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Wertvorstellungen oder kurz Werte sind Vorstellungen über Eigenschaften (Qualitäten), die Dingen, Ideen, Beziehungen u. a. m. beigelegt werden.
Inhaltsverzeichnis |
Es ist genetisch zu unterscheiden,
Zu unterscheiden ist auch zwischen
Man kann ferner zwischen materiellen Werten und immateriellen Werten unterscheiden. Werte sind die konstitutiven Elemente der Kultur, sie definieren Sinn und Bedeutung innerhalb eines Sozialsystems (Gruppe, Gesellschaft etc.).
Werte können sein
Werden persönliche und/oder innere Werte praktisch umgesetzt, äußern sie sich als Tugend.
Es ist durchaus möglich, dass anderen die gleichen „Werte“ als unwert, abscheulich, verfolgenswürdig oder verächtlich erscheinen. Warum und wie so oder anders bewertet wird, bearbeiten die Sozialwissenschaften; wozu Werte dienen und welche Seinsweise sie besitzen – z. B. objektiv oder subjektiv, individuell oder allgemeingültig, durch Gefühle bedingt oder als objektive Wertqualitäten –, ist Gegenstand der Philosophie (vgl. Werttheorie).
Vertreter der Wertphilosophie sind der Ansicht, dass die Wertfrage bereits seit den Anfängen des philosophischen Denkens der Frage nach dem Charakter und der Seinsweise der Werte gestellt worden sei, so vor allem in der Güterethik des Aristoteles.[1] Sein Lehrer Platon beschrieb in seinem Werk die Idee des Guten.[2] Die antike Güterethik aristotelischen Ursprungs wurde auch in der Theologie aufgegriffen und im Rahmen der Moraltheologie weitergeführt. Aber erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts wird der Begriff des Werts bei Hermann Lotze ein eigentlich philosophischer Begriff. Maßgebliche Bedeutung erhält der Begriff im Ansatz der materialen Wertethik von Max Scheler in den Jahren 1913 bis 1916.[3] Scheler hat seine Wertethik ausdrücklich von der traditionellen Güterethik abgegrenzt.
Bochenski (1902 - 1995) unterschied 1959 drei Gruppen immaterieller Werte, die man durch sein Verhalten verwirklichen kann: die moralischen, die ästhetischen und die religiösen.
Welche Werte als wichtig angesehen werden können und was überhaupt von Wert ist, ist keine empirische Frage und daher stets umstritten. Mit der Frage nach dem ontologischen Status von Werten beschäftigt sich in der Philosophie die Axiologie.
Der Wertbegriff wurde in der Psychologie „großzügig“ gehandhabt und „vielfach nur im Sinne der Umgangssprache“[5] verwendet. Es war auch üblich, den in philosophischer Sichtweise eingesetzten Begriff aufgrund der Ergebnisse psychologischer Forschung zu erklären und zu variieren.[6] Er erhielt allerdings seit den 1960er Jahren aufgrund von Untersuchungen (z. B. Lewin, Hull, Tolman, Morris; Krech, Crutchfield, Taylor) eine definitorische Zweideutigkeit, „nach zwei Richtungen hin“ (Rolf Oerter): 1. Werte als den Dingen oder Lebewesen eigene Bezugspunkte wirken anziehend oder abstoßend. 2. Ein mit der Kultur vermittelter Wert dient als „Richtlinie“[7] dem Menschen zum Verständnis bzw. zur Erkenntnis der Welt und wird in Folge dessen bei der Planung des Verhaltens zur Prämisse. Als hypothetisches Konstrukt einer Individuum-Welt-Beziehung wird der Wert entweder als Komplex von Wirkungsfaktoren der Welt auf das Lebewesen wahrgenommen oder im motivationalen Konzept des Individuums als Zielentwurf oder Korrektiv zur Gestaltung der Welt verwendet. Überwiegend war jedoch der Wertbegriff als dynamisches Konzept in der Literatur zu finden. In diesem auf eine breitere Basis psychologischer Untersuchungen gestellten „Wertkonzept“ wurden die handlungsorientierten Bedeutungen der im deutschsprachigen Raum beschriebenen Begriffe „Werterleben“ und „Wertverwirklichung“ wiedergefunden.[8] Als ein Ergebnis seiner Forschung über die Kognitionsentwicklung erklärte Jean Piaget 1966, dass das im Kindheitsstadium erworbene formale Denken eine später auch affektiv begleitende Voraussetzung sei, um zur Planung von Lebensentwürfen im Erwachsenenalter die „mit Zukunftsprojekten verbundenen Werte“ passend strukturieren zu können.[9]
Innerhalb der Motivationstheorie beschrieb Haseloff 1974 die Werteinstellungen als langfristig effiziente Wirkungskomplexe aus der Motivklasse der Strebungen, „die sozio-kulturell thematisierte und normierte Dauerquellen ...dar(stellen)“, direkten Bezug auf die „Wertsysteme und die Präferenzordnung der Persönlichkeit“ nehmen und sich „meist … gemäß dem Gesetz von der funktionellen Autonomie der Motive“ (G. Allport) verfestigen.[10] Aus einer Synopse von psychologischer mit soziologischer Literatur resultierte bei Joas 2004 die Beschreibung einer inner-individuellen Dynamik in dem Begriff „Wertbindungen“, die der Mensch in einem aktiven Vorgang, „in den Prozessen der Selbstbildung und … in Erfahrungen der Selbsttranszendenz“ entwickelt.[11]
Aus Werten (z. B. dem Wert der Achtung des Eigentums) lassen sich soziale Normen (konkrete Vorschriften für das soziale Handeln) ableiten – z. B. „Wer eine fremde bewegliche Sache, in der Absicht, sie sich anzueignen, wegnimmt …“. Allerdings gehen historisch konkrete Gebote wie „Du sollst nicht stehlen!“ oft ihren Wert-Abstraktionen voraus. Werte sind ein zentraler Bestandteil vieler Verhaltensvorschriften, jedoch sind sie nicht selber Verhaltensvorschriften. Werte sind attraktiv, während Normen restriktiven Charakter haben.[12]
„Die Norm sagt, was in einer Situation notwendig und allgemeingültig geschehen soll.“ Eine bestimmte Art der Verknüpfung von Handlungsbedingungen in einer Situation mündet in den Anspruch einer Forderung zum Tun. Wie verhält sich die soziale Norm bezogen auf die geistigen Dispositionen des Wollens? Zu den Normen gehört die Idealität. Ihnen liegen Entwürfe zugrunde, die als ideale Möglichkeiten im Geist beim Aufbau eines Lebenskonzeptes vorbereitet werden. Bezugspunkt dieser Normen ist „eindeutig der Wert als Kategorie der Selektion“. Die Befolgung der Normen „wird durch die negativen Konsequenzen ihrer Nichtbefolgung“ lanciert. „Die Normen des sozialen Umgangs verleihen den Verhaltensweisen Ordnung. Sie fungieren als Gruppenstabilisatoren.“[13] Mit gesellschaftspolitischem Blick bezieht sich Habermas 2004 wie selbstverständlich auf die Orientierung des Bürgers am Normativen; er verwendet für diese ethische Disposition den Begriff „Normbewusstsein“.[14]
Werte werden i. d. R. über die Sozialisation an nachfolgende Generationen weitergegeben. Dies geschieht nicht vollständig, so lässt sich beispielsweise in den westlichen Industriegesellschaften ein stetiger Wertewandel beobachten. Die Ursachen für den Wertewandel sind vielfältig (veränderte Umweltbedingungen, Konflikthaltung gegenüber anderen Generationen etc.). Werte unterscheiden sich von Einstellungen darin, dass Werte stabiler sind.
Die Weitergabe materieller Werte regelt das Vertrags- und Erbrecht (inter vivos, „unter Lebenden“ bzw. mortis causa „Todes halber“).
Das System aller Werte ist scheinbar nicht widerspruchsfrei bzw. einzelne Werte scheinen mit bestimmten anderen Werten in einem Konkurrenzverhältnis zu stehen. So wird gelegentlich postuliert, dass der Wert des Wohlstands im Konflikt mit dem Wert der Nachhaltigkeit oder der Wert der individuellen Freiheit mit anderen Werten (etwa der Gleichheit) steht.
Eine differenziertere Betrachtung ergibt allerdings auch hier ein differenzierteres Bild. So werden bei solchen Debatten oft verschiedene Zeit- und Abstraktionsebenen vermischt. Im obigen Beispiel etwa steht der Wert des Wohlstands nur kurzfristig im Konflikt mit dem Wert der Nachhaltigkeit; langfristig kann ohne Nachhaltigkeit kein Wohlstand generiert werden. Auch die Freiheit steht im Grunde nicht im Gegensatz zu anderen Werten, sondern mit anderen Freiheiten (bzw. der Freiheit anderer).
Andererseits können in konkreten Situationen jedoch Werte miteinander in Konflikt treten, die abstrakt gesehen durchaus vereinbar scheinen. Es ist dann nicht möglich, sich so zu verhalten, dass man allen Werten gleichzeitig gerecht wird. Nicht alle Werte werden als gleichrangig angesehen, so dass auch in solchen Fällen meist eine mehr oder weniger klare Orientierung gegeben ist. Die jeweilige Gewichtung eines Wertes ist im Einzelfall situations- und/oder kulturabhängig. Auch hier ist zu prüfen, ob es sich tatsächlich um eine Kollision von (abstrakt-generellen) Werten an sich handelt - oder nicht doch um einen (konkret-individuellen) normativen Zielkonflikt („Pflichtenkollision“) handelt (vgl. hierzu etwa die von Max Weber geprägte Unterscheidung zwischen Verantwortungs- und Gesinnungsethik).
In den 1980er Jahren hatte der Psychologe Shalom H. Schwartz die Frage aufgeworfen, ob es so etwas wie universelle Werte gibt. Er entwarf ein Wertemodell und postulierte eine Anzahl von Werten, die alle Menschen in unterschiedlichen Ausprägungen gemeinsam haben müssten. Seine Theorie ging davon aus, dass Werte von folgenden Termini bestimmt würden:
Sein Modell umfasste 10 Wertegruppen:
Dann führte er zu diesem Modell eine extrem aufwändige Studie mit 20 teilnehmenden Ländern überall auf der Welt durch und konnte diese zehn Wertegruppen bei jeder Nation, Kultur und Sprache nachweisen. Es gibt also bestimmte Werte, die universelle Bedeutung haben und die Menschen der ganzen Welt gemeinsam haben. Einschränkend lässt sich zu Schwartz’ Konzept anmerken: Solche Untersuchungen stellen allerdings nur faktische Wertvorstellungen fest, beinhalten jedoch keine echte Allgemeingültigkeit, bzw. Objektivität, sondern allenfalls Tendenzen, da einzelne Individuen immer anders bewerten können und dies in der Praxis auch geschieht. Solche Relativität der Werte, Bewertungen und Werterfahrungen leitet sich daraus ab, dass das eigentliche „Wertvollsein“ ein subjektiver Faktor ist, der letztlich auf Urteilen und Fühlen beruht. Gefühle sind jedoch „kontingent“, d. h. sie gehören nicht notwendig zu den Wertobjekten, mit denen sie wahrgenommen werden (vgl. Wert, Werttheorie, Emotion, Emotionale Intelligenz).
Mit dem andersartigen Konzept einer möglichst umfangreichen Minimalsynthese arbeitete das InterAction Council; 1997 konnte es – von politischen Prämissen und einer Bestandsaufnahme weltanschaulicher und religiöser Ideale ausgehend - ethische Optionen für den Alltag der Menschen vorschlagen. Diese Expertengruppe aus renommierten Politikern, Sozialwissenschaftlern und Vertretern weltweiter Religionsgemeinschaften legte den Vereinten Nationen und der Weltöffentlichkeit eine „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“ als Ergänzung zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vor. Dieser Erklärung liegen Wertvorstellungen zu Grunde, die ein Weltethos in der Bedeutung einer globalen Basisvereinbarung über gemeinsame ethische Werte, Maßstäbe und Haltungen zum Ziel haben. Danach gehöre es beispielsweise zur Pflicht des menschenfreundlichen Handelns, sich
Andere Wertvorstellungen der vorgeschlagenen Menschenpflichten sind:
Allerdings wird diese global-ethische Perspektive für die praktische Realisierung nicht ohne Kritik akzeptiert. 2004 dachte J.-C. Kapumba Akenda, Philosophie-Professor an der Universität von Kikwit/Kongo, über Auswege aus einem Dilemma des ethischen Universalismus nach: Er betonte prinzipiell, dass einerseits der weltweite Anspruch der Vernunft und der Gerechtigkeit und andererseits die Souveränität zu achten sind. Als „Bausteine des ethischen Universalismus“ definierte Akenda diesbezüglich die „Solidarität ohne Paternalismus“ und die „Kommunikation ohne Konsenszwang“. [15]
Problematisch ist auch, wie man die allgemein anerkannten Werte durchsetzt. Aus egoistischer Sicht ist es manchmal vorteilhafter, sich nicht an soziale Normen zu halten, insbesondere dann, wenn man eine gute Chance hat, nicht erwischt zu werden. Deswegen braucht eine Gesellschaft ein (möglichst gut funktionierendes) Sanktionssystem, damit aus Werten abgeleitete Normen möglichst gut von allen eingehalten werden. Ist dieser Druck zu groß, beschneidet man allerdings wieder die individuelle Freiheit des Einzelnen.
Das Thema Werte hat in den letzten Jahren auch in der ökonomischen Diskussion – speziell auf betrieblicher Ebene – eine zunehmende (und neue) Beachtung gefunden. Diskutiert wird insbesondere über das Verhältnis von materiellen und immateriellen Werten in einer wissensbasierten Ökonomie und deren Bewertung (Stichworte u. a.: Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung, Wertemanagement, werteorientierte Personalführung, wertebalancierte Unternehmensführung).
Der Wirtschaftsethiker Karl Homann definiert Werte als „formalisierte Zusammenfassungen bisheriger Erfahrungen mit menschlichem Wollen. […] Werte stellen den Versuch dar, bisher gemachte persönliche und mehr noch kollektive Erfahrungen in einer verallgemeinerten, oft systematisierten Weise so gegenwärtig zu halten, dass sie für die Lösung konkreter Probleme als Orientierungshilfe dienen können. […] Werte sind das aus der Tradition erwachsene Arsenal von Beurteilungsgesichtspunkten für menschliches Handeln und speziell für die darin eingelagerte Komponente des menschlichen Wollens. […] Werte […] haben grundsätzlich hypothetischen Charakter. […] Wie die Anwendung einer empirischen Hypothese auf konkrete Erscheinungen diese Erscheinungen erklären soll und darin zugleich die Hypothese überprüft, so soll die Heranziehung von Werten in Entscheidungen eine Lösung des konkreten Problems liefern und überprüft zugleich die herangezogenen Werte auf ihre Leistungsfähigkeit. Die dogmatische Vorstellung der sakrosankten Werte-Welt ist damit endgültig zerstört.“[16]
Etwas leichter verständlich schreibt der Wirtschaftsethiker Bernd Noll: „In Werten dokumentiert sich das, was ein Individuum, eine Gruppe oder eine Gesellschaft als wünschenswert ansieht. Werte sind folglich Auffassungen über die Wirklichkeit, genauer: über die Qualität der Wirklichkeit. Sie beeinflussen damit die Auswahl unter möglichen Handlungszielen, Mitteln und Handlungsweisen.“[17]