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Der Winterkrieg (finn. talvisota, schwed. vinterkriget, russ. ĐĐžĐŒĐœŃŃ ĐČĐŸĐčĐœĐ° Simnjaja woina; auch vollstĂ€ndig ĐĄĐŸĐČĐ”ŃŃĐșĐŸ-ŃĐžĐœŃĐșĐ°Ń ĐČĐŸĐčĐœĐ° Sowetsko-finskaja woina âSowjetisch-Finnischer Kriegâ oder ĐĄĐŸĐČĐ”ŃŃĐșĐŸ-ŃĐžĐœĐ»ŃĐœĐŽŃĐșĐ°Ń ĐČĐŸĐčĐœĐ° Sowetsko-finljandskaja woina âSowjetisch-FinnlĂ€ndischer Kriegâ) war ein vom 30. November 1939 bis zum 13. MĂ€rz 1940 zwischen der Sowjetunion und Finnland ausgetragener Krieg. Im Herbst 1939 hatte die Sowjetunion Finnland mit Gebietsforderungen in der Karelischen Landenge konfrontiert und diese mit unabdingbaren Sicherheitsinteressen fĂŒr die Stadt Leningrad begrĂŒndet. Nachdem Finnland die Forderungen abgelehnt hatte, griff die Rote Armee am 30. November 1939 das Nachbarland an.
UrsprĂŒngliches Kriegsziel der Sowjetunion war die Besetzung des gesamten finnischen Staatsgebiets. Der Angriff wurde aber von den zahlen- wie materialmĂ€Ăig erheblich unterlegenen finnischen StreitkrĂ€ften zunĂ€chst gestoppt. Erst nach umfassenden Umgruppierungen und VerstĂ€rkungen konnte die Rote Armee im Februar 1940 eine entscheidende Offensive beginnen und die finnischen Stellungen durchbrechen. Am 13. MĂ€rz 1940 beendeten die Parteien den Krieg mit dem Friedensvertrag von Moskau. Finnland konnte seine UnabhĂ€ngigkeit wahren, musste aber erhebliche territoriale ZugestĂ€ndnisse machen, insbesondere groĂe Teile Kareliens abtreten.
Rund 70.000 Finnen verloren in dem Konflikt ihr Leben oder wurden verletzt. Die GröĂenordnung der sowjetischen Verluste ist umstritten, wird aber auf ein Vielfaches geschĂ€tzt. Der Kriegsverlauf offenbarte SchwĂ€chen in der Roten Armee, welche die SowjetfĂŒhrung in der Folge zu umfassenden Reformen veranlassten, und die im Deutschen Reich zu einer folgenreichen UnterschĂ€tzung der militĂ€rischen StĂ€rke der Sowjetunion beitrugen. FĂŒr die Finnen wurde die Abwehr des sowjetischen Angriffes zu einem Mittel zur Ăberwindung der gesellschaftlichen Spaltung nach dem Finnischen BĂŒrgerkrieg.
Inhaltsverzeichnis
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Finnland war seit 1809 als GroĂfĂŒrstentum in das Zarenreich integriert. Die Finnen bewahrten sich gegenĂŒber mehreren Versuchen der Russifizierung ihre kulturelle EigenstĂ€ndigkeit und gewisse politische Autonomie innerhalb des autokratischen Systems. Die finnische UnabhĂ€ngigkeitsbewegung erstarkte nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Als das Russische Reich nach der Oktoberrevolution und der MachtĂŒbernahme der Bolschewiki im Russischen BĂŒrgerkrieg versank, erklĂ€rte Finnland im Dezember 1917 seine UnabhĂ€ngigkeit. Da Lenin die finnische SelbststĂ€ndigkeit im Gegensatz zu den WeiĂen Armeen in Russland nicht als Bedrohung fĂŒr die sowjetische Herrschaft sah, erkannte er Finnland im Januar 1918 als souverĂ€nen Staat an.[1]
Das unabhĂ€ngige Finnland wurde kurz darauf von einem BĂŒrgerkrieg erschĂŒttert, ausgelöst durch einen Umsturzversuch sozialistischer KrĂ€fte mit UnterstĂŒtzung der russischen Bolschewiki. Den bĂŒrgerlichen KrĂ€ften unter FĂŒhrung von Carl Gustaf Emil Mannerheim gelang es mit deutscher Hilfe, den Krieg fĂŒr sich zu entscheiden. Der gröĂte Teil der sozialistischen FĂŒhrung setzte sich nach Russland ab. Das bĂŒrgerliche Finnland interpretierte den BĂŒrgerkrieg in erster Linie als Freiheitskrieg gegen Russland. Die Beziehungen der beiden Staaten blieben in der Folge weiter spannungsreich. Besonders trugen hierzu Bestrebungen zur Schaffung eines GroĂfinnlands und damit verbundene GebietsansprĂŒche gegen den östlichen Nachbarn bei. In mehreren OstkriegszĂŒgen zwischen 1918 und 1920 versuchten halboffizielle finnische VerbĂ€nde erfolglos, die sowjetischen Teile Kareliens an Finnland anzuschlieĂen. 1920 besiegelten beide Staaten im Frieden von Dorpat das Ende der Feindseligkeiten. Der groĂfinnische Gedanke lebte jedoch weiter. Die 1922 gegrĂŒndete Akademische Kareliengesellschaft (Akateeminen Karjala-Seura) betrieb offen Propaganda fĂŒr den Anschluss Ostkareliens.
Die Beziehungen der beiden LĂ€nder in der Folgezeit waren âkorrekt, aber kĂŒhlâ.[2] Anfang 1932 schlossen die Nachbarn einen Nichtangriffspakt. Das gegenseitige Misstrauen konnte dadurch aber kaum abgebaut werden. Im sich zuspitzenden Interessengegensatz zwischen der Sowjetunion und Deutschland versuchte Stalin vergeblich, Finnland durch weitere VertrĂ€ge enger an sich zu binden. Die Einordnung Finnlands als zum kapitalistischen Lager gehörig, die Propaganda der Akademischen Kareliengesellschaft sowie die betont deutschfreundlichen Umtriebe der rechtsradikalen Lapua-Bewegung trugen zum Wachsen der Spannungen bei.[3]
In Finnland hatte der BĂŒrgerkrieg und der gegenseitige Terror zwischen âRotenâ und âWeiĂenâ eine tiefe Spaltung der Gesellschaft hinterlassen. Erst in den 1930er Jahren, besonders nach der Wahl von Kyösti Kallio zum PrĂ€sidenten 1937, begann eine Versöhnungspolitik im Land zu greifen. Im gleichen Jahr wurde die Sozialdemokratische Partei Finnlands unter MinisterprĂ€sident Aimo Kaarlo Cajander erstmals seit dem BĂŒrgerkrieg an einer Regierung beteiligt.[4] Auch der ehemalige âweiĂe Generalâ Mannerheim warb fĂŒr die Ăberwindung der GrĂ€ben. Zum Jahrestag der Beendigung des BĂŒrgerkriegs im Mai 1933 erklĂ€rte er:[5]
âEin vaterlĂ€ndischer Geist, dessen Ausdruck der Verteidigungswille ist und der Entschluss, wie ein Mann in der Linie zu stehen, wenn dieses Land einmal verteidigt werden muss, das ist alles, was wir fordern, und wir brauchen nicht mehr zu fragen, wer vor fĂŒnfzehn Jahren jeweils wo gewesen ist.â
Seit der Mitte der 1930er Jahre war die sowjetische FĂŒhrung durch das Wiedererstarken Japans und den Aufstieg Hitlers in Deutschland vom Kommen eines neuen Krieges zwischen den GroĂmĂ€chten ĂŒberzeugt. Die militĂ€rische und politische FĂŒhrung der Sowjetunion sah das Baltikum und Finnland als strategisch wichtig an. Der Finnische Meerbusen und die KĂŒste der baltischen Staaten wurden als potenzielles Einfallstor fremder MĂ€chte zur zweitgröĂten Stadt Leningrad betrachtet. Ebenso war Stalin davon ĂŒberzeugt, dass etwaige KĂŒstenbefestigungen Finnlands und der baltischen Staaten die AktionsfĂ€higkeit der sowjetischen Baltischen Flotte in der Ostsee im Kriegsfall empfindlich einschrĂ€nken könnten.[6]
Im Falle eines Landkrieges sah die FĂŒhrung der Sowjetunion die baltischen Staaten als notwendiges Durchmarschgebiet fĂŒr einen Einsatz ihrer Truppen gegen potenzielle Gegner in Mitteleuropa und den finnischen Teil Kareliens als ein mögliches Aufmarschgebiet fĂŒr fremde MĂ€chte gegen Leningrad. Ebenso vermutete Stalin Finnland als mögliche Basis fĂŒr Luftangriffe einer fremden Macht gegen sowjetisches Territorium.[6]
Bis zum Abschluss des Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes im September 1939 und dessen AusfĂŒhrung im Angriff auf Polen versuchte die sowjetische FĂŒhrung, die Neutralisierung des strategisch wichtigen Gebiets durch Nichtangriffspakte mit den Anrainerstaaten, unter anderem mit Finnland, zu verwirklichen. Durch die Zerstörung Polens als Staat hatte sich das Gleichgewicht in Osteuropa allerdings geĂ€ndert. Stalin versuchte nun, Estland, Lettland und Litauen durch BĂŒndnisse und die Stationierung sowjetischer Truppen in das Verteidigungssystem der Sowjetunion einzugliedern. Die kleinen Nachbarn stimmten diesen BĂŒndnissen nach kurzen, von militĂ€rischen Drohungen begleiteten Verhandlungen im Herbst 1939 zu.[7]
Am 11. September 1939 begann die Sowjetunion eine neue Verhandlungsrunde mit Finnland. Stalin begrĂŒndete seine Forderungen mit der drohenden Kriegsgefahr und der Notwendigkeit der Sicherung Leningrads durch strategische Neuregelungen. Zu diesem Zweck sollte Finnland den SĂŒdteil der befestigten Karelischen Landenge im Austausch gegen andere karelische Gebiete abtreten. Ebenso forderte Stalin die Verpachtung der Halbinsel Hankoniemi um die Stadt Hanko, die Ăberlassung von Inseln im finnischen Meerbusen und die Fischerhalbinsel an der KĂŒste des Nördlichen Eismeeres. Die finnische Regierung unter MinisterprĂ€sident Cajander leitete daraufhin eine Teilmobilmachung ihrer Armee ein und versuchte erfolglos, sich mit Schweden zu verbĂŒnden. Auch eine Anfrage zwecks diplomatischer UnterstĂŒtzung an Deutschland brachte keinen Erfolg. Die Verhandlungen dauerten noch bis zum 13. November an, ohne dass eine Einigung erzielt werden konnte.[8]
Da der finnische Nachrichtendienst die Rote Armee als nicht einsatzbereit bezeichnete, ging der finnische AuĂenminister Eljas Erkko davon aus, die Sowjetunion werde keinen Krieg beginnen. Auch die EinschĂ€tzung der Regierung, dass das Parlament keinen Gebietsabtretungen zustimmen wĂŒrde, trugen zur ablehnenden Haltung Finnlands bei.[8]
Die sowjetische Seite hatte allerdings schon vor dem Ende der Verhandlungen eine militĂ€rische Option ins Auge gefasst. Am 3. November 1939 unterstellte der sowjetische AuĂenminister Wjatscheslaw Molotow in der Prawda Finnland kriegerische Absichten gegenĂŒber dem Sowjetstaat. Am selben Tag erhielt die Baltische Flotte den Befehl, in Bereitschaft zu gehen und endgĂŒltige PlĂ€ne fĂŒr eine Invasion Finnlands auszuarbeiten. Das Gleiche befahl Stalin dem Leningrader MilitĂ€rdistrikt der Roten Armee am 15. November. Am 26. November inszenierte die Rote Armee im Dorf Mainila (russisch ĐаĐčĐœĐžĐ»ĐŸ) einen Grenzzwischenfall, bei dem angeblich sowjetische Truppen von finnischer Artillerie beschossen worden seien (Mainila-Zwischenfall). Als die finnische Regierung diese VorwĂŒrfe zurĂŒckwies, brach Molotow die Beziehungen zu Finnland ab und kĂŒndigte den bestehenden Nichtangriffspakt.[9]
Ohne dass die Sowjetunion eine formelle KriegserklĂ€rung abgegeben hĂ€tte, ĂŒberschritt die Rote Armee am frĂŒhen Morgen des 30. November 1939 die Grenze. Begleitet wurde der Kriegsbeginn von einem schweren Luftangriff auf die finnische Hauptstadt Helsinki. Am Nachmittag stellte PrĂ€sident Kallio formell fest, dass sich das Land im Kriegszustand befindet. Cajanders Regierung, deren EinschĂ€tzung der Kriegsgefahr sich als unzutreffend erwiesen hatte, trat noch am selben Abend zurĂŒck und wurde am folgenden Tag durch eine auf breiterer parlamentarischer Grundlage stehende neue Regierung unter Risto Ryti, dem bisherigen Chef der Finnischen Zentralbank, ersetzt.[10]
Die finnische Armee war zu Kriegsbeginn nicht nur wegen der geringen Bevölkerung zahlenmĂ€Ăig unterlegen, sondern auch in materieller Hinsicht schlecht auf den Krieg vorbereitet. In den Vorkriegsjahren befanden sich die militĂ€rische und die politische FĂŒhrung in dauerndem Streit um das aus Sicht der ersteren völlig unzureichende MilitĂ€rbudget. Insbesondere die beiden stĂ€rksten Parteien, die antimilitaristisch eingestellten Sozialdemokraten und der auf Sparsamkeit bedachte Landbund blockierten eine Steigerung der RĂŒstungsausgaben selbst unter dem Eindruck der sich zuspitzenden internationalen Lage. Noch im August 1939 drĂŒckte MinisterprĂ€sident Cajander, der einer Koalition beider Parteien vorstand, seine Freude darĂŒber aus, dass Finnland seine Mittel statt fĂŒr schnell veraltendes Kriegsmaterial fĂŒr nĂŒtzlichere Dinge verwendet habe. AuĂerdem bevorzugte die Regierung die im Aufbau befindliche heimische Waffenindustrie gegenĂŒber auslĂ€ndischen Herstellern. Dies verlangsamte zusĂ€tzlich zum Geldmangel die Modernisierung der BestĂ€nde der StreitkrĂ€fte.[11]
Die finnische Armee umfasste bei Kriegsbeginn 250.000 Soldaten, von denen 130.000 die Karelische Landenge und 120.000 die ĂŒbrige Ostgrenze verteidigten. Wegen des Mangels an Waffen verringerte sich die tatsĂ€chliche EinsatzstĂ€rke jedoch um 50.000. Schwere Bewaffnung war noch knapper. So hatte die finnische Armee nur dreiĂig Panzer zur VerfĂŒgung, die auch erst einige Wochen in Dienst waren. Ebenso herrschte Mangel an automatischen Waffen. Die ganze Armee besaĂ insgesamt nur einhundert Panzerabwehrkanonen, importiert aus Schweden. Die Soldaten mussten daher in der Panzerabwehr oft auf improvisierte Lösungen zurĂŒckgreifen, so etwa auf aus Flaschen gefertigte WurfbrandsĂ€tze, denen sie den Namen Molotowcocktail gaben. Die Artillerie stammte in vielen Einheiten noch aus Zeiten des Ersten Weltkriegs und hatte eine geringe Reichweite. Pro Division waren nur 36 GeschĂŒtze vorhanden. DarĂŒber hinaus herrschte Mangel an Artilleriemunition. Die finnische Luftwaffe umfasste nur hundert Flugzeuge. An die Kampftruppen selbst konnten keine Flugabwehrkanonen ausgegeben werden, da die verfĂŒgbaren einhundert StĂŒck fĂŒr die Verteidigung der StĂ€dte gegen Bombenangriffe verwendet wurden.[12]
Das finnische Oberkommando hatte in der Vorkriegszeit die Sowjetunion als einzig realistischen Kriegsgegner betrachtet. Deshalb war die Karelische Landenge durch die von der Presse spĂ€ter so genannte Mannerheim-Linie befestigt worden. Hier sah das Kommando unter Carl Gustaf Emil Mannerheim, der 1939 erneut die FĂŒhrung der Armee ĂŒbernommen hatte, die entscheidende Front des Krieges, da hier der schnellste Weg nach Viipuri und Helsinki ins finnische Kernland fĂŒhrte. Die seit den 1920er Jahren errichtete Linie bestand aus rund hundert Betonbunkern. Diese waren strukturell allerdings oft schwach, nur die neuesten bestanden aus festem Stahlbeton. Am dichtesten waren die Bunker im Bereich um Summa, das sich einerseits gefĂ€hrlich nahe bei Viipuri befand und in dem auĂerdem das baumlose Heideland einen Panzerangriff begĂŒnstigte. AuĂerdem wurde die Linie durch von den Truppen angelegte Feldbefestigungen verstĂ€rkt. Bereits im Frieden wurde die Grenze durch vier Deckungsgruppen abgeschirmt. Diese verstĂ€rkte Mannerheim noch durch fĂŒnf Divisionen, gegliedert im 2. und 3. Korps der Armee. Insgesamt hatte der Befehlshaber an der Landenge, Hugo Ăsterman, rund 92.000 Soldaten unter seinem Kommando.[13]
Auch am nördlichen Ufer des Ladogasees war genug Infrastruktur vorhanden, um eine Offensive einer modernen Armee zu ermöglichen. Um diese Flanke der Mannerheim-Linie zu verteidigen, postierten die Finnen hier das 4. Korps unter Woldemar HĂ€gglund. Dem 4. Korps standen zwei Divisionen mit insgesamt rund 28.000 Soldaten zur VerfĂŒgung. Nach EinschĂ€tzung des finnischen Oberkommandos war der ĂŒbrige Teil der ungefĂ€hr tausend Kilometer langen Grenze mit Russland aufgrund der dichten Bewaldung und mangelnder StraĂen fĂŒr eine Armee unpassierbar. Deshalb wurden hier nur improvisierte kleinere VerbĂ€nde eingesetzt, welche die wenigen Verkehrsachsen blockieren sollten. Diese Gruppe Nordfinnland stand unter dem Befehl von General Viljo Tuompo. Mannerheim selbst hielt als Oberbefehlshaber der Armee zwei Divisionen als Reserve zurĂŒck.[14]
WĂ€hrend der laufenden Verhandlungen beauftragte Stalin den Chef des Generalstabs der Roten Armee, Schaposchnikow, mit der Ausarbeitung eines Plans zur Invasion Finnlands. Schaposchnikow skizzierte eine mehrmonatige Operation, welche einen GroĂteil der Armee benötigt hĂ€tte. Dies lehnte Stalin ab und delegierte die Arbeit an den Befehlshaber des Leningrader MilitĂ€rdistrikts Merezkow. Dieser General stellte eine Operation in Aussicht, die nur auf wenige Wochen angelegt war und bezĂŒglich der LandstreitkrĂ€fte nur den Einsatz der Truppen des Leningrader MilitĂ€rverwaltungsgebiets vorsah.[15]
Merezkows Plan legte das Hauptaugenmerk auf die Karelische Landenge und damit auf die Mannerheim-Linie. Dieses Nadelöhr stellte den kĂŒrzesten Weg zur finnischen Hauptstadt Helsinki dar. Des Weiteren waren die StraĂen- und Eisenbahnverbindungen hier am besten ausgebaut. Die 7. Armee unter Jakowlew sollte mit Hilfe von 200.000 Soldaten und 1.500 Panzern direkt durch die finnische Befestigungslinie brechen. Die 8. Armee unter Chabarow sollte nördlich des Ladogasees die finnischen Befestigungen umgehen und den Verteidigern der Linie in den RĂŒcken fallen. Dazu standen 130.000 Soldaten und 400 Panzer zur VerfĂŒgung. Weiter nördlich sollten zwei weitere Armeen an der fast unbewohnten und kaum durch StraĂen erschlossenen Grenze der beiden LĂ€nder Angriffe durchfĂŒhren, um die Verkehrsverbindungen abzuschneiden und finnische Truppen zu binden. Dazu stand die 9. Armee unter Duchanow nördlich der sowjetischen 8. Armee. Sie stellte das Bindeglied zur 14. Armee unter Frolow dar, welche nach Petsamo vorrĂŒcken sollte. Den beiden Armeen an dieser Nebenfront standen insgesamt 140.000 Mann und 150 Panzer zur VerfĂŒgung. Ihr Ziel war die Besetzung des gesamten finnischen Staatsgebietes.[16]
Die Baltische Flotte sollte in diesem Plan mehrere AuftrĂ€ge erfĂŒllen. Durch U-Boote sollten die NachbarlĂ€nder beobachtet und die Seeverbindungen Finnlands abgeschnitten werden. Marineinfanterie sollte die kleinen Inseln im Finnischen Meerbusen einnehmen, wĂ€hrend die Marineflieger die LandstreitkrĂ€fte an der Hauptfront unterstĂŒtzen sollten. ZusĂ€tzlich sollte ein sowjetischer Flottenverband mit drei Schlachtschiffen auf dem Ladogasee den Bodentruppen ArtillerieunterstĂŒtzung liefern. Insgesamt hatte die Rote Armee eine Ăberlegenheit an Soldaten von drei zu eins, an Artillerie von fĂŒnf zu eins und an Panzern achtzig zu eins.[17]
In den frĂŒhen Morgenstunden des 30. November setzte die Rote Armee ihre Divisionen entlang der Front von Petsamo bis Karelien in Marsch. Die 7. Armee unter Jakowlew benötigte bis zum 6. Dezember, um das Vorfeld von 25 bis 65 Kilometern vor den finnischen Befestigungen zu ĂŒberwinden und zur Mannerheim-Linie an der Karelischen Landenge aufzuschlieĂen. WĂ€hrenddessen war im finnischen Oberkommando eine Kontroverse entbrannt. Mannerheim wollte gegen den Widerstand des Befehlshabers der Landenge Ăstermann die im Vorfeld eingesetzten Deckungsgruppen offensiv vorgehen lassen, anstatt sie unter hinhaltendem Widerstand auf die Befestigungen zurĂŒckziehen zu lassen. Ăstermann setzte sich in dieser Frage durch.[18]
Noch vor den ersten groĂen Offensiven lieĂ Stalin den Oberbefehlshaber der 7. Armee Jakowlew durch Kirill Merezkow ersetzen, da er mit dem langsamen Vormarsch an der Landenge unzufrieden war. Merezkow plante Offensiven an zwei verschiedenen Abschnitten der Linie. Am 14. Dezember wurde die Sowjetunion anlĂ€sslich des Angriffs auf Finnland aus dem Völkerbund ausgeschlossen. Dies hielt die Rote Armee aber nicht davon ab, ihre Offensive fortzufĂŒhren. Am 16. Dezember startete sie den Angriff am östlichen Rand der finnischen Befestigungen bei Taipale. Der finnischen 10. Division gelang es allerdings, diese Angriffe ohne Zuhilfenahme ihrer Reserven abzuschlagen. Ein erneuter Versuch der Sowjets vom 25. bis zum 27. Dezember fĂŒhrte ebenso zu keinem Durchbruch der Linie. Als eigentlichen Durchbruchsort hatte Merezkow den Abschnitt bei Summa ausersehen. Zeitgleich zur Offensive bei Taipale versuchten hier die sowjetischen Truppen nach einer langen Artillerievorbereitung, die Linie zu durchbrechen. Der Versuch wurde aber Ă€hnlich wie bei Taipale von der finnischen 3. Division ohne den Ruf nach VerstĂ€rkungen abgeschlagen.[19] Ein sowjetischer Ăberlebender gab folgenden Bericht ĂŒber einen der wiederholten Angriffe auf die finnischen Stellungen ab:[20]
âAn den Rest erinnere ich mich durch einen Nebel. Einer der Verwundeten, zwischen denen wir vorrĂŒckten, griff nach meinem Bein und ich stieĂ ihn weg. Als ich bemerkte, dass ich vor meinen MĂ€nnern war, legte ich mich in den Schnee und wartete, dass die Linie zu mir aufschloss. Da war keine Angst, nur eine stumpfe Teilnahmslosigkeit und GleichgĂŒltigkeit gegenĂŒber dem bevorstehenden Unheil trieb uns nach vorne. Dieses Mal lieĂen uns die Finnen bis auf 100 FuĂ an ihre Stellungen herankommen, bevor sie das Feuer eröffneten.â
Sowohl Mannerheim als auch Ăstermann sahen Mitte Dezember die Chance, einen Gegenangriff zu starten. Zu diesem Zweck setzten sie am 23. Dezember zusammen mit den bereits im Kampf stehenden Einheiten die in Reserve gehaltene 6. Division ein. Diese Operation wurde aber nach acht Stunden abgebrochen. Den hohen finnischen Verlusten von 1.500 Mann standen keine relevanten GelĂ€ndegewinne gegenĂŒber. Den Sowjets war es nicht gelungen, an der Hauptfront des Krieges eine Entscheidung herbeizufĂŒhren, die Finnen vermochten aber auch nicht die sowjetischen KrĂ€fte an der Landenge zu zerschlagen. Nachdem beide Seiten dies erkannt hatten, folgte eine Phase relativer Ruhe, wĂ€hrend der das sowjetische MilitĂ€r die GrĂŒnde fĂŒr sein Scheitern analysierte.[18]
Nach dem Plan des sowjetischen Oberkommandos sollte die 8. Armee den Ladogasee binnen zehn bis fĂŒnfzehn Tagen umgangen haben, um den Verteidigern der Mannerheim-Linie in den RĂŒcken zu fallen. Auch an dieser Front verlief der sowjetische Vormarsch schleppend. Infolgedessen wurde der Befehlshaber der Armee Divisionskommandeur I.N. Chabarow am 3. Dezember durch den Korpskommandeur W. Kurdionow ersetzt. Die finnische Armee nutzte abseits des Stellungskrieges an der Karelischen Landenge ihre Beweglichkeit auf Skiern zu erfolgreichen Angriffsoperationen gegen die eingedrungenen sowjetischen VerbĂ€nde. Der sowjetische Vormarsch konnte in der Schlacht von Kollaa zum 9. Dezember aufgehalten werden. Ab dem 27. Dezember konnte das finnische IV. Korps unter HĂ€gglund die ihr gegenĂŒberstehenden zwei sowjetischen Divisionen in die Defensive zwingen. Dabei wurden zwei Divisionen in sogenannten Mottis, durch schnelle Umkreisungsbewegungen kleiner, beweglicher VerbĂ€nde entstandene Einkesselungen, gefangen. Die eingekesselte 18. Division wurde am 29. Februar 1940 zerstört, die 168. Division konnte sich bis Kriegsende halten.[21]
Weiter nördlich standen der finnischen Gruppe Talvela unter Paavo Talvela drei sowjetische Divisionen gegenĂŒber. Diese Einheiten sollten dem IV. Korps in die Flanke fallen und dadurch die Bewegung zur Umgehung der Mannerheim-Linie unterstĂŒtzen. Den finnischen Truppen gelang es in diesem Sektor, die sowjetische 139. Division und die 75. Division bis zum 23. Dezember bei der Schlacht von TolvajĂ€rvi zurĂŒckzutreiben. Ebenso gelang es den finnischen Truppen, die 155. Division aufzuhalten und in die Defensive zu drĂ€ngen. Die geplante Umgehung der Mannerheim-Linie scheiterte somit fĂŒr die Sowjets unter groĂen Verlusten. Die eingekesselten sowjetischen KrĂ€fte banden aber bis Kriegsende finnische Truppenteile, die Mannerheim eigentlich so schnell wie möglich an die Landenge hatte verlegen wollen.[21]
Die sowjetischen Offensiven in Nordfinnland stieĂen anfangs auf geringen Widerstand, da der finnische Generalstab nicht mit einem Angriff in diesem Landesteil gerechnet hatte. Der sowjetischen 104. Division gelang es nach wenigen Kriegstagen, den Hafen Petsamo einzunehmen. Die Einheit sollte sich mit der 88. und 122. Division zum Vormarsch auf Rovaniemi, der Hauptstadt der Region Lappland vereinigen. Die beiden letzteren Divisionen wurden in der Schlacht von Salla von improvisierten finnischen VerbĂ€nden in die Defensive gedrĂ€ngt und am weiteren Vormarsch gehindert. Der 104. Division selbst erging es nach dem Erfolg in Petsamo genauso. In der Schlacht von Suomussalmi schafften es die Finnen durch das Aufbieten einer Reservedivision, die 163. sowjetische Division und die 44. Motorisierte SchĂŒtzendivision in Mottis einzuschlieĂen und zu zerschlagen. Damit hatte die Rote Armee auch das Ziel, Oulu zu erobern und damit Finnland von Schweden zu isolieren, verfehlt.[22]
Die finnischen Truppen nahmen danach an der Schlacht von Kuhmo teil. Dort konnten sie die sowjetische 54. Division zwar einkesseln, diese verteidigte aber bis zum Kriegsende ihre Position. Bis auf die Eroberung von Petsamo konnte die sowjetische FĂŒhrung im finnischen Norden keines ihrer strategischen Ziele erreichen. Da die Finnen die sowjetischen Einheiten aber auch nicht vollstĂ€ndig von ihrem Territorium vertreiben konnten, banden diese Gefechte finnische Reserven, die an der Landenge fehlten.[22]
Die neue finnische Regierung unter Risto Ryti strebte zunĂ€chst eine baldige Wiederherstellung des Friedens durch Verhandlungen mit Moskau an. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Sowjetunion die Regierung in Helsinki nicht mehr anerkannte. Stattdessen installierte Stalin mit Kriegsbeginn eine kommunistische Gegenregierung, bestehend aus finnischen BĂŒrgerkriegsemigranten unter der FĂŒhrung von Otto Wille Kuusinen. Nachdem die Rote Armee die ersten GelĂ€ndegewinne erzielt hatte, trat Kuusinens âVolksregierung Finnlandsâ im finnischen Grenzort Terijoki zusammen. Am 2. Dezember 1939 schloss sie mit der Sowjetunion einen BĂŒndnisvertrag, in dem sie die in den Verhandlungen von Moskau geforderten Gebiete abtrat. Im Gegenzug sagte die Sowjetregierung die Abtretung der HĂ€lfte Ostkareliens zu.[23]
Die Einsetzung der Regierung von Terijoki und deren AnkĂŒndigung volksdemokratischer Reformen in Finnland erfolgten in der Erwartung, dass Kuusinen unter den sozialistisch gesinnten Finnen UnterstĂŒtzung gewinnen werde. Damit wĂ€re die finnische Heimatfront geschwĂ€cht und die Besetzung des Landes legitimiert worden. Die erwartete Reaktion blieb aber aus. Vielmehr demonstrierten die finnischen Bevölkerungsgruppen in ihrer Verteidigungsbereitschaft eine EinmĂŒtigkeit, die auch inlĂ€ndische Beobachter ĂŒberraschte. Das bedingungslose ZusammenrĂŒcken der Finnen im Kampf gegen den ĂŒbermĂ€chtigen Angreifer, das noch lange nach dem Krieg unter der Bezeichnung âder Geist des Winterkriegesâ beschworen wurde, löste das Schisma des BĂŒrgerkrieges auf und bildete in der Folge eine neue Grundlage fĂŒr das finnische SelbstverstĂ€ndnis.[24]
Sinnbildlich fĂŒr die ĂberbrĂŒckung bestehender Feindbilder war das sogenannte âJanuarverlöbnisâ: Am 23. Januar 1940 erkannte der Arbeitgeberzentralverband (Suomen työnantajain keskusliitto) in einer gemeinsamen öffentlichen Stellungnahme erstmals den Gewerkschaftsbund (Suomen Ammattiyhdistysten Keskusliitto) als Vertreter der Arbeitnehmer und gleichwertigen Verhandlungspartner an. Der Vorsitzende des Gewerkschaftsbundes, Eero Vuori, stellte im Anschluss fest:[25]
âDas Volk kĂ€mpft nun um seine Freiheit. An der Front kĂ€mpfen Arbeitgeber wie Arbeitnehmer Seite an Seite. Ich glaube daran, dass die Blutsbande, die an der Front geschlossen wird, die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den verschiedenen Gesellschaftskreisen hinter der Front festigen werden.â
Nichtsdestoweniger waren die Erwartungen in der finnischen Ăffentlichkeit zunĂ€chst dĂŒster. Der Finanzminister der Regierung Ryti, Rainer von Fieandt, schrieb in seinen Memoiren:[26]
âDas Ergebnis unseres ungleichen Kampfes konnte kein anderes sein als die Niederlage Finnlands. Die Frage lautete nur, wie lange es uns gelingen wĂŒrde, uns zu verteidigen, und ob die neue Regierung in dieser kurzen Zeit die Möglichkeit haben wĂŒrde, Frieden zu schlieĂen.â
Die in der Anfangsphase des Krieges erzielten Erfolge, als das VorrĂŒcken des Feindes gestoppt und diesem schwere Verluste zugefĂŒgt worden waren, fĂŒhrten sodann zu einem völligen Umschwung in der Stimmungslage. In Politik, MilitĂ€r und Presse schaffte sich die Auffassung Raum, der Krieg sei zu gewinnen.[27] Da nur die wenigsten ĂŒber die genaue Lage an den Fronten informiert waren, hielt diese Stimmung bis zum Ende des Krieges an.
Ende Dezember zeigte sich fĂŒr das sowjetische Oberkommando, dass sein Plan einer schnellen Niederschlagung Finnlands gescheitert war. Stalin Ă€uĂerte sich in einer Konferenz mit Merezkow und seinem Stab:[28]
âDie AutoritĂ€t der Roten Armee ist eine Garantie der nationalen Sicherheit der UdSSR. Wenn wir fĂŒr eine lange Zeit mit einem solch schwachen Gegner zu kĂ€mpfen haben, wird dies die antisowjetischen KrĂ€fte der Imperialisten anstacheln.â
Die sowjetische FĂŒhrung hatte zu Kriegsbeginn die eigenen KrĂ€fte ĂŒberschĂ€tzt und hatte nur wenige Kenntnisse ĂŒber die StĂ€rken der finnischen Armee. Die Befestigungen der Mannerheim-Linie waren im Vorhinein nicht ausreichend durch AufklĂ€rung kartographiert worden. Die Sowjets hatten sich hierbei fast ausschlieĂlich auf LuftaufklĂ€rung verlassen, und so waren ihnen getarnte Stellungen vor dem Angriff kaum bekannt. Merezkow war sich zwar darĂŒber im Klaren, dass Betonbefestigungen das RĂŒckgrat der Linie bildeten, dennoch wurden die Truppen vor dem Krieg nicht im Kampf gegen solche Bunker trainiert. Die AufklĂ€rung durch die Bodeneinheiten selbst wurde vernachlĂ€ssigt, so dass die sowjetischen Truppen, insbesondere im Norden Finnlands, kein treffendes Bild der gegnerischen Einheiten hatten.[29]
Die klimatischen Bedingungen des finnischen Kriegsschauplatzes wurden von den Sowjets ebenso missachtet. Starke SchneefĂ€lle machten das GelĂ€nde fast nur per Ski oder Schneeschuh begehbar. Fahrzeugen war das Terrain querfeldein kaum zugĂ€nglich. Die tiefen Temperaturen beanspruchten Maschinen und Menschen gleichermaĂen. Dazu kam, dass insbesondere im finnischen Norden kaum StraĂen und Wege vorhanden waren. WĂ€hrend der ersten Phase des Krieges stand der Roten Armee keinerlei Wintertarnkleidung zur VerfĂŒgung. Zu allem Ăberfluss war selbst warme Winterkleidung in einigen Einheiten aufgrund von Logistikproblemen knapp. Da die sowjetischen Truppen fast keine Skier erhalten hatten und im Umgang mit diesen auch nie trainiert worden waren, blieb die Beweglichkeit der Armee auf dem Gefechtsfeld sehr beschrĂ€nkt. Dies hatte besonders im unwegsamen GelĂ€nde Nordfinnlands katastrophale Auswirkungen. Ferner beschwerten sich sowjetische Offiziere ĂŒber die mangelnden FĂ€higkeiten der Soldaten im Umgang mit feindlichen Minen. Die finnischen Deckungsgruppen legten beim RĂŒckzug intensiv Minen und Sprengfallen, welche groĂe Verluste unter den sowjetischen Soldaten forderten und durch den psychologischen Effekt die Beweglichkeit der Soldaten noch weiter einschrĂ€nkten.[29]
Die Sowjets scheiterten aber nicht nur an den Eigenheiten des finnischen Kriegsschauplatzes, sondern auch an der eigenen KriegsfĂŒhrung. Die sowjetische MilitĂ€rdoktrin und Merezkows Plan sahen ein enges Vorgehen zwischen Luftwaffe, Panzern, Infanterie, Artillerie und gegebenenfalls Marineeinheiten vor. Dies verwirklichte sich aber nicht auf dem Gefechtsfeld, meist gingen Panzer oder FuĂsoldaten getrennt voneinander ohne entsprechende ArtillerieunterstĂŒtzung vor. Die Koordination zwischen den verschiedenen Truppenteilen war zu schwach. Offiziere gaben Befehle, die ein sinnvolles Zusammenwirken der verschiedenen Elemente unmöglich machten, und die Kommunikation zwischen den Einheiten sowie den ĂŒbergeordneten Stellen brach oft zusammen. Verschlimmert wurden diese Probleme noch durch MaterialausfĂ€lle von FunkgerĂ€ten, sowohl an der Front wie auch in den StĂ€ben. Der Grund dafĂŒr, dass die Rote Armee ihrem Standard nicht gerecht wurde, lag in einer mangelhaften Ausbildung vor dem Krieg begrĂŒndet. Das Offizierskorps war nicht groĂ genug, um alle Rekruten entsprechend zu schulen. Ein leistungsfĂ€higes Unteroffizierkorps fehlte durch den inneren Aufbau der sowjetischen Armee vollkommen. Infolgedessen wurde die Armee in Einheiten minderer und höherer AusbildungsqualitĂ€t unterteilt. Diese Einheiten wurden ohne BerĂŒcksichtigung ihrer tatsĂ€chlichen FĂ€higkeiten in Finnland zusammengewĂŒrfelt.[30]
GroĂe Teile des Offizierskorps waren wĂ€hrend der Stalinschen SĂ€uberungen der Jahre 1937/1938 politischen Verfolgungen um Opfer gefallen. Sie mussten durch unerfahrene NachrĂŒcker ersetzt werden. Die nachwirkende AtmosphĂ€re der Bedrohung hemmte die Initiative der verbleibenden Befehlshaber. So beschwerte sich Merezkow nach dem Krieg darĂŒber, dass Soldaten wie Offiziere zögerten, ihren Vorgesetzten offen die Wahrheit zu sagen. In einem internen Bericht an Stalin schilderte dessen enger Mitarbeiter Lew Mechlis, dass eine groĂe Zahl der einfachen Soldaten den Krieg fĂŒr ungerecht halte.[29]
Dieselben Probleme betrafen die sowjetische Luftwaffe. Sie blieb stark hinter den Erwartungen zurĂŒck. Schlechtes Wetter, technische Probleme, geringer Ausbildungsstand und schlechte Kommunikation mit den Bodentruppen lieĂen ihr Eingreifen auf dem Schlachtfeld marginal werden. Die sowjetische Luftkampagne zielte darauf ab, die Mobilisierung der finnischen Armee in ihrem rĂŒckwĂ€rtigen Gebiet zu stören. Da die Armee aber zwei Wochen vor Kriegsausbruch mobilisiert wurde und sich zu Kriegsausbruch bereits in ihren Stellungen befand, lief diese Operation ins Leere. Auch parallel dazu unternommene Versuche, durch die Bombardierung von StĂ€dten und Eisenbahnlinien den finnischen Nachschub zu behindern, zeigten keine maĂgebliche Wirkung. Hauptziele der sowjetischen Bombardements waren Helsinki, Tampere, Turku und im spĂ€teren Kriegsverlauf Viipuri. Finnische Quellen sprechen insgesamt von 2.075 Luftangriffen auf zivile Ziele. Der Ausfall an Arbeitsstunden in den Industriezentren des Landes betrug aber weniger als fĂŒnf Prozent. Aufgrund des finnischen Zivilschutzsystems, das VerdunkelungsmaĂnahmen und RettungseinsĂ€tze regelte, hielten sich die zivilen Opfer in Grenzen. Die finnische Luftwaffe, die durch auslĂ€ndische Lieferungen auf rund 200 Flugzeuge anwuchs, erzielte 240 AbschĂŒsse bei 26 eigenen Verlusten. SchlĂ€ge gegen das sowjetische Hinterland konnte sie aufgrund ihrer zahlenmĂ€Ăigen Unterlegenheit jedoch kaum durchfĂŒhren. Insgesamt verlor die Rote Armee rund 800 Maschinen wĂ€hrend des gesamten Krieges.[31]
Weitgehend folgenlos blieb auch die UnterstĂŒtzung durch Flotteneinheiten. Die Ladogaflottille hatte stark mit technischen Problemen und Navigationsfehlern zu kĂ€mpfen. Unter anderem lief ein Schlachtschiff wenige Tage nach Kriegsbeginn auf Grund. Auch die Einheiten der Baltischen Flotte griffen in den Krieg ein. Ihre Anstrengungen hatten aber wegen Nachschubproblemen, technischer UnzulĂ€nglichkeiten, schlechtem Ausbildungsniveau und mangelnder AufklĂ€rung keinen Einfluss auf den Verlauf der KĂ€mpfe. So warfen Flugzeuge der Flotte rund 64,5 Tonnen Bomben auf finnische Inseln im Finnischen Meerbusen ab. Die Inseln waren jedoch gröĂtenteils evakuiert worden, und die einzige KĂŒstenbatterie der Finnen auf den Inseln wurde durch diese Angriffe nicht ausgeschaltet. Ende Dezember kamen die Flottenoperationen durch Packeis weitgehend zum Stillstand.[32]
Schon am 26. Dezember lieĂ Stalin die Einheiten an der Karelischen Landenge neu organisieren. Das Kommando der 7. Armee wurde von Merezkow selbst ĂŒbernommen. Dazu wurde noch eine neue Armee aufgebaut, die 13. unter V.D. Grendal. Am 7. Januar berief er Semjon Timoschenko zum Oberbefehlshaber ĂŒber die Nordwestfront. In diesem GroĂverband wurden die Einheiten des finnischen Kriegsschauplatzes nun zusammengefasst, analog zur weiĂrussischen Front und ukrainischen Front, die 1939 Ostpolen besetzt hatten. Damit hatte Stalin die Hoffnung, Finnland nur mit begrenzten KrĂ€ften aus dem Leningrader MilitĂ€rdistrikt zu besiegen, endgĂŒltig verworfen. Neue Einheiten wurden aus anderen MilitĂ€rbezirken herangeschafft, und der neue Offensivplan unter Timoschenkos Ăgide sah nun eine alleinige Offensive an der karelischen Landenge vor. Im Grunde genommen Ă€hnelte sein Plan dem von Stalin vor dem Krieg abgelehnten Vorschlag Schaposchnikows.[33]
Timoschenkos Grundidee war es, die Mannerheim-Linie durch zahlenmĂ€Ăige Ăberlegenheit zu brechen und die Truppen besser fĂŒr die Erfordernisse des Schauplatzes auszubilden. Als Hauptfaktor sah er eine starke Ăberlegenheit der Artillerie vor. Diese sollte zuerst in einem langen Bombardement die feindlichen Stellungen schwĂ€chen. Sobald die Bodentruppen angriffen, sollten die GeschĂŒtzbesatzungen den Vormarsch eng mit ihnen abstimmen und die Angriffe in Form einer Feuerwalze unterstĂŒtzen. Im Gegensatz zu den Planungen der ersten Offensive sollten Kommandeure kleinerer Einheiten bis zum ZugfĂŒhrer GeschĂŒtzfeuer anfordern können. Insgesamt gruppierten die Sowjets rund 48 GeschĂŒtze pro Frontkilometer. Ebenso sollte Langstreckenartillerie Bewegungen hinter der Front der Finnen niederhalten. Die Bodentruppen wurden im Umgang mit Betonbefestigungen eigens an Modellen im Hinterland ausgebildet und spezielle Sturmgruppen wurden geschaffen. Diese Einheiten umfassten Gruppen aus normaler Infanterie, Panzern, Pionieren und PanzerabwehrgeschĂŒtzen. Sie sollten die stĂ€rksten Punkte der feindlichen Linie brechen.[34]
Des Weiteren wurde der Infanterie befohlen, GrĂ€ben und Feldbefestigungen möglichst nah an die finnischen Stellungen heranzutreiben, um das zu ĂŒberquerende Niemandsland möglichst klein zu halten. Auch wurden neue Waffen an die Front geschafft, unter anderem Panzer vom Typ KW-1 und T-34. Manche dieser Fahrzeuge wurden zur BekĂ€mpfung der Betonbunker mit Flammenwerfern ausgerĂŒstet. FĂŒr den Schutz der Infanterie wurden gepanzerte Schlitten bereitgestellt, die von Panzern gezogen wurden. Um die Kampfmoral zu heben, wurden Auszeichnungen im Gefecht nicht nur durch Orden honoriert, sondern auch durch materielle Geschenke wie Uhren und FahrrĂ€der. Um den Mangel an erfahrenen Offizieren zu mindern, wurden rund 4.000 Inhaftierte aus den Lagern des Gulag entlassen und an die Front geschickt.[33]
Mit den VerstĂ€rkungen verfĂŒgte die Rote Armee an der karelischen Landenge kurz nach Jahresbeginn 1940 ĂŒber rund 600.000 Soldaten, 2.000 Panzer und 3.137 GeschĂŒtze. Die finnische Armee war zahlenmĂ€Ăig am Ende ihrer Ressourcen. Die sowjetischen Truppen konnten vor und wĂ€hrend der Offensive ihre Fronttruppen rotieren. Die finnischen Einheiten standen seit Kriegsbeginn im Feld. Nur im am stĂ€rksten umkĂ€mpften Sektor von Summa wurde die dortige Division durch eine Reservedivision ersetzt. Das finnische Oberkommando hob zwei neue Divisionen aus, die aber nur aus Ă€lteren Reservisten bestanden und mangelhaft ausgerĂŒstet waren.[35] Einen Eindruck ĂŒber die psychische Belastung der Soldaten gibt das Schicksal eines finnischen ZugfĂŒhrers. Dieser halluzinierte, seine Ehefrau sei auf dem Weg, ihnen mehr Waffen zu bringen. Daraufhin verlieĂ er den schĂŒtzenden Bunker und fiel dem russischen Artilleriefeuer zum Opfer.[36]
Die sowjetische Armee begann am 15. Januar den kontinuierlichen Artilleriebeschuss der finnischen Linien, gleichzeitig erkundete sie systematisch durch LuftaufklĂ€rung und AufklĂ€rung der Fronttruppen den Befestigungsapparat. Am 1. Februar leitete Timoschenko den ersten Angriff von Bodentruppen ein. FĂŒnf Divisionen griffen im Zentrum der Mannerheim-Linie an. Dieser Angriff sollte laut Timoschenko nur eine Art Demonstration sein. Das sowjetische Kommando experimentierte dabei mit der Doktrin der Auftragstaktik, welche die deutsche Wehrmacht verwendete. Die untergeordneten Befehlshaber konnten dabei frei ihre Zwischenziele und den Einsatz ihrer Truppen zum Erreichen ihres Ziels planen. Die Angriffe brachten limitierte Gebietsgewinne und wurden von den sowjetischen Befehlshabern positiv bewertet. Zwischen diesen Angriffen und der eigentlichen Offensive auf breiter Front war eigentlich eine Pause vorgesehen. Timoschenko lieĂ die Demonstrationsangriffe aufgrund ihres Erfolges dann aber nahtlos in die GroĂoffensive ĂŒbergehen. Am 11. Februar lieĂ der sowjetische Befehlshaber die ganze Front angreifen. Am selben Tag durchbrachen die Divisionen, die seit dem 1. Februar kĂ€mpften, die vorderste Befestigungslinie der Mannerheim-Linie.[35]
Mannerheim fĂŒhrte mit seiner einzigen kampferfahrenen Reservedivision einen Gegenangriff. Dieses Vorhaben derjenigen Einheit, die noch im Vorjahr Summa erfolgreich verteidigt hatte, schlug allerdings fehl. Als mögliche GrĂŒnde werden Munitionsmangel und ein Zögern Mannerheims zum Gegenangriff diskutiert. Infolgedessen zogen sich die finnischen Truppen auf die mittlere Linie ihrer Befestigungen zurĂŒck. Dieser Durchbruch wird generell als der militĂ€rische Wendepunkt des Krieges gesehen. Trotzdem kritisierte Timoschenko den Mangel an Koordination, der noch in der Truppe geherrscht habe. Er fĂŒhrte dies auf den Mangel an ausgebildeten Offizieren zurĂŒck. Um dieses Problem zu mildern, wurden die Regimentskommandeure angewiesen, das Kommando von mobilen Befehlsposten aus zu fĂŒhren.[35]
Am 19. Februar gelang es den sowjetischen Truppen, auch die mittleren Stellungen der Finnen zu durchbrechen. Ein Gegenangriff einer Reservedivision wurde durch die Bombardierung von deren Verkehrswegen verhindert. Am 25. Februar brachen die sowjetischen Truppen durch die rĂŒckwĂ€rtigen Befestigungen der Mannerheim-Linie, auf die sich die finnischen Einheiten am 20. Februar zurĂŒckgezogen hatten. Tags darauf setzte das finnische Oberkommando erstmals 15 Panzer zu einem Gegenangriff ein. Die Fahrzeuge britischer Fertigung vom Typ Vickers waren aber den sowjetischen Modellen technisch unterlegen. Ihr Einsatz wurde zur Katastrophe, denn die GerĂ€usche der Fahrzeuge lösten in den eigenen Reihen Panik aus, da sie fĂŒr sowjetische Panzer gehalten wurden. Nachdem Timoschenko seine Frontdivision durch frische Einheiten ersetzt hatte, befahl er die Fortsetzung des Angriffs auf breiter Front am 28. Februar.[37]
WĂ€hrend der zweiten sowjetischen GroĂoffensive offenbarten sich die SchwĂ€chen der finnischen Verteidigung an der Landenge. Die starke Konzentrierung auf die Mannerheim-Linie machte die Truppen unbeweglich. Da sich hinter der Linie kaum noch Befestigungen befanden, bestand kein Spielraum fĂŒr ein ZurĂŒckweichen. So war den finnischen Offizieren in der Ausbildung eingeschĂ€rft worden, dass verlorene Stellungen durch Gegenangriffe zurĂŒckzuerobern seien. Diese Strategie wurde spĂ€ter dafĂŒr kritisiert, die Verluste unnötig erhöht zu haben.[38]
Timoschenko bemerkte allerdings, dass ein Hauptziel der Offensive gegen die Befestigungen nicht erreicht worden war: Der Roten Armee war es nicht gelungen, gröĂere finnische Truppenteile einzuschlieĂen und somit die finnische Armee im Feld zu vernichten. Nachdem sie die Mannerheim-Linie ĂŒberwunden hatte, begann die Rote Armee ihren Angriff auf das eigentliche Ziel der Offensive: die Stadt Viipuri. Sie wurde von den sowjetischen Truppen sowohl von Land als auch von der See her am 1. MĂ€rz eingeschlossen.[37]
Den sowjetischen Truppen gelang es, ein ganzes SchĂŒtzenkorps, eine Panzerbrigade und Kavallerie ĂŒber den gefrorenen Finnischen Meerbusen an die Stadt heranzubringen. Ebenso fĂŒhrte die baltische Flotte zahlreiche kleinere amphibische Landungsunternehmen an der finnischen KĂŒste durch. Diese Angriffe erfĂŒllten ihr Ziel, nĂ€mlich finnische Reserven von der Front um Viipuri abzuziehen.[39]
Die vollstĂ€ndige Eroberung Viipuris gelang den sowjetischen Truppen allerdings nicht. Am Tag des Friedensschlusses, dem 13. MĂ€rz 1940, waren sowjetische Einheiten bis ins Zentrum der Stadt vorgedrungen, doch konnten sie den finnischen Widerstand in der Stadt nicht brechen. Den eigentlichen Plan, eine schnelle Eroberung von Viipuri bis zum 7. MĂ€rz konnten sie nicht erfĂŒllen. Die militĂ€rische Situation der Finnen war aber nach dem Durchbruch so prekĂ€r, dass sich die finnische Regierung mehr und mehr gezwungen sah, Friedensverhandlungen aufzunehmen.[40]
Die öffentliche Meinung bekannte sich in vielen Staaten zur UnterstĂŒtzung Finnlands. In den Vereinigten Staaten wurden Demonstrationen als Ausdruck der SolidaritĂ€t mit Finnland gehalten und Benefizkonzerte gegeben. Der amerikanische PrĂ€sident Franklin D. Roosevelt rief ein âmoralisches Embargoâ auf den Handel mit der Sowjetunion aus, so dass der Handel von Januar 1940 bis zum 21. Januar 1941 eingestellt wurde. Die diplomatische Brandmarkung der Sowjetunion durch die Entfernung aus dem Völkerbund stellte dabei die Spitze der diplomatischen BemĂŒhungen dar. Dies blieb fĂŒr den Kriegsverlauf aber folgenlos, da die Frage von Sanktionen der Mitgliedsstaaten gegen die UdSSR nicht einmal zur Sprache kam. Die Wirkungskraft des Beschlusses wurde auch dadurch geschwĂ€cht, dass die Mehrheit der Mitgliedsstaaten der Sitzung ferngeblieben waren. So wurde der Beschluss nur durch sieben von insgesamt fĂŒnfzehn Mitgliedern gefasst. Die Sowjetunion selbst lieĂ der Ausschluss unbeeindruckt. Sie war dem Völkerbund erst 1934 in erster Linie mit dem Ziel beigetreten, sich vor dem erstarkten Deutschland zu schĂŒtzen. Dieser Zweck war jedoch mit dem Hitler-Stalin-Pakt obsolet geworden. FĂŒr den Niedergang des politischen Einflusses des Völkerbunds war die Entscheidung bezĂŒglich des Krieges nicht maĂgeblich. Die Organisation war durch den Mitgliederschwund in den dreiĂiger Jahren, unter anderem den Austritt Deutschlands, Japans und Italiens bereits entscheidend geschwĂ€cht. Im Hinblick auf ihr Versagen, die aggressive Politik dieser drei Staaten einzudĂ€mmen, konnte das Vorgehen gegen die Sowjetunion ihr Prestige auch nicht wieder herstellen.[41]
Zahlreiche Nationen unterstĂŒtzten Finnland aber in gewissem MaĂ materiell. Der gröĂte Beitrag wurde hierbei von Schweden geleistet. Zwar konnte Finnland die schwedische Regierung, die auf der NeutralitĂ€t bestand, nicht zu einem aktiven Eingreifen in den Krieg bewegen, jedoch gestattete Schweden es, dass 8.000 schwedische Freiwillige in der finnischen Armee dienten. Diese Einheiten griffen zum Ende des Krieges in die Gefechte ein. 33 schwedische Staatsangehörige fanden dabei den Tod, 185 wurden verletzt. Insbesondere ein Kontingent an schwedischen Piloten erwies sich fĂŒr die finnischen StreitkrĂ€fte als besonders wertvoll. Entscheidender war aber die Lieferung von Waffen und AusrĂŒstung. Das Nachbarland lieferte an die Finnen unter anderem 77.000 Gewehre, groĂe Mengen an Munition und auch FlugabwehrgeschĂŒtze.[41]
Andere Kontingente umfassten 800 DĂ€nen und Norweger, 230 US-Amerikaner und 150 Italiener. Diese Einheiten kamen aber zu spĂ€t in Finnland an, als dass sie noch an den KĂ€mpfen beteiligt gewesen wĂ€ren. Ungarn stellte noch eine vergleichsweise groĂe Zahl von 5.000 Mann in Aussicht, aber davon kamen nur 450 vor dem Friedensschluss in Finnland an und auch diese kamen nicht mehr zum Einsatz. Die Vereinigten Staaten stellten Finnland darĂŒber hinaus einen Kredit von 10 Millionen US-Dollar zur VerfĂŒgung. Sie weigerten sich allerdings unter Berufung auf die Cash-and-carry-Klausel, direkt Waffen nach Finnland zu liefern. Die finnische Regierung konnte aber ĂŒber den Ankauf von Nahrungsmitteln das Geld fĂŒr WaffenkĂ€ufe einsetzen. Diese Lieferungen trafen auch nicht mehr vor Kriegsende an der Front ein.[41]
Ebenso wurde die finnische Luftwaffe durch Flugzeuge aus dem Ausland verstĂ€rkt. Die bedeutendste Lieferung kam aus Frankreich in Form von 30 Morane-Saulnier-MS.406-Jagdflugzeugen. Das Vereinigte Königreich schickte 30 veraltete Gloster-Gladiator-Doppeldecker. Italien stellte 17 moderne Bomber des Typs Fiat BR.20 zur VerfĂŒgung. Diese Lieferungen stockten die kleine finnische Luftwaffe zwar auf, sie blieben aber in ihrer Wirkung marginal und Ă€nderten wenig an der materiellen Ăberlegenheit der sowjetischen Luftwaffe. Die Mehrzahl der 800 verlorenen Flugzeuge der sowjetischen StreitkrĂ€fte wurde durch finnische FlugabwehrgeschĂŒtze abgeschossen.[43]
GroĂe Hoffnungen setzte die finnische Seite in den Erhalt unmittelbarer militĂ€rischer UnterstĂŒtzung aus Westeuropa. Frankreich und England signalisierten bereits am 19. Dezember 1939 die Möglichkeit, starke HilfsverbĂ€nde nach Finnland zu entsenden. Die Bedeutung und die VerfĂŒgbarkeit solcher Hilfe blieb fĂŒr Finnland jedoch bestĂ€ndig im Dunkeln. Schweden und Norwegen hatten sehr deutlich gemacht, dass sie den Durchmarsch fremder Armeen nicht erlauben wĂŒrden. Es hĂ€tte auĂerdem rund drei Monate gedauert, die Truppen ĂŒber Norwegen und Schweden heranzubringen und die notwendige Infrastruktur fĂŒr ihre Versorgung aufzubauen. Die Westalliierten hatten ein erkennbares Interesse an der Fortsetzung der KriegsaktivitĂ€ten im Norden. Durch eine Intervention in Skandinavien erhofften sie sich, den militĂ€rischen Druck auf den Kriegsgegner Deutschland zu erhöhen. Besonders verlockend erschien ein mögliches Abschneiden der Erzgebiete im nordschwedischen Kiruna von den deutschen Nachschubwegen.[44] Als der französische AuĂenminister Ădouard Daladier den Finnen im Februar 1940 ein Expeditionskorps von 50.000 Soldaten versprach, fasste der britische General Henry Royds Pownall diese Offerten wie folgt zusammen:[45]
âVon den vier oder fĂŒnf Divisionen, die vielleicht ĂŒber die Nordsee gesandt worden wĂ€ren, war nicht eine fĂŒr Finnland bestimmt â vielleicht ein oder zwei Brigaden, wenn sie GlĂŒck hatten (âŠ) Der Rest war einfach dazu bestimmt, die Eisenerzminen zu besetzen und zu halten und Schweden und Norwegen zu unterstĂŒtzen. Es ist wirklich ein höchst unehrliches GeschĂ€ft.â
Am 3. MĂ€rz stellte die britische Regierung den Finnen eine Eingreiftruppe von rund 12.500 Mann in Aussicht, die aber bestenfalls erst im April hĂ€tte ankommen können. Die finnische Regierung fĂŒhlte sich durch das dauernde Taktieren getĂ€uscht und verlor auch vor dem Hintergrund der Ereignisse in Polen und der Tschechoslowakei das Vertrauen in ein Eingreifen der WestmĂ€chte. SchlieĂlich stellte sich die militĂ€rische Lage Anfang MĂ€rz fĂŒr Finnland bereits so dramatisch dar, dass westliche Hilfe nach EinschĂ€tzung des finnischen Oberkommandos jedenfalls zu spĂ€t gekommen wĂ€re.[46]
Nachdem die Vorkriegsverhandlungen abgebrochen worden waren, bestanden zwischen den beiden kriegfĂŒhrenden Staaten keine offiziellen diplomatischen Verbindungen mehr. Die finnische Regierung war hinsichtlich der Notwendigkeit eines schnellen Friedensschlusses gespalten. Die Siege an der nördlichen Front und das Halten der Mannerheim-Linie verfĂŒhrten weite Teile der Politik, des MilitĂ€rs und der Medien zu der Vorstellung, der Krieg sei zu gewinnen. Eine treibende Kraft hinter den FriedensbemĂŒhungen war der ehemalige ChefunterhĂ€ndler Juho Kusti Paasikivi, der sich keinen Illusionen hingab:[47]
âUnsere Siege werden entsetzlich groĂ erachtet, und von unserem Blickwinkel aus sind sie herrlich. Sie haben aber keine Auswirkung auf das endgĂŒltige Ergebnis. Angesichts der Macht des riesigen russischen Staates haben diese Niederlagen keine Bedeutung.â
Am 10. Januar öffnete die finnische Regierung unter MinisterprĂ€sident Risto Ryti ĂŒber die sowjetische Botschafterin in Stockholm, Alexandra Kollontai, einen ersten Kanal zu sowjetischen Stellen. Ende des Monats signalisierte Moskau die Bereitschaft, mit der Regierung Rytis einen Frieden zu schlieĂen. Damit wurde inzident gleichzeitig die von Moskau installierte Gegenregierung unter Kuusinen fallengelassen. Am 12. Februar erhielt die finnische Seite erstmals Kenntnis von den von der Sowjetregierung aufgestellten Bedingungen. Diese beinhalteten Gebietsabtretungen, die deutlich ĂŒber die von den Finnen vor dem Krieg abgelehnten Forderungen hinausgingen. Zwar wurden die Bedingungen zunĂ€chst mit BestĂŒrzung aufgenommen, jedoch zwang die sich rasch verschlechternde militĂ€rische Lage zum Handeln. Am 28. Februar beriet Ryti mit Mannerheim, der feststellte, der Frieden mĂŒsse sehr bald, zur Not auch unter harten Bedingungen geschlossen werden.[48]
Am 8. MĂ€rz traf eine offizielle finnische Delegation unter FĂŒhrung von Ryti und Paasikivi in Moskau ein. Auf sowjetischer Seite fĂŒhrte Molotow die GesprĂ€che, Stalin selbst nahm an ihnen nicht teil. Zu ZugestĂ€ndnissen zeigte sich die russische Seite nicht bereit, statt dessen wurden noch einmal leicht verschĂ€rfte Bedingungen gestellt. Die finnische Seite zögerte noch, jedoch teilte die militĂ€rische FĂŒhrung am 9. MĂ€rz mit, dass die StĂ€rke der erschöpften Bataillone an der Landenge meist kaum noch 250 Mann betrug und an der Front der völlige Zusammenbruch drohte. Dieser Situationsbericht gab den Ausschlag. Am 13. MĂ€rz unterzeichnete die Delegation den Vertrag von Moskau, der am selben Tag um 12:00 Uhr die Kampfhandlungen zwischen beiden Staaten beendete.[49]
Durch den Friedensvertrag verlor Finnland groĂe Teile Kareliens, darunter die gesamte Landenge und groĂe Gebiete nördlich des Ladogasees. Die neue finnische SĂŒdostgrenze folgte im Wesentlichen der Grenze des Friedens von Nystad von 1721. Es handelte sich bei dem abgetretenen Gebiet also weitgehend um dieselben Gebiete, die 1721 von Schweden an Russland abgetreten und 1812 als Teil des sogenannten Altfinnlands durch Zar Alexander I. wieder an das GroĂfĂŒrstentum Finnland angegliedert worden waren.
Die finnische Wirtschaft und Gesellschaft wurde durch diesen Verlust hart getroffen. Rund 420.000 Finnen flohen aus den verlorenen Gebieten und mussten von staatlicher Seite bei einer Neuansiedlung unterstĂŒtzt werden. Mit den abgetretenen Gebieten verlor das Land rund 10 % seiner Agrarwirtschaft und Industrie.[50]
Weiterhin abgetreten werden mussten zahlreiche strategisch wichtige Inseln im Finnischen Meerbusen sowie die Fischerhalbinsel am Nordmeer. Hanko in SĂŒdwestfinnland wurde fĂŒr dreiĂig Jahre an die Sowjetunion als FlottenstĂŒtzpunkt verpachtet. AuĂerdem musste Finnland sich bereit erklĂ€ren, eine Eisenbahnverbindung zwischen der schwedischen Grenze bei Tornio und Murmansk zu bauen und zu betreiben. Ein militĂ€risches BĂŒndnis verlangten die sowjetischen UnterhĂ€ndler im Gegensatz zu 1939 nicht mehr. Damit war die ursprĂŒnglich beabsichtigte militĂ€rische und gegebenenfalls auch politische Integration der Finnen in das kommunistische System gegenstandslos geworden.[46]
Der Friedensvertrag löste in der finnischen Bevölkerung und weiten politischen Kreisen, die nicht im Detail ĂŒber die verheerende militĂ€rische Lage informiert gewesen waren, Entsetzen aus. Am 13. MĂ€rz wurde im ganzen Land Trauerbeflaggung gehisst. Der finnische PrĂ€sident Kyösti Kallio erklĂ€rte, unmittelbar nachdem er die Ratifizierung des Friedensvertrages unterzeichnet und damit in Kraft gesetzt hatte, verbittert:[51]
âMöge meine Hand verdorren, die gezwungen ist, ein derartiges Papier zu unterschreiben.â
Die Sowjetunion integrierte die abgetretenen Gebiete in die neugegrĂŒndete Karelo-Finnische SSR, deren Vorsitz der einstige Chef der kommunistischen Gegenregierung Kuusinen ĂŒbernahm. Die Annexionen verstĂ€rkten die sowjetische Verteidigungsposition gegenĂŒber Finnland und gegenĂŒber Seeangriffen aus der Ostsee. Als Deutschland im Juni 1941 die Sowjetunion angriff, erfolgte der deutsche HauptstoĂ von Westen und nicht ĂŒber Skandinavien, so dass die Annexionen aus der militĂ€rischen Perspektive keinen Vorteil fĂŒr die Verteidigung der Sowjetunion bedeuteten.[52]
Die Verluste der Roten Armee wurden in den offiziellen Zahlen nach dem Krieg mit rund 48.000 Toten und rund 159.000 Verwundeten und Kranken angegeben. Diese Zahlen sind sowohl in der westlichen wie in der russischen Literatur umstritten. Russische Quellen gehen heute von rund 127.000 Toten und Vermissten, sowie 265.000 Verwundeten und Kranken aus. Finnische Historiker nehmen noch höhere Zahlen an: rund 230.000â270.000 Tote und 200.000â300.000 Verwundete und Kranke, ein groĂer Teil davon durch Erfrierungen und mangelnde Versorgung mit Kleidung und Nahrungsmitteln. Ungewiss ist das Schicksal von rund 5.000 repatriierten sowjetischen Kriegsgefangenen. In westlichen Quellen wird der Verdacht geĂ€uĂert, diese seien nach dem Kriege gröĂtenteils in Lagern des NKWD ermordet worden.[53]
Ein sowjetischer Offizier Ă€uĂerte sich ĂŒber das Kampfgebiet in Karelien nach dem Krieg:[54]
âDie Tatsache, dass im folgenden FrĂŒhjahr und Sommer, als der Schnee zu schmelzen begann, viele Leichen unserer Soldaten aus den SĂŒmpfen und Seen geborgen wurden, ist nicht in den offiziellen Kriegsberichten erwĂ€hnt. Die Ăberlebenden pflegten scherzhaft zu sagen, dass das Land, das wir den Finnen nahmen, gerade ausreichte, um unsere wĂ€hrend des Feldzugs gefallenen Offiziere und Soldaten zu begraben.â
Die Verluste der finnischen StreitkrĂ€fte wurden von finnischer Seite nach dem Krieg mit rund 25.000 Toten und rund 43.500 Verwundeten angegeben.[55] Die FĂŒhrung der Roten Armee gab an, die Finnen hĂ€tten zwischen 60.000 und 85.000 Todesopfer und 250.000 Verwundete zu beklagen.[56] Die finnische Geschichtswissenschaft zĂ€hlt heute 26.662 gefallene Soldaten.[57]. Die sowjetischen Bombenangriffe auf zivile Ziele forderten rund 900 Todesopfer und rund 1.800 Verwundete unter der Zivilbevölkerung. Die wirtschaftlichen SchĂ€den durch die Luftoffensive behinderten aber die Kriegsanstrengungen der finnischen Seite nur marginal.[50]
Durch die geringe Leistung und hohen Verluste der Roten Armee wurde deren Ruf unter den GroĂmĂ€chten desavouiert, infolgedessen wurde sie unterschĂ€tzt. Ein interner Bericht der deutschen Wehrmacht konstatierte, dass die sowjetischen StreitkrĂ€fte gegen eine moderne und gut gefĂŒhrte Armee chancenlos seien. Es wird angenommen, dass diese UmstĂ€nde die Bereitschaft Hitlers zum Angriff auf die UdSSR weiter steigerten. Auch im westlichen Lager litt der Ruf der Roten Armee. Als die Sowjetunion 1941 von Deutschland angegriffen wurde, schĂ€tzte der US-General George C. Marshall in einem Bericht an den PrĂ€sidenten Roosevelt, die Sowjetunion werde binnen drei Monaten zusammenbrechen. Britische SchĂ€tzungen aus dieser Zeit sprachen sogar von nur zwei Monaten.[58]
Die sowjetischen MilitĂ€rstellen reagierten auf den Krieg mit Versuchen, die LeistungsfĂ€higkeit der Armee zu erhöhen. Es kam auch zu einem personellen Wechsel an der Spitze, als Stalin Woroschilow als Volkskommissar fĂŒr Verteidigung durch Timoschenko ersetzte. In diesem Zuge wurden die letzten Ăberbleibsel der Idee einer sozialistischen Armee getilgt und der Schaffung der Disziplin durch Drill und autoritĂ€re FĂŒhrung mehr Raum gegeben. Um das Offizierskorps weiter zu stĂ€rken, wurde der Einfluss der Politoffiziere zurĂŒckgefahren und ein neues Beförderungssystem eingefĂŒhrt, das Leistung mehr entlohnen sollte. Die AutoritĂ€t der Offiziere im Feld sollte in den neuen Dienstvorschriften durch gröĂere Privilegien wie einen eigenen Unterstand und bessere Kost gegenĂŒber den Mannschaften gestĂ€rkt werden. Die Offiziere erhielten auĂerdem das Recht, ĂŒber ihre Untergebenen selbststĂ€ndig StrafmaĂnahmen zu verhĂ€ngen. Um die AutoritĂ€t der TruppenfĂŒhrer noch weiter zu stĂ€rken, fĂŒhrte die Rote Armee nach dem Winterkrieg Generals- und AdmiralsrĂ€nge ein.[59]
Im Bereich von Strategie und Taktik sprachen sich Stalin und sein neuer Volkskommissar fĂŒr eine Abkehr vom Bewegungskrieg des Russischen BĂŒrgerkriegs aus und proklamierten eine eher statische KriegsfĂŒhrung. Stalin war trotz der Fortschritte der kombinierten Waffen und des deutschen âBlitzkriegsâ davon ĂŒberzeugt, dass ein kommender Krieg zwischen den GroĂmĂ€chten sich als Stellungskrieg abspielen werde. Ob der Winterkrieg die KampffĂ€higkeit der Roten Armee bis zum Angriff der deutschen Armee insgesamt durch die Reformen gestĂ€rkt oder durch die Verluste geschwĂ€cht hat, ist unter Historikern bisher umstritten.[60]
Nach dem Krieg hatte Finnland mit massiven Problemen zu kĂ€mpfen. Die FlĂŒchtlingsströme aus den abgetretenen Gebieten fĂŒhrten zu inneren Spannungen und wirtschaftlichen EngpĂ€ssen. Die durch WaffenkĂ€ufe und Kredite gestiegene Auslandsverschuldung hatte einen negativen Effekt auf den finnischen Staatshaushalt und dessen Möglichkeiten, die Krise zu kompensieren. Die territorialen Verluste verschlimmerten auch die militĂ€rische Lage. Eine Verteidigung des Landes gegen einen neuerlichen sowjetischen Angriff wĂ€re weitaus schwieriger geworden. Infolgedessen leitete die finnische Regierung eine Politik der AufrĂŒstung ein. Die Armee wurde auf 400.000 Mann in etwa verdoppelt und auf eine schnellere Mobilisierung und höhere Bereitschaft ausgelegt.[50]
Andererseits half das Erlebnis der gemeinsamen Bedrohung und das wĂ€hrend des Krieges immer wieder beschworene Thema der nationalen Einheit, die inneren ZerwĂŒrfnisse infolge des BĂŒrgerkrieges von 1918 zu ĂŒberwinden. Die Verwundbarkeit des Landes war den Finnen ebenso deutlich vor Augen gefĂŒhrt worden wie die Tatsache, dass Finnland sich gegen einen sowjetischen Angriff nicht dauerhaft allein verteidigen kann.[61] Die diplomatischen GeplĂ€nkel um eine alliierte Intervention waren nicht geeignet, Vertrauen in eine Zusammenarbeit mit den WestmĂ€chten zu schaffen. So versuchten die Finnen, sich einerseits in Skandinavien VerbĂŒndete zu suchen und sich andererseits wieder an Deutschland anzunĂ€hern. Ersteres wurde nach der Intervention deutscher Truppen in Skandinavien (âUnternehmen WeserĂŒbungâ) mit der Besetzung DĂ€nemarks und Norwegens unmöglich. Die Zusammenarbeit mit Deutschland wurde dagegen schon bald RealitĂ€t und mĂŒndete im Juni 1941 in der Beteiligung Finnlands am deutschen Angriff auf die Sowjetunion und dem Beginn des finnisch-sowjetischen Fortsetzungskrieges.[50]
Der Winterkrieg hat in der Geschichtsschreibung zwei vollkommen gegensĂ€tzliche Bewertungen erfahren. In der Sowjetunion und ihren VerbĂŒndeten wurde das sowjetische Vorgehen als legitime Wahrnehmung der strategischen Interessen und als Sicherung der strategischen Lage Leningrads betrachtet. Leningrad, das nur 50 Kilometer von der alten finnischen Grenze entfernt lag, sei einem Angriff von finnischem Boden aus schutzlos ausgeliefert gewesen. Finnland habe unter dem Einfluss sowohl der westlichen MĂ€chte als auch des deutschen Imperialismus gestanden und hĂ€tte daher einen wichtigen Aufmarschraum im Falle eines Krieges gegen die Sowjetunion dargestellt.[62] Nach dieser Bewertung hĂ€tte der Krieg durch angemessene ZugestĂ€ndnisse der finnischen Regierung vermieden werden können. Auch finnische Historiker mit prosowjetischer Einstellung haben sich in der Nachkriegszeit dieser Bewertung angeschlossen.
Die bĂŒrgerlich-finnische und westliche Geschichtsschreibung hĂ€lt den Angriff der Sowjetunion dagegen fĂŒr den Ausdruck der imperialistischen Politik Stalins und Molotows. Ein Einlenken in den Verhandlungen des Herbstes 1939 hĂ€tte nach dieser Ansicht die Stellung Finnlands entscheidend geschwĂ€cht und das Land neuen Gefahren ausgesetzt. Hier wird insbesondere darauf verwiesen, dass, nachdem der Krieg begonnen hatte, Stalin nachweislich zunĂ€chst das Ziel der vollstĂ€ndigen Besetzung Finnlands verfolgt habe.[63]
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Dieser Artikel wurde am 22. Januar 2008 in dieser Version in die Liste der exzellenten Artikel aufgenommen. |