den Vorsitz des Sächsischen Beirats der Deutschen Bank.[9]

In den 40er Jahren jedoch führten die Nationalsozialisten Preisstrafen ein, die auch Stöhr trafen. Anfang 1943 drohte das Reichsministerium für Bewaffnung und Munition mit der Übernahme der Firma durch Junkers & Co., was in letzter Minute durch die Geschäftsführung verhindert werden konnte.[11] Im Herbst 1943 ereilte Stöhr die Teilstilllegung und im Februar 1944 die schwere Zerstörung der Leipziger Werke durch Bombenangriffe der Alliierten.[12]

Widerstand

Ab 1920 war Cramer Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP).[4] Im Jahr 1930 trat er jedoch aufgrund der von Alfred Hugenberg geförderten Kooperation zwischen DNVP und NSDAP aus.[4] In der ersten Hälfte der 1940er Jahre nahm Cramer an der Seite des ehemaligen Oberbürgermeisters von Leipzig Carl Friedrich Goerdeler († 1945) am zivilen bürgerlichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus teil. Auf etlichen Auslandsreisen, unter anderem zu Zweigstellen in Osteuropa, wurde er Zeuge von Vertreibung und Abtransport der Juden in Konzentrationslager. Im April 1944 wurde gegen ihn ein Strafverfahren wegen Wehrkraftzersetzung eröffnet. Grund war die Besetzung Ungarns durch die Nationalsozialisten und Cramers Kommentar dazu (er müsse nach Ungarn fahren, um sich "auch um seine armen Juden zu kümmern“) vor seiner Geschäftsreise dorthin.

Mittelteil der Stele für Walter Cramer im Leipziger Johannapark

Goerdeler überzeugte Cramer davon, in einem Deutschland nach Hitler politisch wirksam zu werden. Deshalb stand sein Name auch in einem Telegramm von Erich Hoepner. Vorgesehen war Cramer als politischer Beauftragter im Wehrkreis IV Dresden. Nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 wurde Cramer am 22. Juli 1944 in Reutlingen festgenommen. Zwei Monate lang verbrachter er im Gefängnis Lehrter Straße in Berlin. Verhöre mit schweren Misshandlungen der Gestapo fanden im „Hausgefängnis“ Prinz-Albrecht Straße 8 statt. Am 27. September 1944 verlegte man ihn ins Untersuchungsgefängnis Tegel. Später wurde er vom Volksgerichtshof des Hoch- und Landesverrats für schuldig befunden und schließlich zum Tod verurteilt. Am 14. November 1944 wurde er in Plötzensee gehenkt.

Ehrungen

  • 1945 wurde eine Straße im Leipziger Stadtteil Gohlis nach ihm benannt (Walter-Cramer-Straße). 1996 wurde er durch die Stadt Leipzig mit einem Denkmal im Johannapark geehrt.

Literatur

  • Beatrix Heintze: Walter Cramer (1886–1944). In: Reiner Groß und Gerald Wiemers (Hrsg.): Sächsische Lebensbilder, Band 4. Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Stuttgart 1999, S. 63–73.
  • Beatrix Heintze: Walter Cramer (1886–1944): Ein Leipziger Unternehmer im Widerstand. Köln 1993.
  • Beatrix Heintze: Walter Cramer, die Kammgarnspinnerei Stöhr & Co in Leipzig und die sogenannte Judenfrage. Materialien zu einer Gratwanderung zwischen Hilfe und Kapitulation. (Erinnerungen 3, Hrsg. vom Sächsischen Wirtschaftsarchiv). Leipzig 2003.

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise

  1. a b Beatrix Heintze: Walter Cramer (1886–1944). Ein Leipziger Unternehmer im Widerstand, S. 10.
  2. a b c Beatrix Heintze: Walter Cramer (1886–1944). Ein Leipziger Unternehmer im Widerstand, S. 11.
  3. Beatrix Heintze: Walter Cramer (1886–1944). Ein Leipziger Unternehmer im Widerstand, S. 13.
  4. a b c d e Beatrix Heintze: Walter Cramer (1886–1944). Ein Leipziger Unternehmer im Widerstand, S. 14.
  5. Beatrix Heintze: Walter Cramer (1886–1944). Ein Leipziger Unternehmer im Widerstand, S. 20.
  6. a b Beatrix Heintze: Walter Cramer (1886–1944). Ein Leipziger Unternehmer im Widerstand, S. 22.
  7. Beatrix Heintze: Walter Cramer (1886–1944). Ein Leipziger Unternehmer im Widerstand, S. 23.
  8. Beatrix Heintze: Walter Cramer (1886–1944). Ein Leipziger Unternehmer im Widerstand, S. 16.
  9. a b Beatrix Heintze: Walter Cramer (1886–1944). Ein Leipziger Unternehmer im Widerstand, S. 17.
  10. Beatrix Heintze: Walter Cramer (1886–1944). Ein Leipziger Unternehmer im Widerstand, S. 19.
  11. Beatrix Heintze: Walter Cramer (1886–1944). Ein Leipziger Unternehmer im Widerstand, S. 26.
  12. Beatrix Heintze: Walter Cramer (1886–1944). Ein Leipziger Unternehmer im Widerstand, S. 27.
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