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Werner Heisenberg

Heisenberg ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Weitere Bedeutungen sind unter Heisenberg (BegriffsklĂ€rung) aufgefĂŒhrt.
Werner Heisenberg 1933, im Jahr zuvor wurde er mit dem Nobelpreis fĂŒr Physik ausgezeichnet

Werner Karl Heisenberg (* 5. Dezember 1901 in WĂŒrzburg; † 1. Februar 1976 in MĂŒnchen) war einer der bedeutendsten Physiker des 20. Jahrhunderts und NobelpreistrĂ€ger. Er formulierte 1927 die nach ihm benannte Heisenbergsche UnschĂ€rferelation, die eine der fundamentalen Aussagen der Quantenmechanik trifft – nĂ€mlich, dass bestimmte MessgrĂ¶ĂŸen eines Teilchens (etwa sein Ort und Impuls) nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmt werden können.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Werner Heisenberg wurde 1901 in WĂŒrzburg in einer Professorenfamilie geboren. Sein Vater war der Byzantinist August Heisenberg. Heisenberg war Neupfadfinder. Er besuchte das MĂŒnchner Maximiliansgymnasium.

Er wollte eigentlich Mathematik studieren und hatte bereits vor seinem Studium Kurse an der MĂŒnchner UniversitĂ€t besucht, darunter auch ĂŒber mathematische Methoden in der damals aufkommenden modernen Physik. Er strebte an, das Mathematik-Grundstudium zu ĂŒberspringen. Dazu sprach er bei dem bekannten Mathematikprofessor Ferdinand von Lindemann vor, der jedoch der Anwendung der Mathematik in der Physik Ă€ußerst kritisch gegenĂŒberstand. In seiner Autobiographie Der Teil und das Ganze beschrieb Heisenberg das Treffen als Desaster: Nachdem Lindemanns kleiner Hund ihn schon beim Eintritt wĂŒtend anklĂ€ffte, fragte der schwerhörige Professor nach Heisenbergs LektĂŒre. Als er von Hermann Weyls Raum, Zeit, Materie (ein Buch ĂŒber Allgemeine RelativitĂ€tstheorie) erfuhr, beendete er das GesprĂ€ch mit der unwirschen Bemerkung: „Dann sind Sie ja fĂŒr die Mathematik ganz und gar verloren!“[1]

Sein Studium der Physik in MĂŒnchen unter Arnold Sommerfeld schloss er in der Mindeststudienzeit von drei Jahren ab, promovierte ĂŒber StabilitĂ€t und Turbulenz von FlĂŒssigkeitsströmen, wurde 1924 Assistent von Max Born in Göttingen und arbeitete mit Niels Bohr in Kopenhagen. In den folgenden Jahren begrĂŒndete er mit Max Born und Pascual Jordan die theoretische Quantenmechanik.

Friedrich Hund, Werner Heisenberg und Max Born anlÀsslich Hunds siebzigstem Geburtstag 1966 in Göttingen.

Mit nur 26 Jahren wurde Heisenberg 1927 als Professor an die UniversitĂ€t Leipzig berufen, die er mit Friedrich Hund zu einem Zentrum der theoretischen Physik machte, insbesondere fĂŒr Kernphysik; 1932 erhielt er den Nobelpreis fĂŒr Physik. Das Seminar „Heisenberg mit Hund“ erlangte Weltgeltung und zog SchĂŒler aus vielen LĂ€ndern an. Hund war mit Heisenberg befreundet und verteidigte ihn wie andere fĂŒhrende deutsche Physiker auch gegen die bedrohliche, von Johannes Stark entfachte Kampagne, die sich auch gegen die moderne theoretische Physik richtete.[2] Heisenberg war Patenonkel von Hunds jĂŒngstem Sohn. Zu den Besuchern am Leipziger Institut in den 1930er Jahren zĂ€hlen bekannte Physiker wie Victor Weisskopf, Shinichirƍ Tomonaga, Lew Landau, Ugo Fano, Markus Fierz, Gian-Carlo Wick, John C. Slater, George Placzek und Ettore Majorana.[3]

Von 1942 bis 1945 leitete Heisenberg das Kaiser-Wilhelm-Institut fĂŒr Physik in Berlin-Dahlem und lehrte zudem als Professor an der Berliner UniversitĂ€t, wo er fĂŒhrend am Uranprojekt des Heereswaffenamtes beteiligt war. Diese Zeit ist ihm spĂ€ter insbesondere von vielen amerikanischen und exilierten deutschen Physikern verĂŒbelt worden.

Von 1945 bis 1946 war Heisenberg mit den anderen fĂŒhrenden Forschern des Uranprojektes der Nationalsozialisten in Farm Hall in England interniert. Im Nachkriegsdeutschland wurde er 1946 Direktor des Max-Planck-Instituts fĂŒr Physik in Göttingen (bis 1958), von 1958 bis 1970 war er Direktor des Max-Planck-Instituts fĂŒr Physik (heute auch Werner-Heisenberg-Institut genannt) in MĂŒnchen. Heisenberg war zudem PrĂ€sident der Alexander von Humboldt-Stiftung und auch als Regierungsberater fĂŒr Wissenschaftspolitik einflussreich. 1949 wurde er korrespondierendes Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 1959 zum ordentlichen Mitglied gewĂ€hlt.

Zu seinen Assistenten und Doktoranden zĂ€hlen Felix Bloch, Rudolf Peierls, Hans Euler, Erich Bagge, Guido Beck, Șerban Țițeica, Kurt Symanzik (in Göttingen), Edward Teller und Hans-Peter DĂŒrr, mit dem er in den 1960er Jahren an seiner Einheitlichen Feldtheorie arbeitete. Enge Mitarbeiter und Kollegen waren auch die mit ihm befreundeten Carl Friedrich von WeizsĂ€cker, Friedrich Hund und Wolfgang Pauli.

Privates und Familie

Gedenkstein fĂŒr Heisenberg auf Helgoland, wo er im Juni 1925 entscheidende Fortschritte in der Aufstellung der Quantenmechanik machte; er war wegen starken Heuschnupfens auf Helgoland in Urlaub

Heisenberg war stets sehr naturverbunden und sportlich. 1939 erwarb er das ehemalige Sommerhaus von Lovis Corinth am Walchensee. Er hatte ein optimistisches Naturell und Spaß daran, sich in WettkĂ€mpfen zu messen – sei es bei der Lösung mathematischer Aufgaben oder in Tischtennisturnieren im Keller seines Leipziger Instituts. Heisenberg war musisch begabt, und er spielte recht gut Klavier. Es gibt sogar eine Aufnahme von Mozarts d-moll Klavierkonzert mit Heisenberg als Pianist und einem Liebhaber-Orchester in seinem Hause in MĂŒnchen vom 3. Juli 1966.

Seine Frau Elisabeth (geb. Schumacher), die im Buchhandel arbeitete und Tochter eines Berliner Professors der Nationalökonomie war, heiratete er 1936 und hatte mit ihr sieben Kinder, darunter den spÀteren Genetik-Professor und Biophysiker Martin Heisenberg. Seine Tochter Christine Heisenberg ist seit 1966 mit Thomas Manns Enkel Frido Mann verheiratet. Einer seiner Enkel ist der Regisseur Benjamin Heisenberg.

Heisenberg wurde auf dem Waldfriedhof in MĂŒnchen/Alter Teil im Grab Nr. 163-W-29 beigesetzt.

Politik

Heisenberg war zwar nicht politisch engagiert (und in seiner Grundeinstellung eher national-konservativ), hatte aber wegen seiner Bekanntheit als Physiker PublizitĂ€t und politisches Gewicht. Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 gingen berĂŒhmte Physikerkollegen wie Albert Einstein und Erwin Schrödinger in die Emigration. Heisenberg hingegen blieb in Deutschland, was ihm spĂ€ter oft vorgeworfen wurde. Zwischen 1933 und 1945 musste er sich jedoch Angriffen der nationalsozialistisch orientierten Deutschen Physik erwehren, die die Physik von der angeblich jĂŒdisch unterwanderten Quantenphysik und RelativitĂ€tstheorie frei halten wollten. Die Vertreter der Deutschen Physik, allen voran Johannes Stark und Philipp Lenard, verwarfen seine Theorien mit dem Hinweis, er sei ein theoretischer Formalist und „Geist von Einsteins Geist“. Stark veröffentlichte 1937 in der SS-Zeitung „Das Schwarze Korps“ einen Artikel ĂŒber „Weiße Juden in der Wissenschaft“, in dem er vor allem Heisenberg angriff. Da Angriffe dieser Art in der Zeit des Nationalsozialismus schnell zu einer persönlichen Bedrohung werden konnten, nutzte Heisenberg eine entfernte Bekanntschaft seiner Eltern zu der Familie Himmler (sein Vater war Griechischprofessor, Himmlers Vater Griechischlehrer in MĂŒnchen), um die Angriffe abzustellen.

In der Nachkriegszeit stand Heisenberg Konrad Adenauer nahe, setzte sich fĂŒr eine verstĂ€rkte Kernforschung und den Bau von Reaktoren ein, lehnte jedoch gleichzeitig eine militĂ€rische Nutzung der Kernenergie ab. Gemeinsam mit siebzehn weiteren Physikern (Göttinger Achtzehn) wandte er sich im Göttinger Manifest April 1957 gegen eine atomare Wiederbewaffnung, nachdem sich Bundeskanzler Adenauer und sein Verteidigungsminister Strauß fĂŒr die Bewaffnung der Bundeswehr mit taktischen Nuklearwaffen der Amerikaner ausgesprochen hatten. Als Ende der 1960er Jahre die Studentenbewegung auch sein Institut okkupierte, reagierte Heisenberg empfindlich und zog Vergleiche zu nationalsozialistischen Studentenbewegungen in den 1930er Jahren.

Arbeit am Nuklearprogramm

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden er und andere Physiker (zum Beispiel Otto Hahn und Carl Friedrich von WeizsĂ€cker) in das Heereswaffenamt berufen. Ihre Aufgabe im Rahmen des Uranprojektes sollte sein, Einsatzmöglichkeiten der Kernspaltung zu finden. Heisenberg stieß zwar erst relativ spĂ€t zu dem Projekt, arbeitete jedoch intensiv daran und ĂŒbernahm bald eine fĂŒhrende Rolle. Er und seine Kollegen kamen schon frĂŒh zu dem Schluss, dass die aufwĂ€ndige Anreicherung des Spaltstoffes Uran 235 mit den allgemein zur VerfĂŒgung stehenden Ressourcen wĂ€hrend der voraussichtlichen Restdauer des Krieges nicht zu machen war, und informierten dahingehend am 4. Juni 1942 Albert Speer. Allerdings verschwiegen sie (oder sprachen davon nur in Andeutungen) die Möglichkeit, eine Plutoniumbombe zu bauen, bei der die Trennung viel einfacher chemisch ablaufen konnte und fĂŒr die nur ein Natururan-Reaktor mit Schwerwasser als Moderator erforderlich war (Ă€hnlich wie zum Beispiel der heutige kanadische Candu-Reaktortyp, mit dessen Hilfe Indien in den Besitz von Kernwaffen kam). Auf die entscheidende Frage Speers, wie lange sie fĂŒr eine Bombe brĂ€uchten, gab er drei bis fĂŒnf Jahre an – womit das Projekt seine PrioritĂ€t verlor.

Im weiteren Verlauf arbeiteten die deutschen Kernphysiker nur noch an einem Schwerwasserreaktor, der am Ende des Krieges ins schwÀbische Haigerloch ausgelagert wurde. In den Experimenten der letzten Kriegstage, drei Jahre nach der erfolgreichen Inbetriebnahme eines Graphit-moderierten Reaktors durch Enrico Fermi in Chicago, gelang es beinahe, den Forschungsreaktor Haigerloch kritisch werden zu lassen.

Das GesprÀch mit Bohr in Kopenhagen

Auf dem Höhepunkt der militĂ€rischen Erfolge des nationalsozialistischen Deutschlands reiste Heisenberg mit Carl Friedrich von WeizsĂ€cker im Jahre 1941 nach Kopenhagen, um mit seinem vĂ€terlichen Freund Niels Bohr ĂŒber die Implikationen einer deutschen Atombombe zu sprechen. Außerdem wollte er, laut seinen spĂ€teren Aussagen, den Physikern in Amerika so die Botschaft zukommen lassen, dass die deutschen Physiker die Arbeit an der Bombe zurĂŒckgestellt hĂ€tten. Bohr, dessen Mutter jĂŒdischer Herkunft war und der im dĂ€nischen Widerstand gegen die Deutschen aktiv war, reagierte jedoch schockiert. Er verstand die Äußerungen Heisenbergs so, dass Deutschland tatsĂ€chlich ernsthaft an einer Atombombe forschte und verweigerte sich weiteren GesprĂ€chen. Kurz darauf floh er ĂŒber Schweden in die USA, wo er den Los Alamos-Physikern – so erinnert sich Hans Bethe – das GesprĂ€ch mit der Skizze einer Bombe, die in Wirklichkeit ein Reaktor war, rekonstruierte. Im Nachhinein deutete Heisenberg sein eigenes Vorgehen als naiv und die Schlussfolgerungen Bohrs als auf einem MissverstĂ€ndnis beruhend. Nach dem Krieg Ă€ußerten besonders die Mitglieder der amerikanischen Alsos-Mission (ihr Mitglied Samuel Abraham Goudsmit schrieb darĂŒber ein gleichnamiges Buch), die die nukleare „Hinterlassenschaft“ der deutschen Physiker einsammelten, den Verdacht, dass Heisenberg die Physik der Kernreaktoren/Atombomben wohl nicht gemeistert habe. Daraufhin wehrte sich Heisenberg, indem er moralische GrĂŒnde fĂŒr das Herunterfahren des deutschen Atombomben-Programms in den Vordergrund stellte.

Bohr reagierte gereizt, als er diese Darstellung in Robert Jungks Buch Heller als tausend Sonnen las, das auf Interviews mit Heisenberg beruhte. Er entwarf in den 1950er und 1960er Jahren mehrere kritische Briefe an Heisenberg, schickte diese aber nie ab. Sie wurden in den 1990er Jahren vom Niels-Bohr-Institut in Kopenhagen veröffentlicht[4] Vielfach wurde das GesprĂ€ch als historisches Ereignis von außerordentlicher Tragweite interpretiert, da Bohrs Haltung ein starker Einfluss auf die Entscheidung der Physiker in den USA zugesprochen wurde, sich verstĂ€rkt fĂŒr die Entwicklung der amerikanischen Atombombe (Manhattan-Projekt) einzusetzen. Ob die Interpretation Bohrs tatsĂ€chlich auf einem MissverstĂ€ndnis der beiden Physiker beruhte, ist bis heute ungeklĂ€rt.

Das GesprĂ€ch mit Bohr wurde von Michael Frayn unter dem Titel Kopenhagen (1998) in einem bekannten TheaterstĂŒck dramatisiert, das die Diskussion um das Kopenhagener GesprĂ€ch nochmals belebte und zu der Veröffentlichung von Bohrs Briefen fĂŒhrte. Verschiedene Spekulationen zum GesprĂ€chsinhalt werden dort aus der Sichtweise der Beteiligten (Heisenberg, Bohr, Bohrs Frau) durchgesprochen und mögliche Motive analysiert.

Internierung in Farm Hall

Heisenberg und mehrere seiner Kollegen wurden nach dem Krieg im englischen Farm Hall inhaftiert und verbrachten dort einige Monate in Kriegsgefangenschaft. Die GesprĂ€che der deutschen Physiker wurden abgehört und spĂ€ter als Farm Hall-Protokolle veröffentlicht. Auch Heisenbergs Reaktion auf die AtombombenabwĂŒrfe auf Hiroshima und Nagasaki ist dort protokolliert: nach anfĂ€nglichem Unglauben ĂŒberdachte er schnell den wahrscheinlich von den US-Amerikanern eingeschlagenen Weg und die GrĂ¶ĂŸenordnung der kritischen Massen und hielt am folgenden Tag ein Seminar darĂŒber.
Die Interpretation der Farm Hall-Protokolle ist umstritten, da einige der inhaftierten Physiker ahnten, dass sie abgehört wurden.

Werk

Heisenberg auf einer deutschen Briefmarke

Heisenberg hat die Physik des 20. Jahrhunderts wesentlich mitbestimmt.

Als Arnold Sommerfelds MusterschĂŒler beeindruckte er gleich 1924 mit seiner Dissertation, fĂŒr die ihm sein Lehrer das schwierige Problem der Turbulenz von FlĂŒssigkeitsströmungen gestellt hatte. In einer tour de force gelangte er zur AbschĂ€tzung der kritischen Reynoldszahlen, wobei er neue Methoden entwickelte (WKB-Methode), die spĂ€ter in der Quantenmechanik wiederentdeckt wurden. Aus dieser Zeit stammt auch sein lebenslanges Interesse fĂŒr nichtlineare Gleichungen, die trotz scheinbarer Einfachheit der Form zu sehr komplexem Verhalten fĂŒhren.[5] Insofern ist er auch ein VorlĂ€ufer der in den 1970er Jahren aufblĂŒhenden Chaostheorie. In den 1940er Jahren griff er das Thema in der statistischen Theorie der homogenen Turbulenz noch einmal auf, wie auch gleichzeitig Andrei Kolmogorov.

Im Rigorosum scheiterte Heisenberg beinahe am MitprĂŒfer, dem Experimentalphysiker Wilhelm Wien, der ihm bodenlose Ignoranz in der Experimentalphysik vorwarf. Nur energisches Eingreifen Sommerfelds ließ Heisenberg die PrĂŒfung gerade noch bestehen. Wien fragte unter anderem nach dem Auflösungsvermögen des Mikroskops. Diese Frage nutzte Heisenberg spĂ€ter in einem Gedankenexperiment zur Illustration der UnschĂ€rferelation.

Sommerfeld baute damals das Bohrsche Atommodell nach allen Seiten weiter aus. Bei Arbeiten zur ErklĂ€rung des anomalen Zeeman-Effekts fĂŒhrte Heisenberg erstmals halbzahlige Quantenzahlen ein (gleichzeitig mit Alfred LandĂ©), womit das Verhalten der Atome im Bohr-Modell immer verwirrender wurde, man sprach schon von der „Zahlenmystik“ der Sommerfeld-Schule. 1922 kam Bohr zu Diskussionen und Vorlesungen nach Göttingen und fand sofort einen „Draht“ zu Heisenberg, der ihn spĂ€ter mehrfach lĂ€ngere Zeit in Kopenhagen besuchte und sogar DĂ€nisch lernte. Der Durchbruch kam bei einem Urlaubsaufenthalt Heisenbergs auf der Insel Helgoland, wo er seinen Heuschnupfen auskurieren wollte. Statt der nicht beobachtbaren Bohrschen Atombahnen verwendete er nur die beobachtbaren Frequenzen und Übergangswahrscheinlichkeiten, die er in einem Schema anordnete, die Max Born spĂ€ter als Matrix identifizierte. Die Quantentheoretische Umdeutung kinematischer und mechanischer Beziehungen[6] ist mit den gleich darauf folgenden Arbeiten von und mit Max Born und Pascual Jordan die Geburtsstunde der Quantenmechanik.

Wie Heisenberg in seiner Autobiographie Der Teil und das Ganze schildert, fĂŒhrte er bei einem Besuch in Berlin 1925 auch Diskussionen mit Albert Einstein ĂŒber die neue Quantentheorie. Heisenberg dachte eigentlich, sein Beseitigen nicht-messbarer GrĂ¶ĂŸen aus der physikalischen Theorie wĂŒrde Einsteins Zustimmung finden, der sich von Ă€hnlichen Überlegungen Ernst Machs bei seiner speziellen RelativitĂ€tstheorie leiten ließ, die er mit Gedankenexperimenten erlĂ€uterte und mit der er den Äther verbannte. Der Einstein der 1920er Jahre schĂ€tzte die Quantenmechanik zwar als bedeutsam ein, hielt eine solche SĂ€uberung einer physikalischen Theorie aber fĂŒr absurd. Er wollte die radikale Idee der Bohr-Heisenbergschen Interpretation der neuen Theorie, eine MessgrĂ¶ĂŸe wĂŒrde erst im Augenblick einer Messung einen bestimmten Wert annehmen, nicht akzeptieren und schon gar nicht die statistische Interpretation durch Max Born. Einstein formulierte das in diversen von ihm erfundenen Paradoxien und in seinem bekannten Zitat „Jedenfalls bin ich ĂŒberzeugt, daß der Alte (Gott) nicht wĂŒrfelt.“

Darstellung der UnschÀrferelation

Über die Interpretation der neuen Theorie gab es kurz nach ihrer Entstehung intensive Diskussionen mit Niels Bohr in Kopenhagen, in denen sich Heisenberg schon als gleichwertiger Partner erwies. Bohr fĂŒhrten diese GesprĂ€che zum KomplementaritĂ€tsprinzip, Heisenberg zur UnschĂ€rferelation, der Aussage dass wichtige physikalische MessgrĂ¶ĂŸen wie Ort und Impuls (oder Zeit und Energie) nicht gleichzeitig scharf gemessen werden können.[7] Mathematisch fand das seinen Ausdruck darin, dass diese durch Operatoren bzw. Matrizen dargestellt wurden, die nicht miteinander vertauschten (kanonische Kommutatoren). Die BeitrĂ€ge Bohrs und Heisenbergs bildeten die Grundlage der Kopenhagener Interpretation der Quantenmechanik (vgl. Varianten der Kopenhagener Interpretation).

In seiner Leipziger Zeit leistete er wichtige BeitrĂ€ge zur Kernphysik (EinfĂŒhrung des Isospins)[8]), entwickelte eine Theorie des Ferromagnetismus (Heisenberg-Ferromagnet mit Austausch-Wechselwirkung, 1928) und leistete unter anderem mit Wolfgang Pauli Pionierarbeit in der Quantenfeldtheorie. Hier sind insbesondere die Arbeiten mit seinem im Krieg gefallenen Assistenten Hans Euler zu erwĂ€hnen, unter anderem zu Modifikation der Gleichungen des elektromagnetischen Feldes bei Paarerzeugung aus dem Vakuum. Heisenberg gilt mit John Archibald Wheeler als Vater der S-Matrix (Streumatrix[9]) und untersuchte schon frĂŒh Modelle der Quantenfeldtheorie mit fundamentaler LĂ€nge[10]. In den 1940er Jahren beschĂ€ftigte er sich neben Reaktorphysik [11] auch mit der kosmischen Höhenstrahlung und den durch sie erzeugten Teilchenschauern, die schon bald in England zur Entdeckung der ersten Mesonen fĂŒhrten und allgemein damals als Quelle fĂŒr Elementarteilchen die Rolle der heutigen Teilchenbeschleuniger hatten. Von Heisenberg stammt auch die Idee der EinfĂŒhrung einer indefiniten Metrik in der Quantenfeldtheorie.

In der Nachkriegszeit gelang es ihm trotz respektabler Einzelleistungen nicht mehr, den Anschluss an die internationale Forschung zu finden. Er versuchte sich an einer Theorie der Supraleitung und an einer einheitlichen Feldtheorie fĂŒr die Elementarteilchenphysik, einer Erweiterung der Dirac-Gleichung mit nichtlinearer Selbstwechselwirkung und Isospin-Freiheitsgrad. Heisenberg kannte das Potential nichtlinearer Gleichungen; in der Elementarteilchenphysik, die damals gerade erst begann, den „Teilchenzoo“ zu klassifizieren, erwies sich dieser Ansatz allerdings als verfrĂŒht. Die Theorie bekam damals viel Medienaufmerksamkeit (Heisenbergs neue Weltformel), wurde aber schon frĂŒh von den internationalen Fachkollegen – darunter auch sein Freund Wolfgang Pauli, der anfangs noch enthusiastisch an der Theorie mitarbeiten wollte – abgelehnt.

Unter seinen nichtfachwissenschaftlichen Schriften ragt seine Autobiographie hervor: Der Teil und das Ganze. GesprĂ€che im Umkreis der Atomphysik (1969). Aus ĂŒber vier Jahrzehnten Abstand rekonstruiert Heisenberg Dialoge, die veranschaulichen, wie seine BeitrĂ€ge zur Quantenmechanik in engem Austausch mit befreundeten Mitforschern (Arnold Sommerfeld, Niels Bohr, Wolfgang Pauli u. vor allem) erarbeitet wurden. Hier zeigen sich seine philosophischen Interessen, die in Richtung einer neuplatonischen Naturdeutung gehen, wobei die Symmetrieprinzipien der Physik eine fundamentale Rolle spielen.

Ehrungen

BĂŒste in der Ruhmeshalle in MĂŒnchen

„FĂŒr die BegrĂŒndung der Quantenmechanik, deren Anwendung – unter anderem – zur Entdeckung der allotropen Formen des Wasserstoffs gefĂŒhrt hat“[12], wurde er 1932 mit dem Nobelpreis fĂŒr Physik ausgezeichnet. 1933 wurde ihm die Max-Planck-Medaille verliehen. 1943 erhielt Heisenberg den Kopernikus-Preis der UniversitĂ€t Königsberg.[13]

1964 wurde er mit dem Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland mit Stern und Schulterband ausgezeichnet.

1973 wurde ihm der Romano-Guardini-Preis verliehen, den bis dahin ausschließlich Theologen erhalten hatten.

Er erhielt außerdem die Barnard-Medaille New York, die Matteucci-Medaille (Rom), die Grotius-Medaille, den Orden Pour le mĂ©rite fĂŒr Wissenschaft und KĂŒnste, den Kulturellen Ehrenpreis der Landeshauptstadt MĂŒnchen, den Bayerischer Verdienstorden und die Niels-Bohr-Medaille.

Heisenberg war Mitglied in zahlreichen Akademien der Wissenschaften und Ehrendoktor zahlreicher UniversitÀten und Hochschulen, unter anderem 1961 von der Technischen Hochschule Karlsruhe sowie ab 1933 Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina.[14]

Seit April 2009 steht seine BĂŒste in der Ruhmeshalle in MĂŒnchen.

Veröffentlichungen

  • Collected works. mehrere Bde., Piper Verlag und Springer Verlag, ab 1984
  • Physikalische Prinzipien der Quantentheorie. BI Hochschultaschenbuch (Vorlesungen UniversitĂ€t Chicago 1930), neu Spektrum Verlag 1991
  • Die mathematische GesetzmĂ€ĂŸigkeit der Natur. In: Die Natur – das Wunder Gottes. Herausgegeben von Wolfgang Dennert, Bonn 1950.
  • Der Teil und das Ganze. GesprĂ€che im Umkreis der Atomphysik. Piper, MĂŒnchen 1969, 7. Auflage 2001 ISBN 3-492-22297-8
  • Ordnung der Wirklichkeit. Piper, MĂŒnchen 1989, ISBN 3-492-10945-4
  • Physik und Philosophie. Hirzel, Stuttgart 2000, ISBN 3-7776-1024-0
  • Wandlungen in den Grundlagen der Naturwissenschaft. Hirzel, Stuttgart, ISBN 3-7776-1366-5
  • van der Waerden (Hrsg.) Sources of quantum mechanics. 1967 (Nachdruck wichtiger Arbeiten der Quantenmechanik mit historischer Einleitung von van der Waerden)
  • EinfĂŒhrung in die einheitliche Feldtheorie der Elementarteilchen, Stuttgart, Hirzel Verlag 1967
  • Deutsche und jĂŒdische Physik. Herausg. Helmut Rechenberg. Piper-Verlag MĂŒnchen/ZĂŒrich 1992. ISBN 3-492-11676-0

Literatur

  • David C. Cassidy: Werner Heisenberg. Leben und Werk. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1995, ISBN 3-86025-315-8
  • David C. Cassidy: Heisenberg, physics and the bomb, Bellevue Literary Press, New York 2009
  • Helmut Rechenberg: Werner Heisenberg – Die Sprache der Atome, 2 BĂ€nde, Springer 2010
  • Cathryn Carson: Heisenberg in the atomic age: Science and the public sphere, Cambridge 2010
  • Armin Hermann: Werner Heisenberg. rororo Biographien, 1976
  • Armin Hermann: Die Jahrhundertwissenschaft – Werner Heisenberg und die Physik seiner Zeit. Stuttgart, DVA 1976
  • Ernst Peter Fischer: Werner Heisenberg : das selbstvergessene Genie : mit einem Nachtrag zur Taschenbuchausgabe – UngekĂŒrzte Taschenbuchausg. – MĂŒnchen : Piper, 2002. ISBN 3-492-23701-0
  • Werner Heisenberg und Anna M. Hirsch-Heisenberg: Liebe Eltern! Briefe aus kritischer Zeit 1918 bis 1945. Langen/MĂŒller, 2003.
  • Elisabeth Heisenberg: Das politische Leben eines Unpolitischen – Erinnerungen an Werner Heisenberg. piper Verlag, 1983, ISBN 3-492-00579-9
  • Dietrich Papenfuß, Dieter LĂŒst, Wolfgang Schleich (Herausgeber): 100 years Werner Heisenberg – Works and Impact, Wiley/VCH 2002
  • Thomas Powers: Heisenbergs Krieg. Die Geheimgeschichte der deutschen Atombombe. Hoffmann & Campe, Hamburg 1993
  • Paul Lawrence Rose: Heisenberg and the Nazi Atomic Bomb Project, 1939–1945: A Study in German Culture University of California Press, 1998, ISBN 0-520-21077-8 (deutsch: Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis Pendo, ZĂŒrich 2001, ISBN 3-85842-422-6)
  • Michael Schaaf: Heisenberg, Hitler und die Bombe. GesprĂ€che mit Zeitzeugen. GNT-Verlag, Berlin 2001, ISBN 3-928186-60-4
  • Mark Walker: German National Socialism and the Quest for Nuclear Power 1939–1949. Cambridge University Press, 1989
  • David Irving: Der Traum von der deutschen Atombombe. 1968 (Übersetzung von The Virus House, Irving fĂŒhrte viele Interviews mit Heisenberg)
  • Robert Jungk: Heller als tausend Sonnen. Bern 1956
  • Jagdish Mehra, Helmut Rechenberg: The historical development of quantum theory, Springer Verlag, mehrere BĂ€nde, 1982 ff.
  • Pascual Jordan: Begegnungen – Albert Einstein, Karl Heim, Hermann Oberth, Wolfgang Pauli, Walter Heitler, Max Born, Werner Heisenberg, Max von Laue, Niels Bohr. Stalling, Oldenburg 1971, ISBN 3-7979-1934-4
  • Gregor Schiemann: Werner Heisenberg (Beck'sche Reihe Denker). MĂŒnchen: C.H. Beck, 2008. ISBN 978-3-406-56840-4
  • Christian Kleint und Gerald Wiemers (Herausg.): Werner Heisenberg im Spiegel seiner Leipziger SchĂŒler und Kollegen. Leipziger UniversitĂ€tsverlag 2006. ISBN 3-86583-079-X
  • Ivan Supek, Leipzig in der Zeit Heisenbergs und Hunds, aus dem Roman Entdeckung in der verlorenen Zeit, Zagreb, 1987. In: Manfred Schroeder (Hrsg.): Hundert Jahre Friedrich Hund. Ein RĂŒckblick auf das Wirken eines bedeutenden Physikers. Nachrichten der Akad. der Wiss. in Göttingen, II. Math.-Nat. Klasse, Jg. 1996 Nr. 1, S. 32-52.
  • Christian Kleint, Helmut Rechenberg und Gerald Wiemers (Hrsg.): Werner Heisenberg 1901–1976. Festschrift zu seinem 100. Geburtstag. Abhandlungen der SĂ€chs. Akad. der Wiss. zu Leipzig, Math.-naturw. Klasse Bd. 62 (2005).

Filme

In dem Fernsehfilm Ende der Unschuld wird die Figur des Prof. Werner Heisenberg durch JĂŒrgen Hentsch dargestellt.

In der US-Fernsehserie Breaking Bad verwendet die Hauptperson den Namen Heisenberg als Pseudonym.

Arbeiten von Heisenberg online

Weblinks

 Commons: Werner Heisenberg â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Nachweise

  1. ↑ Heisenberg Der Teil und das Ganze
  2. ↑ Beschwerde ĂŒber den PrĂ€sidenten der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt Herrn Prof. Dr. Johannes Stark. geschrieben von Friedrich Hund am 20. Juli 1937
  3. ↑ SchĂŒler und Besucher in Leipzig
  4. ↑ Kommentierte Veröffentlichung der BriefentwĂŒrfe von Niels Bohr an Heisenberg ĂŒber ihr Kopenhagener GesprĂ€ch zur Möglichkeit einer deutschen Atombombe. Martin Heisenberg zu den Bohr-Briefen an seinen Vater : Eine persönliche Deutung.
  5. ↑ Vgl. Heisenberg Nonlinear problems in physics, physics today 1967.
  6. ↑ Zeitschrift fĂŒr Physik Bd.33, 1925, S. 879
  7. ↑ Anschaulicher Inhalt der quantenmechanischen Kinematik, Zeitschrift fĂŒr Physik, Bd. 43, 1927, S. 172
  8. ↑ Zeitschrift fĂŒr Physik 1932, 1933
  9. ↑ Zeitschrift fĂŒr Physik 1942, 1944
  10. ↑ Annalen der Physik 1938
  11. ↑ Robert u. Klara Döpel, Werner Heisenberg: Der experimentelle Nachweis der effektiven Neutronenvermehrung in einem Kugel-Schichten-System aus D2O und Uran-Metall. 1942. Mit dem Jahr 1946 der Freigabe durch die Alliierten versehen in: Werner Heisenberg: Gesammelte Werke Bd. A II (Hrsg. W. Blum unter anderem). Springer-Verl., Berlin 1989, S. 536-544.
  12. ↑ http://nobelprize.org/nobel_prizes/physics/laureates/1932/
  13. ↑  Nachrichtenblatt der Deutschen Wissenschaft und Technik, Organ des Reichsforschungsrates (Hrsg.): Forschungen und Fortschritte. Personalnachrichten. Auszeichnungen. 19, 23/24, 1943, S. 252.</span>
  14. ↑ Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina: Liste der verstorbenen Mitglieder (pdf-Datei).
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