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Wilhelm Liebknecht

Wilhelm Liebknecht (Fotografie aus den 1870er Jahren)

Wilhelm Liebknecht − vollstĂ€ndiger Name: Wilhelm Philipp Martin Christian Ludwig Liebknecht[1] − (* 29. MĂ€rz 1826 in Gießen, Großherzogtum Hessen; † 7. August 1900 in Charlottenburg), Vater von Theodor, Otto und Karl Liebknecht, war einer der GrĂŒndervĂ€ter der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD).

Er war als radikaldemokratischer RevolutionĂ€r aktiv an den Revolutionen von 1848/49 beteiligt − nach der französischen Februarrevolution vor allem in Baden (vgl. Badische Revolution).

Beruflich betÀtigte er sich unter anderem als Lehrer, Journalist und Redakteur.

Nach 13 Jahren des Exils in der Schweiz und in England, wo er sich als Mitglied des Bundes der Kommunisten unter dem Einfluss von Karl Marx und Friedrich Engels marxistischen Positionen angenÀhert hatte, wurde er wÀhrend der ersten Jahrzehnte des deutschen Kaiserreichs zu einem der profiliertesten sozialistischen Politiker im Reichstag. Dort war er ein bedeutender Kontrahent des Reichskanzlers Otto von Bismarck.

Inhaltsverzeichnis

Bedeutung und Wirkung Liebknechts

Wilhelm Liebknecht erlangte historische Bedeutung als einer der BegrĂŒnder der parteipolitisch organisierten deutschen Sozialdemokratie. Seine Biographie ist eng mit der Entwicklung der sozialistischen Arbeiterbewegung Deutschlands und Europas im 19. Jahrhundert verbunden.

Protagonisten der parteipolitisch organisierten frĂŒhen deutschen Arbeiterbewegung (Obere Reihe: August Bebel, Wilhelm Liebknecht fĂŒr die SDAP – Mitte: Karl Marx als ideeller Impulsgeber – Untere Reihe: Carl Wilhelm Tölcke, Ferdinand Lassalle fĂŒr den ADAV)

Von 1863 bis 1865 war er Mitglied der ersten sozialdemokratischen Parteiorganisation in den Staaten des Deutschen Bundes, dem auf Initiative von Ferdinand Lassalle gegrĂŒndeten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV). Nach seinem Ausschluss infolge zunehmender und grundlegender politischer Differenzen mit der ParteifĂŒhrung gehörte Liebknecht mit August Bebel zu den Initiatoren und MitbegrĂŒndern der weiteren VorgĂ€ngerparteien der SPD wĂ€hrend der Zeit des Übergangs des Deutschen Bundes zum „kleindeutschen“ Nationalstaat des Deutschen Reichs: 1866 wurde die SĂ€chsische Volkspartei gegrĂŒndet, die 1869 in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) aufging. 1875 erfolgte nach inhaltlicher Kompromissbildung die Vereinigung mit dem ADAV zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP). Letztere wurde nach zwölfjĂ€hriger UnterdrĂŒckung − faktisch ihrem Verbot durch das Sozialistengesetz − 1890 in Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) umbenannt.

FĂŒr die entsprechenden Parteien war Liebknecht von 1867 bis 1871, und erneut ab 1874 bis zu seinem Lebensende Abgeordneter im Reichstag, dem von den damals wahlberechtigten BĂŒrgern (MĂ€nner ab dem Alter von 25 Jahren) gewĂ€hlten Parlament: zuerst dem Reichstag des Norddeutschen Bundes, dann des nachfolgenden deutschen Kaiserreichs. ZusĂ€tzlich war er von 1879 bis 1885 und von 1889 bis 1892 Mitglied des SĂ€chsischen Landtags. Zwischen 1876 und 1878 gehörte er dem vierköpfigen Zentralwahlkomitee, dem damaligen Parteivorstand der SAP an.

Des Weiteren begrĂŒndete er zusammen mit Wilhelm Hasenclever 1876 das Zentralorgan der damaligen SAP, den VorwĂ€rts, der bis in die Gegenwart die Parteizeitung der SPD geblieben ist. Liebknecht war von 1891 bis zu seinem Tod dessen Chefredakteur. Bis 1878 hatte er sich diese Funktion − vor dem zwischen 1878 und 1890 geltenden zwölfjĂ€hrigen Verbot der Zeitung durch das Sozialistengesetz – zwei Jahre mit Hasenclever geteilt.

Mit seinen radikaldemokratischen und revolutionĂ€r-marxistischen Positionen hatte er wesentlichen Anteil daran, dass die SPD des 19. Jahrhunderts ideologisch an diesen Inhalten ausgerichtet wurde. Aufgrund seiner systemoppositionellen Haltung, aus der heraus Wilhelm Liebknecht die herrschenden am monarchischen Prinzip ausgerichteten Staatsstrukturen und die deutsche Regierungspolitik in der Zeit des „Wilhelminismus“ und davor scharf kritisierte, wurde er mehrfach wegen verschiedener politischer Vergehen seiner Zeit angeklagt, darunter zum Beispiel Hochverrat oder MajestĂ€tsbeleidigung. Insgesamt verbrachte er etwa sechs Jahre seines Lebens in Haft.

Liebknecht war neben seinem Engagement fĂŒr die proletarische Bildungsarbeit (vgl. Arbeiterbildung) ein bedeutender Vertreter des Internationalismus in der Arbeiterbewegung. Vor dem Hintergrund seiner antimilitaristischen Haltung zĂ€hlten VölkerverstĂ€ndigung und Frieden zwischen den Staaten zu den wesentlichen Zielen Liebknechts. Nach der Auflösung der von 1864 bis 1876 bestehenden Internationalen Arbeiterassoziation, deren BevollmĂ€chtigter fĂŒr Deutschland Liebknecht seit 1868 gewesen war, war er maßgeblich an der GrĂŒndung der Zweiten, der Sozialistischen Internationale im Jahr 1889 beteiligt. Er trug dazu bei, dass die SPD als deren deutsche Sektion zur weltweit stĂ€rksten und einflussreichsten sozialistischen Partei seiner Zeit wurde.

Außer der SPD beriefen sich spĂ€ter (und berufen sich, soweit noch bestehend, bis in die Gegenwart) die KPD, die SED der DDR und die aus ihr hervorgegangene PDS (nach ihrer Vereinigung mit der WASG ab Juni 2007 Die Linke) in ihrer Traditionsbildung auf Wilhelm Liebknecht.

Leben

Kindheit und Jugend (1826–1842)

Gießen, die Geburtsstadt Liebknechts, Anfang des 19. Jahrhunderts
Tafel an der Stelle des Geburtshauses (1944 zerstört), Burggraben 12/14
Friedrich Ludwig Weidig (1791−1837), Liebknechts Großonkel

Nach dem Tod seiner Eltern, dem „großherzoglich hessischen Regierungsregistrator zu Darmstadt und Gießen“ Ludwig Christian Liebknecht (1787–1832), und dessen Frau Katharina, geb. Hirsch (1803–1831), Tochter eines „landgrĂ€flich-hessischen Oberpostmeisters“ in Hanau, wuchs Wilhelm Liebknecht ab 1832 mit den Geschwistern bei seinem Vormund, dem Kandidaten der Theologie Karl Wilhelm Oßwald (1789–1845) und Freunden des Vaters in seinem Geburtsort Gießen auf. Dort ging er auch zur Schule, die er 1842 mit Gymnasialabschluss beendete.

Die von den verwaisten und mittellosen Kindern in der Familie des Vormunds als Widerspruch empfundene Diskrepanz zwischen einer christlich-moralischen Anspruchshaltung und deren vermisster Umsetzung (z.B. NĂ€chstenliebe versus fehlender FĂŒrsorge) trug bei den BrĂŒdern Wilhelm und Louis zu einer sich langfristig festigenden negativen Einstellung gegenĂŒber Kirche und religiösem Glauben bei; ein Umstand, der ursĂ€chlich fĂŒr die spĂ€tere Entwicklung Liebknechts zu einem AnhĂ€nger der deutschen Freidenker-Bewegung steht.

Das Schicksal von Wilhelm Liebknechts Großonkel mĂŒtterlicherseits, des evangelischen Pfarrers Friedrich Ludwig Weidig, beeinflusste bereits relativ frĂŒh die soziale und politische Einstellung des jungen Liebknecht und wirkte sich prĂ€gend auf sein spĂ€teres Leben aus. Weidig hatte 1834 mit dem Schriftsteller und Dramatiker Georg BĂŒchner die kurz nach ihrem Erscheinen behördlich verbotene sozialrevolutionĂ€re Flugschrift Der Hessische Landbote unter der Überschrift „Friede den HĂŒtten, Krieg den PalĂ€sten!“ veröffentlicht und verbreitet. 1837 war Weidig nach wiederholt an ihm begangenen Folterungen in der Haft verstorben. Laut Angaben der damaligen hessischen Justiz hatte er Selbstmord begangen. Eine unabhĂ€ngige Untersuchung des Todes von Strafgefangenen war zu der Zeit nicht ĂŒblich.

Studium und erstes Exil (1843–1847/48)

Profil des 21-jÀhrigen Wilhelm Liebknecht im Couleur des Corps Hasso-Nassovia Marburg, 1847
Altersfoto von Ludwig BĂŒchner (1824–1899), dessen Freundschaft mit Liebknecht lebenslang erhalten blieb. Beide sollten 1881 zu den GrĂŒndungsmitgliedern des Deutschen Freidenkerbundes gehören.

Wilhelm Liebknecht studierte zwischen 1843 und 1847 an verschiedenen UniversitĂ€ten unterschiedliche geisteswissenschaftliche FĂ€cher: Zuerst in seiner Heimatstadt Gießen Philologie und evangelische Theologie, dazwischen 1845/46 ein Semester Philosophie in Berlin, zuletzt erneut Philosophie in Marburg. Neben dem Studium absolvierte er zwei Handwerkerlehren: In Wieseck bei Gießen lernte er Zimmermann, in Marburg BĂŒchsenmacher. Dies, so nahm er an, wĂŒrde ihm bei seiner zeitweilig aus politischen GrĂŒnden erwogenen Auswanderung nach Amerika helfen, vor Ort zurechtzukommen. Mit der entsprechenden ErwĂ€gung stand Liebknecht in seiner Familie nicht allein. Schließlich war es jedoch lediglich sein Bruder Louis, der das Vorhaben 1851 mit seiner Auswanderung in die USA, wo er auf einer Farm in Michigan lebte, umsetzen sollte.

Als Student kam Wilhelm Liebknecht – noch zur Zeit des VormĂ€rz – in Kontakt mit der studentischen Verbindungsbewegung, die sich fĂŒr demokratische Rechte und die nationale Einigung des Deutschen Bundes in einem gesamtdeutschen Nationalstaat einsetzte. Viele der in Corps und Burschenschaften organisierten Studenten standen zu dieser Zeit – in Folge der repressiven Karlsbader BeschlĂŒsse von 1819 hĂ€ufig aus dem illegalen Untergrund heraus – in Opposition zur seit dem Wiener Kongress von 1814/1815 herrschenden reaktionĂ€ren Restaurationspolitik, die wesentlich vom österreichischen Staatskanzler FĂŒrst von Metternich geprĂ€gt war.

Dabei war Liebknecht eher von den frĂŒhsozialistischen Vorstellungen Saint-Simons als von nationalstaatlichen Ideen beeinflusst, was ihn nicht davon abhielt, studentischen Verbindungen beizutreten. So trat er 1846 in Gießen in das Corps Rhenania ein. In Marburg wurde er am 12. Januar 1847 in das Corps Hasso-Nassovia aufgenommen. Im Juli 1847 grĂŒndete er zusammen mit Studenten aus Fulda das Corps Rhenania, das schon im folgenden Wintersemester wieder aufgelöst werden sollte.

WĂ€hrend seines Studiums in Berlin kam Liebknecht Mitte 1845 als NeunzehnjĂ€hriger in Kontakt mit AnhĂ€ngern der revolutionĂ€ren polnischen Nationalbewegung aus der preußischen Provinz Posen, mit der er sympathisierte. Dabei erhielt er Kenntnis von einem geplanten UnabhĂ€ngigkeitsaufstand der Polen, der jedoch wenig spĂ€ter verraten und im Keim erstickt wurde. Unter den zwei Jahre danach im sogenannten Polenprozess angeklagten AnfĂŒhrern des Aufstandes befanden sich auch Freunde Wilhelm Liebknechts aus dieser Zeit. Liebknecht selbst wurde im MĂ€rz 1846 bei seiner RĂŒckreise nach Gießen wĂ€hrend eines Abstechers ins österreichische Kronland Böhmen kurzfristig festgenommen, wegen seiner Sympathien fĂŒr die polnischen RevolutionĂ€re von der österreichischen Gendarmerie verhört und daraufhin des Landes verwiesen.[2]

Anfang August 1846 trat Liebknecht erstmals als einer der AnfĂŒhrer und Sprecher der Gießener Studenten ins Licht der Öffentlichkeit. Eine polizeiliche Maßnahme gegen einen alkoholisierten Studenten eskalierte so weit, dass eine Abteilung Soldaten aus Butzbach zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung nach Gießen verlegt wurde. Daraufhin machten die Studenten mit UnterstĂŒtzung der BĂŒrger einen „Auszug“ (demonstrativ-symbolische UniversitĂ€tsstandort-Verlegung) zur zehn km nördlich der Stadt gelegenen Burg Staufenberg. An den Verhandlungen mit der UniversitĂ€tsleitung ĂŒber die Bedingungen der RĂŒckkehr nach Gießen waren neben anderen auch Liebknecht und Ludwig BĂŒchner, ein jĂŒngerer Bruder Georg BĂŒchners beteiligt. Die Studentenrevolte sorgte auch fĂŒr ĂŒberregionale Resonanz. Selbst die britische Zeitung The Times machte die Studentenmeute in Gießen zum Thema eines Leitartikels.

Im Herbst 1846 schrieb er sich fĂŒr das Fach Philosophie an der UniversitĂ€t Marburg ein.

Liebknecht sah sich veranlasst, Marburg noch vor Abschluss seines Studiums im Sommer 1847 fluchtartig zu verlassen, da ihm beispielsweise wegen der Teilnahme an einem öffentlichen Vivat fĂŒr Sylvester Jordan, als Mitverfasser der kurhessischen Verfassung, bis zur Aufhebung einer Kerkerhaft 1845 einer der damals bekanntesten politischen Strafgefangenen in Hessen, polizeiliche und juristische Repressalien drohten. Ein Freund hatte ihn vor einer anstehenden Verhaftung gewarnt [3].

Zusammen mit einem anderen Freund namens Maus verließ er in den ersten Julitagen 1847 Gießen mit der Absicht, ĂŒber Mainz und Rotterdam nach Amerika zu emigrieren. In Wisconsin wollten sie eine Ackerbau-Genossenschaft bilden. WĂ€hrend der Bahnfahrt nach Mainz-Kastel trafen sie Dr. Ludolf, einen Lehrer am Fröbelschen Institut, einer ZĂŒrcher „Musterschule“ von Karl Fröbel, einem Neffen des ReformpĂ€dagogen Friedrich Wilhelm August Fröbel.[4] Liebknecht Ă€nderte daraufhin spontan seine PlĂ€ne und war 1847/48 Lehrer an dieser Schule. Er machte auch erste journalistische Erfahrungen als Korrespondent der Mannheimer Abendzeitung, fĂŒr die er beispielsweise ĂŒber den Sonderbundskrieg im November 1847 berichtete, einem BĂŒrgerkrieg zwischen den einerseits liberal-progressiven und andererseits katholisch-konservativ geprĂ€gten Kantonen, der ein knappes Jahr spĂ€ter mit der Bundesverfassung vom September 1848 zur Umwandlung der Schweiz von einem Staatenbund zu einem Bundesstaat fĂŒhren sollte.

Beteiligung an der Revolution von 1848/49

Die Auslösung der bĂŒrgerlichen Februarrevolution 1848 in Frankreich fĂŒhrte Liebknecht nach Paris, wo er aktiv auf der Seite der AufstĂ€ndischen an den revolutionĂ€ren KĂ€mpfen teilnahm.

Die Februarrevolution, die zum Sturz des in den ersten Regentschaftsjahren als „BĂŒrgerkönig“ bezeichneten Louis Philippe von OrlĂ©ans und zur Ausrufung der Zweiten Französischen Republik fĂŒhrte, bildete den Funken fĂŒr den Beginn der MĂ€rzrevolution in den Staaten des Deutschen Bundes; – dort zuerst im Großherzogtum Baden. Die Badische Revolution war als regionaler Bestandteil dieser gesamtdeutschen Revolution von 1848/49 diejenige, in der die mit am weitesten gehenden Forderungen nach Demokratie und sozialen VerĂ€nderungen zugunsten der sozial benachteiligten Bevölkerungsschichten (im Wesentlichen Handwerksgesellen, Arbeiter und Bauern ohne Landbesitz) vertreten wurden.

Gustav Struve (1805−1870), Liebknechts direkter Vorgesetzter im revolutionĂ€ren Mannheimer Arbeiterbataillon

Im September 1848 beteiligte sich Liebknecht am Aufstand radikaldemokratischer RevolutionĂ€re um Gustav Struve im sĂŒdbadischen Lörrach (vgl. Abschnitt zum „Struve-Aufstand“ bei Geschichte Lörrachs). Nach dessen Niederschlagung wurde Wilhelm Liebknecht in SĂ€ckingen verhaftet und spĂ€ter nach Freiburg ĂŒberstellt. WĂ€hrend seiner Gefangenschaft in Freiburg verliebte sich der damals 22-JĂ€hrige in die sechs Jahre jĂŒngere Ernestine Landolt, eine Tochter des GefĂ€ngnisaufsehers, die 1854 Liebknechts erste Ehefrau werden sollte. Im Mai 1849 kam er nach etwa sieben Monaten Untersuchungshaft wieder auf freien Fuß, nachdem in der Bundesfestung Rastatt mit einer Meuterei der badischen Garnison am 11. Mai 1849 der badische Maiaufstand im Rahmen der Reichsverfassungskampagne begonnen hatte.

Liebknecht schloss sich wĂ€hrend dieser letzten Phase der MĂ€rzrevolution der Badischen Volkswehr an. Als Leutnant im Mannheimer Arbeiterbataillon war er Adjutant Gustav Struves. Der Kampf der RevolutionĂ€re fĂŒr die im Grunde schon gescheiterte Reichsverfassung beinhaltete den Einsatz fĂŒr die Anerkennung der demokratischen VerĂ€nderungen in einigen Staaten des Deutschen Bundes und die Verteidigung der nach der Flucht des Großherzogs Leopold von Baden am 1. Juni 1849 ausgerufenen badischen Republik gegen die von Norden und Westen anrĂŒckende konterrevolutionĂ€re Armee. Diese wurde von preußischen Offizieren unter dem Oberkommando des Bruders von König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen angefĂŒhrt, – dem bei den RevolutionĂ€ren als KartĂ€tschenprinz berĂŒchtigten Wilhelm von Preußen, der 1861 zum preußischen König und 1871 zusĂ€tzlich zum ersten deutschen Kaiser Wilhelm I. ausgerufen werden sollte.

Zweites Exil, Einfluss von Karl Marx (1849–1862)

Friedrich Engels (1820–1895), Daguerreotypie um 1857
Karl Marx (1818–1883), Fotograf: Richard Beard, London vor 1860

Nach der Niederschlagung der Revolution durch preußische Truppen im Juli 1849 konnte sich Liebknecht einer Gefangennahme (die zu einer Hinrichtung hĂ€tte fĂŒhren können) durch Flucht ins Exil entziehen. Er ging zunĂ€chst wieder in die Schweiz, wo er PrĂ€sident des Demokratischen Vereins in Genf wurde. Dort lernte er Friedrich Engels kennen, der ebenfalls als Beteiligter an der badischen Revolution vorĂŒbergehend in der Schweiz Zuflucht gefunden hatte.

Die Initiative zur Vereinigung der deutschen Arbeiterbildungsvereine in der Schweiz fĂŒhrte zu einer erneuten Verhaftung Liebknechts am 20. Februar 1850 in Murten, und zu seiner Ausweisung wegen „sozialistischer Umtriebe“ am 7. April des gleichen Jahres. Karl Marx warf 1860 in seiner umfangreichen Abhandlung Herr Vogt dem gleichfalls aus Gießen stammenden Emigranten Carl Vogt vor, durch die denunzierende Formulierung vom „Revolutionstag in Murten“ zur Ausweisung beigetragen zu haben [5].

Über Frankreich kam Wilhelm Liebknecht nach England. In London trat er dem seit 1847 bestehenden und 1852 aufgelösten Bund der Kommunisten bei. Über diese Organisation traf er wieder auf Engels und kam in Kontakt mit Karl Marx, zu dem er eine persönliche Freundschaft aufbaute, die in den folgenden Jahren, noch wĂ€hrend seiner Zeit im Exil, nicht unbelastet blieb. So schrieb Marx 1859 in einem Anflug des Zorns bezĂŒglich des Disputs mit Liebknecht in einem Brief an Engels, in dem er sich polemisch-abwertend ĂŒber Wilhelm Liebknecht Ă€ußerte:

„
 Liebknecht ist ebenso schriftstellerisch unbrauchbar wie er unzuverlĂ€ssig und charakterschwach ist. Der Kerl hĂ€tte diese Woche einen definitiven Abschiedstritt in den Hintern erhalten, zwĂ€ngen nicht gewisse UmstĂ€nde, ihn einstweilen noch als Vogelscheuche zu verwenden 
“ [6]

Dennoch vertiefte Liebknechts Kontakt zu Marx seine sozialistische Einstellung und prĂ€gte wesentlich seine nachfolgende politische Haltung. Dabei stand er der materialistischen Dialektik Marx’ weiterhin eher distanziert gegenĂŒber. Bei aller AnnĂ€herung an die marxistische Theorie legte Liebknecht seine radikaldemokratischen Wurzeln nicht ab. Demokratie ohne Sozialismus war fĂŒr ihn keine wirkliche Demokratie, und Sozialismus ohne Demokratie kein wirklicher Sozialismus. Beides bedingte sich in seinen Augen gegenseitig.

BeschĂ€ftigung fand Liebknecht in England unter anderem als Privatlehrer und Korrespondent, wodurch er sich und seine Frau Ernestine, die er 1854 in London geheiratet hatte, notdĂŒrftig ĂŒber Wasser halten konnte.

Parteipolitische Organisierung der Sozialdemokratie (1863–1900)

Als 1862 durch eine Amnestie als Folge der Inthronisierung des preußischen Königs Wilhelm I. die Strafverfolgung fĂŒr viele ehemalige 1848/49er-RevolutionĂ€re wĂ€hrend der ReaktionsĂ€ra nach der MĂ€rzrevolution aufgehoben wurde, kehrte das Ehepaar Liebknecht nach Deutschland zurĂŒck, wo sich Wilhelm Liebknecht zunĂ€chst in Preußen beim Aufbau der sozialdemokratischen Bewegung beteiligte. Neben seinem Engagement fĂŒr die Arbeiterbildungsvereine verstĂ€rkte sich sein Einsatz fĂŒr eine parteipolitische Organisierung der Arbeiterbewegung.

Konflikt mit dem ADAV; Ausweisung aus Preußen; Kontakt zu August Bebel

In Preußen wurde er 1863 Mitglied in dem auf Initiative von Ferdinand Lassalle neu gegrĂŒndeten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV), der ersten als politische Partei organisierten VorlĂ€uferorganisation der spĂ€teren SPD. Er arbeitete als Journalist unter anderem fĂŒr das Zentralorgan des ADAV, die Zeitung Der Social-Demokrat, aber auch fĂŒr bĂŒrgerlich-liberale Zeitungen wie die erst kurz zuvor gegrĂŒndete Norddeutsche Allgemeine Zeitung, deren Linie sich spĂ€ter in eine die Politik Bismarcks unterstĂŒtzende und die Sozialdemokratie ablehnende Richtung wandeln sollte.

Ferdinand Lassalle (1825–1864)

Bereits zwischen Lassalle und Liebknecht hatte es Differenzen um die Rolle des Staates, insbesondere der von Lassalle vertretenen vorrangigen Rolle Preußens im deutschen Staatenbund gegeben. Weitere Meinungsverschiedenheiten drehten sich um die Bedeutung von Reform oder Revolution auf dem Weg zu einer angestrebten sozialistischen Gesellschaft. WĂ€hrend Lassalle den allmĂ€hlichen Weg zum Sozialismus durch Reformen innerhalb einer nationalstaatlich organisierten Gesellschaftsstruktur fĂŒr möglich hielt und anstrebte, erwartete Liebknecht von Reformen bestenfalls eine marginale, jedoch keine wesentliche Verbesserung der Lage der Arbeiterklasse. Er setzte eine soziale und politische Revolution im Sinn einer von Marx postulierten historischen Notwendigkeit voraus, um zu einer grundlegenden UmwĂ€lzung der herrschenden VerhĂ€ltnisse auf dem Weg in eine klassenlose Gesellschaft zu kommen. Seiner Ansicht nach sollte die Sozialdemokratie darauf hinarbeiten, und die Arbeiterbewegung auf diese Revolution – nicht nur in einem nationalen Rahmen – vorbereiten. Dazu war fĂŒr Liebknecht eine enge parteipolitische Bindung an die Gewerkschaftsbewegung, die zu jener Zeit noch in ihren AnfĂ€ngen steckte, wichtig; wohingegen Lassalle der Organisationsform Gewerkschaft eher ablehnend gegenĂŒber stand, und dagegen die GrĂŒndung von Produktivgenossenschaften favorisierte.

Johann Baptist von Schweitzer (1833–1875)

Nach Lassalles frĂŒhem Tod in Folge eines Pistolenduells aus privaten HintergrĂŒnden im Jahr 1864 spitzten sich die Auseinandersetzungen zwischen Liebknecht und der Partei zu. 1865 wurde Wilhelm Liebknecht als einer der bedeutendsten Vertreter der parteiinternen Oppositionsgruppe, zu der neben anderen auch Wilhelm Bracke und Samuel Spier gehörten, aus dem ADAV ausgeschlossen. Letzter Anlass fĂŒr diesen Ausschluss war ein Konflikt, in den er mit dem Herausgeber des Social-Demokrat, Johann Baptist von Schweitzer, geriet, als Liebknecht die preußenfreundliche und kleindeutsch-nationalistische Ausrichtung des Blattes kritisierte, wegen der er schließlich die Redaktion verließ. Von Schweitzer, nach dem Tode Lassalles seit 1864 einflussreicher FunktionĂ€r des ADAV und von 1867 bis 1871 dessen autokratisch auftretender PrĂ€sident, hatte in Folge von Liebknechts Kritik dessen Parteiausschluss betrieben. Unmittelbar nach dem Ausschluss wurde Liebknecht auch aus Berlin und Preußen ausgewiesen, woraufhin er sich in Leipzig im Königreich Sachsen niederließ, und sich dort dem sĂ€chsischen Arbeiterbildungsverein anschloss.

August Bebel (1840–1913), Bildquelle: Friedrich-Ebert-Stiftung

Hier lernte er den 14 Jahre jĂŒngeren August Bebel kennen, der sich unter Liebknechts Einfluss ebenfalls marxistischen Positionen annĂ€herte. Zwischen Liebknecht und Bebel entwickelte sich in der Folgezeit nicht nur eine enge politische Zusammenarbeit, sondern auch eine lebenslange persönliche Freundschaft.

Beide waren sich einig in ihrer Ablehnung des preußischen MilitĂ€r- und Polizeistaates und dessen Hegemoniestreben, seit 1862 unter der MinisterprĂ€sidentschaft Otto von Bismarcks. Aus diesem Grund suchten sie Mitte der 1860er Jahre das BĂŒndnis mit den sĂŒddeutschen Liberalen, die sich nach dem preußischen Verfassungskonflikt und der IndemnitĂ€tsvorlage Bismarcks bis 1868 zum Beispiel in der Deutschen Volkspartei (DtVP), einer linksliberalen Abspaltung der Deutschen Fortschrittspartei, sammelten. Die im Gegensatz zur anderen Abspaltung der Fortschrittspartei, der Bismarck-treuen Nationalliberalen Partei, in verschiedene kleinere Parteien zersplitterten Linksliberalen vertraten zwar nicht durchgehend eine reine Republik, sondern teilweise eine konstitutionelle Monarchie, – jedoch unter Einbeziehung Österreichs, also als großdeutsche Lösung mit föderalistischer Struktur und mit deutlich eingeschrĂ€nkten Machtbefugnissen fĂŒr die herrschenden Monarchen und FĂŒrsten. Mit der Zusammenarbeit war die Hoffnung verbunden, den reaktionĂ€ren Einfluss Preußens einzudĂ€mmen.

Von der SĂ€chsischen Volkspartei zur SDAP; Opposition gegen den Krieg, Festungshaft

Zusammen mit Bebel initiierte Liebknecht am 19. August 1866 die GrĂŒndung der SĂ€chsischen Volkspartei, die eine Allianz zwischen den zunehmend sozialistisch ausgerichteten Arbeiterbildungsvereinen und Vertretern eines antipreußischen, in der spĂ€teren Historiographie als „linksliberal“[7] bezeichneten BildungsbĂŒrgertums in Sachsen bildete. Im Jahr darauf wurden Bebel und Liebknecht zusammen mit Reinhold Schraps als Angehörigem des eher liberalen ParteiflĂŒgels als Abgeordnete dieser Partei in den Reichstag des Norddeutschen Bundes gewĂ€hlt, wo sie, ab 1868 gemeinsam mit der Deutschen Volkspartei (DtVP), gegen die Regierung Bismarcks und die Vorherrschaft Preußens opponierten.

In dieser Zeit ĂŒberschattete der Tod von Liebknechts Ehefrau Ernestine († 1867) sein Privatleben. Sie war an Tuberkulose, damals auch als „Schwindsucht“ oder „Proletarierkrankheit“ bezeichnet, erkrankt und innerhalb kurzer Zeit im Alter von 35 Jahren daran verstorben. Aus der Ehe waren die Töchter Alice (1857–1933) und Gertrud (1863–1936) hervorgegangen. Ein Sohn (Richard) war bereits in seinem ersten Lebensjahr 1857 verstorben. Ein Jahr nach dem Tod seiner ersten Ehefrau heiratete Wilhelm Liebknecht erneut. Seine zweite Frau Natalie, geborene Reh (1835–1909), bis dahin eine Freundin der Familie, und ĂŒber den gleichen Urgroßvater Johann Georg Liebknecht eine entfernte Verwandte Liebknechts, war die Tochter des letzten PrĂ€sidenten der Frankfurter Nationalversammlung von 1848/49, Jacob Ludwig Theodor Reh und seiner Ehefrau Caroline Theodore Louise Weidig. Natalie Liebknecht brachte in den Folgejahren Theodor (1870–1948), Karl (1871–1919) und Otto (1876–1949), sowie Wilhelm Alexander (1877–1972) und Adolf Curt Carl (1879–1966) zur Welt [8]. Der zweitgeborene Sohn Karl Liebknecht sollte zwischen 1914 und 1919 als Gegner des Ersten Weltkrieges und KPD-MitbegrĂŒnder eine eigene – verbreiteter bekannte – historische Bedeutung erlangen.

Die Delegierten des Basler Kongresses der Internationalen Arbeiterassoziation 1869, unter ihnen auch Liebknecht und Spier als Vertreter der SDAP
sogenanntes Kettenbild von Ende 1870 mit PortrĂ€ts sozialistischer Gegner des deutsch-französischen Krieges und Protagonisten der frĂŒhen SDAP. Von oben im Uhrzeigersinn: Karl Marx, Johann Jacoby, Liebknecht, Samuel Spier, Wilhelm Bracke, August Bebel

1869 wurde die SĂ€chsische Volkspartei aufgelöst; ihr dominierender linker FlĂŒgel ging in der ĂŒberregionalen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) auf, die auf Initiative Liebknechts und Bebels und unter Mitwirkung einiger vormaliger ADAV-Dissidenten wie zum Beispiel Bracke und Spier in Eisenach gegrĂŒndet wurde und ein eindeutiges sozialistisches Programm erhielt. In den Folgejahren wurden die AnhĂ€nger der SDAP in Abgrenzung zu den UnterstĂŒtzern des „preußisch-sozialdemokratischen“ ADAV, den „Lassalleanern“, auch „die Eisenacher“ genannt.

Nach dem „Deutschen Krieg“ von 1866 war mit dem Sieg Preußens ĂŒber Österreich bis 1867 der Deutsche Bund aufgelöst und mit dem Zusammenschluss der FĂŒrstentĂŒmer nördlich der Mainlinie der Norddeutsche Bund unter preußischer Vorherrschaft gebildet worden. Damit hatte Österreich seine schon seit dem Ende des Krimkriegs im Jahr 1856 bröckelnde Vorherrschaft im zentralen Mitteleuropa zugunsten Preußens endgĂŒltig eingebĂŒĂŸt. Bei dieser Entwicklung stellte sich in der parlamentarischen Praxis zwischen 1867 und 1869 heraus, dass sich das Ziel einer großdeutschen Reichseinigung zerschlagen und damit auch das ZweckbĂŒndnis zwischen Linksliberalen und Sozialisten in der SĂ€chsischen Volkspartei erĂŒbrigt hatte; – zumal die regierungskritischen Parteien im Reichstag zu zersplittert waren, um den starken Fraktionen der Konservativen und der Nationalliberalen Partei, die Bismarcks Politik stĂŒtzten, ernsthaft etwas entgegen zu setzen. Die Reichstagsmandate der SĂ€chsischen Volkspartei gingen auf die SDAP ĂŒber.

Liebknecht gab das Parteiorgan der neu gegrĂŒndeten SDAP, Der Volksstaat, heraus. Die SDAP erklĂ€rte sich zur deutschen Sektion der 1864 in London gegrĂŒndeten Internationalen Arbeiterassoziation (IAA), die heute auch als „Erste Internationale“ der Arbeiterbewegung bezeichnet wird. Bereits vor der Konstituierung der SDAP war Wilhelm Liebknecht 1868 zum Korrespondenten bei der IAA und zu deren BevollmĂ€chtigtem fĂŒr Deutschland ernannt worden. Im September 1869 war er gemeinsam mit Samuel Spier Delegierter der SDAP beim Basler Kongress der IAA.

Wilhelm Liebknecht (in der Mitte im Zeugenstand stehend), August Bebel (1. v. r.) und Adolf Hepner (2. v. r.) als Angeklagte beim Leipziger Hochverratsprozess [9]

Nach Beginn des deutsch-französischen Krieges im Jahr 1870 ergriff Liebknecht öffentlich Stellung gegen diesen Krieg, enthielt sich jedoch am 19. Juli 1870 unter dem zur Vorsicht mahnenden Einfluss Bebels gemeinsam mit ihm bei der Reichstagsabstimmung ĂŒber einen Kredit fĂŒr den Krieg gegen Frankreich. Beide betrachteten nicht nur Bismarcks Politik als gegen die Interessen der Arbeiter gerichtet, sondern auch die des französischen Kaisers Napoleon III.. Am 28. November desselben Jahres lehnten sie einen weiteren Kriegskredit ab. Liebknecht und Bebel erklĂ€rten 1871 ihre SolidaritĂ€t mit der Pariser Kommune und sprachen sich gegen die Annexion von Elsaß-Lothringen aus. In Folge ihres entsprechenden reichskritischen Engagements wurden beide am 26. MĂ€rz 1872 beim „Leipziger Hochverratsprozess“ zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt, die sie in der Hubertusburg in Wermsdorf absaßen. Liebknechts und Bebels Opposition gegen den Krieg und ihre internationalistische Orientierung verfestigte den vom regierungstreuen Lager lancierten Ruf der Sozialdemokratie als „vaterlandslose Gesellen“ im Kaiserreich, – ein Ruf, der der SPD bis zum Ersten Weltkrieg, – und in nationalistisch-konservativen, insbesondere in reaktionĂ€ren Kreisen auch darĂŒber hinaus anhaften sollte.

Nach seiner Haftentlassung wurde Liebknecht 1874 nach drei Jahren Unterbrechung erneut als Abgeordneter der SDAP in den Reichstag des nunmehr (seit 1871) Deutschen Kaiserreiches gewÀhlt.

Vereinigung der SDAP mit dem ADAV zur SAP; Sozialistengesetz

Wilhelm Hasenclever (1837–1889), letzter PrĂ€sident des ADAV

1875 vereinigte sich die SDAP in Gotha mit dem ADAV unter dessen letztem PrĂ€sidenten Wilhelm Hasenclever zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP). Die Vereinigung der bis dahin in Konkurrenz zueinander stehenden sozialdemokratischen Parteien war möglich geworden, nachdem mit der ReichsgrĂŒndung von 1871 und der mit ihr geschaffenen politischen Fakten die HauptgrĂŒnde fĂŒr die RivalitĂ€t weggefallen waren, die wesentlich in unterschiedlichen Auffassungen zur nationalen Frage und zur Haltung gegenĂŒber der Vorherrschaft Preußens in den deutschen Staaten gelegen waren. Außerdem hatte der bereits 1871 in Folge von VorwĂŒrfen der Korruption und heimlicher Absprachen mit der Regierung erfolgte RĂŒcktritt des antimarxistischen ADAV-Vorsitzenden Johann Baptist von Schweitzer den Weg zur inhaltlichen AnnĂ€herung und schließlich Vereinigung der beiden Parteien frei gemacht.

Erstausgabe des VorwÀrts vom 1. Oktober 1876

Diese Fusion der „Eisenacher“ mit den „Lassalleanern“ wurde von Karl Marx aus London wegen der anpasslerischen Haltung an den eher reformorientierten ADAV im Gothaer Programm der SAP kritisiert (vgl. Marx' Kritik des Gothaer Programms). Obwohl Wilhelm Liebknecht an der Ausarbeitung des Parteiprogramms, das einen Kompromiss darstellte, beteiligt war, konnte er Marxâ€Č Kritik in ihrem Wesensgehalt teilen, stand aber aus pragmatischen GrĂŒnden, vor denen er der Einheit der sozialistischen Bewegung eine PrioritĂ€t einrĂ€umte, dennoch hinter dem Zusammenschluss von SDAP und ADAV, und verteidigte letztlich den von ihm mitverantworteten Kompromiss. In der von Liebknecht und Hasenclever 1876 neu gegrĂŒndeten Parteizeitung VorwĂ€rts setzte er sich spĂ€ter als einer der beiden gleichberechtigten Chefredakteure fĂŒr die Durchsetzung der marxistischen Theorie in der vereinigten Partei ein.

Reichskanzler Otto von Bismarck hatte die Partei von Anfang an als „Reichsfeind“ eingestuft. Nach zwei innerhalb weniger Wochen im Mai/Juni 1878 verĂŒbten erfolglosen Attentaten auf Kaiser Wilhelm I., die Bismarck fĂ€lschlicherweise und wider besseres Wissen den Sozialdemokraten anlastete, setzte dieser Mitte Oktober 1878 im Reichstag das Sozialistengesetz durch („Gesetz gegen die gemeingefĂ€hrlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“).

Sozialistengesetz von 1878

WĂ€hrend der GĂŒltigkeit des jĂ€hrlich verlĂ€ngerten und nur leicht modifizierten repressiven Sozialistengesetzes waren bis 1890 die AktivitĂ€ten der Sozialdemokratie, ihre Unterorganisationen, Veröffentlichungen und Versammlungen außerhalb des Reichstags und der Landtage verboten. In ihren Hochburgen, so etwa in Berlin, Leipzig, Hamburg, Offenbach am Main[10] oder Frankfurt am Main, wurde zeitweilig der sogenannte Kleine Belagerungszustand verhĂ€ngt, der es beispielsweise erlaubte, sozialistische „Agitatoren“ aus der Stadt auszuweisen. Eine der wichtigsten Publikationen der SAP jener Zeit, Der Sozialdemokrat, bei dem Liebknecht als stĂ€ndiger Mitarbeiter firmierte, erschien unter der Redaktion von Paul Singer von Ende 1879 bis 1887 zunĂ€chst in ZĂŒrich, danach in London, und wurde illegal im Reich verbreitet.

WĂ€hrend des Sozialistengesetzes war Wilhelm Liebknecht trotz seines Abgeordnetenstatus auch persönlich von den repressiven Maßnahmen betroffen. 1878 wurde er zunĂ€chst aus Berlin ausgewiesen. Nach verschiedenen GefĂ€ngnisstrafen 1878/79 und von Mai 1880 bis Juni 1881 erfolgte daraufhin eine Ausweisung aus Leipzig, 1884 erneut aus Berlin, und 1887 aus Frankfurt am Main.

Trotz der Repressionen wuchs die SAP in der IllegalitĂ€t unter Liebknecht und Bebel zu einer Massenpartei heran. Zwischen 1881 und 1890 steigerte sich der Stimmenanteil der Sozialdemokraten, die als Einzelpersonen weiterhin zu Wahlen antreten konnten, bei den Reichstagswahlen um ĂŒber 450 % (von knapp 312.000 Stimmen auf mehr als 1,4 Millionen). Auch die fĂŒr ihre Zeit moderne Sozialgesetzgebung des Reichskanzlers, mit der er durch Verbesserungen in der sozialen Absicherung der Arbeiterschaft dieser Entwicklung entgegen wirken wollte, konnte den Trend der Solidarisierung einer breiten WĂ€hlerschaft mit der Sozialdemokratie im Ergebnis nicht aufhalten.

Liebknecht (hintere Reihe, Mitte) als Mitglied der sozialistischen Reichstagsfraktion von 1889. (sitzend: von links: Georg Schumacher, Friedrich Harm, August Bebel, Heinrich Meister, Karl Frohme. Stehend: Johann Heinrich Wilhelm Dietz, August KĂŒhn, Wilhelm Liebknecht, Karl Grillenberger, Paul Singer)

Im Reichstag nahm Liebknecht kein Blatt vor den Mund und nutzte seine Stellung als Abgeordneter, um die Regierungspolitik Bismarcks scharf zu kritisieren. Da er außerhalb des Reichstags im Deutschland jener Zeit keine Möglichkeit hatte, legal in der Öffentlichkeit aufzutreten, und in Folge der Sozialistengesetze auch viele deutsche Sozialdemokraten in die Nachbarstaaten emigriert waren, reiste er viel und sprach auf verschiedenen sozialistischen Kongressen, so zum Beispiel in Frankreich, der Schweiz, England und auch in den USA.

WĂ€hrend der Zeit der Sozialistengesetze gehörte Wilhelm Liebknecht zusammen mit Ludwig BĂŒchner, mit dem er schon seit seiner Studentenzeit befreundet war, 1881 zu den GrĂŒndungsmitgliedern des Deutschen Freidenkerbundes, der sich im Unterschied zur freireligiösen Bewegung deutlich zum Atheismus bekannte und vorwiegend „bĂŒrgerlich“ geprĂ€gt war, wo aber auch Sozialdemokraten ein großes Gewicht hatten. Hieraus entstanden mehrere Freidenkerorganisationen, die nach dem Ersten Weltkrieg zumeist sozialdemokratisch und kommunistisch orientiert waren.

GrĂŒndung der Sozialistischen Internationale

Liebknecht mit Eleanor Marx, der jĂŒngsten Tochter von Karl Marx, die ebenfalls an den GrĂŒndungsvorbereitungen der zweiten Internationale beteiligt war (Fotografie (Ausschnitt) - 1886 auf der Agitationsreise nach Amerika).

Nach der Spaltung der Internationalen Arbeiterassoziation im Jahr 1872 und deren bis 1876 erfolgten Auflösung aufgrund des Konflikts zwischen dem anarchistischem FlĂŒgel um Michail Bakunin und dem marxistischen FlĂŒgel um Karl Marx war es nach Marx’ Tod 1883 Liebknechts Bestreben, zu einer neuen Einheit der internationalen Arbeiterbewegung zu kommen. Darin war er sich mit Friedrich Engels, der MarxÂŽ ideelles Erbe ĂŒbernommen hatte, und mit dem Liebknecht weiterhin in engem Kontakt stand, einig.

Bei der GrĂŒndung der Sozialistischen Internationale 1889 in Paris, an der Liebknecht einen maßgeblichen Anteil hatte, war die SAP trotz ihrer UnterdrĂŒckung im eigenen Land zur einflussreichsten sozialistischen Partei der Welt geworden. Allein 85 Teilnehmer des GrĂŒndungskongresses dieser Zweiten Internationale vom 14. Juli bis 20. Juli 1889, an dem insgesamt etwa 400 Delegierte aus 20 Staaten versammelt waren, waren aus dem Deutschen Reich; unter ihnen neben August Bebel und Eduard Bernstein auch Carl Legien als ein Vertreter der deutschen Gewerkschaftsbewegung, und mit Clara Zetkin eine – spĂ€ter bekanntere – Vertreterin der sozialistischen Frauenbewegung, zu jener Zeit Exilantin in Paris. Liebknecht leitete die deutsche Delegation und war zusammen mit dem französischen Sozialisten Édouard Vaillant Vorsitzender des Kongresses. Unter anderem wurde dabei in Erinnerung an die Todesopfer des 1886 im US-amerikanischen Chicago gewaltsam niedergeschlagenen Streiks und Arbeiteraufstands (vgl. Haymarket Riot) die EinfĂŒhrung des Ersten Mai als „internationaler Kampftag der Arbeiterklasse“ beschlossen. Damit sollte vor allem die Forderung/Durchsetzung des Achtstunden-Arbeitstages fĂŒr die Lohnarbeiter eine grĂ¶ĂŸere und kraftvollere Gewichtung erhalten.

Konstituierung der SPD; 1890er Jahre

Bei den Reichstagswahlen im Februar 1890 wurden die Sozialdemokraten mit 19,7 % der Stimmen zur wĂ€hlerstĂ€rksten Partei im Reich, erhielten jedoch nur 35 der 391 Reichstagsmandate. Bedingt durch verschiedene Benachteiligungen, beispielsweise bei der Wahlkreiseinteilung, waren dies weit weniger Sitze, als ihnen nach heutigem Maßstab (unter den Bedingungen der demokratischen Normen der Bundesrepublik Deutschland) zuerkannt wĂŒrden.

Nach dem RĂŒcktritt, faktisch der Entlassung Bismarcks als Reichskanzler durch den seit 1888 amtierenden Kaiser Wilhelm II. am 20. MĂ€rz 1890 setzte sich in der neuen Regierung die Einsicht durch, dass die Sozialistengesetze die Sozialdemokratie nicht geschwĂ€cht, sondern eher noch gestĂ€rkt hatten. Unter dem neuen Reichskanzler Leo Graf von Caprivi wurde die letzte Neuvorlage des Sozialistengesetzes am 30. September 1890 abgelehnt, wodurch auch dessen regelmĂ€ĂŸig angenommene Vorlagen bis dahin außer Kraft gesetzt wurden.

Nach Aufhebung der Sozialistengesetze wurde die SAP 1890 auf dem Parteitag in Halle reorganisiert und zugleich umbenannt in Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), die diesen Namen bis heute beibehalten hat – trotz vieler programmatischer VerĂ€nderungen seither.

Die Linie der neuen SPD erhielt im Erfurter Programm von 1891 in ihrem von Karl Kautsky entworfenen theoretischen Teil zunÀchst wieder eine von Liebknecht geforderte deutlichere marxistische Ausrichtung, wÀhrend der von Eduard Bernstein verfasste praktische Teil schon eine Anpassung an parlamentarische VerhÀltnisse und Möglichkeiten andeutete.

Als Chefredakteur der Parteizeitung VorwĂ€rts (nach dem Verbot zwischen 1878 und 1890 im Jahr 1891 wiederbegrĂŒndet) und als Abgeordneter trat Liebknecht auch in seinem letzten Lebensjahrzehnt als AnhĂ€nger eines internationalistischen Marxismus auf. Aus dieser Haltung heraus kritisierte er vehement den von Preußen dominierten deutschen Militarismus im Allgemeinen, vor allem die unter Wilhelm II. forcierte AufrĂŒstung des Reiches im Verbund mit einer expansiven Außenpolitik – hierbei die Flottenpolitik des Kaisers im Besonderen: Liebknecht griff den Ausbau der kaiserlichen Marine als ein sinnloses Prestigeprojekt des Monarchen an, das zudem eine Provokation fĂŒr die vorherrschende See- und Weltmacht Großbritannien darstellte, und aus der Sicht der damaligen SPD die Gefahr eines imperialistischen Weltkrieges heraufbeschwor. Dementsprechend bekĂ€mpfte Liebknecht auch den sich seit Mitte der 1880er Jahre verstĂ€rkenden Kolonialismus bzw. Imperialismus, und lehnte die Errichtung der von der Regierung euphemistisch als „Schutzgebiete“ bezeichneten deutschen Kolonien, z. B. in Afrika und im SĂŒdpazifik, ab.

Fotografie des Grabmals von Wilhelm Liebknecht (September 2006) auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde im Berliner Bezirk Lichtenberg. Das Grabmal wurde 1902 vom Dresdner Bildhauer Heinrich May fertiggestellt. Auf dem Bronze-Flachrelief hinter der BĂŒste Liebknechts reichen sich ein Eisengießer und eine weibliche Gestalt die Hand: eine allegorische Darstellung der Verbindung zwischen Proletariat und Wissenschaft.
Gedenktafel fĂŒr Liebknecht in Berlin-Kreuzberg

1896 wurde Liebknecht als 70-JĂ€hriger wegen „MajestĂ€tsbeleidigung“ noch einmal zu einer viermonatigen Haftstrafe verurteilt, die er im StrafgefĂ€ngnis Plötzensee absaß. Zum Ende seines Lebens wandte sich „der Alte“ (wie Liebknecht zu dieser Zeit von vielen SPD-Mitgliedern in anerkennendem Respekt vor seiner Lebensleistung genannt wurde) gegen die innerhalb der Partei aufkommenden reformistischen Tendenzen, die durch ein Thesenpapier Eduard Bernsteins die Revisionismusdebatte ausgelöst hatten.

Wilhelm Liebknecht starb am 7. August 1900 im Alter von 74 Jahren in Berlin-Charlottenburg. An seiner Beisetzung auf dem seitdem so bezeichneten „Sozialistenfriedhof“ im heutigen Berliner Stadtteil Lichtenberg nahmen zwischen 120.000 und 150.000 Menschen am Trauerzug teil – zumeist Arbeiter und AnhĂ€nger der SPD. Noch mehr Trauernde sĂ€umten als Spalier des Zuges die Straßen Berlins. Liebknechts Beerdigung war der Hintergrund fĂŒr die grĂ¶ĂŸte Massenversammlung in Berlin seit dem Tode Kaiser Wilhelms I. zwölf Jahre davor. Sie war eine Huldigung an den „Soldaten der Revolution“ (zurĂŒckgefĂŒhrt auf eine wĂ€hrend des Leipziger Hochverratsprozesses als Selbstbezeichnung interpretierte Aussage Liebknechts[11]), als der er von vielen in Erinnerung an die Revolution von 1848/49 betrachtet wurde – und zugleich eine Demonstration fĂŒr Liebknechts Hauptinhalte und Ziele: Frieden zwischen den Völkern und die Befreiung der Arbeiterklasse.

Wilhelm Liebknecht gilt zusammen mit Ferdinand Lassalle und August Bebel als einer der bedeutendsten frĂŒhen AnfĂŒhrer der deutschen Sozialdemokratie mit auch internationalem RenommĂ©e.

Zitat „Wissen ist Macht“

Der bis heute weit verbreitete Ausdruck „Wissen ist Macht“ war in Anlehnung an den englischen Philosophen des 16. Jahrhunderts, Francis Bacon, ein Ausspruch Wilhelm Liebknechts vor einer Versammlung von Vertretern der Arbeiterbildungsvereine im Jahr 1872. Dabei hatte er im Rahmen eines Vortrags den prĂ€gnanten Satz „Wissen ist Macht – Macht ist Wissen“ als Titel eines lĂ€ngeren Referats verwendet.

Referatauszug:
„Die Schule ist das mĂ€chtigste Mittel der Befreiung, und die Schule ist das mĂ€chtigste Mittel der Knechtung — je nach der Natur und dem Zweck des Staats. Im freien Staat ein Mittel der Befreiung, ist die Schule im unfreien Staat ein Mittel der Knechtung. ‚Bildung macht frei‘ — von dem unfreien Staat verlangen, daß er das Volk bilde, heißt ihm einen Selbstmord zumuthen. Der moderne Klassenstaat bedingt aber seinem Wesen nach die Unfreiheit. (
). Er kann freie MĂ€nner nicht brauchen, nur gehorsame Unterthanen; nicht Charaktere, nur Bedienten- und Sklavenseelen. Da ein ‚intelligenter‘ Bedienter und Sklave brauchbarer ist als ein unintelligenter — schon die Römer legten auf Sklaven, die etwas gelernt hatten, einen besonderen Werth und zahlten entsprechende Preise fĂŒr sie —, sorgt der moderne Staat fĂŒr eine gewisse Intelligenz, nĂ€mlich fĂŒr Bedienten-Intelligenz, die das menschliche Werkzeug verfeinert und vervollkommnet, so daß sich besser mit ihm ‚arbeiten‘ lĂ€ĂŸt. So wird die Schule zur Dressuranstalt statt zur Bildungsanstalt. Statt Menschen zu erziehen, erzieht sie Rekruten, die auf's Kommando in die Kaserne, diese Menschen-Maschinenfabrik, eilen; Steuerzahler, die sich nicht mucksen, wird ihnen das Fell ĂŒber die Ohren gezogen; Lohnsklaven des Kapitals, die es in der Ordnung finden, daß ihnen das Mark aus den Knochen gesogen wird.“
(Belegstelle: Wilhelm Liebknecht: Wissen ist Macht – Macht ist Wissen.) [12]

Diese Worte – und mit ihnen einhergehend die Kritik an der Schulpolitik des Kaiserreichs – stehen stellvertretend fĂŒr ein weiteres wesentliches Anliegen Liebknechts, die Bildungsarbeit in einem emanzipatorischen Sinn; insbesondere fĂŒr die weniger privilegierten Schichten der Bevölkerung: Mittellose, Arbeiter, deren Frauen und Kinder. Er setzte sich ĂŒber sein gesamtes politisches Schaffen hinweg fĂŒr die Chancengleichheit in der Bildungspolitik ein, in der Wissen unabhĂ€ngig von staatlichen Herrschaftsinteressen frei und fĂŒr jeden ohne finanziellen Aufwand zugĂ€nglich gemacht werden sollte.

Das Zitat Wissen ist Macht findet sich auch auf einer Gedenktafel an Liebknechts Geburtshaus in Gießen, nachdem dessen ursprĂŒnglich vorgesehene Parole Agitieren, organisieren, studieren beim derzeitigen Mieter, dem Hessischen Rundfunk, der dort eine regionale Zweigstelle hat, keine Zustimmung gefunden hatte.

Werke Wilhelm Liebknechts (Auswahl)

  • Die politische Stellung der Socialdemokratie. Leipzig (1869)
  • Zu Trutz und Schutz. Leipzig (1871), 4. verm. Auflage - Leipzig: Verlag der Genossenschaftsbuchdrucker, 1874. Digitalisierte Ausgabe
  • Wissen ist Macht – Macht ist Wissen. Leipzig (1872)
  • Die Grund- und Bodenfrage. Leipzig (1874), Neuauflage 1876; Genossenschaftsdruckerei, 1874. Digitalisierte Ausgabe der UniversitĂ€ts- und Landesbibliothek DĂŒsseldorf
  • Was die Socialdemokraten sind und was sie wollen. (1877)
  • Zur orientalischen Frage oder soll Europa kosakisch werden? Leipzig (1878)
  • Die Emser Depesche oder wie Kriege gemacht werden. NĂŒrnberg (7. A. 1899)
  • Volks-Fremdwörterbuch. Leipzig (1874)
  • Robert Blum und seine Zeit. NĂŒrnberg (2. A. 1890)
  • Ein Blick in die neue Welt. Stuttgart (1887)
  • Geschichte der Französischen Revolution. Dresden (1890)
  • Robert Owen. Dresden (1892)
  • Karl Marx zum GedĂ€chtnis. NĂŒrnberg (1896)
  • Kein Kompromiß – Kein WahlbĂŒndnis (1899)

Nachgeschichte; inhaltlicher Wandel und Spaltung der SPD, Rolle von Liebknechts Söhnen Karl und Theodor (1900–1920er Jahre)

Nach Wilhelm Liebknechts Tod verstĂ€rkte sich in der SPD ein inhaltlicher Wandlungsprozess, der schon zum Ende seines Lebens in der von Eduard Bernstein ausgelösten Revisionismusdebatte begonnen hatte. Unter der fortgesetzten ParteifĂŒhrung von August Bebel und Paul Singer (gestorben 1911; abgelöst von Hugo Haase) wurde die SPD nach den Reichstagswahlen 1912 mit 34,8 % und 110 Abgeordnetenmandaten zur stĂ€rksten Fraktion im deutschen Reichstag. Bebel konnte noch ausgleichend auf die verschiedenen ParteiflĂŒgel wirken.

Als nach Bebels Tod 1913 Friedrich Ebert neben Hugo Haase die ParteifĂŒhrung ĂŒbernahm, setzte sich, verstĂ€rkt durch den Beginn des Ersten Weltkrieges und die kriegsbilligende Burgfriedenspolitik der SPD unter FederfĂŒhrung Eberts, ab August 1914 die reformistische Fraktion gegen den revolutionĂ€r-marxistischen FlĂŒgel um dessen Protagonisten Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Clara Zetkin und andere durch. Diese Entwicklung fĂŒhrte, nachdem auf der ĂŒbernationalen Ebene die von Wilhelm Liebknecht mitbegrĂŒndete zweite Internationale zerfallen war, wĂ€hrend des Krieges zur Spaltung der SPD in MSPD und USPD; – eine Spaltung, die nach der Novemberrevolution 1918, noch kurz vor der Konstituierung der Weimarer Republik, unumkehrbar wurde.

Karl Liebknecht

Karl Liebknecht, ein Sohn Wilhelm Liebknechts, seit 1912 SPD-Reichstagsabgeordneter, war von Anfang an einer der wenigen entschiedenen Gegner des Ersten Weltkrieges im Parlament des Kaiserreichs, und stimmte – zunĂ€chst als einziges Mitglied des Reichstags – ab Dezember 1914 gegen die Kriegskredite, nachdem er der ersten Abstimmung darĂŒber aus GrĂŒnden der Parteiraison ferngeblieben war. Aufgrund dieser Haltung wurde er 1916 aus der Partei ausgeschlossen. Sein öffentlicher Auftritt bei einer Rede im Rahmen einer verbotenen Antikriegsdemonstration im selben Jahr fĂŒhrte zu einer Anklage wegen Hochverrat und zu seiner Inhaftierung bis Oktober 1918. Am 9. November 1918, als die Novemberrevolution Berlin erreicht hatte, rief er nach Philipp Scheidemanns (SPD) Ausrufung der pluralistisch-parlamentarisch gedachten „deutschen Republik“ eine als RĂ€terepublik gemeinte „freie sozialistische Republik“ aus, die jedoch nicht durchsetzbar war. Zum Jahreswechsel 1918/1919 gehörte Karl Liebknecht als einer der AnfĂŒhrer des linksrevolutionĂ€ren Spartakusbundes zu den MitbegrĂŒndern der KPD.

Sowohl bei der Parteispitze der nunmehr regierenden reformorientierten, bzw. – unter dem Blickwinkel der Linken – der „revisionistischen“ SPD als auch bei den republikfeindlichen MilitĂ€rs verhasst, wurde Karl Liebknecht wie auch Rosa Luxemburg unmittelbar nach der Niederschlagung des vom 6. bis 12. Januar 1919 wĂ€hrenden Spartakusaufstands am 15. Januar 1919 in Berlin von rechtsnationalistischen Freikorps unter dem Kommando Waldemar Pabsts und der politischen Verantwortung des SPD-Reichswehrministers Gustav Noske ermordet.

Wilhelm Liebknechts Sohn Theodor stieg nach der Ermordung seines ein Jahr jĂŒngeren Bruders als Mitglied der USPD in die Parteipolitik ein. Er wurde 1924 Vorsitzender der USPD, die nach 1922 nur noch eine Splitterpartei war, zerrieben zwischen der SPD und der KPD, und die 1931 in der neu gegrĂŒndeten, ebenfalls marginalisierten neuen Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) aufging.

Siehe auch

Literatur

Chronologisch nach Erscheinungsdatum:

  • Kurt Eisner: Wilhelm Liebknecht. Sein Leben und Wirken. Berlin, 1900. (2. Aufl. 1906 Digisat)
  • Paul Kampffmeyer: Wilhelm Liebknecht, der Soldat der Revolution. Verlag J.H.W. Dietz, Weimar 1926.
  • Karl-Heinz Leidigkeit: Wilhelm Liebknecht und August Bebel in der deutschen Arbeiterbewegung 1862–1869. Verlag RĂŒtten & Loenig, 1957, 385 Seiten.
  • Wilhelm Liebknecht: Wissen ist Macht - Macht ist Wissen und andere bildungspolitisch-pĂ€dagogische Äußerungen. Ausgw., eingel. u. erl. von Hans Brumme, Volk und Wissen, Berlin 1968.
  • Vadim Tschubinski: Wilhelm Liebknecht. Deutsche Übersetzung der Biografie aus dem Russischen bei Dietz Verlag Berlin, 1973.
  • F. W. Weitershaus: Wilhelm Liebknecht. Eine Biographie. Band 61 der Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins. 1976.
  • Wilhelm Liebknecht: Erinnerungen eines Soldaten der Revolution. Textsammlung, zusammengestellt und eingeleitet von Heinrich Gemkow, Illustrationen von GĂŒnter Lerch, Dietz-Verlag Berlin 1976.
  • Wilhelm Liebknecht: Kleine politische Schriften. Hrsg. von Wolfgang Schröder, Röderberg-Verlag, Frankfurt am Main 1976.
  • 150 Jahre Wilhelm Liebknecht. 29. MĂ€rz 1826 - Gießen. Hrsg. von der Wilhelm-Liebknecht-Gesellschaft Gießen, Verlag Marxistische BlĂ€tter, Frankfurt am Main 1976 ISBN 3-8801-2425-6, OCLC 477112121.
  • Utz Haltern: Liebknecht und England. Zur Publizistik Wilhelm Liebknechts wĂ€hrend seines Londoner Exils (1850 – 1862). Trier 1977 (Schriften aus dem Karl-Marx-Haus Heft 18).
  • Wilhelm Liebknecht: Briefe an den „Chicagoer Workingman's Advocate“. Hrsg. u. eingel. von Philip S. Foner, Dietz Verlag, Berlin 1981 .
  • Wilhelm Liebknecht: Gegen Militarismus und Eroberungskrieg. Aus Schriften und Reden. Dietz Verlag, Berlin 1986.
  • Wolfgang Schröder: Ernestine. Vom ungewöhnlichen Leben der ersten Frau Wilhelm Liebknechts. Verlag fĂŒr die Frau, Leipzig 1987.
  • Bernd Faulenbach: Die ReichsgrĂŒndung – ErfĂŒllung der WĂŒnsche der Nation oder Sieg des FĂŒrsten ĂŒber die Nation? Heinrich von Sybel und Wilhelm Liebknecht 1870/71. In: Dirk Bockermann u. a. (Hrsg.): Freiheit gestalten. Zum DemokratieverstĂ€ndnis des deutschen Protestantismus. Göttingen 1996, S. 97–106.
  • Werner Wendorff: Schule und Bildung in der Politik von Wilhelm Liebknecht. Wissenschaftlicher Verlag Spiess, Berlin, 1998.
  • Dieter Dowe: Agitieren, organisieren, studieren! – Wilhelm Liebknecht und die frĂŒhe deutsche Sozialdemokratie – Vortrag anlĂ€sslich der Gedenkveranstaltung der Stadt Gießen und des oberhessischen Geschichtsvereins zum 100. Todestag von Wilhelm Liebknecht. Veröffentlichung der Friedrich Ebert-Stiftung, 2000, 31 Seiten – ISBN 3-86077-942-7
  • Wolfgang Beutin (Herausgeber): Eine Gesellschaft der Freiheit, der Gleichheit, der BrĂŒderlichkeit – BeitrĂ€ge der Tagung zum 100.Todestag Wilhelm Liebknechts am 21. und 22. Oktober 2000 in Kiel. Verlag Lang, Frankfurt am Main, 229 Seiten – ISBN 3-631-37711-8.
  • Wolfgang Schröder: Wilhelm Liebknecht und Friedrich Ludwig Weidig. Personelle Marginalien zum VerhĂ€ltnis von Demokratie und Sozialismus. In: BĂŒrgerliche Revolution und revolutionĂ€re Linke.'. Trafo-Verlag, Berlin 2000, S. 143-150 ISBN 3-89626-199-1.
  • Ewald Grothe: Die Ahnen des politischen Widerstands. Zu Wilhelm Liebknechts Vor- und Leitbildern. In: Georg BĂŒchner Jahrbuch 10 (2000-04), S. 261-267.

Spielfilm

  • „Die Unbesiegbaren“; DDR 1953, 102 Minuten, Regie: Arthur Pohl, mit Erwin Geschonneck in der Rolle Wilhelm Liebknechts (Spielfilm ĂŒber die Entwicklung der Sozialdemokratie Ende der 1880er/Anfang der 1890er Jahre vor dem Hintergrund der fiktiven Geschichte eines Schlossers, der sich der SPD anschließt)[13]

Anmerkungen / Einzelnachweise

  1. ↑ Angaben laut SĂ€chsische Biografie
  2. ↑ Wilhelm Liebknecht: In der Lehre. Etwas aus meinem Leben. In: Wilhelm Liebknecht: Erinnerungen eines Soldaten der Revolution. Dietz, Berlin 1976, S. 32–58.
  3. ↑ ĂŒber die Studienjahre Wilhelm Liebknechts In: Marburger UniJournal. Nr. 6, Juni 2000.
  4. ↑ Wilhelm Liebknecht: Aus der Jugendzeit. In: Wilhelm Liebknecht: Erinnerungen eines Soldaten der Revolution. Dietz, Berlin 1976, S. 59-99.
  5. ↑ Karl Marx: Herr Vogt, Kapitel III: Polizistisches, dort Abschnitt 2: Revolutionstag von Murten, Erstveröffentlichung: London 1860 (online auf mlwerke.de)
  6. ↑ Marx an Engels, 1859 (Marx/Engels Werke 29, S. 443)
  7. ↑ Konstanze Wegener: Linksliberalismus im wilhelminischen Deutschland und in der Weimarer Republik. Ein Literaturbericht. In: Geschichte und Gesellschaft 4 (1978), erste Seite als Online verfĂŒgbares Digitalisat
  8. ↑ SĂ€chsische Biografie: Biografie Wilhelm Liebknechts; genealogische Daten zur Familie auf der linken Spalte
  9. ↑ Institut fĂŒr Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Band 1, Von den AnfĂ€ngen der deutschen Arbeiterbewegung bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts, Autorenkollektiv: Walter Ulbricht u. A., Dietz Verlag Berlin 1966. Bildteil nach S. 352
  10. ↑ Berichte in der preußischen Amtspresse ĂŒber Belagerungszustand in Offenbach
  11. ↑ Aus der Verteidigungsrede Wilhelm Liebknechts beim Leipziger Hochverratsprozess: „Ich bin nicht ein Verschwörer von Profession, nicht ein fahrender Landsknecht der Konspiration. Nennen Sie mich meinethalben einen Soldaten der Revolution, dagegen habe ich nichts.“ Zitiert aus Wilhelm Liebknecht: Erinnerungen eines Soldaten der Revolution, Berlin: Dietz, 1976. S. 31
  12. ↑ Festrede, gehalten zum Stiftungsfest des Dresdener Bildungs-Vereins am 5. Februar 1872. Neuauflage Berlin 1904 S. 24-25
  13. ↑ Vorstellung des Films „Die Unbesiegbaren“ auf progress-film.de

Weblinks

 Commons: Wilhelm Liebknecht â€“ Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien
Literatur/Texte Wilhelm Liebknechts
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