|
|
Lexikon auf Ihrer Homepage |
|
Lexikon als Lesezeichen hinzufügen |
Mit RationalitĂ€t (von lateinisch rationalitas âDenkvermögenâ, abgeleitet von ratio âVernunftâ) wird ein vernunftgeleitetes und an Zwecken ausgerichtetes Denken und Handeln bezeichnet. Der Begriff beinhaltet die absichtliche Auswahl von und die Entscheidung fĂŒr GrĂŒnde, die als vernĂŒnftig gelten, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.[1] Er kann je nach Anwendungsbereich und je nachdem, was man als vernĂŒnftig betrachtet, unterschiedliche Bedeutungen haben. Man spricht in der Moderne deshalb auch von verschiedenen RationalitĂ€ten der einen Vernunft.[2]
Als rational bezeichnet man in der Mathematik diejenigen Zahlen, welche sich als Bruch (Quotient) zweier ganzer Zahlen darstellen lassen.
Inhaltsverzeichnis |
Bei der Analyse des Begriffs der RationalitÀt können verschiedene Aspekte im Vordergrund stehen:
Der Gegenbegriff zur RationalitĂ€t ist das Irrationale, ein Zustand oder ein Handeln, das nicht durch vernĂŒnftige GrĂŒnde gestĂŒtzt ist (Affekte, Wunschdenken, Drogen, anormale psychische ZustĂ€nde, z.B. Autismus). Unbelebte GegenstĂ€nde sowie Pflanzen sind weder rational, noch irrational, sondern arational, d.h. nicht zur RationalitĂ€t fĂ€hig. In Hinblick auf Tiere, insbesondere höhere SĂ€ugetiere ist umstritten, in welchem MaĂe sie zur RationalitĂ€t fĂ€hig sind. Von der auf Handlungen ausgerichteten pragmatischen RationalitĂ€t wird die theoretische oder kognitive RationalitĂ€t unterschieden, die das Wissen zum Gegenstand hat. Sie umfasst âalle Arten methodischen Denkens in endlich vielen reproduzierbaren Schritten zur Gewinnung und BegrĂŒndung von Aussagen ĂŒber die Welt.â[6] Kognitive RationalitĂ€t kann Geltung nur fordern, wenn das Wissen intersubjektiv begrĂŒndbar und ĂŒberprĂŒfbar ist.[7] RationalitĂ€t ist eng mit dem Begriff der IntentionalitĂ€t verklammert, weil sie immer auf etwas (eine Person, einen Sachverhalt) gerichtet ist. Eine Person kann rational genannt werden, wenn sie dem Bewertungskriterium des âguten SchlieĂensâ entspricht.[8]
In der Lebenspraxis kann man nicht absolut von rational oder irrational sprechen, weil immer Erfahrungen und Gewohnheiten einen Einfluss auf ein Verhalten haben, d.h. RationalitĂ€t ist davon abhĂ€ngig, wer und wann eine Ăberzeugung Ă€uĂert oder handelt. Das Urteil eines Laien ĂŒber ein Krankheitssymptom kann rational sein, auch wenn der hinzukommende Arzt den Sachverhalt als Fachmann ganz anders sieht. Argumente, Entscheidungen und Handlungen sowie die daraus hervorgehenden ZustĂ€nde und Strukturen sind nicht objektiv, sondern nur mehr oder weniger rational im Vergleich zu entsprechenden Alternativen. Absolut rational wĂ€re ein Prinzip, wenn es mit Anspruch auf LetztbegrĂŒndung behauptet werden könnte, also eine wissenschaftliche Theorie, die nicht mehr falsifizierbar wĂ€re, oder eine moralische Regel, die universale Geltung beanspruchen könnte. Rationale Praxis auch in den Wissenschaften bedeutet demnach, sich an einem Wissen zu orientieren, dass in Hinblick auf die verfĂŒgbaren Informationen frei von Zweifeln ist, auch wenn es grundsĂ€tzlich bezweifelbar bleibt.[9]
RationalitĂ€t ist weiterhin nicht gleichzusetzen mit Erfolg, auch wenn das BemĂŒhen um RationalitĂ€t durch das Streben nach einem gröĂeren Erfolg motiviert ist. Ein Handlen, das eine bestehende Situation verschlechtert, gilt nicht als rational. Der Begriff der RationalitĂ€t beinhaltet somit einen Nutzen, der mit einem Objekt oder einer Handlung verbunden ist. Dabei geht aus der Eigenschaft rational noch nicht hervor, inwiefern der Nutzen besteht. Der Begriff als solcher ist semantisch formal. Ein ârational konstruierter Becherâ bedarf fĂŒr religiöse Anwendungen anderer Eigenschaften als ein Becher fĂŒr die Raumfahrt.[10] RationalitĂ€t bezeichnet als PrĂ€dikat keine Ăquivalenzrelation, die durch eine einfache Regel zu fassen ist, sondern betont die besondere Eignung fĂŒr einen Zweck. Der materiale Inhalt des Rationalen ergibt sich erst situativ.
Ein wichtiges Moment der RationalitĂ€t ist die Vorhersagbarkeit von Handlungsergebnissen. Dies steckt in dem VerstĂ€ndnis, dass eine rationale Ăberzeugung oder Handlung begrĂŒndbar ist. Eine akzeptable BegrĂŒndung ist aber nur möglich, wenn die Wirkung einer Handlung bereits zuvor absehbar war.[11] Problematisch wird diese Anforderung, weil ĂŒber einen möglichen Erfolg stets Ungewissheit besteht. âDie Welt ist ihrer Natur oder ihrem Wesen nach weder stabil noch gewiss.â[12] Dadurch wird das RisikokalkĂŒl Bestandteil der BegrĂŒndung, wobei es einer vorherigen Festlegung bedarf, welches Risiko rational wie zu bewerten ist. Auf diesem Weg entsteht aus der Diskussion der RationalitĂ€t eine Diskussion der Verantwortung insbesondere in Hinblick auf die Wirkungen der modernen Massengesellschaft und der durch sie verwendeten GroĂtechnologien. Der polnische Philosoph Wieslaw Sztumski verweist auf die Grenzen der RationalitĂ€t, âweil sie auf einer entsprechenden Entwicklungsstufe zur Behinderung der Weiterentwicklung wirdâ, weil sich âin einer immer schneller verĂ€ndernden Welt und angesichts wachsender Unbestimmtheiten und Risiken der Verwendungsbereich der RationalitĂ€tâ immer mehr einengtâ, weil das âMaximieren der RationalitĂ€t (besonders im Sinne des Szientismus) [âŠ] unterschiedliche Bedrohungen der Menschen und [âŠ] das Risiko des NichtĂŒberlebens der Menschheitâ nach sich zieht. Sztumski Ă€uĂert deshalb die Hoffnung, dass eine âBeschrĂ€nkung in der âJagd der RationalitĂ€tâ uns eine Chance fĂŒr das Ăberleben gibt.â[13]
Um dem PhĂ€nomen der RationalitĂ€t nĂ€her zu kommen, hat Hans Lenk eine unsystematische Liste von RationalitĂ€tsbegriffen zusammengestellt[14], die erst in einer Analyse von Ăberschneidungen befreit und in eine systematische Ordnung zu bringen ist.
Nikolaos Psarros unterscheidet[15] zwischen
Ăhnliche Strukturierungen finden sich bei JĂŒrgen Habermas, der zwischen dem pragmatischen, ethischen und moralischen Gebrauch der praktischen Vernunft unterscheidet[17] oder Christine Korsgaard die die praktische Vernunft in instrumentelle, prudentielle und moralische Vernunft unterteilt.[18]. Nicholas Rescher differenziert in Hinblick auf den Prozes der Entscheidungsfindung in praktische RationalitĂ€t (was soll man tun), theoretische RationalitĂ€t (was kann man wissen) und evaluatiove RationalitĂ€t (was soll man bevorzugen).[19] Karl-Otto Apel setzt der wissenschaftlich-technologischen die philosophisch-transzendentalpragmatische RationalitĂ€t entgegen, die er wiederum in eine hermeneutische, ethische und dialektisch strategische RationalitĂ€t unterteilt.[20] Helmut F. Spinner spricht von einer âDoppelvernunftâ, die einerseits als âGrundsatzvernunftâ auf allgemeine Prinzipien gerichtet ist, und andererseits als âGelegenheitsvernunftâ sich vorwiegend auf auĂerwissenschaftliche pragmatische Fragestellungen richtet.[21]
Karen Gloy schlÀgt eine systematische Einteilung nach Kategorien vor[22], die ihrerseits wieder unterschiedlich gegliedert werden können:
Begreift man RationalitÀt als Verfahrensprinzip, so ist rationales Handeln methodisch strukturierbar. Ausformuliert ergibt sich ein vollstÀndiges Konzept einer Wissenschaftstheorie. Dabei sind drei grundlegende Schritte zu unterscheiden.[23]
In jedem dieser drei grundsÀtzlich zu vollziehenden Schritte gibt es eine Vielzahl von Konzepten, die sich geschichtlich und sachbezogen herausgebildet haben.
Die Differenzierung danach, wie man sich methodisch den Zugang zu einem Gegenstand verschafft[24] fĂŒhrt zu folgender Unterscheidung:
Ăhnlich kann man das Vorgehen in Hinblick auf die Geltung rationaler Argumente in Anlehnung an die Logik der Wissenschaften bei Peirce gliedern in:
Karen Gloy unterscheidet methodische Prinzipien nach der Denkweise, die der Strukturierung des (wissenschaftlichen) Stoffs zugrunde liegt.
Die von Gloy ausgearbeitete Strukturierung von RationalitĂ€tstypen hat ihrerseits einen hierarchischen Aufbau, der ein Abbild einer genealogischen Entwicklung des Denkens ist. Vom einfachen linearen Sortieren ĂŒber die statische Entgegensetzung und die Dynamik des dialektischen Fortschreitens zur spekulativen Ăberwindung von BrĂŒchen und Inkonsistenzen bis hin zu einem Netzwerk des Seins, das auch UnschĂ€rfen erfasst. Keiner der RationalitĂ€tstypen ist verzichtbar und keiner ist umfassend.
RationalitĂ€t im modernen VerstĂ€ndnis greift auf den aus der AufklĂ€rung stammenden Begriff der autonomen Vernunft zurĂŒck, unterstellt also einen frei handelnden Menschen, der nicht an das Wirken eines Gottes oder den Telos der Natur oder der Geschichte gebunden und auch nicht kausal determiniert ist. Auch wenn man auf eine LetztbegrĂŒndung verzichtet, lassen sich nach GĂŒnter Ropohl in Anlehnung an Gerhard Vollmer[33] konkrete Merkmale der RationalitĂ€t benennen, die bei der Rechtfertigung von Ăberzeugungen beachtet werden mĂŒssen[34]
Die ersten drei Punkte betrachtet Ropohl als Minimalbedingungen der RationalitĂ€t. Das Merkmal (h) verweist auf die FallibilitĂ€t des RationalitĂ€tsbegriffs selbst, der ebenso wie jedes rationale Argument grundsĂ€tzlich fĂŒr neue und verbesserte Erkenntnisse offen zu halten ist. Ropohl postuliert aus der Perspektive der Technikphilosophie in Hinblick auf die KomplexitĂ€t modernen Technologien eine âsynthetischeâ RationalitĂ€t, die âneben analytischer PrĂ€zision auch synthetische KohĂ€renz und sytematische ReflexibilitĂ€t umfasst.â
Die UrsprĂŒnge der RationalitĂ€t sind zu finden im Ăbergang vom mythischen Denken zur praktischen Vernunft, die systematisch ĂŒber die praktische Lebenswelt hinausweist. Beispiele sind die babylonische Astronomie, die BewĂ€sserungssysteme im alten Ăgypten, die indische Logik und das kritische Fragen der antiken griechischen Philosophie.[35] Die vorsokratische Philosophie der antiken Griechen ist gekennzeichnet durch den Ăbergang âvom Mythos zum Logosâ[36] Die menschenĂ€hnlichen Götter und die narrativen ErklĂ€rungen der Wirklichkeit mit Bildern und Parabeln wurden abgelöst durch die Suche nach einem allgemeinen Prinzip, die Welt zu erklĂ€ren. Das sakrale Ursprungsdenken geht ĂŒber in einen Fortschritt des Wissens.[37] Dabei wird die ganzheitliche Weltsicht teilweise durch Logifizierung und Quantifizierung der Welt ersetzt.[38] WĂ€hrend die PythagorĂ€er die Mathematik noch mit der Mystik verknĂŒpften, sind Euklids Elemente hiervon gĂ€nzlich befreit. Der Logos, âdas geistige Rechnenâ[39] hatte sich nahezu gĂ€nzlich von den dichterischen ErzĂ€hlungen Homers und Hesiods - so bei Xenophanes[40] - gelöst. Das allgemeine ErklĂ€rungsprinzip, zunĂ€chst Wasser und Luft, wurde immer abstrakter, es wurde zum Apeiron, dem Unbegrenzten, bei Anaximenes und schlieĂlich zum Nous, zur objektiven Weltvernunft, dem bewegenden Geist, bei Anaxagoras[41], durch den alle Ordnung bestimmt ist. Der Nous ist zugleich das oberste Denkvermögen im Menschen, mit dem er sich ganzheitlich als Teil des Logos begreift.
Von diesem schauenden Erfassen der Welt lösten sich vor allem die Sophisten. In vielfĂ€ltigen, durchaus kontroversen AnsĂ€tzen zeigten sie, dass die ĂŒberkommenen Vorstellungen einer bestimmten Ordnung in sich widersprĂŒchlich sind und dass es Aporien gibt, denen der Mensch nicht ausweichen kann. Einige Sophisten vertraten einen deutlichen Relativismus und erklĂ€rten den Menschen zum MaĂ aller Dinge (Protagoras[42]) Dies ging so weit, dass ihre Redekunst nicht nur anerkannt war, sondern dass ihnen auch unterstellt wurde - gegen Geld - jegliche Theorie ĂŒberzeugend begrĂŒnden zu können. Kritisch zur bloĂen Rhetorik und Streitkunst stellte sich Platon, der die Sophisten als âNachahmer der Weisenâ bezeichnete (Soph. 268 b, c). Es geht hier um die Frage, ob Wissen und ethische Aussagen objektiv oder bloĂ subjektiv sind. In vielen Dialogen Platons bilden die sophistischen Argumente die Plattform, von der aus Platon seine eigene Position oder zumindest eine kritische Gegenposition entwickelte, indem er die Argumente widerlegte (Beweis durch Gegenbeweis - Modus tollendo ponens)[43] Ein grundlegendes Argument Platons gegen den Homo-Mensura-Satz war, dass dieser bei gegensĂ€tzlichen Meinungen nicht aufgelöst werden kann, dass er somit kein Kriterium fĂŒr Wahrheit oder Richtigkeit liefert.[44] Eine mögliche Lösung (ohne objektiven Absolutismus) zeigt sich im Sprachgebrauch. Die Bedeutung eines Begriffs muss so vereinbart sein, dass sie ein am GesprĂ€ch Teilnehmender verstehen kann (Konventionalismus). Wenn es eine Konvention gibt, kann man auch die Richtigkeit einer Begriffsverwendung prĂŒfen. So sagt Protagoras im platonischen Theaitet âWas gemeinsam akzeptiert wird, das ist wahr, wenn und solange es akzeptiert wird.â (Theait. 172b) Dies wĂŒrde auf einen intersubjektiv gĂŒltigen Wahrheitsbegriff hinauslaufen, auf eine Konsenstheorie der Wahrheit. Platon diskutiert diese Lösung, lĂ€sst aber im Dialog Kratylos die Antwort offen (Krat. 385d-386a) und vertritt einen objektiven Wahrheits- und Wertebegriff durch Teilhabe an der Ideenwelt (Wahrheit als wahre begrĂŒndete Meinung) als MaĂstab rationalen Handelns. Insbesondere lehnte Platon den als sophistisch dargestellten Rechtspositivismus (âdaĂ kein Herrscher irgend fehlt, wenn er Herrscher ist.â (Pol. I, 340e) ab. Stattdessen bestimmte er die Gerechtigkeit als Gundlage des Rechts inhaltlich (Jeder tut, was ein jeder zu tun hat, Pol. 433a).
FĂŒr Aristoteles, der den Menschen als vernĂŒnftiges Wesen (zoon logon echon) bestimmte, besteht ein glĂŒckliches und gelingendes Leben in einem âTĂ€tigsein der Seele gemÀà der Vernunft oder nicht ohne die Vernunft.â (EN I 6, 1098a 7-8) Der VernĂŒnftige ist jemand, der âgut ĂŒberlegen kannâ, was anders sein könnte. (EN VI 5, 1140a 1-1 und 26) Das gute Ăberlegen bezieht sich sowohl auf die schaffend Kunst (Techne) als auch auf die praktische VernĂŒnftigkeit (Phronesis). Was gute Ăberlegungen sind, beschrieb Aristoteles auf zweierlei Weise. Praktische VernĂŒnftigkeit prĂŒft zum einen, ob Mittel geeignet sind, ein bestimmtes Ziel zu erreichen (EN III 5-7), und zum anderen, ob ein Einzelnes, eine einzelne Handlung, einem Allgemeinen, zum Beispiel einem guten Leben, entspricht (EN VI).[45] Immer wieder wird kritisch darauf hingewiesen, dass Aristoteles den gesellschaftlichen Vorstellungen seiner Zeit entsprach und den Frauen einen geringeren Vernunftstatus als dem Mann zurechnete und dies biologisch begrĂŒndete (De generatione animalium)[46]
WĂ€hrend Platon und Aristoteles das gute Leben an einem Aufstieg zur geistigen Schau der vom Nous bestimmten Ordnung des Kosmos festgemacht hatten, Wissen fĂŒr sie als denkendes Erfassen der Ideen und Prinzipien in der Welt den höchsten Wert besaĂ, stand im Hellenismus die Praxis im Vordergrund. Die Polis verlor an Bedeutung und nach dem Tod Alexanders wurde die Lage politisch instabil. Philosophie hatte vor allem die Aufgabe einer Orientierungshilfe. Die Stoa entstand ebenso wie die Skepsis und der Epikureismus in Konkurrenz zu den klassischen Schulen der Akademie und des Peripatos. Allen drei gemeinsam war die Suche nach der Seelenruhe (Ataraxia). Die Skeptiker suchten, sich nicht durch falsche SehnsĂŒchte nach Weltverbesserung beirren zu lassen. Die RationalitĂ€t des Skeptikers ist das kritische Hinterfragen. Die Epikureer strebten vor allem nach privatem GlĂŒck durch einen maĂvollen Genuss. Sie lehnten die Idee einer vernĂŒnftig geordneten Welt ab und stellten den Nutzen und die ZweckrationalitĂ€t in den Vordergrund. Bei den Stoikern stand die Beherrschung der Leidenschaften im Zentrum der Philosophie. Die Stoa knĂŒpfte an die Naturphilosophie Heraklits an und betrachtete die Natur als vernĂŒnftig geordneten Organismus, in den der Mensch sich einzupassen hat. FĂŒr sie war es deshalb rational, nicht mit dem Schicksal zu hadern, sondern sich auf das dem eigenen Handeln VerfĂŒgbare zu konzentrieren. Aus dieser Einstellung heraus entwickelten die Stoiker die Vorstellung, dass es beim Handeln auf die Gesinnung und die Einhaltung der daraus folgenden Pflichten ankommt. Hierzu gehörte insbesondere das Befolgen des Selbsterhaltungstriebes und das Streben nach Selbstvervollkommnung (Oikeiosis). Logik und Naturerkenntnis sind keine eigenstĂ€ndigen Zwecke, sondern dienen der Beantwortung der Frage nach dem richtigen Handeln.
Affekte können gegen Einsichten der Vernunft verstoĂen, so dass ihre Beherrschung eine der vorrangigen Aufgaben eines vernunftgemĂ€Ăen Lebens ist. RationalitĂ€t war bei den Stoikern die alles dominierende Sicht auf die Welt und eine ganzheitliche LebensfĂŒhrung.
FĂŒr die Mittel- und Neuplatoniker stand die Seelenlehre im Zentrum des Denkens, denn der Körper galt ihnen nur als zeitweiliges âGehĂ€useâ der Seele, die der TrĂ€ger der Lebensfunktionen ist und die nach dem Tod wieder in die Verbindung zum Nous, zur geistigen Welt des reinen Denkens und der Ideen, eingeht. Es ist die Seele, durch die der Nous in der Welt wirkt. Die Seele verwirklicht sich in ihrer VernĂŒnftigkeit durch ZusammenfĂŒhren und Abstraktion der Vielfalt im Denken zu einer Einheit. Das göttliche Eine ist das Prinzip, das hinter dem Nous steht. Das praktische Handeln nach den Tugenden ist eine Ausrichtung des philosophischen Lebens auf das Göttliche. Diese bei Plutarch, Plotin, Proklos oder Porphyrios unterschiedlich ausgeprĂ€gte Lehre fand ihren Niederschlag auch im ManichĂ€ismus und in der Hermetik.
Eine neue Perspektive auf die RationalitĂ€t entstand mit dem Christentum, dessen philosophischen Ideen sich schon frĂŒh oftmals mit dem platonischen Denken verbanden.[48] An die Stelle der natĂŒrlichen Ordnung des Nous trat allerdings die durch die Schöpfung Gottes vorgegebene Ordnung. Das absolut Gute Platons wird von den KirchenvĂ€tern durch Gott ersetzt.[49] Rationale Praxis des Christentums ist die Befolgung der göttlichen Gebote. Augustinus hob die NĂ€he zum Neuplatonismus hervor: âDann brauchten sie nur wenige Worte und Ansichten zu Ă€ndern, um selbst Christen zu werden. So haben es ja die meisten Platoniker unserer jĂŒngsten Zeit gemacht.â (Ăber die wahre Religion IV 7, 23)[50] Augustinus dient die Vernunft vor allem der Reinigung des Glaubens. Der vollkommene Glaube ist der verstĂ€ndige Glaube. Rational ist damit ein Handeln, das die biblischen Gebote mit den Mitteln der Vernunft umsetzt. âWir Christen glauben und lehren ja, und unser Heil hĂ€ngt daran, daĂ Philosophie, das heiĂt Weisheitsstreben, und Religion nicht voneinander verschieden sindâ. (Ăber die wahre Religion V 8, 26) RationalitĂ€t und spiritueller Glaube bilden fĂŒr Augustin eine Einheit, die aber durch das eindeutige Primat des Glaubens gekennzeichnet ist.
Vor allem durch die christlichen Philosophen Boethius und Dionysios Areopagita sowie die spĂ€trömischen Autoren Macrobius und Martianus Capella wurde das christlich-neuplatonische Denken bis in das Mittelalter bewahrt und ĂŒbertragen und reichte bis zu Meister Eckart und Nikolaus von Kues. Im Mittelalter begann andererseits ein schrittweiser Wandel der Beziehung von Glaube und RationalitĂ€t. Ein Ausdruck hiervon ist die Abschaffung der Gottesurteile im Jahr 1215 auf dem Vierten Laterankonzil.[51] Ein besonders wichtiges Kennzeichen ist die GrĂŒndung der UniversitĂ€ten, die Ende des 11. Jahrhunderts einsetzte. Man kann die scholastische Methode als ein erstes wissenschaftstheoretisches Konzept auffassen, in dem Wissen und Wissenschaften geordnet wurden.
Bereits Anselm von Canterbury hat versucht, mit seinen Gottesbeweisen die notwendigen GrĂŒnde (rationes neressariae) fĂŒr die Wahrheit des christlichen Glaubens aufzuzeigen, also eine spirituelle Theologie durch eine rationale Theologie zu ergĂ€nzen.[52] Die der Offenbarung entstammenden GlaubenssĂ€tze haben sich vor den Wahrheiten der Vernunft zu bewĂ€hren. Die Vernunft ermöglicht, die göttliche Ordnung richtig zu erfassen. Petrus Abaelardus ist bekannt dafĂŒr, dass er der Vernunft eine stĂ€rker eigenstĂ€ndige Position einrĂ€umte. Durch das Aufzeigen der WidersprĂŒche der Tradition in seiner Schrift Sic et Non (eine Methode, die bereits bei Bernold von Konstanz zu finden ist) stĂ€rkte er die Position des Magisters, der durch eine logisch anerkannte Argumentation die Konflikte auflösen musste, so dass die Vernunft eine eigene Bedeutung neben der Lehre der KirchenvĂ€ter einnehmen konnte. Indem er die Forderung âErkenne dich selbstâ (scito te ipsum) in den Titel seiner Ethik aufnahm, betonte Abaelard die subjektive Vernunft und die Gesinnung als Grundlage sittlichen Handelns.
Thomas von Aquin bemĂŒhte sich in besonderem MaĂe darum Philosophie und Vernunft in Einklang zu bringen. Wenn auch mit der Vernunft keine Eigenschaften Gottes zu erkennen sind, so kann aber mit Argumenten die Existenz Gottes plausibel gemacht werden, wie Thomas dies in den âfĂŒnf Wegen, das Dasein Gottes zu beweisenâ darlegt. Diese Argumentation ist Ausgangspunkt einer rationalen Theologie. Die Vernunft sagt dem Menschen, dass er das Gute tun und das Böse lassen soll. Was aber gut ist, erfĂ€hrt der Mensch durch sein Gewissen und dieses kann irren. [53] Die Konsequenz lautet: âJegliches Wollen, das von der Vernunft abweicht, mag diese nun recht sein oder irren, ist immer schlecht.â (STh I/II 19a.5) Die RationalitĂ€t fordert, festzustellen, welche praktischen Gebote der Vernunft widersprechen und diese WidersprĂŒche aufzulösen. Damit ist eine aus dem Glauben heraus begrĂŒndete UnvernĂŒnftigkeit ausgeschlossen. Dasselbe Argument fĂŒhrte in der Regensburger Vorlesung Benedikt XVI. zu Irritationen, als er darauf verwies, dass der Islam die Vernunft als MaĂstab fĂŒr ein Handeln nach Gottes Willen nicht kenne.[54]
Die Aristoteles Rezeption aufgrund der neu entdeckten Schriften fĂŒhrte zu der Rede von der âdoppelten Wahrheitâ, die dadurch entsteht, dass Aussagen nach der Vernunft und nach dem Glauben sich widersprechen können, aber im jeweiligen Denken dennoch Wahrheit beanspruchen.[55] Wenn diese These auch noch von Thomas zurĂŒckgewiesen worden war[56] und auch Gegenstand der Pariser Verurteilungen war, so zeigen sich hierin AnsĂ€tze zur Trennung von Glauben und RationalitĂ€t.
Einen wichtigen Schritt machte Johannes Duns Scotus, indem er einen neu formulierten Begriff des Willens in die scholastische Philosophie einfĂŒhrte.[57] Nach Scotus ist der Wille und nicht die Vernunft die Quelle der RationalitĂ€t, weil der Wille das GegensĂ€tzliche enthĂ€lt, also die Grundlage von Entscheidungen ist. Dies gilt sowohl fĂŒr die Zwecksetzung als Freiheit etwas zu wollen (libertas specificationis) als auch fĂŒr die AusĂŒbung des Wollens, die Handlungsfreiheit (libertas ecercitii). Die Vernunft fĂŒhrt zu einem eindeutigen Ergebnis, zu dem, was man als richtig erachtet und hat damit ein notwendiges Ergebnis. Allein der Wille und das Wollen beziehen sich auf Möglichkeiten und damit auf Freiheit. Der Wille benötigt andererseits fĂŒr das Handeln ein Kriterium und dieses liefert ihm die Vernunft, anhand derer beurteilt werden kann, ob etwas gut oder böse ist (Ord.[58] II d 7). RationalitĂ€t ist also das Wollen des als Gut erkannten und die Ăberwindung des rein naturhaften Strebens. Das höchste Gute, das die Vernunft erkennen kann, ist Gottes Wille. Es ist also nicht mehr der Glaube, der das Handeln bestimmt, sondern der durch die Vernunft erkannte Wille Gottes, den Duns Scotus mit einem Naturrecht auf der Grundlage des Prinzips der Gerechtigkeit annahm.
Viel schĂ€rfer noch erfolgte die Trennung von Wissen und Glauben bei Wilhelm von Ockham, nach dem grundlegende Glaubenswahrheiten wie die Omnipotenz Gottes nicht mit der Vernunft zu fassen sind und nicht mehr gewusst werden können. âDie Theologie ist keine Wissenschaft.â[59] Gottes Wille in der Schöpfung ist frei. Die Allmacht Gottes unterliegt nur dem Prinzip vom auszuschlieĂenden Widerspruch Dies bedeutet jedoch nicht, dass es in der Welt keine Ordnung gibt, denn die Schöpfung enthĂ€lt bestimmt Prinzipien und GesetzmĂ€Ăigkeiten, die so sind weil Gott sie so gewollt hat. Er hat aber die Potenz, diese auch anders zu gestalten. [60] Die neue Positionierung der Vernunft fĂŒhrte Ockham zu einer stark nominalistisch geprĂ€gten Auffassung im Universalienstreit und auch zu einer schĂ€rferen und immer wieder betonten Fassung des RationalitĂ€tsprinzips, das als Ockhams Rasiermesser bekannt geworden ist. âNichts darf man ohne eigene BegrĂŒndung annehmen, es sei denn es sei evident oder aufgrund von Erfahrung gewuĂt oder durch die AutoritĂ€t der Heiligen Schrift gesichert.â (In I. Sent d 30, q 1)[61] Das richtige Handeln ist nicht mehr von Gott vorgegeben, sondern entscheidet sich subjektiv nach der menschlichen Vernunft. Damit formulierte Ockham den sich in seiner Zeit entwickelnden neuen Zugang zum Wissen, fĂŒr das eine BegrĂŒndung oder empirische Erfahrung gefordert wurde, es sei denn die höhere göttliche Ordnung war als Quelle verfĂŒgbar. RationalitĂ€t ist bei Ockham an die Wahrheit von SĂ€tzen gebunden. Die radikalisierte Haltung brachte Ockham in den Konflikt mit dem Papsttum und zwang ihn vor einer drohenden Verurteilung nach MĂŒnchen zu fliehen, wo er sein Werk vor allem mit politischen und kirchenkritischen Arbeiten fortsetzte. In der Folge verstĂ€rkte sich die Differenz zunehmend, z.B. bei Nicolaus von Autrecourt, im Zuge einer fortschreitenden SĂ€kularisierung, die sich in einer neuen Philosophie der Renaissance und des Humanismus und in der Reformation niederschlug.
Viele klassische Philosophen unterscheiden zwischen ratio und intellectus, im Deutschen meist mit Verstand und Vernunft (ursprĂŒnglich genau umgekehrt) wiedergegeben, wobei ratio in aller Regel ein niedrigeres Erkenntnisvermögen darstellt, das vergleichend und diskursiv operiert, intellectus hingegen ein einheitlich zusammenschauendes Vermögen bezeichnet.
In der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts wurde vielfach ein klassischer Begriff von RationalitĂ€t kritisiert, auf diesen Begriff habe etwa die AufklĂ€rung zu optimistisch gesetzt, da er beispielsweise die Bindung an verletzbare Leiblichkeit ausblende und zu einer technisierten Totalverapparatung des Daseins fĂŒhre, Individuelles unter allgemeinen Kategorien verdecke oder im Sinne einer rein technischen Optimierungslogik die Verfolgung beliebiger Zwecke, auch die Katastrophen des 20. Jahrhunderts, sanktioniere und optimiere. Viele Philosophen sehen RationalitĂ€t gebunden an soziale Praktiken, besonders solchen des Ausschlusses von als âirrationalâ Gewertetem. Bekannte Philosophen, die teils explizit als âRationalitĂ€tskritikerâ auftraten oder als solche eingeschĂ€tzt werden, sind, bei ganz unterschiedlicher Akzentsetzung, Friedrich Nietzsche, Ludwig Klages, Martin Heidegger, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Michel Foucault, Jacques Derrida und JĂŒrgen Habermas.
Die RationalitÀt individueller oder sozialer Praktiken sowie bestimmter Theorien zu reflektieren steht in vielen Bereichen der Philosophie im Mittelpunkt, etwa abhÀngig vom jeweils verfolgten Ansatz, oft in Bereichen der Ethik, der Handlungstheorie, Sozialphilosophie, Wissenschaftstheorie und Religionsphilosophie.
Zahlreiche analytische Philosophen haben in jĂŒngerer Zeit systematische Ausarbeitungen eines RationalitĂ€tsbegriffs versucht, beispielsweise Karl-Otto Apel, David Gauthier, Herbert SchnĂ€delbach, Wolfgang Kuhlmann, John Searle, Robert Nozick, Robert Audi, Robert Brandom und Julian Nida-RĂŒmelin.
Nach Auffassung von Bartley sieht sich der Kritische Rationalismus verpflichtet, eine RationalitĂ€tstheorie zu liefern, da er sich ansonsten dem Tu quoque-Argument der Irrationalisten aussetzen wĂŒrde. Zudem erfordert der Fallibilismus eine Theorie darĂŒber, wie in rationaler Weise Theorien ausgewĂ€hlt und praktisch eingesetzt werden sollen.
Im Bereich der Wirtschaft wird die RationalitĂ€t vorrangig auf der Grundlage des ökonomischen Prinzips diskutiert, wonach mit vorhandenen Mitteln ein maximaler Nutzen erzielt oder eine bestimmtes Ziel mit minimalem Aufwand erreicht werden soll. Die Anwendung dieser Logik entspricht dem Grundgedanken, vernunftgemĂ€Ăes Handeln als Wert zu betrachten, wie er in der Neuzeit entstanden und in der AufklĂ€rung ausformuliert worden ist. Verschwendung ist unvernĂŒnftig. Als einer der wichtigsten BegrĂŒnder dieses Denkens gilt Adam Smith. Dieser hatte gegen die BĂŒrokratie des Merkantilismus mehr Freiheit fĂŒr die einzelnen wirtschaftlichen Akteure gefordert. Nach seiner in dem berĂŒhmten Werk vom âWohlstand der Nationenâ entwickelten Theorie fĂŒhrt das am eigenen Interesse orientierte Handeln Vieler in einer marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft zu einem Ergebnis, das auch gesamtwirtschaftlich eine Maximierung des gesellschaftlichen Wohlstandes bewirkt. Entgegen einer weit verbreiteten Meinung sah aber Smith bereits, dass zu einer funktionierenden Gesellschaft ein funktionierender Staat gehört, der der Ăkonomie Rahmenbedingungen setzt und die Freiheit des einzelnen sicherstellt.
Ausgehend von Smith entwickelten sich Theorien der klassischen Nationalökonomie, der Grenznutzenschule, der neoklassischen Theorie, des Keynesianismus, der Theorie der rationalen Entscheidung sowie schlieĂlich der neuen Institutionenökonomik, die jeweils modellhaft bestimmte Funktions- und Wirkungsmechanismen in offenen Volkswirtschaften zu beschreiben versuchen. Eine der Grundannahmen dieser ErklĂ€rungsmodelle ist, dass die betrachteten Akteure unter ökonomischen Aspekten rational als homo oeconomicus handeln. Dies bedeutet, dass (fiktive) Individuen durch eine Menge aus Wahlmöglichkeiten und eine darauf definierte PrĂ€ferenzordnung der verfĂŒgbaren Wahlmöglichkeiten beschrieben werden können. Eine PrĂ€ferenzfordnung ist rational wenn sie sowohl transitiv als auch vollstĂ€ndig ist[62]. Dabei bedeuten
Rational zu handeln bedeutet dann, dass das Individuum aus der Menge der Wahlmöglichkeiten x so wĂ€hlt, dass x mindestens so gut ist wie y, wobei y jedes andere Element der Wahlmenge ist. Man beachte, dass dies nur möglich ist unter der Bedingung, dass die PrĂ€ferenzordnung rational ist. Die hĂ€ufig verbreitete Ansicht, dass RationalitĂ€t gleichbedeutend mit Nutzenmaximierung sei[63], kann dadurch begrĂŒndet werden, dass unter der Annahme der KontinuitĂ€t der PrĂ€ferenzordnung, diese durch eine als Modell zu verstehende Nutzenfunktion reprĂ€sentiert werden kann[64].
Neuere theoretische Konzepte zur ökonomischen RationalitĂ€t setzen sich auch mit psychologischen und sozialpsychologischen EinflĂŒssen auf die individuelle Entscheidungsfindung auseinander. Hierzu zĂ€hlen Verhaltensanomalien wie die BerĂŒcksichtigung verlorener Kosten, die Untergewichtung von OpportunitĂ€tskosten oder die Ăbergewichtung von Besitz, VerfĂŒgbarkeitsheuristiken und Sicherheitsstreben oder Selbstwirksamkeitserwartungen, Emotionen und abweichende soziale PrĂ€ferenzen.[65] Eine ErklĂ€rung hierfĂŒr bietet die Theorie der eingeschrĂ€nkten RationalitĂ€t des Sozialwissenschaftlers Herbert Simon, der darauf verwies, dass Entscheidungen aufgrund von Zeitmangel, Informationsmangel, UnfĂ€higkeit oder anderen die kognitiven FĂ€higkeiten des Menschen einschrĂ€nkenden GrĂŒnden immer nur begrenzt rational getroffen werden.[66]
WĂ€hrend die Betrachtung des ökonomischen Prinzips auf die Frage ausgerichtet ist, wie ein bestimmter Zweck optimal erreicht werden kann, wird in der Wirtschaftsethik diskutiert, welche Zwecke innerhalb ökonomischen Handelns sinnvoll sind, wie man solche Zwecke ĂŒbergeordnet bestimmen und ihre Durchsetzung sicherstellen und wie man den Missbrauch von Marktmechanismen verhindern kann. WĂ€hrend das ökonomische Prinzip einer rein formalen, instumentellen RationalitĂ€t folgt, ist der Diskurs der Wirtschaftethik auf eine materiale, zweckorientierte RationalitĂ€t ausgerichtet, die Fragen der angewandten Ethik mit in den Blick nimmt.
Bedeutende Arbeiten ĂŒber RationalitĂ€t veröffentlichte Max Weber, unter anderem auf dem Gebiet der Rechtssoziologie. Von der finalen RationalitĂ€t (ZweckmĂ€Ăigkeit) wird hier die materielle RationalitĂ€t (LegitimitĂ€t) und die formelle RationalitĂ€t (Rechtssicherheit) unterschieden (vgl. auch den Typus der rationalen Herrschaft).
Weber hat die Unterscheidung von formaler und materialer RationalitĂ€t auch auf den Bereich der Wirtschaft ĂŒbertragen. In Wirtschaft und Gesellschaft unterschied er:
Die Handlungstheorie von Talcott Parsons[69] lehnt sich an Weber an und bestimmt eine Handlung als rational, âwenn sie Ziele verfolgt, die innerhalb der Bedingungen der Situation möglich sind, und wenn die Mittel, welche dem Handelnden zur VerfĂŒgung stehen, sich wesentlich am besten fĂŒr den Zweck eignen, und dies aus GrĂŒnden, die durch die positive empirische Wissenschaft verstĂ€ndlich und verifizierbar sind.â[70] Bei Parsons ist die Bestimmung der RationalitĂ€t noch sehr stark an das Konzept der positiven Wissenschaften gebunden. Alfred SchĂŒtz hielt diese Vorstellung ebenso fĂŒr einen praxisfernen âArchetyp unserer Erfahrung der Wirklichkeitâ wie das Gegenteil der ââtraditionellenâ oder âgewohnheitsmĂ€Ăigenâ Handlungenâ.[71] Sein Einwand war, das die Praxis der Lebenswelt viel komplexer und vielfĂ€ltiger ist, so dass Handlungen nicht nach allgemeinen Schemata, sondern situativ begrĂŒndet und entschieden werden. Entsprechend der Vielfalt der Erfahrungstypen gibt es viele EinzelrationalitĂ€ten, die zu den jeweiligen SphĂ€ren der Lebenswelt passen.[72]
Niklas Luhmann setzte sich mit der Thematik insbesondere in seinem Werk Legitimation durch Verfahren auseinander und verwies darauf, dass soziale Entscheidungen sich vorwiegend an der Struktur des positiven Rechts orientieren.
In der Folge wurde der Begriff unter anderem von JĂŒrgen Habermas (Kommunikative RationalitĂ€t) erweitert.
Norbert Elias verwendet statt dieses statischen Begriffs den prozessorientierten Begriff der âRationalisierungâ, der in seiner Theorie des Zivilisierungsprozesses eine Steigerung der âLangsichtâ bedeutet, was die FĂ€higkeit beschreibt, die Folgen der eigenen Handlungen ĂŒber immer mehr Glieder der Kausalketten vorauszuâberechnenâ.
Neuere Entwicklungen auf dem Gebiet der Handlungstheorie sind die Theorie der rationalen Entscheidung, wie sie sich aus dem Erkenntnisprogramm des Utilitarismus, der Klassischen Ăkonomie und des Homo oeconomicus (in Entgegensetzung zum rollentheoretisch geprĂ€gten Homo sociologicus) heraus entwickelt haben.[73]
Wertvorstellungen werden nach C. G. Jung durch die rationalen Funktionen vermittelt. Er unterscheidet zwei rationale Funktionen von zwei irrationalen. Rationale Funktionen sind Denken und FĂŒhlen, irrationale Funktionen sind Intuieren und Empfinden. Entscheidendes Kriterium fĂŒr die Zuordnung zur Gruppe der rationalen Funktionen ist die Bewertung innerer psychologischer Tatsachen, siehe z. B. Ichbewusstsein, Personalisation, etc. Das Ergebnis dieser rationalen Bewertung ist die sog. â Einstellung.[74]