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Wilder Westen ist eine â geographisch und historisch grob eingegrenzte â umgangssprachliche Bezeichnung fĂŒr die ungefĂ€hr westlich des Mississippi gelegenen Gebiete der heutigen Vereinigten Staaten, die in der Pionierzeit des 19. Jahrhunderts (im engeren Sinn dessen zweiter HĂ€lfte) noch nicht als Bundesstaaten in die Union der Vereinigten Staaten aufgenommen waren.
Im Verlauf der voranschreitenden Landnahme und Urbanisierung nahm die Besiedlung dieser Regionen vor allem durch Angloamerikaner â bzw. aus Europa stammende Immigranten â kontinuierlich zu, bis die Gebiete um 1890 in den organisierten Territorien der Vereinigten Staaten aufgingen. Symbolisch stehen die Ăffnung der letzten Indianerterritorien im spĂ€teren US-Bundesstaat Oklahoma fĂŒr die Besiedlung durch Kolonisten im Jahr 1889 beim âOklahoma Land Runâ und das Massaker der US-Armee an etwa 200 bis 300 Lakota-Indianern am Wounded Knee Creek/South Dakota im Dezember 1890 fĂŒr das Ende der Zeit des Wilden Westens. Mit diesen Ereignissen galten die Indianerkriege ebenso als abgeschlossen wie die Kolonisation der bis dahin von den Vereinigten Staaten beanspruchten Hoheitsgebiete (engl. territories) durch die aus Europa eingewanderten Siedler.
Seit diesem Zeitpunkt ist die wesentlich aus der Sichtweise der angloamerikanischen Eroberer geprĂ€gte Begrifflichkeit Wilder Westen bis in die Gegenwart mit einer gewissen VerklĂ€rung verbunden: Durchdrungen von Vorstellungen ĂŒber Freiheit, MĂ€nnlichkeit, Recht des StĂ€rkeren, Kampf um das Eigentum und Ă€hnlichen Klischees[1] kam es zu einer Mythologisierung und Trivialisierung der US-amerikanischen Pionierzeit, wobei die Grenzen zwischen historischen Fakten, Legendenbildung und frei erfundenen Geschichten oft verschwimmen.
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Vorreiter der spĂ€teren Besiedlung des nordamerikanischen Westens durch vor allem aus Europa stammende Einwanderer waren Entdeckungsreisende wie Lewis und Clark, die zwischen 1804 und 1806 als erste einen durchgehenden Ăberlandweg vom Atlantik zum Pazifik fanden; oder JĂ€ger, Fallensteller und PelzhĂ€ndler, wie z. B. Jedediah Smith, die in die von den Kolonisten noch unerschlossenen und von verschiedenen IndianerstĂ€mmen bewohnten Gebiete jenseits der sogenannten frontier (Grenze zum Indianergebiet) vordrangen und in Handelsbeziehungen mit den indianischen Gruppen traten. Bedingt durch die Erfahrungen dieser Trapper im Hinblick auf Ortskenntnisse und einer relativen Vertrautheit mit Sprache und Kultur einzelner IndianerstĂ€mme fĂŒhrten einige von ihnen â unter anderen beispielsweise Jim Bridger â spĂ€ter als Scouts (Kundschafter bzw. Pfadfinder im eigentlichen Wortsinn) verschiedene Siedlertrecks (Planwagenkolonnen) nach Westen oder dienten der US-Armee wĂ€hrend der Indianerkriege als Berater, Dolmetscher bei Verhandlungen oder FĂ€hrtensucher.
Die als Wilder Westen bezeichnete Ăra war durch eine Aufbruchsstimmung gekennzeichnet, aus der heraus sich immer mehr Menschen aus dem zunehmend dichter besiedelten Osten der Vereinigten Staaten nach Westen aufmachten, darunter eine groĂe Zahl von Immigranten (Einwanderer) vor allem aus Europa â jedoch auch ursprĂŒnglich vorwiegend vom afrikanischen Kontinent stammende entflohene oder in Folge des Sezessionskrieges formaljuristisch befreite ehemalige Sklaven aus den SĂŒdstaaten der Vereinigten Staaten (letzteres ein Sachverhalt, der in der spĂ€teren Trivialisierung des Wilden Westens nur sehr selten BerĂŒcksichtigung fand).
Die Motivation der Pioniere war von unterschiedlichen GrĂŒnden geprĂ€gt. FĂŒr die meisten war eine Ansiedlung in den Staaten des Ostens unerschwinglich. Im Westen gab es weite Landstriche, in denen sich die Siedler billiges Land erhofften (gesetzlich abgesichert durch den Homestead Act, das HeimstĂ€ttengesetz von 1862), um sich mit landwirtschaftlicher Arbeit als Farmer (Ackerbauern) oder Rancher (ViehzĂŒchter mit Weidewirtschaft) niederzulassen. Wieder andere suchten den schnellen Reichtum in der Hoffnung, Edelmetalle wie Gold, Silber oder andere BodenschĂ€tze zu finden. Als 1848 in der NĂ€he von San Francisco Gold gefunden wurde, löste dies mit dem Kalifornischen Goldrausch das bis dahin gröĂte âGoldfieberâ in der Geschichte der Vereinigten Staaten aus, das die Trecks nach Westen deutlich anschwellen lieĂ. Die neue Religionsgemeinschaft der Mormonen lieĂ sich ab 1846 im heutigen Utah nieder, um ungestört nach ihrem Glauben leben zu können.
Die Eroberung des Westens der Vereinigten Staaten war zunĂ€chst stark geprĂ€gt durch die gewaltsame ZurĂŒckdrĂ€ngung der einheimischen Bevölkerung, der Indianer, und eine entsprechende Unterwerfungs- und teilweise Ausrottungspolitik ihnen gegenĂŒber (vgl. Indianerkriege und Indianerpolitik der Vereinigten Staaten). Damit einhergehend und auch danach spielte die infrastrukturelle ErschlieĂung des Landes eine wichtige Rolle; u. a. beispielsweise durch das Post- und Transportwesen â in den 1860er Jahren geprĂ€gt durch die Postkutschenlinien der Wells-Fargo Company und den Pony-Express â, nach dem transkontinentalen Eisenbahnbau und der Errichtung von Telegrafenleitungen zunehmend abgelöst durch schnellere, gĂŒnstigere und sicherere Entwicklungen im Ăberlandverkehr und der InformationsĂŒbermittlung.
Durch die Weite des Landes wurde vor allem in den fruchtbaren Ebenen der PrĂ€rie, wo die Region der GroĂen Ebenen in den Mittleren Westen ĂŒbergeht, neben dem Getreideanbau die breit angelegte Viehzucht in groĂen Landstrichen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Mit ihm einhergehend erlangte der Beruf des Cowboys den Rang, der ihn zu einem zentralen Sinnbild des Wilden Westens werden lieĂ. Jedoch nahm auch die Bedeutung dieses Berufes ab Mitte der 1870er Jahre ab, nachdem â bedingt durch die Ausdehnung der Eisenbahnlinien und die Verbreitung des Stacheldrahtzauns â zum einen die langen Viehtriebe zu den FleischmĂ€rkten zurĂŒckgingen, zum anderen das Zusammenhalten der Rinderherden durch die Möglichkeit effektiverer EinzĂ€unung eine rapide Rationalisierung in der Viehhaltung und entsprechend einen sozialen Abstieg des Cowboyberufs zur Folge hatte. Die Arbeitslosigkeit vormaliger Cowboys zeichnete bei nicht wenigen von ihnen den Weg in die Gesetzlosigkeit vor, die sich in der relativen Verbreitung von Banditenbanden â vor allem in den 1870er und 1880er Jahren â ausdrĂŒckte. Auch das Aufgebot an Cowboys bei verschiedenen sogenannten Weidekriegen dieser Zeit, bei denen es vor allem um die Aufteilung des Landes ging, trug zu einer entsprechenden Legendenbildung um diesen Beruf bei â so unter anderem beispielsweise beim Lincoln-County-Rinderkrieg des Jahres 1878.
Insbesondere nach dem Ende des Sezessionskrieges zwischen den Nord- und SĂŒdstaaten (1861â1865) suchten auch viele durch den Krieg gescheiterte, teilweise verrohte Menschen einen neuen Anfang im Westen. GlĂŒcksritter und Abenteurer fanden in den relativ unerschlossenen Gebieten der Vereinigten Staaten oft einen gesetzlichen Freiraum vor, der es begĂŒnstigte, dass sich in manchen Landstrichen ein ausgeprĂ€gtes Banditenwesen entwickelte.
Legendenumwobene Namen wie Frank und Jesse James, die sich durch Bank- und EisenbahnĂŒberfĂ€lle einen berĂŒhmt-berĂŒchtigten Ruf erwarben, oder âBilly the Kidâ verweisen ebenso auf die weit verbreitete Gesetzlosigkeit im Wilden Westen, wie es die Namen ihrer Gegenspieler tun; die teilweise korrupten GesetzeshĂŒter â Sheriffs oder US Marshals â, die oft selbst als sogenannte Revolverhelden in der Grauzone zwischen Gesetz und Verbrechen agierten, so beispielsweise Pat Garrett, Wyatt Earp, âWild Billâ Hickok u. a.
Diese von Hollywood-Filmen geprĂ€gte, naive Vorstellung vom wilden, gesetzlosen Leben ist durch jĂŒngere Forschungen relativiert worden. So rĂŒckten sie die VerĂ€nderung der Indianerpolitik stĂ€rker in den Mittelpunkt. Mit dem Homestead Act von 1862, das praktisch alles Indianerland an Siedler gab, hatte sich die Regierung mehr und mehr von der bis dahin von Verhandlungen und VertrĂ€gen geprĂ€gten Politik gegenĂŒber den PrĂ€rieindianern abgewandt. Die gewaltig angewachsene Armee wurde nach dem Sezessionskrieg zunehmend eingesetzt, um die Landinteressen der groĂen Eisenbahngesellschaften durchzusetzen, die wiederum gute Beziehungen zur Regierung hatten. Auf Seiten dieser Allianz, die die Indianer von ihrem Land verdrĂ€ngen wollte, fanden sich Goldsucher, Bauern, ViehzĂŒchter in einem Klima steter Gewaltbereitschaft. Ausgangspunkt war demnach nicht die Abwesenheit eines staatlichen Gewaltmonopols, sondern seine Durchsetzung mit militĂ€rischer Gewalt.
Schon ab dem spĂ€ten 19. Jahrhundert wurde die Pionierzeit als âWilder Westenâ verklĂ€rt und romantisiert. Vorreiter waren dabei vor allem die Dime-Novels (Groschenhefte) ĂŒber âBuffalo Billâ von Ned Buntline in den 1870er Jahren (âBuffalo Bill Cody â König der Grenzerâ). Angeregt durch den offensichtlichen populistischen Erfolg dieser Hefte ĂŒber sein glorifiziertes Leben und einigen Auftritten in den TheaterstĂŒcken von Buntline, erkannte der ehemalige BisonjĂ€ger, der eigentlich William Frederick Cody hieĂ, seine geschĂ€ftliche Chance und entwickelte eine nach diesen Groschenromanen gestrickte Wildwest-Show, die auch international auf Tournee ging.
Insbesondere in der Trivialliteratur als auch in der Filmindustrie, zunĂ€chst vor allem in den Vereinigten Staaten selbst, erlebte die Zeit des Wilden Westens einen Boom. Die sich bildenden noch heute gĂŒltigen Klischees wurden weiter gepflegt und insbesondere von Stuart N. Lake 1931 mit âFrontier Marshalâ, einer Biografie ĂŒber Wyatt Earp, durch den Marshal und Sheriff-Mythos erweitert, der in dem Film Zwölf Uhr Mittags (OT: High Noon) 1952 seinen stilistischen Höhepunkt erreichte.
Mit den US-amerikanischen Malern Charles M. Russell (1864â1926) und Frederic Remington (1861â1909) stellten die Vereinigten Staaten zwei (noch) zeitgenössische KĂŒnstler, die mit ihren am Realismus orientierten romantisch-verklĂ€renden GemĂ€lden die im wörtlichen Sinn bis heute vorherrschende âbildlicheâ Vorstellung des Wilden Westens prĂ€gten.
Der Fotograf William Henry Jackson (1843â1942) hielt die Szenerie der Zeit und Landschaften des Westens der Vereinigten Staaten in seinen berĂŒhmt gewordenen Fotos fest. Edward S. Curtis (1868â1952) war ein bekannter Fotograf, der verschiedene berĂŒhmte Indianer portrĂ€tierte, und in seinen Bildern den Alltag und die Kultur der Indianer des ausgehenden 19. Jahrhunderts dokumentierte. Weitere Fotografien, die den Alltag des Wilden Westens dokumentieren, stammen beispielsweise von John C. H. Grabill.
In Film und Literatur (vorrangig der Unterhaltungsliteratur) werden Werke, die die Zeit des Wilden Westens â meist in Form von fiktiven (Abenteuer-)Geschichten â darstellen, oft als Western bezeichnet. Ein Vorreiter der literarischen Form des Wildwestromans war bereits in der ersten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts James Fenimore Cooper mit seinen Lederstrumpf-Romanen. Der Schriftsteller Zane Grey war einer der bekannteren US-amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts, die den Wilden Westen in Romanen thematisierten.
Eine Hochphase bekam der Western â zumal als Filmgenre â in den 1950er Jahren in den Vereinigten Staaten. Auch viele Fernsehserien griffen das Genre auf, so etwa die TV-Produktionen Bonanza und Rauchende Colts als Beispiele fĂŒr zwei der auch im deutschen Sprachraum erfolgreichsten und bekanntesten Fernsehreihen, die ĂŒblicherweise im wöchentlichem Rhythmus zwei Jahrzehnte lang mit in sich abgeschlossenen Folgen fortgesetzt wurden.
Beispiele fĂŒr US-amerikanische genrebildende Klassiker des fĂŒr das Kino produzierten Wildwestfilms (Western) sind:
Untergenres des Wildwestfilms, die nicht immer im Wortsinn mit dem Wilden Westen zusammenhÀngen, sind:
Der aufwĂ€ndige 6-teilige US-Fernseh-Spielfilm Into the West aus dem Jahr 2005, produziert neben anderen von Steven Spielberg, gedreht von verschiedenen Regisseuren, schildert vor dem Hintergrund einer fiktiven Familiengeschichte eines Angloamerikaners und seiner Ehefrau vom Volk der Lakota die Geschichte des Wilden Westens zwischen 1827 und 1890 mit dem Anspruch historischer Detailtreue. In der Form eines Epos werden dabei die wesentlichen historischen Eckpunkte des Wilden Westens unter besonderer Betonung der Konfrontation zwischen der Kultur der PrĂ€rieindianer und derjenigen der âweiĂenâ Kolonisten dargestellt. Mit einer Dauer von insgesamt mehr als acht Stunden ist dieser Mehrteiler die bis dahin umfassendste als Spielfilm dargestellte âVerfilmung des Wilden Westensâ unter einem Titel.
Auch in Europa gab es unterschiedliche Formen der fiktionalen BeschÀftigung mit der US-amerikanischen Pionierzeit, etwa in der Form eines Teils der Abenteuerromane von Friedrich GerstÀcker bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts und von Karl May gegen Ende des 19. Jahrhunderts, spÀter bis in die Gegenwart durch Heftromane, Comics und filmisch durch die sogenannten Eurowestern und Italowestern.
Beispiele:
Liselotte Welskopf-Henrich schrieb den Romanzyklus Die Söhne der GroĂen BĂ€rin, der besonders in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) sehr erfolgreich war und auch heute noch viele AnhĂ€nger hat.
Es gibt neben den Darstellungen in Film und Literatur auch zahlreiche Computer und Videospiele die vor dem Hintergrund des Wilden Westens spielen. Bekannte Beispiele sind das Strategiespiel Desperados oder Actionspiele wie Call of Juarez und Red Dead Redemption.
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